Der Juli – und damit fast der Sommer – ist vorüber. Viele von euch haben unter der Hitze gestöhnt und tun es immer noch und die Natur leidet unter dieser Dürre. Ich als Gartenbesitzerin leide auch. Ich als Sommerkind liebe die Hitze, das beständig gute Wetter. Und verzweifle dennoch an der Untätigkeit gegenüber dem Klimawandel. Lesen lässt es sich ganz vortrefflich auch bei diesem Wetter, sofern man dafür ein kühles, schönes Plätzchen findet. Auch da bin ich als Gartenbesitzerin klar im Vorteil.
Schöne Bücher gab es im Juli, die meine Lektüre in 2026 klar bereichert haben. Allen voran Michael Riepl mit Ferne Heimat Altmontal, seinem Buch über die Großmutter, das mich sehr berührt, aber auch literarisch angesprochen hat. Ähnliches gilt für Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe. Elizabeth Strout liebe ich sowieso (wenn auch Erzähl mir alles ein klein wenig weniger als die Vorgänger) und über ein Wiedersehen mit Commissario Di Bernardo von Natasha Korsakova habe ich mich sehr gefreut. Bald werden schon die Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben. Ich habe mich da beim beliebten Tippen ganz rausgehalten, denn gerade die Longlist lässt sich sehr schwer vorhersagen. Und außerdem wartet ein größeres Projekt. Davon bald mehr. Ich wünsche euch einen tollen Lese-August!
Felicitas Prokopetz – Schon schwankte die Welt
Etwas durchwachsen fällt mein Urteil über den zweite Roman der Österreicherin Felicitas Prokopetz aus. Zunächst war mir die Freundschaftsgeschichte von Victoria und Helene, beide Mitte Vierzig und seit Schultagen trotz ihrer Unterschiedlichkeit unzertrennlich, die in flottem Ton erzählt wird, und die durch eine Liebschaft von Victoria mit dem 20 Jahre jüngeren Wortkunststudenten Polly vor eine Zerreißprobe gestellt wird, ein wenig zu seicht. Helene, die sehr emanzipierte, ledige und kinderlose Linguistin, die über die etruskische Sprache forscht, und die getrennt und alleinerziehende Victoria, die jetzt, wo ihre Tochter Lara erwachsen ist, ihren Traum einer romantischen Liebesbeziehung leben will – das klingt schon sehr nach Klischee. Victoria ist selbstverständlich extrem attraktiv und sexy. Und natürlich rebelliert auch Lara, die lediglich vier Jahre jünger als Vicorias neue Flamme ist.
Interessant wurde es durch Toni, den Raben, den Victoria als Kognitionsbiologin einst großgezogen hat und der plötzlich zurückgekehrt ist und mit seiner Ziehmutter in Kontakt treten will. Das fand ich phasenweise sehr spannend. Leider kippt das dann ins stark Phantastische (ein kurzes Nachwort, wie die Autorin auf diese Idee kam, wäre vllt. hilfreich gewesen). Da hat mich das Buch leider wieder verloren. Eine nette Sommerlektüre kann es für weniger kritische Leser:innen aber dennoch sein.
Elizabeth Strout – Erzähl mir alles
Ich bin ein großer Elizabeth Strout Fan.
Ich liebe ihre ruhige, menschenfreundliche, klare Art über alltägliche Leben (die, betrachtet man sie genauer gar nicht so alltäglich, sondern voller kleiner und größerer Tragödien und Abgründe sind) zu schreiben.
Zudem liebe ich es, dass sie in ihren Romanen immer wieder bekanntes Personal auftreten lässt, in unterschiedlichen Konstellationen, Schwerpunkten, Perspektiven.
Ein neuer Roman von Elizabeth Strout ist immer wie nach längerer Zeit nach Hause zu kommen. Von überall grüßen vertraute, wenn auch unter Umständen lange nicht erinnerte Gestalten.
Im neuesten Buch erzähl mir alles gibt es ein Bonbon für alle Strout-Fans: zum ersten Mal begegnen uns alle ihre Protagonist:innen auf ein Mal. Schauplatz ist wieder das Küstenstädtchen Crosby in Maine. Und dieses Mal kommt ein kleiner Krimiplot rund um eine verschwundene und später tot aufgefundene ältere Dame hinzu.
Das alles ist so wunderbar, dass man (oder zumindest ich als erklärter Fan) verzeiht, dass sich Elizabeth Strout in den vielen Geschichten, die sich ihre Figuren erzählen, mitunter ein wenig verplaudert. Und die Liebessehnsüchte der älteren Herrschaften mitunter etwas pubertär anmuten.
Nicht ihr bestes Buch, aber für alle Fans ganz zauberhaft.
LUKAS BÄRFUSS – KÖNIGIN DER NACHT
Der Schweizer Autor und Georg Büchner Preisträger von 2019 Lukas Bärfuss hat seiner vor einigen Jahren verstorbenen Mutter mit Königin der Nacht ein kurzes, aber eindrückliches Buch gewidmet. Es vermeidet jede Genrebezeichnung, ist aber am ehesten als persönlicher Essay zu charakterisieren. Lukas Bärfuss ist bekannt als (auch) politischer Autor, der seinem Heimatland Schweiz kritisch gegenübersteht. Und so beinhaltet auch sein neuestes Werk eine gehörige Portion Gesellschaftskritik.
Formal besteht es aus drei Teilen. Im ersten begleiten wir den Erzähler nach Santo Domingo in der Dominikanischen Republik. Hierher hat sich die Mutter irgendwann, vermutlich als sie sich die teuren Lebenshaltungskosten in der Schweiz schlichtweg nicht mehr leisten konnte, mit ihrem Lebensgefährten René abgesetzt. Nun ist sie gestorben. Der Sohn hatte ein äußerst problematisches Verhältnis zu ihr. „Ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Interesse hatte ich nie gespürt.“ Der zweite Teil führt in diese öieblose Kindheit. Und der dritte Teil befasst sich eher essayistisch mit Dingen wie Mutterschaft, fehlende Unterstützung und soziale Kälte in der Schweiz. Ein lesenswertes, intensives, kurzes Buch
Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter
Miriam Carbe wurde 1967 als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Studenten geboren. Gewiss keine leichte Situation für ihre 22-jährige Mutter Monika, zumal sowohl der Vater des Kindes als auch ihre Mutter sie zu einer Abtreibung drängen. Unverheiratet und dem Rassismus einer deutschen Gesellschaft ausgesetzt, die die während des Nationalsozialismus „erlernten“ Einstellungen nur sehr zögerlich ablegte (wenn überhaupt) muss eine Zukunft mit diesem Kind für sie unvorstellbar gewesen sein. Doch obwohl sie einer Abtreibung zunächst zustimmt, entscheidet sich Marion schließlich dennoch für das Kind. Miriam Carbe wird damit eine weitere der „unerwünschte Töchter“ ihrer Familie.
In ihrem autofiktionalen Debütroman erzählt die arte-Redakteurin von gleich drei ihr vorangegangenen Frauengenerationen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Erwartungen und Hindernissen zu scheitern drohen, sich aber dagegen stemmen. Grundlage für ihren Roman Unerwünschte Töchter waren für Miriam Carbe Hunderte von Tagebüchern, die vor allem ihre Mutter, aber auch ihre Groß- und Urgroßmutter in einem alten Kirschholzschrank hinterließen, der die Familie und die Geschichte über die Hundert Jahre begleitet. Das ist klar und zurückgenommen erzählt und eine unbedingte Leseempfehlung.
Siri hustvedt – Ghost Stories
Ich liebe Siri Hustvedt. Alle lieben Siri Hustvedt. Sie ist intelligent, brillant, sympathisch. Einige ihrer Bücher zählen zu meinen Lieblingswerken. 43 Jahre war sie mit dem Star-Autor Paul Auster verheiratet, der 2024 an einen Krebsleiden verstarb. Es war nicht nur eine lange Ehe, sondern die Beiden waren ein intellektuelles Glamour-Paar, stets im engen Austausch, eine Beziehung auf Augenhöhe. Dafür haben sie die Menschen bewundert. Siri Hustvedt musste dieses „Buch der Erinnerungen“ schreiben, um den dialog mit Paul weiterzuführen, eine „fortdauernde Bindung“ aufrechtzuerhalten. Sie erzählt Geschichten, von der Zeit der Diagnose, der Therapie, des Sterbens, aber natürlich auch aus der Zeit des Kennenlernens, der gemeinsamen Zeit. Ghost Stories ist ein Buch der Liebe wie des Abschieds und der Trauer. Erinnerungen, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, aber auch essayistische Passagen. Intim, offen, berührend. Aber auch sehr privat und ein wenig ausufernd. Licht – beispielsweise die Geburt des Enkels Miles kurz vor seinem Tod; Auster schreibt ihm bewegende Briefe – und Schatten – der Selbstmord des Sohns aus Austers erster Ehe, nachdem dessen kleie Tochter durch von ihm nachlässig verwahrte Drogen starb.
Auster bemerkte einmall, er wolle als Geist zurückkommen zu seinen Lieben. Hustvedt bannt diesen Geist auf ihre stilistisch brillante Weise auf Papier. Ob man als Leser:in dabei auf eine so lange Strecke so nah dabeisein mag, muss jeder selbst entscheiden. Ein solches Trauerbuch kann man unmöglich „rezensieren“.
Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit
Eine komplexe DDR-Geschichte, eine Familiengeschichte, die sich um Schuld und Schweigen dreht und um die Rückkehr an den Ort der Kindheit: Corinna Krenzer hat mit Eine einfache Wahrheit einen stilistisch und formal überzeugenden Debütroman geschrieben. Inhaltlich hat mich die Geschichte der 44-jährigen Janna, die nach einer Ehekrise und einem Streit mit ihrer Geliebten Marie in den fiktiven Ort Kohltal in Mecklenburg-Vorpommern ihrer Kindheit zurückkehrt, aus dem sie mit ihren Eltern 1989 kurz vor der Wende geflohen sind, weniger überzeugt. Nach der Flucht hat sich das Verhältnis zu ihrem Vater, den sie für den Verlust ihrer Heimat verantwortlich macht, abgekühlt. Kurz danach bringt er sich um und Janna gibt sich die Schuld. Die Reise zurück soll ihr erklären, was damals geschah. Ihr begegnet aber großteils Abwehr und Schweigen.
Ich habe das Buch gern gelesen, mochte einige Figuren sehr (Frau Pappel), habe mich inhaltlich aber immer wieder an Kleinigkeiten, an Plausibilität oder Zusammenhängen gestoßen.
Natasha Korsakova – Quartett
Schon zum vierten Mal begleitete ich den römischen Commissario Di Bernardo bei einer Mordermittlung im Musikermilieu. (
Der erste Geiger des Arcimboldo-Quartetts wurde in einem düsteren Durchgang nahe des Teatro Argentina erstochen. Di Bernardo, mittlerweile fast ein „Experte“ in solchen Ermittlungen und sein Team tauchen wieder tief in die Musikwelt ein, müssen dieses Mal weit in die Kindheit der Beteiligten zurück.
Wieder ein spannender Fall, der durch die Atmosphäre Roms lebt und durch die als QR-Code beigefügten Musikstücke, die im Roman eine Rolle spielen und von der Autorin und Weltklasse-Violinistin Natasha Korsakova eingespielt wurden.
Welch ein großes Vergnügen und welche Ehre, dass ich immer wieder bei ihren privaten Konzerten in Marburg dabeisein darf. Die Musik live zu hören und ihre charmanten Lesungen zu erleben, ist immer wieder eine große Freude.
Wer Commissario Brunetti mag (und ihn jetzt ein wenig vermisst) oder wer einfach einen stimmungsvollen, gar nicht blutig-grausligen Krimi mit tollen Protagonisten sucht, ist hier an der richtigen Stelle.
Michael Riepl – Ferne Heimat Altmontal
Altmontal – was so pittoresk und heimelig klingt und man vielleicht irgendwo in Bayern oder Baden-Württemberg verorten würde befindet sich in Wahrheit mehr als 2000 Kilometer entfernt und existiert schon lange nicht mehr. Samoschne heißt der Ort heute, gelegen zwischen Dnipro und Asowschem Meer, Südukraine und seit dem Angriffskrieg Putins besetzt und in unmittelbarer Frontnähe. Von den deutschen Einwanderern, die zu Beginn des 19. Jahrhundert vom russischen Zar eingeladen wurden, sich hier – ca. 100 Kilometer südlich von Saporischschja – niederzulassen und das Land zu bestellen, sind nahezu alle Spuren verschwunden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der von den meist protestantischen Siedlern bewirtschaftete Fleck Erde wohlhabend und blühend. 1919 wurde dort Hedwig Krämer, die Großmutter von Michael Riepl geboren. Russische Revolution, Kulakenverfolgung, Holodomor, Vertreibung, stalinistische Säuberungen, Besatzung durch die deutsche Wehrmacht – all das prägte Hedwigs Kindheit und Jugend.
Der Enkel gelangt als Mitarbeiter humanitärer Einsätze während des Krieges in der Ukraine an die Orte ihrer Jugend. Ihre Geschichte mit seiner Spurensuche und den eigenen Erfahrungen zu verweben ist dem Autor fantastisch gelungen – berührend und begeisternd. Monatshighlight!
Sanditz von Lukas Rietzschel habe ich mit in den Juli genommen und werde ich dann besprechen.






