Berlin Schöneberg, Ende der 1990er Jahre. Ein alte Frau, leicht abgerissen, mit schlohweißem, verfilztem Haar und abgetretenen Pantoffeln läuft durch den Kiez und scheint überall bekannt und beliebt zu sein. Shelly Kupferberg, die dort selbst nach einer Wohnung sucht, fällt diese Frau auf. Obdachlos? In dem Alter? Sehr bald erfährt sie, dass die Frau Martha heißt und millionenschwere Hausbesitzerin sein soll. Gerüchte sagen ihr nach, das Vermögen im Krieg durch eine Affäre mit einem ranghohen Nazi erschlichen zu haben. Die Neugier der Journalistin Shelly Kupferberg, die Jahre später an einem Buch schreibt über ihren reichen Urgroßonkel Isidor, Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Multimillionär und Kunstsammler, der 1938 von den Nationalsozialisten enteignet, verfolgt und in den Tod getrieben wurde, ist geweckt. Mit Stunden wie Tage schreibt Shelly Kupferberg nun die berührende Geschichte von Martha auf. Es ist auch eine großartige Berlingeschichte.
Von der Hausbesorgerin zur Hausbesitzerin
Ursprünglich war die junge Martha Eckert seit Mitte der 1920e Jahre Hausbesorgerin im Mietshaus der Brüder Berkowitz. Henry und Ber Berkowitz stammten ursprünglich aus Russland und besaßen in Berlin einige Immobilien. Besonders mit Henry stand Martha in engerem Kontakt, hütete immer wieder einmal die Adoptivtochter Liane. Diese erlangte später traurige Berühmtheit. Henry ließ sich zu deren Schutz von seiner nichtjüdischen Frau scheiden und ihm gelang rechtzeitig die Flucht nach England. Als Mitglied des losen Widerstandsnetzwerks, das von den Nationalsozialisten „Rote Kapelle“ genannt wurde, wurde Liane im September 1942 schwanger verhaftet, zum Tode verurteilt und nach der Geburt ihrer Tochter hingerichtet. Eine Tafel erinnert am Viktoria-Luise-Platz an Liane. Auch dies fachte Shelly Kupferbergs Neugier an. Wie war der Weg Marthas von der Hausbesorgerin zur Hausbesitzerin?
Shelly Kupferberg recherchierte umfassend und fand eine Geschichte, die ganz anders war als vermutet. Literarisch frei, aber faktisch genau schrieb sie sie in einer leicht zugänglichen Geschichte auf. Ein wunderbares, ein wichtiges Buch.
Beitragsbild: by Dirk Ingo Franke, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
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Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage
Diogenes März 2025, Hardcover Leinen, 272 Seiten, € 25.00







