Julia Kelly – Das Geschenk des Meeres – Kurz vorgestellt

Im Debütroman Das Geschenk des Meeres von Julia R Kelly befinden wir uns im Jahr 1900 in dem kleinen schottischen Küstenort Skerry. Hier lebt man vom Fischfang, das Wetter ist rau und die See gefährlich und tückisch. An einem stürmischen Wintertag rettet der Fischer Joseph einen kleinen Jungen aus dem Meer und bringt dadurch Erinnerungen an einen dramatischen Tag vor fünfzehn Jahren wieder ins Bewusstsein der Dorfgemeinschaft, die dadurch ordentlich durcheinandergewirbelt wird.

Auch damals tobte ein schrecklicher Sturm. In ihm verschwand der sechsjährige Moses und Joseph fand lediglich dessen Stiefel am Meer. Der kleine Junge, Sohn der Dorfschullehrerin Dorothy, blieb für immer verschwunden. Dorothy, die aus Edinburgh in die kleine Gemeinde kam und mit William Gray eine immer unglücklichere Ehe führte, bis dieser sie eines Tages ohne weitere Nachricht verließ, hat den Verlust ihres einzigen Kindes auch nach all der Zeit nicht verwunden. Das Zimmer des Kleinen blieb unangetastet, Dorothy hat sich aus der Dorfgemeinschaft, in der sie nie richtig heimisch geworden ist, fast völlig zurückgezogen. Nun stürzt die Vergangenheit wieder auf sie ein. Zu ähnlich sind die beiden Vorkommnisse. Zeitweise glaubt sie, ihr Kind sei wieder zu ihr zurückgekehrt. Das Buch erhält dadurch ein wenig Mystik, etwas Geheimnisvolles, Spukhaftes.

In Skerry beginnt nun der dörfliche Klatsch und Tratsch, besonders unter den Frauen. Im Hinterzimmer von Mrs. Browns Gemischtwarenladen trifft man sich nicht nur zum Handarbeitskränzchen. Dorothy Gray hat sich doch schon immer als etwas Besseres gefühlt, nicht wahr? Und warum ist ihr Mann nie wieder zurückgekommen, obwohl er ihr regelmäßig Geld zukommen lässt? Und wie kann es sein, dass ausgerechnet Joseph dieses Kind aus dem Meer gerettet hat? Welche Rolle spielte er beim Verschwinden des kleinen Moses? Was ist damals wirklich geschehen? Und überhaupt, was ist da zwischen Dorothy und Joseph?

Rückblickend erfahren wir Lesenden in klar gegliederten Blöcken Jetzt/Damals und aus unterschiedlichen Perspektiven, wobei Dorothy und Joseph den größten Anteil erhalten, von der schwierigen Integration der „Städterin“ Dorothy in Skerry, dem Misstrauen und der Ablehnung, die sie dort empfangen. Wir lesen von den Gefühlen, die sich bald zwischen Dorothy und Joseph entwickeln und die an der Eifersucht Dritter scheitern. Wir hören von der zarten, aber letztlich zerbrechenden Beziehung zwischen Dorothy und William, dem Glück, dass Moses für sie bedeutete und von der schrecklichen Sturmnacht von vor 15 Jahren.

Der gerettete Junge spricht zunächst nicht, später nur Unverständliches. Er kommt beim Pfarrer unter, aber nachdem dessen schwangere Frau ihr Baby zu früh zur Welt bringt, bittet er Dorothy, den Kleinen bei sich aufzunehmen. Nach anfänglichem Zögern erklärt sie sich bereit. Und bald fühlt es sich an, als wäre Moses tatsächlich zurückgekommen. Sie baut eine starke Beziehung zu dem Kind auf. Vielleicht zu stark, denn schließlich sucht man nach seinen Eltern.

Julia R Kelly erzählt in Das Geschenk des Meeres eine dramatische Geschichte. Die könnte leicht ins Pathetische kippen, oder die mystische Komponente könnte das Ganze in Richtung Schauerroman abdriften lassen. Kellys klare, präzise, sehr schöne Erzählstimme verhindert beides. Und so liest man einen wunderbaren historischen Roman, in dem es um Missverständnisse und falsche Wege, um Neid und Eifersucht, um Liebe, Schuld und Vergebung geht. Ich hätte mir lediglich am Ende ein wenig mehr Offenheit gewünscht. Der Epilog ist aber nur eine halbe Seite lang und gefällt sicher allen Leser:innen, die ein rundes Ende mögen. Alle anderen sind aber über 350 Seiten der Geschichte so gern gefolgt, dass sie das locker verschmerzen können.

 

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Julia R. Kelly – Das Geschenk des Meeres
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Mare Juli 2025, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 352 Seiten, € 25,00

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