Friedrich Ani ist seit langem ein Großmeister des literarisch anspruchsvollen Kriminalromans. Die Serien um Tabor Süden, den eigenwilligen, schweigsamen Ermittler von Vermisstenfällen, um den ehemaligen Mönch Polonius Fischer, um Jakob Franck oder Jonas Vogel zeichnet immer eine gewisse Schwermut aus. Viel mehr als um den eigentlichen Kriminalfall geht es dem Autor stets um die Einsamkeit der Protagonisten, um ihr sich und der Welt Verlorengehen. Neben den Krimis hat Friedrich Ani aber auch andere Texte geschrieben, beispielsweise Kinderbücher, und nun legt er einen ersten autofiktionalen Text vor – Schlupfwinkel. Fantasien über eine Fremde Heimat. Und auch ihm ist eine tiefe Melancholie eigen.
Eine Kindheit
Es war keine glückliche Kindheit, die der Autor vorwiegend bei seinen Großeltern im Bayerischen Kochel am See verbracht hat. Auch wenn diese sich sehr um den kleinen Friedrich gekümmert haben, blieb dem Jungen stets eine gewisse Fremdheit und oft zog er sich zurück in eine selbst gewählte, wenn auch nicht freiwillige Einsamkeit in seinem Schlupfwinkel. Das Dorf ließ ihn seine Andersartigkeit spüren.
„Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben.“
Der 1959 geborene Friedrich Ani stammt aus einer Verbindung, die es so dort „gar nicht hätte geben dürfen.“ „Wie war das nur möglich?“, fragt sich die Großmutter. Seine Mutter, „die zweitjüngste Tochter des Oberkellners und der Büffetdame“ war schwanger von einem syrischen Studenten, der am damals in Kochel ansässigen Gothe-Institut Deutsch studierte. Auf einem Tanzabend lernten sich die beiden 1958 kennen und wenn es auch den Anschein hat, dass sich die beiden nie wirklich nah kamen, entsprang der Verbindung der kleine Friedrich und acht Jahre später, der Vater hatte mittlerweile sein Medizinstudium abgeschlossen und sich respektabel als Arzt niedergelassen, heirateten die Eltern. Friedrich selbst war nicht eingeladen zu dieser Hochzeit, ahnte noch nicht einmal etwas davon. Etwas, das den Autor auch heute noch spürbar schmerzt und so charakteristisch war für die kleine Familie.
„Verschweigen, das lernte ich zügig, zählte zu den Grundtugenden in dieser Familie.“
und
„Umarmen zählte nicht zu den Verhaltensweisen in den Zimmern meiner Herkunft.“
Der Syrer meiner Mutter
Auch der Kindsvater, von der Familie und der Mutter gern auch mal „der Kameltreiber“ betitelt, musste diese Kälte am eigenen Leib erfahren. Ihm wurde der Zugang zu Mutter und Kind nur gelegentlich gewährt, an ein Zusammenwohnen war zunächst nicht zu denken. Auch die junge Frau begegnete ihm ablehnend. Ihre Scham war wohl zu groß. Hatte sich die Familie doch als aus Schlesien Vertriebene gerade erst im Dorf sesshaft gemacht. Und nun dieses Skandalon. Erst als der Vater der „Herr Doktor“ wurde, heiratete man, zog zusammen, bildete so etwas wie eine Familie. Liebe und Geborgenheit fand der Junge aber auch dann nicht. Besonders das Verhältnis zum Vater blieb distanziert. Im Buch nennt er ihn immer wieder mal „den Syrer meiner Mutter“.
Das klingt bitter und das ist das Buch auch. Angefüllt mit einem bitteren Witz. Friedrich zog sich aus dieser unguten Atmosphäre immer mehr zurück, weg von diesen rätselhaften, wenig liebevollen Eltern, suchte sich seinen Schlupfwinkel, vor allem im Lesen und Schreiben.
Georg
Mit dem Größerwerden wechselt der Text von der Ich-Perspektive in die 3. Person. Es ist jetzt Georg (der dritte Vorname von Friedrich Ani), von dem erzählt wird. Worte werden ihm zum Lebensretter, er entdeckt seine Gabe zum Schreiben. Wir erleben die „Erfindung des Autors“. Seine Krimis, die sich meist um verschwundene Personen drehen, werden große Erfolge. Ani sagt dazu im Interview:
„Ich bin vielleicht auch einer, der verschwunden ist und der sich selbst sucht.“
Das Buch ist bitter und wütend, auch wenn es sich leicht und amüsant liest. Wütend ist Friedrich Ani aber weniger auf die Eltern als auf sich als Kind, das sich ohne zu murren so behandeln ließ. In Erinnerung bleibt etwa die Szene der Einschulung, als der Junge eine leere Schultüte erhielt. Nach außen blieb der Schein gewahrt. Aber warum protestierte der kleine Friedrich nicht?
2012 starb Friedrich Anis Vater.
„Da lag er, tot im Krankenhaus, und sie (Anm. die Mutter) gab acht, dass wir keine ungenehmigten Blicke tauschten, er und ich. Wie hätten wir das schaffen sollen?
Weil er tot ist?
Wir hatten nie die Zeit zu üben.
Die Geschichte meines Vaters begann an einem Novembertag in der ostsyrischen Kleinstadt Majadin, in der heute angeblich fast siebzigtausend Menschen leben, damals aber nur zweitausendfünfhundert, weniger als in dem süddeutschen Dorf, wo er schließlich landete und seine Geschichte an einem Märztag neunundsiebzig Jahre nach seiner Geburt endete.“
Auch Friedrich Anis Mutter ist mittlerweile verstorben. Das eröffnete erst die Möglichkeit, über die eigene Kindheit zu schreiben. Ein wenig fassungslos, ein wenig bedauernd, und sehr traurig.
„Von der Quelle des Glücks, glaube ich manchmal in der Obhut meines Zimmers, waren wir ursprünglich nicht allzu weit entfernt.“
Und haben sie doch nicht gefunden. Ein berührender, ehrlicher, nachdenklicher Text. Große Empfehlung!
Friedrich Ani – Schlupfwinkel
Suhrkamp November 2025, Fester Einband, 128 Seiten, 18,00 €






