Olivier Guez – Die Welt in ihren Händen

Gertrude Bell war zu ihrer Zeit eine der mächtigsten Frauen des British Empires und zumindest im Nahen Osten äußerst einflussreich. Heute ist die 1868 in Washington Hall im Nordosten Englands in eine sehr angesehene und reiche Familie geborene Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Alpinistin, politische Beraterin und Angehörige des britischen Geheimdienstes im Ersten Weltkrieg (Wikipedia) nahezu vergessen. Der französische Autor Olivier Guez verwebt in Die Welt in ihren Händen ihre Biografie mit der geopolitischen Geschichte des Zweistromlandes, der  Kulturlandschaft in Vorderasien, die durch die großen Flusssysteme des Euphrat und Tigris geprägt ist und heute den Irak und Teile Nordostsyriens umfasst. Die Geschichte dieser Region und die Gründung des Staates Irak, an der Bell maßgeblich beteiligt war, kommen der Leser:in dabei fast näher als der Mensch Gertrude, weswegen der Originaltitel Mesopotamia für mich passender ist als der leicht pathetische deutsche.

Gertrude Bell war eine, nicht nur im positiven Sinn, bemerkenswerte Frau. Ihre Familie besaß eine der größten Eisenindustrien Englands und war unermesslich wohlhabend und einflussreich. Nach dem frühen Tod der Mutter wurde Gertrude von ihrem Vater und der Stiefmutter sehr fortschrittlich erzogen und gefördert. Nach dem Queens-College in London war sie 1886 eine der ersten Studentinnen in Oxford, wo sie 1888 bereits mit Bestnote abschloss – trotz der Behinderungen, die weibliche Studierende zu der Zeit noch erfuhren. So durften sie nur mit Anstandsdame erscheinen, mussten die Vorlesungen zum Teil mit dem Rücken zum Professor bestreiten, um ihn nicht durch ihre Blicke zu „verstören“.

Ein Leben auf Reisen

Mit einem Aufenthalt in Bukarest begann ihre lebenslange, intensive Reisetätigkeit. Konstantinopel und Teheran schlossen sich an und Gertrude begann, Persisch zu lernen. Für eine Frau damals war es Zeit, sich zu verheiraten. Aber es gab keinen Mann, der sie interessierte und auch keine ernsthaften Bewerber. Für beides war wohl ihre überragende Intelligenz und Unabhängigkeit verantwortlich. In Teheran lernte sie dann Henry Cadogan kennen, in den sie sich verliebte und der um ihre Hand anhielt. Ihr Vater verweigert allerdings seine erforderliche Zustimmung zur Heirat, da Cadogan Spieler und nahezu bankrott war. Olivier Guez deutet an, dass es für diesen deshalb nur eine berechnende Affäre war, wozu ich keine Belege fand. Kurz darauf starb Henry Cardogan an einer Lungenentzündung, was Gertrude in tiefen Kummer stürzte.

Bell setzte ihre Reisen fort: Europa, Israel, Shanghai, Seoul und Vancouver und immer wieder Mesopotamien. Sie lernte Arabisch, knüpfte Kontakte, begann sich für Archäologie zu interessieren, schrieb über die Region und erwarb sich ein großes Wissen über den Nahen Osten. Sie lernte dabei auch Percy Cox, den britischen Befehlshaber und Diplomaten des Britischen Mandats Mesopotamien, und T.E. Lawrence (später berühmt als „Lawrence von Arabien“) kennen. Mit dem verheirateten Konsul Charles Doughty-Wylie begann sie eine Affäre, die mit seinem Kriegstod 1915 endete.

Ibn Saud, Percy Cox and Gertrude Bell in 1916
Abdul Aziz ibn Saud, ruler of Nejd and later first King of Saudi Arabia, Sir Percy Cox, Political Officer attached to the Indian Expeditionary Force in Mesopotamia, and Miss Gertrude Bell at Basra via Wikimedia Commons

Die Zerschlagung des Osmanischen Reichs

Der erste Weltkrieg brachte durch die Zerschlagung des Osmanischen Reichs den Nahen Osten in große Turbulenzen. Die Briten, die nicht zuletzt wegen der Ölvorkommen großes Interesse an der Region hegten, suchten immer häufiger Gertrudes Expertise. Sie ließ sich ebenso wie Lawrence vom britischen Geheimdienst anwerben. Offiziell nannte man sie „Orientsekretärin“ und sie wurde trotz der Außenseiterstellung und Ablehnung vieler männlicher „Kollegen“ zu einer der einflussreichsten Personen in der Region und war maßgeblich an der Gründung des Staates Irak und der Einsetzung von König Faisal beteiligt. Dessen Beraterin blieb sie eine Weile.

Mit Ablösung von Hochkommissar Cox schwand ihr Einfluss langsam. Und aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen in der britischen Schwerindustrie verlor das Familienunternehmen nach dem Ersten Weltkrieg an finanzieller Stärke und musste enorme finanzielle Einbußen erleben. Gesundheitliche Probleme und Depressionen kamen hinzu. 1926 starb Gertrude Bell 57-jährig.

Interessant ist, dass die so unabhängige, engagierte und politisch einflussreiche Frau nicht nur als Kind ihrer Zeit imperialistisch, überheblich und elitaristisch gesinnt war, sondern auch eine entschiedene Anti-Feministin. So sprach sie sich vehement gegen das Frauenwahlrecht aus. erstaunlich, hatte sie selbst doch zeitlebens ausreichend mit Misogynie zu tun. Ein großer Verdienst von Die Welt in ihren Händen ist, dass Olivier Guez seine Protagonistin nicht verklärt, sondern sehr ambivalent und eingebettet in den Zeitgeist und ihre gesellschaftliche Klasse zeigt. Das Buch kann zudem die journalistischen Wurzeln seines Autors nicht verleugnen. Schnörkellos und sehr nüchtern, mit einem überbordenden Informationsgehalt liest es sich sehr spannend und interessant, lässt aber wenig Nähe zu seinen Protagonist:innen entstehen. Es berücksichtigt außerdem ausschließlich westliche Perspektiven, lässt die arabische Sicht außen vor. Das ist ein wenig bedauerlich.

Dennoch ist Die Welt in ihren Händen von Olivier Guez ein sehr lesenswertes Buch, das eine bemerkenswerte, widersprüchliche Frau wieder in Erinnerung bringt und viel von der Vorgeschichte der Nahost-Konflikte deutlich macht.

 

Beitragsbild: Tempel von Palmyra via Wikimedia Commons Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

 

Olivier Guez - Die Welt in ihren Händen.

Olivier Guez – Die Welt in ihren Händen
Übersetzt von: Nicola Denis
Kiepenheuer&Witsch April 2026, gebunden, 416 Seiten, € 25,00

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