Der Literaturkritiker Volker Weidermann versteht es meisterhaft, gut recherchierte, einfühlsame Texte mit biografischem, historischen Hintergrund zu schreiben. Das kann einen bestimmten Zeitabschnitt oder eine bestimmte Personengruppe betreffen wie bei Ostende oder Träumer, oder auch eine Persönlichkeit, wie unlängst Thomas Mann in dem zauberhaften Mann vom Meer. Nun hat Volker Weidermann der bis heute meistgelesenen Dichterin Deutschlands Mascha Kaléko eine wunderbare biografische Annäherung gewidmet, Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens.
Leidenschaftlich muss sie gewesen sein, begeisterungsfähig, offen, liebevoll. 1907 wurde Mascha Kaléko im galizischen Chrzanow geboren. 1914 zog die Familie nach Deutschland und mit Zwischenstationen in Frankfurt/Main und Marburg 1918 nach Berlin. Berlin wurde die eine Liebe in Maschas Leben. „Die leuchtenden Jahre“ wird sie die Zeit in der Hauptstadt später bezeichnen. Auch wenn der Vater ein Studium für Mädchen überflüssig findet, bildet sich Mascha weiter, macht eine Lehre, besucht Abendkurse. Sie veröffentlicht erste Gedichte verkehrt in den Kreisen der künstlerischen Avantgarde im berühmten Romanischen Café. 1928 heiratet sie den zehn Jahre älteren Saul Kaléko. Die zweite große Liebe ihres Lebens neben Berlin wird aber der Musiker Chemjo Vinaver, den sie nach ihrer Scheidung 1938 heiratet. Bereits 1936 kommt ihr gemeinsamer Sohn Evjatar zur Welt.
Die Berliner Jahre
Im Berlin der 1930er Jahre war Mascha Kaléko umschwärmt und berühmt. Ihr im Januar 1933 erschienener Gedichtband „Das lyrische Stenogrammheft“ wurde ein großer Erfolg und entging zunächst dem Publikationsverbot der Nationalsozialisten, sogar ein zweiter Band „Kleines Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes“ konnte 1935 noch erscheinen, bevor die Werke der Jüdin endgültig verboten wurden. Nur sehr schwer konnte sich das Paar von Berlin trennen. Glücklicherweise gelang ihnen aber 1938 in letzter Minute die Flucht nach Amerika.
Wie bei vielen Exilanten ist Kalékos Erfolg in der Neuen Welt eher bescheiden. Die Sehnsucht nach Deutschland und besonders Berlin bleibt. Mit „Bleibtreustraße“ widmet sie ihrer alten Heimat ein Gedicht voller Heimweh. Dennoch dauert es auch nach Kriegsende noch über zehn Jahre, bis Mascha Kaléko wieder deutschen Boden betritt. Besonders ihr Mann Chemjo lehnt eine Rückkehr strikt ab.
Reise nach Deutschland
1956 ist es dann soweit: Kalékos alter deutscher Verlag Rowohlt plant eine Neuauflage ihrer Bücher und lädt sie nach Deutschland ein. Auch von anderer Seite witrb man um sie. Und Mascha Kaléko sagt nun zu. Diesem besonderen Jahr 1956 in ihrem Leben widmet Volker Weidermann – mit Rückblicken und Vorausschauen – sein neues Buch Wenn ich eine Wolke wäre.
Kalékos Triumph ist zunächst überwältigend. Über Hamburg, Stuttgart, München und Frankfurt nähert sie sich ihrem geliebten Berlin. In fast täglichen Briefen an Chemjo, der in den USAgeblieben ist, die dem Autor Weidermann einen reichhaltigen Fundus bieten, berichtet sie von Empfängen, Ehrungen und immer wieder vom „guten deutschen Essen“. Mascha Kaléko ist überwältigt, sieht aber auch alte Kontinuitäten. So schnell verschwinden die alten Eliten und alten Überzeugungen dann doch nicht. Trotzdem reist Mascha auch nach 1956 immer wieder nach Deutschland.
Deutlichen Gegenwind spürt sie 1960, als die immer auf Verständigung bedachte Dichterin den ihr zugesprochenen Fontane-Preis ablehnt, weil ein ehemaliger SS-Standartenführer in der Jury saß. Das nimmt man der „Exilantin“ übel. So weit ist man noch nicht mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Mascha und Chemjo siedeln 1960 nach Jerusalem über, was sich als keine glückliche Entscheidung herausstellt. Heimisch werden die beiden Europäer dort nicht. Weitere Schicksalsschläge folgen: 1968 stirbt der Sohn Evjatar in New York, 1973 Chemjo in Jerusalem. Bis zu ihrem Tod 1975 wird es einsam um Mascha Kaléko.
Volker Weidermann hat mit Wenn ich eine Wolke wäre ein zartes, ja zärtliches Porträt der Dichterin gezeichnet. Einfühlsam werden Zitate und Gedichte ins Erzählte eingebunden. Man merkt ihm die Liebe zu Kaléko und ihrer Lyrik an. Der leise Spott und die Ironie, die Mann vom Meer durchwehen, fehlen hier. „Für Mascha“ ist das Buch gewidmet. Auch Volker Weidermanns Tochter trägt den Namen der verehrten Dichterin.
Beitragsbild: Berliner Gedenktafel für Mascha Kaléko in Berlin-Charlottenburg, Deutschland by Doris Anthony, Doris Antony, Berlin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
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Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre
Kiepenheuer&Witsch Oktober 2025, 240 Seiten, € 23,00







