Wir leben in einer verstörenden Gegenwart. Spaltung, Dehumanisierung, Konfrontation – noch vor wenigen Jahren hätte man nicht gedacht, dass sich die Gesellschaft weltweit von diesen Vokabeln beherrschen lassen würde. Selbst in den tiefsten Phasen des Kalten Kriegs galten Werte wie Frieden, Toleranz, Solidarität zumindest in der Theorie als etwas, das es anzustreben galt. Mittlerweile spricht man schon wieder von Kriegstüchtigkeit, die man erreichen müsse, wird wieder die Wehrpflicht gefordert und scheint es neben der Abschreckung keinerlei Alternative für die Friedenserhaltung zu geben. Ja, die Weltlage hat sich erschreckend schnell geändert. Und mit ihr auch die Narrative. Sie sind unglaublich negativ geworden, beängstigend, fatalistisch. Wir befinden uns in einer „Polykrise“. Weiterlesen „Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie“
Schlagwort: Autorinnen
Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung
-ProzessVon den Nürnberger Prozessen hat fast jeder schon mal gehört. Bei den insgesamt 13 Prozessen, die von November 1945 bis April 1949 in Nürnberg stattfanden und bei denen die noch lebenden und nicht geflohenen Hauptverantwortlichen für die NS-Verbrechen angeklagt waren, kam es beim Prozess gegen die 24 Hauptkriegsverbrecher zu zwölf Todesurteilen, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüchen. Zwei Verfahren wurden eingestellt. Wer jemals die Filmaufnahmen des Prozesses gesehen hat, wird die beispiellose Arroganz und Empathielosigkeit der Angeklagten, insbesondere die des ehemaligen Reichsluftfahrtsministers Hermann Göring nie mehr vergessen. Unlängst gab es eine hochinteressante Film Dokumentation darüber (Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen, noch bis 9.11.2026 in der ARD-Mediathek). Darin stützte man sich u.a. auf die Erlebnisberichte der Birkenau-Überlebenden Seweryna Szmaglewska, die beim Prozess aussagte und mit „Die Unschuldigen von Nürnberg“ (Schöffling, 2022) ein beeindruckendes Buch über den ersten Nürnberger Prozess verfasste. Es folgten beispielsweise noch der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und die Auschwitzprozesse in Krakau und Frankfurt (1947 bzw. 1963-65). Weiterlesen „Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung“
Dorothee Elmiger – Die Holländerinnen
Ich müsste eigentlich gar nicht so viel zu Buch und Autorin schreiben. Ihr habt Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger in den letzten Wochen und Monaten sicher sehr oft gesehen, davon gehört, darüber gelesen. Eine geradezu enthusiastische Aufnahme durch die Literaturkritik und die Auszeichnung mit gleich drei der bedeutendsten und bestdotierten Preise für deutschsprachige Literatur ließ den Gedanken aufkommen, dass es im Moment kein auch nur annähernd an die Qualität dieses gewiss außergewöhnlichen und interessanten Romans heranreichendes Werk geben würde. Das führt natürlich zu einer enormen Medienaufmerksamkeit. Die Rezeption in der Leser:innenschaft war eher gemischt. Von Begeisterung bis „kann ich nichts mit anfangen“ war so ziemlich alles dabei. Weiterlesen „Dorothee Elmiger – Die Holländerinnen“
Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme
Die 1979 in Tirana geborene albanisch-britische Philiosophin Lea Ypi hatte mit ihrem Memoir „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“, in dem sie aus (ihrer) kindlichen Perspektive vom Übergang ihres Heimatlandes von einer streng abgeschotteten sozialistischen Diktatur zu einem ungezügelten Kapitalismus erzählte, 2021 großen Erfolg. Das Buch wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Auch ihr neues Werk spielt augenzwinkernd auf ein bedeutendes historisches Sachbuch an. War es bei Frei das berühmte „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, in dem dieser nach Zusammenbruch des „Ostblocks“ über einen vermeintlich finalen Sieg des Liberalismus und ein Ende der weltpolitischen Dualität jubilierte (leider deutlich zu früh), fügt Lea Ypi ihrem neuen Buch Aufrecht, das das Leben ihrer Großmutter in den Fokus rückt, den Untertitel Überleben im Zeitalter der Extreme hinzu, was sich auf das gleichnamige Buch des britischen Historikers Eric Hobsbawm bezieht, der darin die Zeit von 1914 bis 1991 behandelt. Weiterlesen „Lea Ypi – Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“
Katerina Poladjan – Goldstrand – Kurz vorgestellt
Goldstrand von Katerina Poladjan führt uns auf einen zu knapp 160 Seiten extrem verdichteten Streifzug durch die europäische Geschichte, ist ein Familienroman mit den Schauplätzen Odessa, Istanbul, Rom und Oranienburg, der auch Philosophie, Film und Architektur einbindet. Toll! Weiterlesen „Katerina Poladjan – Goldstrand – Kurz vorgestellt“
Maria Larrea – Die Kinder von Bilbao – Kurz vorgestellt
Die Kinder von Bilbao ist das autofiktionale Debüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Larrea. Sie erzählt darin von einem tief erschütternden Erlebnis, das sie mit 27 Jahren hatte. Der eher halbherzige Besuch bei einer Wahrsagerin führt sie zu der Erkenntnis, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Die etwas ungläubig an ihre vermeintliche Mutter Victoria gerichtete Frage nach ihrer Herkunft erwidert die pragmatische Frau lapidar mit: „Du bist die Tochter von niemandem.“ Ein erschütternder Satz für Maria und damit die Gewissheit: Sie wurde adoptiert. Weiterlesen „Maria Larrea – Die Kinder von Bilbao – Kurz vorgestellt“
Hannah Lühmann – Heimat
Das Phänomen der „Tradwives“ ist hier in Deutschland ein relativ neues, das leider allzu gut in den neuen rechten Zeitgeist passt, der sich weltweit auszubreiten scheint. Das Revival des überholt geglaubten erzkonservativen bis rechtsextremistischen Ideals der treu Mann, Kind und Heim umsorgenden Hausfrau, aufgepeppt mit durchgestylten Interieurs, selbstbewusst auftretenden Schönheiten und knuffig ausgestatteten Kids, ist so überraschend wie erschreckend. Gleichberechtigung und Gleichstellung, in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten so mühsam erkämpft – was bewegt junge Frauen, ihnen den Rücken zu kehren? Warum haben Influencerinnen, die ein völlig veraltetes Frauenbild wiederbeleben, einen derart großen Zulauf? Was fasziniert an diesem Rollenmodell anscheinend auch heute noch? Hannah Lühmann hat sich mit ihrem Roman Heimat auf die Suche begeben. Weiterlesen „Hannah Lühmann – Heimat“
Delphine Minoui – Badjens
Schiraz, Iran, im Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen, kurdischstämmigen Mahsa Amini, die wegen eines falsch getragenen Kopftuchs von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt wurde, flammten im ganzen Land Unruhen auf, versammelten sich die Menschen zu riesigen Demonstrationen. Jin, Jiyan, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – heißt die Parole seitdem. Obwohl das Mullah-Regime in aller Härte reagierte, schwelt der Aufstand bis heute. Die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer hat unlängst einen Roman zu dem Thema veröffentlicht, den ich auch sehr empfehlen kann: Im Herzen der Katze. Auch die Franko-Kanadierin Delphine Minoui, die als Auslandskorrespondentin für Le Figaro arbeitet, hat dazu einen Text verfasst, Badjens. Anders als Khayyer wählt sie die Innenperspektive einer jungen Iranerin. Weiterlesen „Delphine Minoui – Badjens“
Eva Schmidt – Neben Fremden
Quasi Neben Fremden lebt die pensionierte Krankenpflegerin Rosa im neuen Roman von Eva Schmidt, allein mit ihrem alten Hund Don. Dieser ist nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Fred das Wichtigste überhaupt in ihrem Leben. Freunde hat sie nach eigenen Angaben keine. Gelegentlich trifft sie sich mit ihrer ehemaligen Kollegin Margreth. Wirklich mögen tut sie die aber augenscheinlich nicht. Mit ihrem auch schon in die Jahre gekommenen Sohn Tom hat sie nahezu keinen Kontakt. Ab und zu kamen in der Vergangenheit mal kurze Briefe oder Postkarten von ihm an. Nun lebt er in Norwegen und ist dabei, eine eigene Familie zu gründen. Rosas eigene Mutter ist mittlerweile im Heim. Das Verhältnis zu ihr war, vorsichtig ausgedrückt, immer ein kompliziertes. Der Vater ist schon lange tot. Weiterlesen „Eva Schmidt – Neben Fremden“
Nava Ebrahimi – Und Federn überall
Mit Und Federn überall stand die deutsch-iranische Schriftstellerin Nava Ebrahimi auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Für mich hätte sie es mit ihrem toll komponierten, vielschichtigen Roman unbedingt auch auf die Shortlist schaffen müssen. Kürzlich wurde ihr der Péter-Horváth-Literaturpreis zugesprochen, der Autorinnen und Autoren auszeichnet, die sich mit Themen des Wirtschafts- und Arbeitslebens befassen. Weiterlesen „Nava Ebrahimi – Und Federn überall“








