2016 erhielt sie mit einem aufsehenerregenden Roman den Prix Goncourt, seit 2020 widmet sich die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani mit großem Erfolg ihrer Familiengeschichte. In Das Land der Anderen erzählte sie von der Kriegsgeneration und in autofiktionaler Form von ihrer Großmutter Mathilde, die im Elsass den während des Zweiten Weltkriegs dort stationierten Amine Belhaj kennen und lieben lernt. Die junge Französin folgt – auch aus Abenteuerlust – ihrem Mann nach Marokko auf die elterliche Farm in Meknès und lebt sich, trotz Schwierigkeiten vor allem mit dem Leben als Frau in einem extrem patriarchalen System, rasch ein. Der Weg führt in die Unabhängigkeit des Landes von Frankreich 1956. Im zweiten Band Schau wie wir tanzen rückt dann die nächste Generation in den Fokus. Tochter Aïcha führt ein relativ freies Leben, studiert Medizin und wird eine der ersten Gynäkologinnen im Land. Mit ihrem Mann, dem aus einfachen Verhältnissen sich bis zum Bankdirektor hocharbeitenden Mehdi Daoud, führt sie ein wohlhabendes Leben in Rabat und bekommt zwei Töchter. Jetzt beendet Leïla Slimani ihre Trilogie mit Trag das Feuer weiter.
In häufigen Perspektivwechseln nimmt die Autorin wiederum die ganze Familie in den Blick. Wir begegnen außer Mathilde, Aïcha und Mehdi auch wieder der freiheitsliebenden Schwester Amines, Selma, dem in den USA als Fotograf tätigen Bruder Aïchas, Selim, und der traditionsverbundenen Hausangestellten Fatima. Im Mittelpunkt steht nun aber eindeutig die Enkelgeneration. Die Schwestern Mia und Inès sind im liberalen und gutsituierten Elternhaus aufgewachsen, besuchen das französische Gymnasium und haben mit dem Arabischen um sie herum wenig zu tun. Wir befinden uns mittlerweile in den 1980er Jahren und schreiten voran bis in die Gegenwart.
Finde deine eigene Madeleine
In der Rahmenhandlung distanziert sich Leila Slimani stärker als bisher vom Autobiografischen. Zwar ist die ältere Tochter Mia wie sie eine erfolgreiche Schriftstellerin in Frankreich, aber einzelne Eckpunkte stimmen nicht mit Slimanis Biografie überein. Das macht sie zu Beginn gleich recht drastisch deutlich, indem sie Mia bei einer lesbischen Sexszene den Verlust ihres Geruchs- und Geschmacksinns infolge einer Corona-Erkrankung feststellen lässt. Ich empfinde diese Szene als völlig überflüssig und als lediglich aufmerksamkeitserheischend. Dass Mia anders als ihre Autorin Frauen liebt und dadurch nochmal anders als ihre Geschlechtsgenossinnen unter der zunehmend rigideren Moral in ihrem Heimatland leidet, hätte man auch anders deutlich machen können.
Zum Glück sind diese Szenen eher selten, auch wenn Leila Slimani vor drastischen Szenen generell nicht zurückscheut. Der Ton bleibt eher kühl und distanziert. Mia, mittlerweile um die 40, leidet nach ihrer Erkrankung an sogenanntem „Brain Fog“, kann sich schlecht konzentrieren, hat Gedächtnislücken, befindet sich in einer Schreibkrise. Der behandelnde Arzt rät ihr, zu ihren Wurzeln zu reisen, um „ihre Madeleine zu finden“ – frei nach Marcel Proust. Und so rollt sich bei einer Reise nach Meknès die Kindheit von Mia und Inès in Marokko auf, wird die Distanz der französisch geprägten, liberal lebenden Eliten zur oft traditionsverhafteten, religiösen Breite der Bevölkerung deutlich. Die Mädchen studieren in Paris, Mia geht als erfolgreiche Bankerin nach London, Inès wird Medizinerin. Sie leben auf mehreren Ebenen zwischen zwei Welten. Fremdsein ist für sie Alltag, besonders auch für Mia als homosexuell lebende Frau.
Repression und Islamisierung
Derweil wird die konstitutionelle Monarchie unter König Hassan II. immer repressiver, das Land wird zunehmend re-islamisiert. Es kommt zu willkürlichen Verhaftungen und Menschenrechtsverletzungen. Auch Mehdi Daoud wird Opfer einer Intrige, die ihm Korruption im Amt vorwirft. Er landet im Gefängnis. Auch wenn er schließlich wieder entlassen wird, bleibt er ein gebrochener Mann und stirbt bald darauf an einem Krebsleiden.
In bewährt eingängiger Sprache erzählt Leïla Slimani in Trag das Feuer weiter das letzte Kapitel ihrer Familientrilogie. Das ist lebendig und liest sich bis auf einige unnötige Sexszenen sehr gut. Sowohl die marokkanische als auch die Weltgeschichte (9/11, Irakkrieg, Islamisierung) erhalten ihren Platz. Für mich nicht der beste Teil der Trilogie, schließt der Roman die Familiengeschichte aber gelungen ab.
Beitragsbild Meknès by Bernard Gagnon – CC BY-SA 3.0, via commons.wikimedia.org
Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Luchterhand Literaturverlag Januar 2026, Hardcover, 448 Seiten, € 25,00








Mich hat die Ablehnung alles „Arabischen“ gestört, sie wollen die Sprache, die Schrift nicht lernen, sind „fremd“ im eigenen Land , verachten es auch – fühlen sich und sind es auch eher privilegiert und das Thema Homosexualität ist für mich ein Plot, den sie hätte weglassen können. Es ist too much in diesem Buch für mich.. . Ich war enttäuscht von diesem Buch.
Ich denke, diese Haltung war in den „privilegierten“ Kreisen aber sehr verbreitet und von daher passend dargestellt. Die sexuellen Präferenzen der Protagonistin fand ich für das Buch auch völlig unerheblich, da sie nicht weiter thematisiert wurden, außer vielleicht zu provozieren oder sich als besonders aufgeschlossen zu zeigen (besonders in der Anfangsszene). Hat mir auch nicht gefallen. Ich habe dann gedacht, sie hat es gemacht, um mehr Distanz zwischen sich und ihre Protagonistin zu schaffen. Das aufdringliche Gleichsetzen von Autorin und Erzählerin von vornherein zu unterbinden. Wäre aber sicher auch anders gegangen.