Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben

Musik kann Zuflucht sein, Trost, Glück und Heimat, besonders wenn man sie nicht nur hören, sondern selbst zu machen in der Lage ist. Schon für ganz kleine Kinder ist es faszinierend, wenn aus einem „Ding“ plötzlich ein Ton erschallt, wenn man mit ihm interagiert. Noch betörender, wenn daraus wundervolle Melodien tönen. Musikmachen bedeutet neben Faszination aber auch Arbeit, Disziplin, Fleiß und im besten Fall auch Talent, will man nicht nur ein wenig „klimpern“. Das lernen die kleinen Musikschüler bald. Und nicht wenige schreckt das ab. Die anderen verbindet meist eine lebenslange Liebe zur Musik und „ihrem“ Instrument. Nur sehr selten reicht es zu Profiqualitäten, wird die Liebe zur Profession. Viel zu oft verbirgt sich dahinter ein System aus Disziplin, Drill und Druck. Sehr ausgeprägt war (ist) dies in Fernost und den kommunistischen Ländern. Die Autorin Helene Bukowski hat ein Leben, das daran zerbrochen ist, in den Mittelpunkt ihres neuen, für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominierten Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben gestellt.

Grundlage für den Roman sind Aufzeichnungen, Kassetten, Briefe und Fotoalben aus einem Nachlass, der Helene Bukowski über ihre Großmutter erreicht hat. Diese Zeugnisse erzählen vom viel zu kurzen Leben von Christina, die 1961 in Leipzig geboren wurde, die mit vier Jahren begann Klavier zu spielen, als „Wunderkind“ erkannt und gefördert wurde und sich 1985 mit nur 24 Jahren durch einen Sprung aus einem Hochhaus das Leben nahm. Ein Schicksal, das die Autorin nicht mehr los ließ und dem sie mit diesem Roman behutsam und atmosphärisch dicht nachspürt. Ein Roman, da notgedrungen vieles imaginiert und fiktionalisiert werden muss, auch wenn es zahlreiche Zeugnisse dieses Lebens gibt. Helene Bukowski macht das in ihrem Text sehr transparent, thematisiert ihren Schreibprozess.

Eine Annäherung

Wie darf man sich einem so tragischen Leben nähern? Wie kommt man ihm näher, besonders, wenn die eigene Erfahrung fehlt? Helene Bukowski ist 1993 in Berlin geboren, besitzt über ihre Mutter zwar auch ostdeutsche Wurzeln, hat die DDR aber natürlich nicht selbst erlebt und war durch den Besuch einer Montessori-Schule persönlich maximal weit entfernt vom Drill der Spezialschulen und Konservatorien, die Christina durchlaufen musste. Auch Musikmachen ist der Autorin bis auf ein wenig Gitarre, das sie wie sie in Interviews betont, wegen mangelnder Lust am Übern aufgegeben hat, nicht unbedingt vertraut. Trotzdem gelingt es ihr großartig, Christinas Leben, den Alltag in der DDR und vor allem auch die Musik erfahrbar zu machen.

Christinas Talent am Klavier wird früh erkannt und von ihrem Vater, einem Opernsänger, gefördert. Das Klavier zieht mit nach Neustrelitz und schließlich nach Neubrandenburg ins „Scheibenhochhaus“, wo die junge Frau 1985 ihrem Leben ein Ende setzt. Diesem typischen DDR-Bau – breiter als hoch – kommt im Roman von Helene Bukowski eine besondere Stellung zu. 1966 gebaut, verspricht es den neuen Mieter:innen ein komfortables, ein „modernes“ Leben mit Zentralheizung, Bad, viel Platz. Heute gelten diese Häuser als Bausünden. Das Scheibenhochhaus wurde unlängst abgerissen, Bukowski konnte es für ihre Recherche gerade noch besichtigen. Als Motto für Wer möchte nicht im Leben bleiben wählt sie ein Zitat aus Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand. Der unvollendete Roman (1974 posthum erschienen), der einen gewissen Kultstatus in der DDR-Literaturgeschichte besitzt, erzählt von einer jungen Architektin, die ihre Ideale an dieser Art zu bauen scheitern sieht, und viel vom damaligen DDR-Alltag.

Von der „Spezi“ aufs Konservatorium

Mit elf Jahren wird Christina an die sogenannte „Spezi“, eine Spezialschule für Musik in Berlin geschickt. Die Eltern haben zuerst Bedenken gegen dieses Internat, aber der Ehrgeiz des Vaters, der seine eigenen Ambitionen, die als Sänger an einem Provinz-Opernhaus eher als gescheitert angesehen werden können, in seiner Tochter hofft verwirklichen zu können, ist stärker. Hier beginnt die sozialistische Kulturförderung, die durch die 3D (Disziplin, Drill, Druck) charakterisiert werden. Konkurrenz nimmt im Verlauf der Ausbildung einen immer höheren Stellenwert ein. Dennoch scheint Christina an der „Spezi“ gut zurechtzukommen, findet Freundinnen, liebt das Klavierspiel. Auch die Entsendung ans Konservatorium in Moskau, die sie mit 17 wegen ihres Könnens erreicht, ist für sie ein willkommenes Abenteuer. Ihre Lehrerin Tatjana Nikolajewa ist ihr zugewandt, ihre Leistungen stimmen (zunächst) und sie findet in Julia, dem Ehepaar Ivanow und später in der italienischen Mitstudentin Vittoria gute Freund:innen.

Dennoch beginnt die Abwärtsspirale, die schließlich 1985 im Scheibenhochhaus enden wird. Sie quält die unglückliche Liebe zu Jura, der sich später als homosexuell erweisen wird, ein missglückter Wettbewerb und vor allem eine PMDS (Prämenstruelle Dysphorische Störung, eine schwer verlaufende Form des prämenstruellen Syndroms, die sich in der zweiten Zyklushälfte durch extreme psychische Symptome wie Depressionen, Aggressivität, Angstzustände und unkontrollierbare Stimmungsschwankungen zeigt). Es gibt dafür noch keine Diagnose gibt, und sie tritt im Roman als „Chris“, als völlig verändertes Selbst in Erscheinung.. Als Christina nach Ablauf ihrer Ausbildungszeit keine Verlängerung ihres Aufenthalts im geliebten Moskau erhält, zurück nach Neubrandenburg muss und dort an einen völlig ungeeigneten Klavierlehrer gerät, spitzt sich ihre Situation zu.

Die Zeugnisse

Die Zeugnisse aus dem Nachlass, vor allem auch eine vom Vater verfasste „Chronik“ ihres Lebens, die für Freunde und Bekannte gedacht war, erzählen Helene Bukowski viel von Christina. Vieles muss sie sich aber auch imaginieren, erfühlen. Sie nähert sich dem fremden Leben mit viel Behutsamkeit, will nie übergriffig oder voyeuristisch sein. Sie tritt in den Dialog mit ihrer Protagonistin, verwendet die „Du“-Form, spricht sie mitunter direkt an. Manchmal „antwortet“ ihr Christina. Sie ermahnt:

„Pass auf, dass du nicht deine eigene Geschichte daraus machst.“

Ganz vermeiden lässt sich das nicht. Aber Helene Bukowski lässt der von ihr Biografierten Freiheit, wodurch trotz der großen Nähe, in die sie sich zu Christina begibt, bei der Leserin auch eine gewisse Distanz entsteht. Und dass bei dieser großen Nähe auch einiges von der Autorin einfließt, ist nur natürlich.

„Wer möchte nicht im Leben bleiben
Den Mensch´ und Tieren zugesellt
Wer ließe sich denn gern vertreiben
Von dieser reichen, bunten Welt
Wer ließe sich denn gern vertreiben
Von dieser reichen, bunten Welt“

Das vermeintliche Friedenslied der DDR, 1959 als Filmmusik entstanden, das aber in FDJ und Pionierlagern vor allem zur Distanzierung vom „Bösen Westen“ gesungen wurde, gibt dem Roman den Titel. Für Christina wurde der Druck irgendwann zu groß. Sie mochte nicht länger im Leben bleiben.

 

Beitragsbild: CC0 via pxhere

 

Helene Bukowski - Wer möchte nicht im Leben bleiben.

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Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben 
Claassen Februar 2026, Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 24,00 €

 

 

 

 

 

 

 

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