Gleich zu Beginn fühlt man sich in Brandung, dem neuen Roman der französischen Autorin Maylis de Kerangal, wie in einem der immer etwas düsteren, geheimnisvollen, schwebenden Texte ihres Landsmannes Patrick Modiano. Es ist aber nicht Paris, durch das sich die namenlose und etwas unzuverlässige Ich-Erzählerin die meiste Zeit bewegt, sondern die Industrie- und Hafenstadt Le Havre in der Normandie. Von dort erhält sie einen Anruf der ortsansässigen Kriminalpolizei. Man müsse sie in einer Angelegenheit, die sie beträfe dringend sprechen. Es ginge um ein „unidentifiziertes Individuum“, und man verspräche sich Informationen von ihr. Einerseits erschüttert dieser Anruf die Erzählerin über die Maßen, andererseits fragt sie kaum nach, warum man von ihr Informationen zu dem tot aufgefundenen Mann erwartet.
Am nächsten Morgen macht sie sich auf den Weg nach Le Havre. Man erfährt, dass sie hier aufgewachsen ist, aber schon „ewig“ nicht mehr hier gewesen sei, was sich später als falsch herausstellt – Stichwort unzuverlässige Erzählerin. Den Mann auf den Fotos, die man ihr im Kommissariat zeigt, kann sie nicht identifizieren. Ihre Handynummer war auf einer Kinokarte in seiner Jackentasche notiert gewesen. Der Ich-Erzählerin ist das offenbar ein Rätsel. Dennoch bleibt sie über Nacht in Le Havre.
Der unbekannte Tote
Das Szenario könnte zu einem geheimnisumwitterten Krimiplot führen. Ein unbekannter Toter, vielleicht verwickelt in Drogengeschäfte, der am Strand der Nordmole ermordet aufgefunden wurde. Der Text führt aber trotz dieser ganzen Ingredienzien in eine ganz andere Richtung. Einzelheiten und Details nutzt die Erzählerin, um sehr unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Die Spannung bleibt bestehen.
„Blaise (ihr Ehemann; Anm.) kennt meinen Hang zu Geschichten. Geschichten, die ich mir erzähle, die ich den anderen erzähle, in denen ich mich vervielfältige, in denen ich mich verstecken kann, eine Unbekannte werden, mich aus dem Weg räumen kann.“
Und so führt sie die Kinokarte zu einem Kino, das sie früher häufig aufgesucht hat und zu einem kleinen Exkurs über Filme. „Burn after reading“ hat sich der Tote wohl als letztes angeschaut. Die Ich-Erzählerin hat für diese Zeit ein Alibi. Sie, die Synchronsprecherin ist, war beruflich in London. Das führt zum Thema Synchronsprechen und KI. Ein Spaziergang zum Hafen bringt ihr dann ein Schulprojekt in Erinnerung, für das sie über die Bombardierung Le Havres im September 1944 recherchierten und dafür eine Zeitzeugin interviewten. Le Havre wurde durch massive Bombardements der Alliierten, die die dort verschanzten deutschen Besatzungstruppen vertreiben sollten, vollständig zerstört und nach dem Krieg vom Architekt Auguste Perret komplett im Stil der Nachkriegsmoderne wiederaufgebaut. Diese einheitlich „Stahlbetonarchitektur“ ist heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. So führt eine Erinnerung, eine Begegnung, eine Nachricht zu immer neuen Geschichten. Im Gepäck hat die Erzählerin zudem Stig Dagermans Bericht Deutscher Herbst, für das der junge schwedische Journalist 1946 ins zerstörte Deutschland reiste.
Six Degrees of Separation
Frigyes Karinthy wird erwähnt, der ungarische Autor, dessen Kurzgeschichte die Grundlage zur Theorie der „Six Degrees of Separation“ legte, eine umstrittene Hypothese, die besagt, dass zwei beliebige Menschen auf der Welt jeweils über eine kurze Kette sozialer Beziehungen – maximal sechs Personen – miteinander verbunden sind. Ukrainische Studentinnen, die sie trifft, thematisieren den dortigen Krieg, ein gekentertes Flüchtlingsboot auf dem Ärmelkanal die Migrationsproblematik.
Derart viele Themen und Geschichten – das hätte leicht zerfasern können. Und alles bleibt ein wenig in der Schwebe. Auch Ähnlichkeiten zu den Romanen von Rachel Cusk kommen beim Lesen in den Sinn. Maylis de Kerangal komponiert aus den vielen Einzelheiten ein (mich) faszinierendes Stück Literatur, das durch die „Krimi“-Handlung zusammengehalten wird und eine durchgehende Spannung aufweist.
Die Erzählerin erinnert sich auch an ihre erste Liebe, den schillernden Craven, der eines Tages verschwand. Könnte er der Tote sein? Zumindest bittet sie, den Leichnam, der sich in der Pathologie in Rouen befindet, sehen zu dürfen.
Wie die Brandung bei einem ihrer Spaziergänge am Hafen über ihr bricht, so brechen auch ihre Erinnerungen auf sie ein. Und der Nebel verhüllt so manches. Aber wie erinnert man? Was bewahrt man von der Vergangenheit? Was geht eventuell verloren? Und wie weit können wir unseren Erinnerungen überhaupt trauen?
In glasklarer, wunderbarer Sprache und einer melancholisch-geheimnisvollen Grundstimmung geht Maylis de Kerangal (auch) diesen Fragen nach.
Beitragsbild: The sea at le havre, Claude Monet, Public domain, via Wikimedia Commons
Maylis de Kerangal – Brandung
Aus dem Französischen von Andrea Spingler
Suhrkamp März 2026, Fester Einband, 238 Seiten, € 25,00







