Die 1979 in Tirana geborene albanisch-britische Philiosophin Lea Ypi hatte mit ihrem Memoir „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“, in dem sie aus (ihrer) kindlichen Perspektive vom Übergang ihres Heimatlandes von einer streng abgeschotteten sozialistischen Diktatur zu einem ungezügelten Kapitalismus erzählte, 2021 großen Erfolg. Das Buch wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Auch ihr neues Werk spielt augenzwinkernd auf ein bedeutendes historisches Sachbuch an. War es bei Frei das berühmte „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, in dem dieser nach Zusammenbruch des „Ostblocks“ über einen vermeintlich finalen Sieg des Liberalismus und ein Ende der weltpolitischen Dualität jubilierte (leider deutlich zu früh), fügt Lea Ypi ihrem neuen Buch Aufrecht, das das Leben ihrer Großmutter in den Fokus rückt, den Untertitel Überleben im Zeitalter der Extreme hinzu, was sich auf das gleichnamige Buch des britischen Historikers Eric Hobsbawm bezieht, der darin die Zeit von 1914 bis 1991 behandelt. Weiterlesen „Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“
Schlagwort: Autorinnen
Katerina Poladjan – Goldstrand – Kurz vorgestellt
Goldstrand von Katerina Poladjan führt uns auf einen zu knapp 160 Seiten extrem verdichteten Streifzug durch die europäische Geschichte, ist ein Familienroman mit den Schauplätzen Odessa, Istanbul, Rom und Oranienburg, der auch Philosophie, Film und Architektur einbindet. Toll! Weiterlesen „Katerina Poladjan – Goldstrand – Kurz vorgestellt“
Maria Larrea – Die Kinder von Bilbao – Kurz vorgestellt
Die Kinder von Bilbao ist das autofiktionale Debüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Larrea. Sie erzählt darin von einem tief erschütternden Erlebnis, das sie mit 27 Jahren hatte. Der eher halbherzige Besuch bei einer Wahrsagerin führt sie zu der Erkenntnis, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Die etwas ungläubig an ihre vermeintliche Mutter Victoria gerichtete Frage nach ihrer Herkunft erwidert die pragmatische Frau lapidar mit: „Du bist die Tochter von niemandem.“ Ein erschütternder Satz für Maria und damit die Gewissheit: Sie wurde adoptiert. Weiterlesen „Maria Larrea – Die Kinder von Bilbao – Kurz vorgestellt“
Hannah Lühmann – Heimat
Das Phänomen der „Tradwives“ ist hier in Deutschland ein relativ neues, das leider allzu gut in den neuen rechten Zeitgeist passt, der sich weltweit auszubreiten scheint. Das Revival des überholt geglaubten erzkonservativen bis rechtsextremistischen Ideals der treu Mann, Kind und Heim umsorgenden Hausfrau, aufgepeppt mit durchgestylten Interieurs, selbstbewusst auftretenden Schönheiten und knuffig ausgestatteten Kids, ist so überraschend wie erschreckend. Gleichberechtigung und Gleichstellung, in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten so mühsam erkämpft – was bewegt junge Frauen, ihnen den Rücken zu kehren? Warum haben Influencerinnen, die ein völlig veraltetes Frauenbild wiederbeleben, einen derart großen Zulauf? Was fasziniert an diesem Rollenmodell anscheinend auch heute noch? Hannah Lühmann hat sich mit ihrem Roman Heimat auf die Suche begeben. Weiterlesen „Hannah Lühmann – Heimat“
Delphine Minoui – Badjens
Schiraz, Iran, im Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen, kurdischstämmigen Mahsa Amini, die wegen eines falsch getragenen Kopftuchs von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt wurde, flammten im ganzen Land Unruhen auf, versammelten sich die Menschen zu riesigen Demonstrationen. Jin, Jiyan, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – heißt die Parole seitdem. Obwohl das Mullah-Regime in aller Härte reagierte, schwelt der Aufstand bis heute. Die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer hat unlängst einen Roman zu dem Thema veröffentlicht, den ich auch sehr empfehlen kann: Im Herzen der Katze. Auch die Franko-Kanadierin Delphine Minoui, die als Auslandskorrespondentin für Le Figaro arbeitet, hat dazu einen Text verfasst, Badjens. Anders als Khayyer wählt sie die Innenperspektive einer jungen Iranerin. Weiterlesen „Delphine Minoui – Badjens“
Eva Schmidt – Neben Fremden
Quasi Neben Fremden lebt die pensionierte Krankenpflegerin Rosa im neuen Roman von Eva Schmidt, allein mit ihrem alten Hund Don. Dieser ist nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Fred das Wichtigste überhaupt in ihrem Leben. Freunde hat sie nach eigenen Angaben keine. Gelegentlich trifft sie sich mit ihrer ehemaligen Kollegin Margreth. Wirklich mögen tut sie die aber augenscheinlich nicht. Mit ihrem auch schon in die Jahre gekommenen Sohn Tom hat sie nahezu keinen Kontakt. Ab und zu kamen in der Vergangenheit mal kurze Briefe oder Postkarten von ihm an. Nun lebt er in Norwegen und ist dabei, eine eigene Familie zu gründen. Rosas eigene Mutter ist mittlerweile im Heim. Das Verhältnis zu ihr war, vorsichtig ausgedrückt, immer ein kompliziertes. Der Vater ist schon lange tot. Weiterlesen „Eva Schmidt – Neben Fremden“
Nava Ebrahimi – Und Federn überall
Mit Und Federn überall stand die deutsch-iranische Schriftstellerin Nava Ebrahimi auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Für mich hätte sie es mit ihrem toll komponierten, vielschichtigen Roman unbedingt auch auf die Shortlist schaffen müssen. Kürzlich wurde ihr der Péter-Horváth-Literaturpreis zugesprochen, der Autorinnen und Autoren auszeichnet, die sich mit Themen des Wirtschafts- und Arbeitslebens befassen. Weiterlesen „Nava Ebrahimi – Und Federn überall“
Dagmar Leupold – Muttermale
Während es in den 1970er und 80er Jahren eine wahre Flut an autobiografischen oder autofiktionalen Vater-Büchern gab, die sich vor allem mit den Kriegsvätern, ihrer Schuld, ihren Traumata und dem daraus resultierenden Umgang mit ihren Kindern (oft Söhnen) beschäftigten, ist in den letzten Jahren das Mutter-Buch in den Vordergrund getreten. Es gibt sie natürlich immer noch, die Bücher über die Väter (oder Großväter), aber ihr Ton ist anders geworden, wenn nicht verzeihender, so doch mehr ums Verstehen bemüht. Die „Schuld“ dieser Väter ist sicher auch nicht so groß wie die vieler in den Nationalsozialismus verstrickter der vorherigen Generation. Nun rückt vermehrt die Auseinandersetzung mit der Mutter ins Zentrum verschiedener Romane. Meine Mutter von Bettina Flitner und Zwischen uns liegt August von Fikri Anil Altintas, Onigiri von Yuko Kuhn und Wiederholung von Vigdis Hjorth gehörten zu meinen aktuellen Lektüren. Muttermale von Dagmar Leupold, nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2025, schließt sich da an. Weiterlesen „Dagmar Leupold – Muttermale“
Bettina Flitner – Meine Mutter
Die Fotografin Bettina Flitner veröffentlichte 2022 den autofiktionalen Roman Meine Schwester über ihre Schwester Susanne, die 2017 Suizid beging, nun folgt Meine Mutter. Aus einer akuten Trauer heraus beschäftigte Flitner sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte.
„Ich hatte ein Buch über meine Schwester geschrieben. Und jetzt taucht hinter ihr meine Mutter auf.“
Denn auch ihre Mutter hatte sich, fast genau 33 Jahre zuvor, 1984 das Leben genommen. Und war damit nicht die Erste in der Familie. Bereits der Urgroßvater Richard erschoss 1931 seine todkranke Frau Elfriede und sich selbst. Ihm folgten noch weitere Familienmitglieder. Epigenetik? Oder nur eine besonders hart vom Schicksal verfolgte Familie? Ganz sicher wurde die Familie durch diese Suizide geprägt. Weiterlesen „Bettina Flitner – Meine Mutter“
Jina Khayyer – Im Herzen der Katze
Als im September 2022 die 22-jährige kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini starb, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen einer angeblich zu nachlässig getragenen Kopfbedeckung ins Koma geprügelt wurde, brachen die bislang größten und sehr breit gestreuten Proteste gegen das Mullah-Regime aus. Unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadi“ (auf Persisch „Zan, Zendegi, Āzādi“, dt. Frau, Leben, Freiheit) gingen die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten auf die Straße, um gegen die Repressionen der Regierung zu protestieren. Diese reagierte wiederum mit massiver stattlicher Gewalt, konnte die Unruhen aber nur schwer und bis heute nicht ganz unterdrücken. Die Ich-Erzählerin im Debütroman Im Herzen der Katze der Journalistin und Malerin Jina Khayyer erfuhr von den Ereignissen zunächst über ihren Instagram-Feed. Aber auch noch im Iran lebende Familienmitglieder berichteten ihr nahezu live. Weiterlesen „Jina Khayyer – Im Herzen der Katze“








