„Ich werde „Sie“ vermissen – was immer das heißt. (…) Dennoch, ich hoffe, unsere Beziehung hat Ihnen über die Jahre hinweg Freude gemacht. Mir auf jeden Fall. Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren – ja, ich wäre nichts ohne Sie. Darum lege ich Ihnen einfach kurz meine Hand auf den Arm – nein, schauen Sie weiter – und stehle mich davon. Nein, schauen Sie weiter.“ aber lllllllllllllllllllllllllllll lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll lSo schließt Julian Barnes sein jüngstes von mittlerweile 27 Büchern (die Krimis, die er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh verfasst hat, nicht mitgezählt) – Abschied(e). Es ist im wahrsten Sinne ein Abschiedswerk, denn es ist erklärtermaßen das letzte Buch des unlängst 80 Jahre alt gewordenen britischen Autors. Im Jahr 2020 erhielt Barnes die Diagnose einer seltenen Art Leukämie, die nicht heilbar ist, aber beherrschbar, also nicht unbedingt tödlich verläuft. Mit dem vorliegenden Buch nimmt er somit Abschied, nicht vom Leben, aber von seinen Leser:innen.
Wie viele Texte von Julian Barnes lässt sich auch Abschied(e) schwer einordnen. Oft verbindet Barnes Fiktives, Romanhaftes mit Essayistischem und Autobiografischem. In Abschied(e) bindet er auch eine Art Poetologie ein, erzählt über sein Schreiben, über das Erinnern, über das Festhalten von Erinnerungen. Und beginnt essayistisch mit dem „großen I AM“, mit einer Reflektion über das Gedächtnis und wie es funktioniert und die Identität bestimmt.
Das große I AM
IAMs, also Involuntary autobiographical memories, sind spontane Erinnerungen an persönliche Erlebnisse, die ohne bewusste Absicht, unwillkürlich auftreten, oft ausgelöst durch Alltagsreize. Die berühmtesten dieser IAMs hat wahrscheinlich Marcel Proust mit seinen durch den Genuss eines Madeleines ausgelösten Erinnerungen niedergeschrieben. Julian Barnes wäre nicht der kluge, ironische, funkelnde Erzähler, der er ist, wenn er das nicht mit einer Geschichte kommentieren würde. Er erzählt von einem Mann, der sich nach einem Schlaganfall an den Geschmack jedes während seines Lebens je gegessenen Kuchens erinnern kann. Der erste von fünf Buchabschnitten beschäftigt sich also intensiv mit den Formen des Erinnerns, bzw. mit dem, was das Gedächtnis als erinnernswert bewahrt. Und den vielen Dinge, die wir vergessen.
„Ich dokumentiere das, woran ich mich erinnern will – es findet also eine Art Triage statt -, und/oder das, von dem ich glaube, dass es mir später einmal beim Schreiben nützlich sein könnte.“
Eine Erinnerung, die ihm für Abschied(e) nützt, ist die an zwei Bekannte aus Studientagen. Ihnen hat er zwar schwören müssen, nie über sie zu schreiben. Aber ist diese Geschichte, die Teil 2 und 4 des Buches bildet, überhaupt wahr? Julian Barnes spielt mit der Fiktion. Und letztendlich ist die Antwort auch ziemlich unerheblich. Stephen und Jean haben in den 1960er Jahren zusammen mit dem Erzähler in Oxford studiert. Er hat die beiden zusammengebracht, sie wurden ein Paar. Ein glückliches Paar, das sich schließlich trennte, weil sie an einem Punkt seien, wo sie entweder heiraten oder sich trennen müssten. Wie auch immer ein solcher Punkt aussehen soll. „Der Anfang der Geschichte“ nennt Barnes diesen zweiten Teil in Anspielung auf sein vielleicht bekanntestes Buch, für das er 2011 den Booker Prize erhielt, Das Ende einer Geschichte. Nach der Trennung verlor man sich aus den Augen.
Die Geschichte von Stephen und Jean
In Teil 4 kommt dann zunächst eine Wiederaufnahme und dann Das Ende der Geschichte von Stephen und Jean. Bereits im Rentenalter sucht Stephen, wieder unter Mithilfe des alten Freundes Julian, erneut den Kontakt zu Jean. Diesmal heiraten die beiden sogar, aber: Es geht schief. Wir erfahren dabei so einiges über ihr Liebesleben, worüber „Jules“ eigentlich nie hat schreiben wollen. Und wenn er nicht so wunderbar schreiben könnte, würde diese Geschichte wahrscheinlich auch nicht weiter interessieren. Stephen und vor allem Jean sind keine wirklich sympathischen Menschen. Aber da gibt es noch Jeans Jack Russell Terrier Jimmy. Der ist auch ein eigenwilliger Charakter und geht Jahre später, nach Jeans Tod, in den Besitz des Erzählers über.
Es fehlen noch Teil 3, der über des Erzählers Krebsdiagnose und –behandlung erzählt und verblüffenderweise der lustigste des Buchs ist, und Teil 5, in dem sich der Autor auf berührende Art von den Lesenden verabschiedet. Die tröstliche, fast heitere Gelassenheit, mit der er über die Flüchtigkeit der menschlichen Existenz und ihr Ende sinniert, ist dabei besonders ergreifend. „Da macht einfach das Universum seine Arbeit“ ist ein mehrfach zitierter Satz. Immer wieder kommt Barnes auch auf den Tod seiner 2007 verstorbenen Frau zu sprechen.
„Und es liegt ein anderer, negativer, viel beklemmenderer Trost darin, was mir womöglich erspart bleibt: das Verbrennen der Welt, während die Machthaber untätig wegschauen; die reale Möglichkeit eines nuklearen Winters, ob versehentlich oder bösartig herbeigeführt; die potenzielle Zerstörung der Demokratie, immer noch die am wenigsten schlechte Regierungsform, die wir bisher erfunden haben; und das gnadenlose Niederwalzen des Altruismus durch die Selbstsucht.“
Abschied
Julian Barnes begleitet mich als Autor seit vielen Jahren. Ich habe als sehr junge Frau Flauberts Papagei (1984) entdeckt und geliebt. Es besitzt bis heute in meiner Lesebiographie einen ganz besonderen Platz. Auch habe ich den Autor bereits bei Lesungen erleben dürfen, zuletzt bei der Lit.Cologne 2023. Ich bin sehr glücklich darüber, auch in diesem Jahr auf dem Kölner Lesefest, vielleicht zum letzten Mal, Julian Barnes live zu sehen, diesen ganz besonderen Schriftsteller, der auch eine ganz besondere Art besitzt, auf seine Leser.innen zu schauen.
„Stattdessen sehe ich Schriftsteller und Leser lieber in einer unbestimmten Stadt in einem unbestimmten Land in einem Straßencafé sitzen. Das Wetter ist warm, und wir haben ein kühles Getränk vor uns. Seite an Seite schauen wir hinaus auf die vielen und vielfältigen Erscheinungsformen des Lebens, die an uns vorüberziehen. Wir beobachten und sinnieren.“
Ich schaue weiter, Mister Barnes. Aber ich werde Sie auch vermissen.
Julian Barnes – Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
Kiepenheuer&Witsch Januar 2026, gebnden, 256 Seiten, € 23,00







