Robert Prosser – Das geplünderte Nest

Ein Tiroler Bergdorf und die Millionenstadt Beirut, ein einarmiger Berliner Maler und ein junger libanesischer Graffiti-Künstler, ein in den Winterschlaf versinkender österreichischer Ferienort und die pulsierende Kunstszene in einem von Krisen und Gewalt geschüttelten Land, die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und die Wirtschafts- und Finanzkrise im Libanon – der Tiroler Schriftsteller Robert Prosser verwebt dies alles kunstvoll, fesselnd und sprachmächtig zu seinem Roman Das geplünderte Nest.

Eigentlich will sich der namenlose Ich-Erzähler in sein im Sommer als Ferienwohnungen vermietetes Elternhaus in den Tiroler Bergen zurückziehen, um seine Reportage über die lebendige Beiruter Graffiti-Kunstszene fertigzustellen. Zuvor war er im Libanon unterwegs, tauchte mit dem Sprayer Rami in die dortige Szene ein, begegnete den Menschen dort, erfuhr von den Lebensbedingungen in einem Land, das durch Misswirtschaft, Korruption und gesellschaftliche Konflikte gebeutelt wird. Gewalt und Terror durch die Hisbollah-Milizen und eine unfähige Regierung bestimmen Politik und Alltag. Die Lage hat sich seit der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen im August 2020 nicht wirklich verbessert. Die Menschen und unter ihnen die meisten Kunstschaffenden schlagen sich irgendwie durch.

Im Ludwigshaus

Während der Ich-Erzähler die Dokumente und Aufzeichnungen für seinen Beitrag sichtet und ordnet, rekapituliert er seine Recherchereise, stößt aber durch seinen Aufenthalt im „Ludwigshaus“, benannt nach seinem Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, auch auf Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit. Nachdem sein Vater früh bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam, lebte er mit seiner Mutter dort. Da er sich schon früh für Graffiti-Kunst interessierte und auch selbst heimlich als Sprayer im Ort aktiv wurde, machte die Mutter ihn – wohl in erzieherischer Absicht – mit dem hier lebenden Maler Hugo Lenz bekannt. Den 18-Jährigen und den 80-jährigen Künstler verband bald so etwas wie eine Freundschaft. Nicht nur im Atelier, sondern auch auf langen Spaziergängen leisteten sich die beiden Gesellschaft. Jahre später recherchierte der nun als Journalist tätige Erzähler für einen Artikel über Lenz.

Hugo Lenz kam im Jahr 1944 als Kriegsversehrter – er verlor den rechten Unterarm – mit der Künstlerin Marie König aus Berlin nach Tirol. Mit Hilfe einer Prothese malte er weiter. In Deutschland galt seine Kunst als verfemt. Mit Marie zusammen richtete er sich in einem verlassenen Hof ein und malte bis zu seinem Tod, von dem der Erzähler erst im Nachhinein erfuhr. Er lebte da bereits in Wien.

Das Nest

In der Gegenwartebene nimmt ein junger Historiker namens Reischer Kontakt zum Erzähler auf. Er interessiert sich für die Kriegsjahre hier im abgeschiedenen Alpbach. Er klärt den Erzähler auf, dass sein Großvater Ludwig damals als Aufseher in einem nahegelegenen Kriegsgefangenenlager tätig war. Ukrainische und polnische Soldaten mussten dort Zwangsarbeit verrichten. Außerdem soll es in der Nähe, oben auf dem Ackerzint, ein Versteck von Deserteuren, ein „Widerstandsnest“ gegeben haben, das man bis Kriegsende nicht entdeckt habe. Der Dorflehrer Bischofer hatte sich dorthin während eines Heimaturlaubs abgesetzt, sein vor der Einberufung stehender Ex-Schüler Thierbacher schloss sich ihm an, ein geflohener ukrainischer Kriegsgefangener stieß hinzu.

Zusammen mit Reischer recherchiert der Erzähler, befragt Dorfbewohner, Angehörige von Marie König und kommt damit auch der Geschichte von Hugo Lenz und seines Großvaters Ludwig näher. Das alles ist ineinander verschachtelt im ersten Teil des nur 168 Seiten umfassenden Romans zu lesen. In einem zweiten Teil wechseln wir in die Vergangenheit, sind wir Zeitgenoss:innen von Ludwig und Lenz. Und erleben damit die Ereignisse, die zuvor recherchiert wurden, direkt mit.

Im Nachwort erklärt Robert Prosser, das die Charaktere von Das geplünderte Nest frei erfunden sind, Hugo Lenz aber im Maler Werner Scholz ein reales Vorbild gehabt hat. Das Tiroler Bergdorf gleicht Prossers Geburtsort Alpbach. Für die Wirkung seines eindrucksvollen Romans sind diese Bezüge aber ohne Belang. Intensiv und fesselnd führt Robert Prosser uns in so unterschiedliche geografische wie künstlerische Szenen und Zeitebenen und weiß auch sprachlich sehr zu überzeugen.

 

Beitragsbild via pxhere

 

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Robert Prosser – Das geplünderte Nest
Jung und Jung September 2025, 176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 24,–

 

 

 

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