Februar 1933. Thomas und Katia Mann verlassen ihre Villa in der Poschinger Straße in München, um zu einer Vortragsreise Richtung Amsterdam aufzubrechen. Brüssel und Paris sind weitere Stationen, wo der Nobelpreisträger eine Rede über den von ihm hoch verehrten Richard Wagner zu sprechen. Danach ist ein Erholungsaufenthalt im Schweizer Arosa geplant. Danach soll es wieder heim in die geliebte „Poschi“ gehen. Dass es 16 Jahre dauern wird, bevor sie wieder deutschen Boden betreten würden und die Villa für immer verloren sein wird, wissen die Manns da noch nicht. Der „nationalsozialistische Spuk“ war noch zu frisch. Thomas Mann sah sich als Repräsentant Deutschlands, ja 1938 äußerte er „Wo ich bin, ist Deutschland“, was größenwahnsinniger klingt, als es wohl gemeint war. Die Möglichkeit eines dauerhaften Exils war für ihn 1933 zumindest noch weit weg. Florian Illies erzählt in Wenn die Sonne untergeht der der von ihm bekannten unterhaltsamen und glänzend recherchierten Art von der Familie Mann auf ihrer ersten Station dorthin: Sanary-sur-mer in Südfrankreich.

Von der Schweiz nach Südfrankreich
Es waren die älteren Kinder, Erika und Klaus, 27 bzw. 26 Jahre alt, weltgewandt, unkonventionell, politisch, die den Eltern dringend von einer Rückkehr nach Deutschland abraten. Zu schnell haben die braunen Horden die Macht in Deutschland an sich gerissen und den Staat grundlegend verändert. Katia Mann war eine geborene Pringsheim und damit Halbjüdin. Thomas Mann glaubt dennoch nicht, dass das wirklich nötig sein, fügt sich aber. Sein ungleich politischerer Bruder Heinrich hat die Zeichen der Zeit früher erkannt und verlässt Deutschland Richtung Südfrankreich.

Nach einigem Überlegen entschließen sich die Manns, ebenfalls aus der Schweiz nach Südfrankreich zu ziehen.
In Sanary-sur-mer hat sich bereits eine kleine Exilgemeinde versammelt: Lion und Marta Feuchtwanger, Berthold Brecht, Aldous Huxley, Arnold Zweig, René Schickele, Annette Kolb, Ernst Bloch, Franz Hessel und einige mehr. Viele von ihnen wohnen – zumindest vorübergehend wie die Manns im Hotel De Latour. Nicht alle können sich ein so luxuriöses Anwesen wie die Mann in „La tranquille“ leisten.
Thomas Mann ist dennoch oft unzufrieden. Große „Behagensminderungen“ sind keine Seltenheit.
Sanary-sur-mer



Derweil bemühen sich Erika und Golo Mann (damals 24) möglichst viel Besitztümer aus der „Poschi“ zu sichern. Gerade letzterer macht sich sehr darum verdient, Geld, Wertgegenstände und vor allem die zurückgelassenen Tagebücher seines Vaters aus Deutschland zu retten. Dank und Anerkennung seines Vaters, die er so begehrt, erhält er aber kaum. So wie seine ein Jahr jüngere Schwester Monika genießt er wenig Aufmerksamkeit seiner Eltern. „Wo ist eigentlich Moni?“ heißt es darum auch immer wieder bei Florian Illies. Die ganze Liebe des Vaters gehört seiner jüngsten Tochter Elisabeth (geboren 1918). In den wenigen Monaten in Sanary, die der Autor hier beschreibt, Februar bis September 1933, sind die so unterschiedlichen, stets miteinander hadernden und doch so verbundenen Manns, so nah wie selten. Das birgt auch Konfliktpotential.
Was tun?
Thomas Mann hadert. Er weiß nicht recht, wie er sich positionieren soll. Zwar verachtet er die Nationalsozialisten zutiefst, aber er kann sich nicht wirklich von Deutschland lösen. Hier leben seine Leser:innen, hier spricht man seine Sprache, hier erscheinen seine Bücher. Sein Verleger, Bermann Fischer, drängte ihn, zurückzukommen, hier seine Josephs-Romane, an denen er gerade arbeitete, zu veröffentlichen. Thomas Mann ist planlos, unentschlossen, hadernd. Eigentlich will er nur in Ruhe und möglichst komfortabel leben und schreiben. Den seinem Sohn Klaus für die von ihm herausgegebene antifaschistische Exilzeitschrift „Die Sammlung“ zugesagten Beitrag zieht er zurück. Was diesen zutiefst kränkt. Aber soll er wirklich alle Brücken abbrechen? Thomas Mann kann sich noch nicht zu einem eindeutigen Bekenntnis durchringen.

Lebendig und dicht
Lustig und teils spöttisch, lebendig und dicht reiht Florian Illies in der von ihm bekannten kaleidoskopartigen Weise Anekdoten und Szenen voller Atmosphäre aneinander. Das ist glänzend recherchiert, scheut sich aber auch nicht, Gedanken, Eindrücke, Dialoge fiktiv zu gestalten, um die Erzählung auszumalen. Das macht seine Geschichte von der Familie Mann in Sanary anschaulich und unterhaltsam. In manchen seiner vorigen Werke ist mir dieser typische Illies-Stil oft zu fahrig gewesen, mit zu viel Personal und zu vielen Sprüngen, oft auch ein wenig zu übergriffig den porträtierten Personen gegenüber.
Ganz gegen Ende schimmert das auch hier mal ein wenig durch, wenn er den Blick auf die anderen Mitglieder der Exilgemeinde schweifen lässt. Insgesamt aber ist dieser Text über die Manns viel konzentrierter und in meinen Augen darum besser. Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanry ist von daher der ideale Abschluss des vergangenen Thomas-Mann-Jubiläumsjahrs. Und macht sehr viel Lust, mal wieder in Klaus und Heinrich Manns Romane, in Golo Manns Autobiografie oder das schöne „Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus zu schauen. Sehr zu empfehlen sind auch Volker Weidermanns Mann vom Meer und Kerstin Holzers Thomas Mann macht Ferien. Oder man schaut gleich in die Werke des „Zauberers“.
Beitragsbild: Thomas Mann in Sanary sur mer 1933 CC0 via ETH
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Florian Illies – Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary
S. Fischer Verlag Oktober 2025, gebunden, 336 Seiten, € 26,00








Das höre ich gerade als Hörbuch, habe deinen Artikel dazu sehr gerne gelesen! Ganz liebe Grüße, Sabine
Danke, liebe Sabine. Wie sehen uns! Liebe Grüße.