Dagmar Leupold – Muttermale

Während es in den 1970er und 80er Jahren eine wahre Flut an autobiografischen oder autofiktionalen Vater-Büchern gab, die sich vor allem mit den Kriegsvätern, ihrer Schuld, ihren Traumata und dem daraus resultierenden Umgang mit ihren Kindern (oft Söhnen) beschäftigten, ist in den letzten Jahren das Mutter-Buch in den Vordergrund getreten. Es gibt sie natürlich immer noch, die Bücher über die Väter (oder Großväter), aber ihr Ton ist anders geworden, wenn nicht verzeihender, so doch mehr ums Verstehen bemüht. Die „Schuld“ dieser Väter ist sicher auch nicht so groß wie die vieler in den Nationalsozialismus verstrickter der vorherigen Generation. Nun rückt vermehrt die Auseinandersetzung mit der Mutter ins Zentrum verschiedener Romane. Meine Mutter von Bettina Flitner und Zwischen uns liegt August von Fikri Anil Altintas, Onigiri von Yuko Kuhn und Wiederholung von Vigdis Hjorth gehörten zu meinen aktuellen Lektüren. Muttermale von Dagmar Leupold, nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2025, schließt sich da an. Weiterlesen „Dagmar Leupold – Muttermale“

Bettina Flitner – Meine Mutter

Die Fotografin Bettina Flitner veröffentlichte 2022 den autofiktionalen Roman Meine Schwester über ihre Schwester Susanne, die 2017 Suizid beging, nun folgt Meine Mutter. Aus einer akuten Trauer heraus beschäftigte Flitner sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte.

„Ich hatte ein Buch über meine Schwester geschrieben. Und jetzt taucht hinter ihr meine Mutter auf.“

Denn auch ihre Mutter hatte sich, fast genau 33 Jahre zuvor, 1984 das Leben genommen. Und war damit nicht die Erste in der Familie. Bereits der Urgroßvater Richard erschoss 1931 seine todkranke Frau Elfriede und sich selbst. Ihm folgten noch weitere Familienmitglieder. Epigenetik? Oder nur eine besonders hart vom Schicksal verfolgte Familie? Ganz sicher wurde die Familie durch diese Suizide geprägt. Weiterlesen „Bettina Flitner – Meine Mutter“

Jina Khayyer – Im Herzen der Katze

Als im September 2022 die 22-jährige kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini starb, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen einer angeblich zu nachlässig getragenen Kopfbedeckung ins Koma geprügelt wurde, brachen die bislang größten und sehr breit gestreuten Proteste gegen das Mullah-Regime aus. Unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadi“ (auf Persisch „Zan, Zendegi, Āzādi“, dt. Frau, Leben, Freiheit) gingen die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten auf die Straße, um gegen die Repressionen der Regierung zu protestieren. Diese reagierte wiederum mit massiver stattlicher Gewalt, konnte die Unruhen aber nur schwer und bis heute nicht ganz unterdrücken. Die Ich-Erzählerin im Debütroman Im Herzen der Katze der Journalistin und Malerin Jina Khayyer erfuhr von den Ereignissen zunächst über ihren Instagram-Feed. Aber auch noch im Iran lebende Familienmitglieder berichteten ihr nahezu live. Weiterlesen „Jina Khayyer – Im Herzen der Katze“

Volker Kutscher Kat Menschik – Westend

Volker Kutschers grandiose Krimiserie um den Berliner Kommissar Gereon Rath, angesiedelt im Berlin der Jahre 1929 bis 1938, ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Zum Abschied „schenkt“ uns der Autor ein ganz besonderes kleines Büchlein. Schon zweimal hat er mit der Illustratorin Kat Menschik ein schmales, wunderbar bebildertes Ergänzungsbändchen zur Serie geschaffen. Moabit war eine Art Prequel, das die Geschichte von Charlotte Ritter, spätere Frau Rath erzählte. In Mitte wurden ergänzende Begebenheiten rund um die Olympiade 1936 geschildert, besonders die Liebesgeschichte von Adoptivsohn Fritze zur Jüdin Hannah stand dort im Mittelpunkt. Und in Westend nun erzählt uns Volker Kutscher, was mit den Hauptprotagonist:innen der Rath-Romane nach 1938 geschehen ist und Kat Menschik illustriert gewohnt stimmungsvoll. Weiterlesen „Volker Kutscher Kat Menschik – Westend“

Tanja Paar – Am Semmering

Der Semmering ist auch außerhalb Österreichs als Traditionsferienort bekannt. Der Semmeringpass verbindet die österreichischen Bundesländer Niederösterreich und Steiermark und ist damit die wichtigste Verbindung zwischen dem Großraum Wien und der Steiermark. Auf der Passhöhe liegt der Luftkurort Semmering, der um die Jahrhundertwende von der wohlhabenden Wiener Gesellschaft als Sommerfrischeziel entdeckt wurde. Die Semmeringbahn, die 1854 eröffnet wurde, brachte dem Ort einen enormen Aufschwung. Sie war eine der ersten Eisenbahnen, die durch die hochalpinen Berge führte. 2005 wurde sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Legendär ist auch das Grandhotel Panhans geworden. In neuerer Zeit ist Semmering für den alpinen Skisport bekannt und war schon mehrmals Austragungsort von Weltcuprennen. Tanja Paar geht mit ihrem wunderbaren Roman Am Semmering zurück in die Jahre 1928 bis Kriegsende. Weiterlesen „Tanja Paar – Am Semmering“

Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August

Der 1992 geborene Fikri Anıl Altıntaş engagiert sich in Workshops und als Redner gegen toxische Männlichkeit und festgefügte Männlichkeitsbilder. 2023 hatte er mit seinem Debütroman Im Morgen wächst ein Birnbaum, in dem er über seinen Vater schreibt, auch literarisch Erfolg. Nun setzt Fikri Anıl Altıntaş sich mit seinem neuen autofiktionalen Buch Zwischen uns liegt August mit seiner verstorbenen Mutter auseinander.   Weiterlesen „Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August“

Lina Schwenk – Blinde Geister

Dass es transgenerationale Traumata gibt und dass auch Epigenetik dabei eine Rolle spielt, wird seit einiger Zeit intensiv erforscht und auch zunehmend in der Literatur zum Thema. Im Debütroman von Lina Schwenk, Blinde Geister, spielen solche Traumata und wie sie auf nachfolgende Generationen übergreifen, eine entscheidende Rolle. Dabei steht eine westdeutsche Familie im Mittelpunkt. Weiterlesen „Lina Schwenk – Blinde Geister“

Lektüre September 2025

Im September war ich sehr oft unterwegs. Es gab einige literarische Termine. So war ich Anfang des Monats in Berlin, um beim LCB-Sommerfest am Wannsee 75 Jahre Suhrkamp Verlag zu feiern. Mitte des Monats ging es dann nach Südtirol, um im Marmorstädtchen Laas dem Franz Tumler Literaturpreis zu folgen. Das war ein ganz außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ende des Monats hatte ich dann das Vergnügen eine Woche lang die Wiesbadener Literaturtage, kuratiert vom tschechischen Autor Jaroslav Rudiš, zu begleiten. Auch das eine ganz großartige Veranstaltung. Dennoch habe ich auch im September 2025 einiges gelesen und gehört, das ich euch gerne hier vorstellen möchte. Weiterlesen „Lektüre September 2025“

Katrina Tuvera – Die Kollaborateure – Kurz vorgestellt

In diesem Jahr sind die Philippinen Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Wie bei jedem Gastland werden zu diesem Anlass außergewöhnlich viele Übersetzungen ins Deutsch präsentiert. So auch zum ersten Mal ein Buch der Nationalpreisträgerin Katrina Tuvera, Die Kollaborateure. Darin erzählt die Autorin über die stark postkolonial geprägte Geschichte ihres Landes anhand einer Familie. Mehr als 300 Jahre unter spanischer Herrschaft, amerikanische Kolonie bis 1946, brutale Besatzung durch Japan im Zweite Weltkrieg – die Philippinen standen seit dem 16. Jahrhundert durchgehend unter Fremdherrschaft. Und rutschten nach der Unabhängigkeit 1946 von einer starken Abhängigkeit von den USA in die zunehmend diktatorische Herrschaft von Ferdinand Marcos und seinem Clan. Der durchschnittliche Lesende wird eher wenig Kenntnis über die philippinische Geschichte haben. Da ist das sachkundige Nachwort von Annette Hug sehr hilfreich. Ein bisschen Recherche im Internet kann auch nicht schaden. Weiterlesen „Katrina Tuvera – Die Kollaborateure – Kurz vorgestellt“

Marko Dinić – Das Buch der Gesichter

Das Buch der Gesichter von Marko Dinic war unter den für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Romanen mit 464 Seiten der weitaus umfangreichste und sowohl inhaltlich als auch formal sicher auch einer der anspruchvollsten. In acht stilistisch unterschiedlichen Kapiteln aus verschiedenen, sich ergänzenden oder auch widersprechenden Perspektiven werden die Ereignisse an einem ganz bestimmten Tag erzählt.

Es ist ein Sommertag im Jahr 1942 in Belgrad oder genauer gesagt im bis nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängigen Vorörtchen Zemun. Kein x-beliebiger Sommertag, sondern der Tag, an dem Serbien vom SS-Standartenführer Emanuel Schäfer, Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Serbien, für „judenfrei“ erklärt wurde. Serbien war damit der erste Staat im damaligen Dritten Reich, der von sich behauptete, die „Endlösung der Judenfrage“ erreicht zu haben. Angesichts der neuerlichen Bestrebungen, Geschichtsrevisionismus zu betreiben, nicht nur, aber gerade auch in Serbien, und das Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus zu schönen oder zu unterdrücken, ist Das Buch der Gesichter nicht nur ein historisch wichtiges, sondern sehr aktuelles Buch. Weiterlesen „Marko Dinić – Das Buch der Gesichter“