Altmontal – was so pittoresk und heimelig klingt und man vielleicht irgendwo in Bayern oder Baden-Württemberg verorten würde befindet sich in Wahrheit mehr als 2000 Kilometer entfernt und existiert schon lange nicht mehr. Samoschne heißt der Ort heute, gelegen zwischen Dnipro und Asowschem Meer in der Südukraine und seit dem Angriffskrieg Putins von Russland besetzt und in unmittelbarer Frontnähe. Von den deutschen Einwanderern, die zu Beginn des 19. Jahrhundert vom russischen Zar eingeladen wurden, sich hier – ca. 100 Kilometer südlich von Saporischschja – niederzulassen und das Land zu bestellen, sind nahezu alle Spuren verschwunden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der von den meist protestantischen Siedlern bewirtschaftete Fleck Erde wohlhabend und blühend. 1919 wurde dort Hedwig Krämer, die Großmutter von Michael Riepl, Autor von Ferne Heimat Altmontal. Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, geboren.
Für den kleinen Michael war es einfach die Oma Hedi, die im oberpfälzischen Sindelbach Geschichten vorlas oder die Familie bekochte. Es war kein Geheimnis, dass sie ihre Kindheit und Jugend in der Ukraine und dem Kaukasus verbracht hat, aber es wurde auch nie groß thematisiert. Als sie 2004 starb, war Michael 15. Und Jugenderinnerungen der Großeltern interessieren in der Regel in diesem Alter eher weniger. Das änderte sich, als Michael Riepl 2018 für einen humanitären Einsatz des Internationalen Roten Kreuz in die Ukraine reiste. Seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2013 und dem seitdem in der Ostukraine tobenden Krieg rückte die ehemalige Heimat seiner Großmutter in sein und das öffentliche Bewusstsein. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ihm seine Mutter ein über 300 Seiten umfassendes Manuskript überreichte, in dem Hedwig ihre Lebensgeschichte erzählte. 10 Jahre hatte sie daran gearbeitet.
Siedler in der Ukraine
Ihre Vorfahren waren Teil der Siedler, die nach 1805 Altmontal gründeten, fromm protestantische, arbeitsame Bauern, die es bald zu einem gewissen Wohlstand brachten. Das Ende ihrer „goldenen Zeit“ brach mit der russischen Revolution an. In deren Folge kam es zu Enteignungen und den sogenannten „Kulakenverfolgungen“. Bauern mit einem etwas größeren Landbesitz oder die es zu Wohlstand gebracht hatten, wurden als „volksschädliche“ Kulaken diffamiert und verfolgt. Ihnen wurden völlig absurde Abgaben auferlegt, so dass sie sich kaum über Wasser halten konnten.
Dadurch dass alle prosperierenden Höfe, die Arbeitsmittel und große Teile der Ernten beschlagnahmt wurden und gleichzeitig zugunsten der von Diktator Stalin mit aller Macht angestrebten Industrialisierung der Sowjetunion riesige Mengen Getreide aus der „Kornkammer Europas“ gegen Devisen ausgeführt wurden, begann, besonders in der Ukraine, eine große Hungersnot, der „Holodomor“, der ca. 4 Millionen Menschen (darunter über 3 Millionen in der Ukraine) das Leben kostete. Gleichzeitig wurden 1931 über 5 Millionen Tonnen Getreide ausgeführt.
Auch die sechsköpfige Familie Krämer war unmittelbar von den Verfolgungen, Enteignungen und dem Hunger bedroht. Als ein Cousin der Familie anbot, eines der Kinder mit zu sich nach Annenfeld (heute Şəmkir) in Aserbaidschan zu nehmen, meldete sich Hedwig und überstand die Zeit sehr gut dort im Südkaukasus. Nach fünf Jahren kehrte sie in die Ukraine zurück, um ihren Traum, Hilfsärztin zu werden, zu verwirklichen. Als Deutschstämmige und Tochter eines als Kulaken verfolgten Vaters war ein Studium für sie allerdings nicht möglich.
Stalinterror und deutsche Besatzung
Und der Stalinterror lief sich zu der Zeit erst warm. Mit Kriegsbeginn 1941 wurden zunächst die Männer der deutschstämmigen Familie nach Sibirien deportiert, dann drohte dies auch den Frauen. Der Einmarsch der Wehrmacht bewahrte sie knapp davor. Keine Entschuldigung, aber eine Erklärung, warum viele, besonders die deutschstämmigen Siedler die Ankunft der Wehrmacht meist begrüßten, ja bejubelten. Und sich in der Folge während der Besatzungszeit oft schuldig machten. Wie Hedwig diese Zeit wahrnahm und durchlebte, wird nicht ganz deutlich. Sie wird sie aber einerseits auch als Hoffnung gesehen haben. Andererseits „verschwand“ ihr sehr geschätzter, sie unterstützender Arbeitgeber Dr. Worobjow. Und als Dolmetscherin in der deutschen Kommandantur sah sie die Brutalität, mit der Zwangsarbeiter:innen meist gegen ihren Willen nach Deutschland geschickt wurden.
Die Arbeit auf der Kommandantur verschaffte ihr auch eine Möglichkeit, die ihr schließlich das Leben rettete. Als „Volksdeutsche“ durfte sie nicht ins Mutterland ausreisen. Dies strebte sie allerdings an, da sie immer noch Medizin studieren wollte. So beschaffte sie sich an ihrem Arbeitsplatz einen falschen Passierschein und gelangte schließlich mit den anderen Zwangsarbeiter:innen nach Deutschland. Was dort mit ihr geschah wird nur kurz durch eine Episode ihrer „Entnazifizierung“ 1946 angedeutet. Vielleicht gibt es hier ja irgendwann eine Fortsetzung?
Und heute?
Das wäre auf jeden Fall zu begrüßen. Michael Riepl erzählt das Leben seiner Großmutter in Ferne Heimat Altmontal so liebevoll und berührend, so sachkundig und auch literarisch überzeugend, dass das Buch sofort als eines meiner Jahreshighlights feststand.
Zwischen die Kapitel über seine Großmutter, deren Basis die Aufzeichnungen bilden, sind Abschnitte über Riepls Spurensuche und seine humanitäre Arbeit in der Ukraine, Aserbeidschan, Armenien und der Demokratischen Republik Kongo geschoben, die Damals und Heute verknüpfen. Als Riepl 2018 kurz in Altmontal war, konnte er nicht ahnen, dass ein Besuch wegen des aktuellen Kriegsgeschehens auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sein würde. Annenfeld wiederum ist nicht weit entfernt vom armenischen Heimatort seiner Frau, mit der er heute in Armenien lebt. Diese Nähe von der Gegenwart und der Vergangenheit seiner Großmutter macht das Buch besonders eindringlich.
Beitragsbild: Unknown author, German Lutheran settlement Darmstadt (nowtime Romashki, Melitopolskyi Raion, Zaporizhia Oblast, Ukraine). 1918, Public domain, via Wikimedia Commons
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Michael Riepl – Ferne Heimat Altmontal
C.H. Beck Mai 2026, 304 Seiten, gebunden mit 5 Abbildungen und 1 Karte, € 25,00







