Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung

Von den Nürnberger Prozessen hat fast jeder schon mal gehört. Bei den insgesamt 13 Prozessen, die von November 1945 bis April 1949 in Nürnberg stattfanden und bei denen die noch lebenden und nicht geflohenen Hauptverantwortlichen für die NS-Verbrechen angeklagt waren, kam es beim Prozess gegen die 24 Hauptkriegsverbrecher zu zwölf Todesurteilen, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüchen. Zwei Verfahren wurden eingestellt. Wer jemals die Filmaufnahmen des Prozesses gesehen hat, wird die beispiellose Arroganz und Empathielosigkeit der Angeklagten, insbesondere die des ehemaligen Reichsluftfahrtsministers Hermann Göring nie mehr vergessen. Unlängst gab es eine hochinteressante Film Dokumentation darüber (Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen, noch bis 9.11.2026 in der ARD-Mediathek). Darin stützte man sich u.a. auf die Erlebnisberichte der Birkenau-Überlebenden Seweryna Szmaglewska, die beim Prozess aussagte und mit „Die Unschuldigen von Nürnberg“ (Schöffling, 2022) ein beeindruckendes Buch über den ersten Nürnberger Prozess verfasste. Es folgten beispielsweise noch der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und die Auschwitzprozesse in Krakau und Frankfurt (1947 bzw. 1963-65).

Der Callsen-Prozess

Wer aber hat schon vom Callsen Prozess gehört? Erst 1960 stießen die Ermittler auf die Namen der Angehörigen des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C, das auf seiner Marschroute durch die Ukraine 1941 eine furchtbare Blutspur hinterlassen hat: Rund 80.000 ukrainische Jüdinnen und Juden fielen den von ihm begangenen Massakern zum Opfer. Eines davon fand am 29. und 30. September 1941 in der Nähe von Kiyiw in Babyn Jar statt, wo das Sonderkommando mit Unterstützung der Wehrmacht innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordete. Der Callsen Prozess gegen elf ehemalige Angehörige des 60 bis 80 Mann starken Kommandos war Generalstaatsanwalt Fritz Bauers letztes großes Strafverfahren und fand 1967/68 in Darmstadt statt.

Das Interesse in der bundesdeutschen Bevölkerung war damals gering. Man wollte vergessen oder doch zumindest verdrängen, leugnen, endlich „einen Schlussstrich ziehen“. Dass auch von den Medien nur ein einziger Prozessbeobachter (vom Darmstädter Echo) vor Ort war, ist beschämend. Ebenso wie die schließlich verhängten Urteile: vergleichsweise milde Haftstrafen und Freisprüche. Die Deutschen wollten von ihrer Schuld wieder einmal nichts wissen.

Die Zeugin

Dina Proničeva war eine der sehr wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar. Im April 1968 sagte sie vor dem Landgericht Darmstadt im Prozess gegen Kuno Friedrich Callsen und weitere ehemalige Angehörige des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C aus. Wie mag sie sich gefühlt haben? Angesichts der Täter, angesichts des Desinteresses der Öffentlichkeit, angesichts der Hartherzigkeit der deutschen Justiz und weiter Teile der Bevölkerung? Dass sie zutiefst traumatisiert war und sich in Deutschland gefürchtet hat, darf nach den Bekenntnissen von Seweryna Szmaglewska vermutet werden.

Die 1953 in Darmstadt geborene Autorin Susanne Röckel stößt eher zufällig auf den Callsen Prozess und auf Dina Proničeva. 1968 war sie fünfzehn Jahre alt, war Schülerin in Darmstadt, wie viele junge Deutsche im Schweigen der Eltern und Großeltern gefangen, besaß selbst suizidale Neigungen. Was wäre gewesen, wenn sie damals Dina Proničeva getroffen hätte, wenn auch nur zufällig an einer Ampel im Stadtverkehr? Diese potentielle Verbindung lässt sie tief nachdenken über die Vergangenheit ihrer eigenen Familie, über ihre Kindheit und Jugend, den damaligen Prozess, über die Zeugin, die Susanne Röckel in ihrer „Erinnerung“ Vera nennt.

Dieses Hineinfühlen in Vera gelingt mal mehr und mal weniger überzeugend, genauso wie die Parallelisierung von deren Darmstadtaufenthalt und dem Leiden des erzählenden Ichs als verzweifelndem Teenager. Es ist ein Text, der gar nicht vollständig gelingen kann, dessen ist sich die Autorin, denke ich, auch bewusst. Sich dem Thema auf diesem Weg anzunähern, vorsichtig, sensibel, empathisch, nachdenklich, ist umso bewundernswerter. Von daher ist Vera Eine Erinnerung von Susanne Röckel eben doch vollständig gelungen, berührend, nachhallend und von daher eine unbedingte Leseempfehlung.

 

Beitragsbild: Dina Pronicheva on the witness stand, January 24, 1946, at a Kiev war-crimes trial of fifteen members of the German police responsible for the occupied Kiev region.
Date 24 January 1946 by USHMM Photo Archives, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Susanne Röckel - Verax

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Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung
Residenz Verlag Oktober 2025, Hardcover, 160 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung

  1. Bei dem Titel bin ich kurz zusammengezuckt – wenn man den eigenen Namen so plötzlich liest. Ja, von den Nürnberger Prozessen hört und liest man immer wieder. Ich selbst habe erst dieses Jahr das Sachbuch von Uwe Neumahr „Das Schloss der Schriftsteller“ gelesen. Vom Callsen-Prozess habe ich auch noch nichts gehört. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass in den später 60er Jahren die Deutschen nichts mehr davon hören wollte und ein (!) Medienvertreter ist mehr als beschämend. Umso wichtiger, dass das Thema wieder an der Oberfläche erscheint.

    1. Ja, es ist beschämend. In den 1960ern wollte man da am liebsten abschließen. Wie belastend die Aussagen für die Überlebenden waren wird hier (in der Vorstellung) und bei Seweryna Szmaglewska ganz direkt deutlich. Wichtige Texte! Viele Grüße!

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