Charlotte Gneuß – Gittersee – Kurz vorgestellt

Im Herbst 2023 war wohl keine Debatte in der Literaturwelt so heiß wie die um den Debütroman Gittersee von Charlotte Gneuß. Der Roman war für den Deutschen Buchpreis nominiert und hatte den Preis der Jürgen Ponto Stiftung genauso wie den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Das Lob der Literaturkritik war – teils mit kleinen Abstrichen – fast einhellig. Wäre da nicht die sogenannte „Mängelliste“ gewesen. Eigentlich – zumindest offiziell – nur für den verlagsinternen Gebrauch gedacht, erreichte sie die Öffentlichkeit und auch die Buchpreis-Jury. Und plötzlich wurde heftig diskutiert. Um Ungenauigkeiten, Fehler, vor allem aber darum, ob man das überhaupt darf, als junge, 1992 geborene, westdeutsch aufgewachsene Autorin über die DDR im Jahr 1976 zu schreiben. Eine eigentlich lächerliche Debatte, die aber hohe Wellen schlug. Und die gegenüber einem Debütroman besonders unangebracht war. Weiterlesen „Charlotte Gneuß – Gittersee – Kurz vorgestellt“

Yuko Kuhn – Onigiri

Yuko Kuhn, 1983 in München geboren, schreibt in ihrem Debütroman Onigiri über eine Mutter-Tochter-Beziehung, die stark autobiografisch geprägt ist. Das Aufwachsen in zwei Kulturen thematisiert sie anhand ihrer Protagonistin Aki genauso wie das zunehmende Abgleiten der Mutter Keiko in die Demenz. Keiko, die Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland kam, wo sie ihren zukünftigen Mann Karl, den Vater von Aki beim Chorsingen kennenlernte, zwei Kinder auf die Welt brachte. Und die in Deutschland nie so richtig angekommen ist. Yuko Kuhn erzählt davon still, unaufgeregt und liebevoll. Weiterlesen „Yuko Kuhn – Onigiri“

Bret Anthony Johnston – We burn daylight

Waco in Texas. Vor zwei Jahren- 2023 – stand diese mittelgroße Bezirkshauptstadt am Rande der Great Plains mal wieder kurz in den Schlagzeilen. Donald Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, startete dort seinen Vorwahlkampf. Abgesehen von den üblichen markigen, diffamierenden Sprüchen gegen seine politischen Gegner hatte Trump noch das Lied Justice for All (Gerechtigkeit für alle) dabei, gesungen von einem Männerchor, dessen Mitglieder wegen ihrer Beteiligung an der Kapitol-Attacke am 6. Januar 2021 verurteilt wurden und dessen erzielte Einnahmen für die juristische Unterstützung von Angeklagten bestimmt sind, die sich wegen der Attacken vor Gericht verantworten müssen. Auch wenn energisch bestritten wurde, dass die Wahl des Ortes, in dem über 60 % 2016 für den Republikaner stimmten und die einst Hochburg des rassistischen Ku-Kluxx-Klans war, Absicht oder sogar Provokation war – die Message war mehr als deutlich. Besonders da sich fast auf den Tag genau ein dramatisches Ereignis zum 30. Mal jährte, das den texanischen Autor Bret Anthony Johnston zu seinem spannenden Roman We burn daylight inspirierte. 2023 wurde in Deutschland auch erstmals die bereits 2018 erschienene Miniserie „Waco“ in Deutschland ausgestrahlt, die sich mit den damaligen Ereignissen befasst. Weiterlesen „Bret Anthony Johnston – We burn daylight“

Tan Twan Eng – Das Haus der Türen

1921 – Der weltberühmte Schriftsteller William Somerset Maugham besucht auf seiner Asienreise seinen alten Schulfreund Robert Hamlyn auf der Insel Penang. Mit dabei ist sein Sekretär und – zunächst sind es nur Gerüchte – Liebhaber Gerald. Daheim in London warten die ungeliebte Ehefrau Syrie und die Tochter Elizabeth. Der malaysische Autor Tan Twan Eng verwebt diese Episode mit Rückblicken ins Jahr 1910 und einer in der südafrikanischen Halbwüste Karoo 1947 spielenden Rahmenhandlung elegant und meisterhaft in seinem 2023 für den Booker Prize nominierten Roman Das Haus der Türen. Weiterlesen „Tan Twan Eng – Das Haus der Türen“

Julia Kelly – Das Geschenk des Meeres – Kurz vorgestellt

Im Debütroman Das Geschenk des Meeres von Julia R Kelly befinden wir uns im Jahr 1900 in dem kleinen schottischen Küstenort Skerry. Hier lebt man vom Fischfang, das Wetter ist rau und die See gefährlich und tückisch. An einem stürmischen Wintertag rettet der Fischer Joseph einen kleinen Jungen aus dem Meer und bringt dadurch Erinnerungen an einen dramatischen Tag vor fünfzehn Jahren wieder ins Bewusstsein der Dorfgemeinschaft, die dadurch ordentlich durcheinandergewirbelt wird. Weiterlesen „Julia Kelly – Das Geschenk des Meeres – Kurz vorgestellt“

Lektüre Juli 2025

Der Juli war ein Monat mit wenigen Literaturveranstaltungen – das Wiesbadener Literaturfestival „Ins Offene“ machte am ersten Wochenende einen schönen Auftakt, blieb aber dann die einzige. Dafür war im Juli 2025 familiär recht viel Wunderbares los, wir waren auf einem sehr schönen Konzert mit der großartigen Shirley Brill und einem meiner Lieblingswerke, dem Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, und sonst waren einfach nur Sommerferien, mit entsprechender Lesezeit und überwiegend toller Lektüre. Weiterlesen „Lektüre Juli 2025“

Annett Gröschner – Schwebende Lasten

Schwebende Lasten ist der so poetische wie passende Titel eines Romans, in dem Annett Gröschner ein ganzes Frauenleben im 20. Jahrhundert erzählt. Ein Leben, das so einzigartig wie exemplarisch ist, das ähnlich millionenfach gelebt wurde und doch in der Regel unsichtbar bleibt. Weiterlesen „Annett Gröschner – Schwebende Lasten“

Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste

Eine sehr unangenehme Situation: Die überbehütende Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri allein mit einem Handwerker, der Reparaturen auf dem Balkon erledigen soll. Uri ist zappelig und quengelig, lässt sich nur durch wiederholtes Stillen beruhigen. Aber das jetzt mit einem fremden Mann im Haus… Ein ganz ungutes Gefühl, denn der Mann ist zudem noch Araber. Naomi ist sich ihrer Vorurteile bewusst und heißt sie auch nicht gut, aber sie sind ja dennoch da. Schnell macht sie dem Arbeiter einen Kaffee, bemüht sich, besonders freundlich zu sein, denn ihre Ängste sind doch völlig unangebracht, oder? Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, in all ihren Büchern eine Meisterin der „menschlichen Abgründe“, entwickelt aus dieser eher alltäglichen Situation das Drama Ungebetene Gäste, das das Leben aller Beteiligten komplett verändern und die Leser:innen bis zum Ende fesseln wird. Weiterlesen „Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste“

Sylvain Prudhomme – Der Junge im Taxi – Kurz vorgestellt

Simon ist Schriftsteller und Ich-Erzähler im Roman Der Junge im Taxi des französischen Autors Sylvain Prudhomme. Auf der Beerdigung seines Großvaters spricht ihn der angeheiratete Onkel Franz an: „Du hast ja sicher schon von M. reden hören“.

Nein, hat er nicht und es wundert ihn sehr, dass dieser Franz, der den Großvater Malusci „nur eine lächerliche Handvoll Jahre gekannt hat, ja von dem ich nicht einmal sicher bin, ob er ihm sehr nahestand“, etwas Geheimes, vor den Anderen der großen und eng verbundenen Familie Verborgenes wissen soll. Weiterlesen „Sylvain Prudhomme – Der Junge im Taxi – Kurz vorgestellt“

Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß

2023 erhielt Jean-Baptiste Andrea, 1971 in Cannes geboren, für seinen Roman „Vieller sur elle“ den renommierten Prix Goncourt, jetzt ist dieser unter dem Titel Was ich von ihr weiß auch auf Deutsch erschienen. In einem breiten epischen Bogen erzählt der Autor das Leben des äußerst talentierten, kleinwüchsigen Bildhauers Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo, von seiner Geburt 1904 bis zu seinem Sterben in einem italienischen Kloster im Jahr 1986. Weiterlesen „Jean-Baptiste Andrea – Was ich von ihr weiß“