Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre

Der Literaturkritiker Volker Weidermann versteht es meisterhaft, gut recherchierte, einfühlsame Texte mit biografischem, historischen Hintergrund zu schreiben. Das kann einen bestimmten Zeitabschnitt oder eine bestimmte Personengruppe betreffen wie bei Ostende oder Träumer, oder auch eine Persönlichkeit, wie unlängst Thomas Mann in dem zauberhaften Mann vom Meer. Nun hat Volker Weidermann der bis heute meistgelesenen Dichterin Deutschlands Mascha Kaléko eine wunderbare biografische Annäherung gewidmet, Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Weiterlesen „Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre“

Friedrich Ani – Schlupfwinkel

Friedrich Ani ist seit langem ein Großmeister des literarisch anspruchsvollen Kriminalromans. Die Serien um Tabor Süden, den eigenwilligen, schweigsamen Ermittler von Vermisstenfällen, um den ehemaligen Mönch Polonius Fischer, um Jakob Franck oder Jonas Vogel zeichnet immer eine gewisse Schwermut aus. Viel mehr als um den eigentlichen Kriminalfall geht es dem Autor stets um die Einsamkeit der Protagonisten, um ihr sich und der Welt Verlorengehen. Neben den Krimis hat Friedrich Ani aber auch andere Texte geschrieben, beispielsweise Kinderbücher, und nun legt er einen ersten autofiktionalen Text vor – Schlupfwinkel. Fantasien über eine Fremde Heimat. Und auch ihm ist eine tiefe Melancholie eigen. Weiterlesen „Friedrich Ani – Schlupfwinkel“

Eva Schmidt – Neben Fremden

Quasi Neben Fremden lebt die pensionierte Krankenpflegerin Rosa im neuen Roman von Eva Schmidt, allein mit ihrem alten Hund Don. Dieser ist nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Fred das Wichtigste überhaupt in ihrem Leben. Freunde hat sie nach eigenen Angaben keine. Gelegentlich trifft sie sich mit ihrer ehemaligen Kollegin Margreth. Wirklich mögen tut sie die aber augenscheinlich nicht. Mit ihrem auch schon in die Jahre gekommenen Sohn Tom hat sie nahezu keinen Kontakt. Ab und zu kamen in der Vergangenheit mal kurze Briefe oder Postkarten von ihm an. Nun lebt er in Norwegen und ist dabei, eine eigene Familie zu gründen. Rosas eigene Mutter ist mittlerweile im Heim. Das Verhältnis zu ihr war, vorsichtig ausgedrückt, immer ein kompliziertes. Der Vater ist schon lange tot. Weiterlesen „Eva Schmidt – Neben Fremden“

Nava Ebrahimi – Und Federn überall

Mit Und Federn überall stand die deutsch-iranische Schriftstellerin Nava Ebrahimi auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Für mich hätte sie es mit ihrem toll komponierten, vielschichtigen Roman unbedingt auch auf die Shortlist schaffen müssen. Kürzlich wurde ihr der Péter-Horváth-Literaturpreis zugesprochen, der Autorinnen und Autoren auszeichnet, die sich mit Themen des Wirtschafts- und Arbeitslebens befassen. Weiterlesen „Nava Ebrahimi – Und Federn überall“

Dagmar Leupold – Muttermale

Während es in den 1970er und 80er Jahren eine wahre Flut an autobiografischen oder autofiktionalen Vater-Büchern gab, die sich vor allem mit den Kriegsvätern, ihrer Schuld, ihren Traumata und dem daraus resultierenden Umgang mit ihren Kindern (oft Söhnen) beschäftigten, ist in den letzten Jahren das Mutter-Buch in den Vordergrund getreten. Es gibt sie natürlich immer noch, die Bücher über die Väter (oder Großväter), aber ihr Ton ist anders geworden, wenn nicht verzeihender, so doch mehr ums Verstehen bemüht. Die „Schuld“ dieser Väter ist sicher auch nicht so groß wie die vieler in den Nationalsozialismus verstrickter der vorherigen Generation. Nun rückt vermehrt die Auseinandersetzung mit der Mutter ins Zentrum verschiedener Romane. Meine Mutter von Bettina Flitner und Zwischen uns liegt August von Fikri Anil Altintas, Onigiri von Yuko Kuhn und Wiederholung von Vigdis Hjorth gehörten zu meinen aktuellen Lektüren. Muttermale von Dagmar Leupold, nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2025, schließt sich da an. Weiterlesen „Dagmar Leupold – Muttermale“

Jina Khayyer – Im Herzen der Katze

Als im September 2022 die 22-jährige kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini starb, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen einer angeblich zu nachlässig getragenen Kopfbedeckung ins Koma geprügelt wurde, brachen die bislang größten und sehr breit gestreuten Proteste gegen das Mullah-Regime aus. Unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadi“ (auf Persisch „Zan, Zendegi, Āzādi“, dt. Frau, Leben, Freiheit) gingen die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten auf die Straße, um gegen die Repressionen der Regierung zu protestieren. Diese reagierte wiederum mit massiver stattlicher Gewalt, konnte die Unruhen aber nur schwer und bis heute nicht ganz unterdrücken. Die Ich-Erzählerin im Debütroman Im Herzen der Katze der Journalistin und Malerin Jina Khayyer erfuhr von den Ereignissen zunächst über ihren Instagram-Feed. Aber auch noch im Iran lebende Familienmitglieder berichteten ihr nahezu live. Weiterlesen „Jina Khayyer – Im Herzen der Katze“

Tanja Paar – Am Semmering

Der Semmering ist auch außerhalb Österreichs als Traditionsferienort bekannt. Der Semmeringpass verbindet die österreichischen Bundesländer Niederösterreich und Steiermark und ist damit die wichtigste Verbindung zwischen dem Großraum Wien und der Steiermark. Auf der Passhöhe liegt der Luftkurort Semmering, der um die Jahrhundertwende von der wohlhabenden Wiener Gesellschaft als Sommerfrischeziel entdeckt wurde. Die Semmeringbahn, die 1854 eröffnet wurde, brachte dem Ort einen enormen Aufschwung. Sie war eine der ersten Eisenbahnen, die durch die hochalpinen Berge führte. 2005 wurde sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Legendär ist auch das Grandhotel Panhans geworden. In neuerer Zeit ist Semmering für den alpinen Skisport bekannt und war schon mehrmals Austragungsort von Weltcuprennen. Tanja Paar geht mit ihrem wunderbaren Roman Am Semmering zurück in die Jahre 1928 bis Kriegsende. Weiterlesen „Tanja Paar – Am Semmering“

Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August

Der 1992 geborene Fikri Anıl Altıntaş engagiert sich in Workshops und als Redner gegen toxische Männlichkeit und festgefügte Männlichkeitsbilder. 2023 hatte er mit seinem Debütroman Im Morgen wächst ein Birnbaum, in dem er über seinen Vater schreibt, auch literarisch Erfolg. Nun setzt Fikri Anıl Altıntaş sich mit seinem neuen autofiktionalen Buch Zwischen uns liegt August mit seiner verstorbenen Mutter auseinander.   Weiterlesen „Fikri Anıl Altıntaş – Zwischen uns liegt August“

Lina Schwenk – Blinde Geister

Dass es transgenerationale Traumata gibt und dass auch Epigenetik dabei eine Rolle spielt, wird seit einiger Zeit intensiv erforscht und auch zunehmend in der Literatur zum Thema. Im Debütroman von Lina Schwenk, Blinde Geister, spielen solche Traumata und wie sie auf nachfolgende Generationen übergreifen, eine entscheidende Rolle. Dabei steht eine westdeutsche Familie im Mittelpunkt. Weiterlesen „Lina Schwenk – Blinde Geister“

Marko Dinić – Das Buch der Gesichter

Das Buch der Gesichter von Marko Dinic war unter den für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Romanen mit 464 Seiten der weitaus umfangreichste und sowohl inhaltlich als auch formal sicher auch einer der anspruchvollsten. In acht stilistisch unterschiedlichen Kapiteln aus verschiedenen, sich ergänzenden oder auch widersprechenden Perspektiven werden die Ereignisse an einem ganz bestimmten Tag erzählt.

Es ist ein Sommertag im Jahr 1942 in Belgrad oder genauer gesagt im bis nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängigen Vorörtchen Zemun. Kein x-beliebiger Sommertag, sondern der Tag, an dem Serbien vom SS-Standartenführer Emanuel Schäfer, Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Serbien, für „judenfrei“ erklärt wurde. Serbien war damit der erste Staat im damaligen Dritten Reich, der von sich behauptete, die „Endlösung der Judenfrage“ erreicht zu haben. Angesichts der neuerlichen Bestrebungen, Geschichtsrevisionismus zu betreiben, nicht nur, aber gerade auch in Serbien, und das Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus zu schönen oder zu unterdrücken, ist Das Buch der Gesichter nicht nur ein historisch wichtiges, sondern sehr aktuelles Buch. Weiterlesen „Marko Dinić – Das Buch der Gesichter“