Johann Reißer – Pulver

Wer kennt schon (außerhalb seiner Geburtsstadt Rottweil) Max Duttenhofer? Eine Internetrecherche ergibt außer dem obligatorischen Wikipedia-Eintrag einen Treffer zu einer Ausstellung in Stuttgart im Jahr 2021 und einen zu der fragwürdigen Seite all4shooters. Letztere präsentiert Testberichte zu Schusswaffen aller Art, erstere trug den Titel „Gier – was uns bewegt“. Damit ist scheinbar schon einiges gesagt, zum „Pulver-König“ aus dem Neckartal, dem Begründer eines Fabrikimperiums für Schießpulver, Kunstfasern und Zelluloseprodukte, dem der Autor Johann Reißer einen äußerst gelungenen historischen Roman widmet, der uns bis ins Jahr 2020 führt.

Der erst 20 Jahre alte Duttenhofer übernahm 1863 die Leitung einer Pulvermühle, in die seine Eltern investiert hatten und die nach dem Tod seines Vaters Wilhelm und dem Verkauf dessen Apotheke zunächst von der Mutter geführt wurde. Durch seinen Ehrgeiz, seine gute Ausbildung, sein Auftreten und eine vorteilhafte Heirat baute er diese in den kommenden Jahrzehnten zu einem der führenden Rüstungsunternehmen des Kaiserreichs aus. Durch die Entwicklung eines raucharmen Pulvers brachte er es in kurzer Zeit zu einem Millionenvermögen.

Max Duttenhofer
Max Duttenhofer um 1890 via Wikimedia Commons

Die Beteiligung Preußens an den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 gegen Dänemark, Österreich und Frankreich sowie der Berg- und Eisenbahnbau förderten den Absatz. Verbindungen in die höchsten Kreise, z.B. zu Otto von Bismarck mehrten seine Macht und seinen Einfluss. Duttenhofer expandierte nicht nur deutschlandweit, fusionierte mit anderen Unternehmen, u.a. dem der Gebrüder Mauser. Meist wird er als skrupelloser Kapitalist, dem seine unter gefährlichsten und gesundheitsschädlichsten Bedingungen arbeitenden Arbeiter völlig egal waren, als glühender Nationalist und Egomane dargestellt.

Das Erbe des Pulverkönigs

Johann Reißer zeichnet ein durchaus ambivalenteres, wenn auch kritisches Bild und konzentriert sich auch nur anfangs auf den „Pulverkönig“, der eben auch charismatisch, fortschrittlich, engagiert – und ein treuloser Ehemann war.

Nach seinem (auch im Roman) etwas mysteriösen Tod übernahm sein Bruder Karl Duttenhofer (1849-1921) die durch wechselnde Bedrohungslagen und Kriegstreiberei prosperierenden Geschäfte. Während des Ersten Weltkriegs beschäftigte Duttenhofers Pulverfabrik über 2.000 Arbeiter. Die Szenen aus dem Krieg gehören zu den überzeugendsten des rundum gelungenen Romans. Hier übernimmt u.a. Rosa, eine Arbeiterin der Pulverfabrik – und illegitime Enkelin Max Duttenhofers; der Autor nimmt sich die einem Roman zustehende literarischen Freiheiten – die Hauptrolle und lenkt den Fokus vom Unternehmer zur Arbeiterschaft. Ihr Verlobter Hans nimmt am Krieg teil und entkommt dem Wahnsinn nur knapp. Psychisch allerdings zerbricht er an den Erlebnissen und wird Opfer der Nachkriegsmedizin. Das schildert Johann Reißer sehr eindringlich und berührend.

Der Autor führt die Geschichte der Pulverfabrik bis ins Jahr 1933, der Schwerpunkt liegt allerdings auf der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg. Er wechselt dabei die Perspektiven und bietet einen mitreißenden Einblick in die Geschichte – nicht nur der Pulver- und Rüstungsfabrikation. Für 1933ff. genügt ihm dann gerade einmal eine gute Seite.

Pulver-Fabrik Rottweil
Werkstättengebäude der Pulverfabrik by Andreas König, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Der Sprung in die Gegenwart

Am Ende macht er einen Sprung ins Jahr 2020. Eine späte Nachfahrin kommt zur Fastnachtszeit ins Neckartal. Das Volksfest und seine Masken durchziehen als Motiv den ganzen Roman. Hier rückt es ins Zentrum und lässt mit dem Narrensprung und der traditionell eher etwas bedrohlich-düsteren schwäbisch-alemannischen Fastnacht ein leicht unheimliches Szenario entstehen. Das „Pulvertal“ ist längst zu einer coolen Location geworden. Hier steigen Techno-Partys, Besenwirtschaften lassen Wein in Strömen fließen, man feiert ausgelassen. In der Nachbarschaft fertigen Heckler&Koch Maschinengewehre. Diese Gleichzeitigkeit, die Sorglosigkeit und die neue Lust an Waffen, an „Kriegstüchtigkeit“ und an steigenden Aktien der Rüstungsbetriebe rücken den Roman ganz nah an unsere Gegenwart heran. Das lässt die Leserin am Ende dieses wirklich sehr empfehlenswerten Romans noch einmal erschaudern. Das Erbe Duttenhofers setzt sich fort.

 

Beitragsbild: ehemaliges Kraftwerk der Pulverfabrik (1915 erbaut) by Waithamai, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

Johann Reißer - Pulverx

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Johann Reißer – Pulver
Frankfurter Verlagsanstalt März 2026, Hardcover, 480 Seiten, € 26,00

 

 

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