Vielleicht ist es der einen oder dem anderen aufgefallen: Es gab (bisher) keinen Oktober Lektüre-Rückblick; den ich nun hier zusammen mit meinen November-Büchern nachholen möchte. Die vergangenen Monate waren so turbulent. Ich habe weiterhin fleißig gelesen, fleißig rezensiert und meinen Instagram-Account auf dem Laufenden gehalten. Alles was darüber hinaus ging, wurde sträflich vernachlässigt.
Da viele der Bücher bereits in ausführlichen Besprechungen auf dem Blog präsent sind, fasse ich mich dieses Mal besonders kurz. Fehlende Rezensionen sind bereits geschrieben und werden demnächst online gestellt. Viel Spaß beim Stöbern in dieser „extended version“. Und ab Dezember wieder wie gewohnt monatlich.
Benjamin Woods – Der Krabbenfischer
Benjamin Woods für den Booker Prize 2025 nominierter Roman erzählt in schlichter, ruhiger Sprache von Thomas Flett, einem jungen Mann Anfang Zwanzig, der zu Beginn der 1960er Jahre mit seinem Pferdekarren bei Ebbe in den flachen Gewässern an der Irischen See auf recht altertümliche Weise der Krabbenfischerei nachgeht. Um ihn herum sind die meisten Fischer bereits motorisiert, aber Tom arbeitet noch so, wie es ihm sein kürzlich verstorbener Großvater beigebracht hat. Bei ihm ist er aufgewachsen, Sohn einer 15-Jährigen, die von ihrem Geschichtslehrer geschwängert wurde. Dieser ist später in den Gräueln des Zweiten Weltkriegs verschwunden.
Nun lebt Thomas mit seiner ziemlich angeschlagenen Mutter, die ein sehr unstetes Leben führt, im alten Häuschen des Großvaters und unterdrückt seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte, etwa das Gitarrespielen, um für sie beide den Lebensunterhalt zu verdienen. Als ein amerikanischer Regisseur im Dorf auftaucht, der an der Küste einen Film drehen will und dafür die Ortkunde von Tom anfragt, tut sich plötzlich ein unverhofftes Fenster auf, rückt Hollywood in die Träume Toms.
Nicht nur Thomas arbeitet recht altertümlich, auch Woods leiser, ruhiger Roman ist recht konventionell aufgebaut, arbeitet viel mit der Atmosphäre des Wattenmeers, wird kurz spannend, um dann in einen etwas durchsichtigen Traum zu münden und am Ende das erwartete Happy End platzen zu lassen, aber schließlich doch nicht ganz hoffnungslos zu enden. So ganz begeistern konnte mich das Buch nicht und die Nominierung für einen so hochklassigen Literaturpreis kann ich darum auch nicht recht nachvollziehen. (Mittlerweile ist er auch Spiegel Bestseller), aber er ist gutes Lesefutter.
Tanja Paar – Am Semmering
Der Semmeringpass verbindet die österreichischen Bundesländer Niederösterreich und Steiermark und ist damit die wichtigste Verbindung zwischen dem Großraum Wien und der Steiermark. Auf der Passhöhe liegt der Luftkurort Semmering, der um die Jahrhundertwende von der wohlhabenden Wiener Gesellschaft als Sommerfrischeziel entdeckt wurde. Still und eindringlich wird im Roman vom Leben auf dem Semmering ab 1928 erzählt, nicht das der reichen Sommerfrischler, sondern das der einfachen Dörfler. Der aufkommende Faschismus, der Krieg dringen vor.
Tanja Paar hat mit Am Semmering einen sehr gelungenen, wunderbar zu lesenden historischen Roman geschrieben, der inspiriert von der Geschichte ihrer Großeltern ist.
Nava Ebrahimi – Und Federn überall
Zentraler Handlungsort in Nava Ebrahimis für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominiertem Roman ist ein riesiger Geflügelschlachtbetrieb in der fiktiven emsländischen Kleinstadt Lasseren. Protagonisten sind ein leitender Angestellter, eine alleinerziehende Fließbandarbeiterin und eine den Arbeitsprozess optimierende Ingenieurin, eine polnische Altenpflegerin, ein afghanischer Geflüchteter mit starker Sehbeeinträchtigung und eine Übersetzerin mit afghanischen Wurzeln.
Es geht um Asylverfahren und prekäre Arbeitsbedingungen, um Massentierhaltung und Entfremdung, über eine polnische Enklave im Emsland nach dem Zweiten Weltkrieg und Misogynie in der Arbeitswelt. Wie Nava Ebrahimi diese Themen alle einbindet, ohne den Roman überladen wirken zu lassen, und alle Protagonist:innen am Ende zusammenführt, ohne die Konstruktion ächzen zu lassen, ist toll.
Thomas Melle – Haus zur Sonne
Thomas Melles für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierter Roman galt für viele als Favorit und wurde aller Orten hoch gelobt. Mich hat das Buch, in dem sich der Autor, der selbst an einer bipolaren Störung leidet, in eine Art Sanatorium hineinfantasiert, nicht überzeugen können. Im Haus zur Sonne werden zum Suizid entschlossene Menschen „therapiert“, können sich mit Hilfe von Medikamenten und psychologischer Begleitung letzte Wünsche und Sehnsüchte erfüllen, müssen aber letztendlich aus dem Leben scheiden. „Aber (so der Klappentext) will, wer nicht mehr leben will, wirklich sterben?“ Eigentlich eine interessante Fragestellung, aber das Buch lieferte weder mir zu wenig neue Erkenntnisse, Einsichten oder gar Lösungsansätze, ergeht sich in wirren Träumen und Drogenräuschen und unergiebigen Gesprächen. Ich weiß, dass viele Leser:innen das Buch sehr mochten. Ich kann leider nicht nachvollziehen, warum. Außer, dass es gut geschrieben ist und natürlich großen Respekt verdient, sich so ehrlich mit der eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen.
Friedrich Ani – Schlupfwinkel
Der 1959 geborene Friedrich Ani stammt aus einer Verbindung, die es „gar nicht hätte geben dürfen.“ „Wie war das nur möglich?“, fragt sich die Großmutter. Anis Mutter, „die zweitjüngste Tochter des Oberkellners und der Büffetdame“ war schwanger von einem syrischen Studenten, der am damals in Kochel am See ansässigen Gothe-Institut Deutsch studierte. Der Vater wurde bis zu seiner Zulassung als Arzt (und darüber hinaus) nicht nur von der Dorfgemeinschaft, sondern auch von der Familie und selbst der Mutter abgelehnt. Das Verhältnis zu Sohn Friedrich blieb distanziert. Keine glückliche Kindheit, in der ihm die Umgebung seine „Andersartigkeit“ stets spüren ließ und die Familie schwieg. Das Kind zog sich oft in seinen „Schlupfwinkel“ zurück. Das Buch ist bitter und wütend, auch wenn es sich leicht und amüsant liest.
Dagmar Leupold – Muttermale
Ein autofiktionaler Roman über eine missglückte Mutter-Tochter-Beziehung. Trotzdem ist Muttermale nicht bitter, kein Buch der Abrechnung. Es ist traurig, bedauernd, den Weg zueinander nicht gefunden zu haben, die Mutter eigentlich gar nicht wirklich gekannt zu haben, ihre Traumata aus der Kriegszeit nicht erkannt zu haben. Das Schweigen dieser Generationen – auch hier war es stets präsent und schlummert als Mitgift auch in der Erzählerin.
Dagmar Leupold erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ. Dinge, Redewendungen, Fotos, die der Erzählerin in die Hände kommen, stoßen kleine Miniatur-Erinnerungen an. Neun Fotografien erhalten als „Lichtspiele“ eigene kurze Kapitel. Die Sprache ist dicht, empathisch, manchmal auch ein wenig sarkastisch.
Robert Prosser – Das geplünderte Nest
Ein Tiroler Bergdorf und die Millionenstadt Beirut, ein einarmiger Berliner Maler und ein junger libanesischer Graffiti-Künstler, ein in den Winterschlaf versinkender österreichischer Ferienort und die pulsierende Kunstszene in einem von Krisen und Gewalt geschüttelten Land, die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Wirtschafts- und Finanzkrise im Libanon – der Tiroler Schriftsteller Robert Prosser verwebt dies alles kunstvoll, fesselnd und sprachmächtig zu seinem Roman Das geplünderte Nest. Intensiv und fesselnd führt er uns in so unterschiedliche geografische wie künstlerische Szenen und Zeitebenen und weiß auch sprachlich sehr zu überzeugen.
Eva Schmidt – Neben Fremden
Eva Schmidt zeichnet in all ihren Romanen und Erzählungen intensive, stille Porträts. Hier ist es die pensionierte, verwitwete Krankenpflegerin Rosa, die nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Fred mit ihrem alten Hund Don sehr zurückgezogen lebt. Mit ihrem auch schon in die Jahre gekommenen Sohn Tom hat sie nahezu keinen Kontakt. Rosas eigene Mutter ist mittlerweile im Heim. Das Verhältnis zu ihr war, vorsichtig ausgedrückt, immer ein kompliziertes. Der Vater ist schon lange tot. Mit einem Campingbus, der Bekanntschaft zur Nachbarin Melody und ihrer Tochter Paz und der Hündin Unn gerät dieses einsame, ruhige Leben aus den Fugen. Ganz unspektakulär, mit klaren Sätzen, leise und mit subtiler Unterströmung erzählt Eva Schmidt in kleinen Episoden von Rosas Leben. Rosa ist wie fast alle Protagonistinnen von Eva Schmidt nicht unbedingt eine reine Sympathieträgerin. Sie kann unempathisch und abweisend sein, passiv und zynisch. Eva Schmidt spielt in ihren Texten immer auch mit Selbst- und Fremdwahrnehmung. Und wieder ist ihr damit ein ganz ausgezeichneter Text gelungen.
Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre
Der Literaturkritiker Volker Weidermann versteht es meisterhaft, gut recherchierte, einfühlsame Texte mit biografischem, historischen Hintergrund zu schreiben.
Nun hat er der bis heute meistgelesenen Dichterin Deutschlands Mascha Kaléko eine wunderbare biografische Annäherung gewidmet, die einen Schwerpunkt auf das Jahr 1956, auf Kalékos zeitweise Rückkehr nach Deutschland nach Jahren des Exils legt. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Wieder eine absolute Empfehlung.
Delphine Minoui – Badjens
Schiraz, Iran, im Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen, kurdischstämmigen Mahsa Amini, die wegen eines falsch getragenen Kopftuchs von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt wurde, flammten im ganzen Land Unruhen auf, versammelten sich die Menschen zu riesigen Demonstrationen. Jin, Jiyan, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – heißt die Parole seitdem. Obwohl das Mullah-Regime in aller Härte reagierte, schwelt der Aufstand bis heute. Anhand der 16-jährigen Badjens erzählt Minoui von der Unterdrückung, die vor allem junge Frauen im Iran erleiden müssen, ihrer Wut, ihren Fluchten und der Revolte, die große Teile der Bevölkerung zumindest heimlich unterstützen. Eindrücklich!
Inkeri Markkula – Wo das Eis niemals schmilzt
2003 bildet die Gegenwartsebene in Wo das Eis niemals schmilzt, von der Inkeri Markkula in zahlreichen nicht chronologischen Zeitsprüngen in die Vergangenheit ihrer Protagonisten zurückgeht. Das sind Unni, eine junge samische Glaziologin, und Jon, ein kanadischer, indigener Mann, der von Dänen adoptiert wurde. Sie treffen sich am Penny Gletscher, weit im Norden Kanadas, beginnen eine kurze Affäre, die aber vor allem Unni nicht aus dem Kopf geht. Zurückhaltend, emotional und sprachlich schön erzählt der Roman von der spröden Natur im hohen Norden, von einer zarten Liebe, von Entwurzelung, von gegen indigene Völker gerichtetem Rassismus und dem entsetzlichen Umgang, den Kanada über Jahrzehnte mit seiner indigenen Bevölkerung pflegte. Und natürlich spielt auch der Klimawandel eine große Rolle.
ABDULRAZAK GURNAH – DIEBSTAHL
Im Zentrum des neuen Romans von Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah stehen drei junge Sansibari, deren Schicksal von den 1960er Jahren bis in die 2000er verfolgt wird. Da ist zunächst Badar, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, ein Waise, der nach dem Tod der Eltern, über die er kaum etwas weiß, von Verwandten eher unwillig aufgenommen und später als Diener an ein Ehepaar in Daressalam „abgegeben“ wird. Deren Sohn Karim wird eine Art brüderlicher Mentor für den schutzlosen Badar, der fast einen Sklavenstatus bei dessen Eltern hat und dem er nach einem ungerechtfertigten Diebstahls-Vorwurf eine Anstellung in einem Hotel auf Sansibar verschafft. Hier kommt auch die dritte Protagonistin ins Spiel: Fauzia, eine kluge, wissbegierige junge Frau, die den Beruf der Lehrerin ergreift und mit der Karim eine Familie gründet. Und die Badar insgeheim verehrt. Das freundschaftliche Trio wird bald durch die kleine Tochter Nasra ergänzt. Die hierarchische Gesellschaft Tansanias, die Rolle des zunehmenden Tourismus, Postkolonialismus und die Wichtigkeit von Freundschaft und Solidarität stehen im Fokus des Romans. Sanft, warmherzig, leicht und gelassen erzählt Gurnah immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und überzeugt damit erneut von seiner großen Erzählkunst.
SORJ CHALANDON – HERZ IN DER FAUST
Der französische Autor Sorj Chalandon hat auch für seinen jüngsten Roman einen realen Fall fiktional verarbeitet. Im Jahr 1934 brachen 56 Jugendliche aus der „Korrekturanstalt“ auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-mer aus. Kleine Delikte, „Landstreicherei“ oder einfach nur die Tatsache, dass sie Waisen sind konnten dazu führen, dass Jungen zwischen 11 und 21 hier landeten. Brutale Aufseher und zu Kapos „beförderte“ Mithäftlinge bestraften kleinste Vergehen sadistisch, erniedrigten die Jungen und missbrauchten besonders die jüngeren, schwächeren häufig sexuell. Das Ganze von Gesellschaft und Kirche durchaus wohlwollend toleriert. Eine kleinere ungeplante „Revolte“ führte zu dem Massenausbruch. Außer einem Ausbrecher wurden alle in kürzester Zeit wieder festgesetzt. Sorj Chalandon fantasiert nun, was mit diesem Jungen, der in der Realität nie gefunden und wahrscheinlich ertrunken ist, passiert sein kann. Sozial engagiert, empathisch und spannend.
MARIA LARREA – DIE KINDER VON BILBAO
Nicht wirklich erreicht hat mich die Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Larrea mit ihrem sehr erfolgreichen autofiktionalen Debüt. Mit 27 erfährt die Erzählerin, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer aus dem Baskenland stammenden, in Paris lebenden Eltern ist. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Herkunft. Neben der Recherche erzählt sie von den schwierigen Kindheiten ihrer Adoptiveltern, deren Leben in Frankreich, dem cholerischen Vater, rekonstruiert, wie die Umstände ihrer Adoption gewesen sein könnten, verzweifelt am Schweigen ihrer Mutter. Ich konnte mich mit dem Ton der Erzählung nicht anfreunden: zu ruppig, zu distanziert, zu fahrig.
HANNAH LÜHMANN – HEIMAT
„Tradwives“, also Frauen, die der Tradition der Hausfrau anhängen und sich dem Mann unterordnen, backen, kochen, putzen, (meist zahlreiche) Kinder auf die Welt bringen und darin ihren Lebenssinn sehen, haben – besonders im religiösen Umfeld -, sämtliche Emazipationsbewegungen überdauert. Dass sie in jüngster Zeit wieder einen großen Zulauf erfahren, reichweitenstarke Influencerinnen diesen Lebensstil auf Social Media als hip und trendy vermarkten und oft politisch ganz weit rechts stehende Botschaften damit verbinden, ist so neu wie verstörend. Hannah Lühmann versucht anhand ihrer Protagonistin Jana hinter die Faszination dieser Lebensentwürfe zu kommen. Jana ist Ende 30, gerade zum dritten Mal schwanger, deshalb aus ihrem Agenturjob ausgestiegen und mit Mann und Kindern aufs Land gezogen. Hier macht sie die Bekanntschaft eines traditionellen Frauenkreises und lässt sich von besonders von einer Frau faszinieren. Die verkörpert eine typische Tradwife und hat den dazu passenden weit rechts stehenden Ehemann. Hannah Lühmann beschreibt lediglich, manchmal nicht ganz glaubhaft, Janas Wandlung von der modernen, scheinbar emanzibierten Städterin zur Anhängerin dieses dubiosen Zirkels. Erklärungen oder Antworten will sie höchstens andeuten. Letztendlich interessant, aber nicht völlig überzeugend.
LEA YPI – AUFRECHT
Frei. Aufwachsen am Ende der Geschichte nannte die britisch-albanische Philiosophin Lea Ypi 2021 das autofiktionale Buch über ihre Kindheit in der sozialistischen Volksrepublik Albanien. Nun macht sie sich mit ihrem neuen Buch auf die Spuren ihrer 1918 geborenen Großmutter Leman Ypi, geborene Leskoviku. Ein Leben zwischen Istanbul, Saloniki und Tirana, zwischen osmanischer Elite und Zwangsarbeit unter Enver Hoxha, ein „Überleben im Zeitalter der Extreme.“ Wieder ist das Erzählte hochinteressant, unterhaltsam und spannend geschrieben. Recherche in den Archiven der albanischen Geheimpolizei Segurimi in Tirana, Briefe, Notizen und eigene Erinnerungen ergänzt die Autorin mit fiktionalisierten Passagen, da wo es keine Überlieferung gibt. Wieder eine unbedingte Empfehlung und mein Monatshighlight!
DOROTHEE ELMIGER – DIE HOLLÄNDERINNEN
Über diesen Roman, der gleich drei der größten deutschen Literaturpreise erhalten hat (Deutscher, Schweizer und Bayerischer Buchpreis) ist so viel gesagt und geschrieben worden, dass ich mich zumindest hier kurz fasse (in der Rezension gelang mir das nicht ganz). Die Holländerinnen ist der Bericht eines am Rande agierenden Erzählers (oder einer Erzählerin) über die Poetikvorlesung einer Autorin, in der von Erzählungen berichtet wird, die diese auf einer Reise in den Urwald gehört hat. Nicht selten erzählen diese Geschichten wiederum über etwas, das selbst nur gehört wurde. Erzählungen über Erzählungen von Erzählungen quasi, die in einer Vorlesung referiert werden. Hintergrund ist der unaufgeklärte Tod zweier holländischer Frauen im Urwald Panamas 2014. Originell und mit allerhand Referenzen versehen ist das Buch ein intellektuelles Vergnügen, liest sich dennoch problemlos, drängte mir allerdings die Frage auf, was es mir inhaltlich mitgeben will. Die Entscheidung, hier mit gleich drei Literaturpreisen auszuzeichnen, was alle anderen Romane des Jahres 2025 derart in den Schatten stellt, finde ich zumindest diskussionswürdig.
Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
Ein ganz großartiges Debüt, das für den Aspekte Literaturpreis 2025 nominiert war. Ein Erzähler, der einiges mit dem Autor gemeinsam hat, seziert darin seine Familie. Aus „Angst davor, verrückt zu werden“. Denn seine Familie ist gezeichnet von psychischen Erkrankungen. Großmutter, Großvater, Mutter, Vater – es reicht zurück bis zur Urgroßmutter. Bipolare Störungen, Depressionen, suizidale Neigungen, Alkohol- und Tablettensucht, Schizophrenie- das Erzählte gleicht einer Familienanamnese, zumal der Erzähler selbst als klinischer Psychologe in der Psychiatrie arbeitet. Er analysiert seine Familie, vielleicht als Schutz vor der Angst, bei diesen Prädispositionen selbst dem Wahnsinn zu verfallen. Als junger Mensch führte ihn „der Nachbar“, ein verschrobener Eremit, in die Welt der Philosophie und Literatur ein. Und auch jetzt glaubt der Erzähler, der auch Leon heißt, dass die Literatur vielleicht mehr als die Psychologie helfen kann. Er schreibt auf. Was er als Psychologe erlebt, aber auch seine Spurensuche nach der Familiengeschichte.
Zeugnisse besitzt er kaum. Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner jüngst verstorbenen Mutter wurden die Kisten mit Familienandenken, Fotos, Briefen und die mit aussortierten Wertlosigkeiten verwechselt. Leon bleiben sieben Kisten Müll. Im Text werden immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit der Familie und fast essayistische Passagen, in den beispielsweise Einblicke in die Psychiatriegeschichte gegeben werden, in das Erzählte eingefügt. Das geschieht in recht kurzen Kapiteln. Das und die lakonische, leichte, oft auch humorvolle Erzählweise führt dazu, dass sich das Buch trotz des schweren Themas und vieler gelehrter Einschübe, Zitate, Querverweise direkt kurzweilig und unterhaltsam liest. Eine spannende Mischung von Distanz und Empathie.
Carl von Linné, der große Naturwissenschaftler, klassifizierte neben Tieren und Pflanzen auch psychische Erkrankungen und entwickelte eine frühe Systematik für psychische Störungen. Auch der Erzähler versucht, eine Ordnung in seine von verschiedensten Krankheitsbildern geprägte Familie zu bringen – eine Botanik des Wahnsinns. Engler erzählt so sachlich wie behutsam und macht aus den verschiedenen Krankheitsgeschichten Lebensgeschichten und letztendlich einen sehr gelungenen Familienroman.
Tezer Özlü – Die kalten Nächte der Kindheit
Den einen gilt die 1986 mit nur 42 Jahren in Zürich verstorbene Autorin als eine türkische Ingeborg Bachmann oder Sylvia Plath, den meisten ist Tezer Özlü aber wohl ziemlich unbekannt. In einer neuen, sehr gelungenen Übersetzung durch Deniz Utlu ist nun ihr Debütroman Die kalten Nächte der Kindheit erschienen. Anders als der Titel verspricht nimmt die Kindheit der Autorin in der anatolischen Ägäis-Region und ihre Schulzeit in einem katholischen Internat in Istanbul recht wenig Raum im Buch ein. Das Leben in einem patriarchal nationalistischen, kemalistischen Elternhaus war der lebenshungrigen jungen Frau sehr bald zu eng. Sie rebelliert, flüchtet in frühe, unglückliche Ehen, zeigt suizidale Tendenzen, wird mehrmals in psychiatrische Kliniken aufgenommen. Die Schilderung der Therapien dort, geprägt von starken Medikamenten und Elektroschockbehandlungen sind erschreckend. 1982 siedelt die Autorin nach Berlin um.
Der Lebenshunger, die Gier nach dem absolut instensiven Jetzt, der „Vervielfachung des Augenblicks“, die überbordende Rolle, die sie Liebe und Begehren und deren „Heiligkeit“ zuweist – die Unruhe in Tezer Özlüs Leben findet Widerhall im Erzählstil mit den vielen Sprüngen. Durch die klare Übersetzung Utlus wird es dennoch wenig pathetisch. (Wie das im Original ist, vermag ich nicht zu beurteilen.) Nur dadurch war dieses Überbordende für mich lesbar. Dennoch folgte ich dieser Intensität nur eher widerwillig. (Aber das geht mir bei den großen Ikonen Bachmann und Plath nicht anders.)
Auch zwei Sachbücher haben es auf meinen Lesestapel geschafft: Valentin Groebner – Aufheben, wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen und Heike Geißler – Verweiflungen






