Yishai Sarid – Chamäleon

Vor vielen Jahren war der Journalist Shai Tamus ein kleiner Star in Israel oder zumindest in Tel Aviv. Der Linksliberale verfasste reflektierte, ausgewogene politische Artikel und regelmäßige Kolumnen und war häufiger, gern gesehener Gast in zahlreichen TV-Sendungen zur besten Sendezeit. Das ist lange vorbei. Zu zurückhaltend, zu höflich sei er, einfach zu langweilig für den Zuschauer. Ins Kulturessort abgeschoben verfasst Shai nun Theaterkritiken und Literaturbesprechungen, die gefühlt niemand mehr lesen mag. Der Protagonist im aktuellen Roman des israelischen Autors Yishai Sarid Chamäleon fühlt sich missachtet, um Anerkennung, Aufmerksamkeit und Relevanz betrogen. Ganz anders läuft es bei seiner Frau Alona. Diese arbeitet zunehmend erfolgreich in einer Galerie. Die beiden Kinder sind erwachsen. Die Ehe kriselt ein wenig.

Da bekommt Shai Tamus das Angebot eines rechtspopulistischen Senders, das ihm ein Versprechen auf Sichtbarkeit und neuem Erfolg zu sein scheint. Das Interview Shais zu einem vermeintlich von Arabern auf ihn begangenen Überfall klang für die Verantwortlichen sehr gut zu ihrer politischen Ausrichtung passend. „Der ehemalige Linke, der zu der patriotischen, autoritären Seite überläuft.“ Perfekt! Und tatsächlich haben sich Shais ehemals linken Überzeugungen sich ziemlich in Nichts aufgelöst. Die Demonstranten gegen die geplante Justizreform der rechtspopulistisch orientierten Regierung ärgern ihn, er sieht sein Land zunehmend vom Untergang bedroht, misstraut „den Arabern“, obwohl er nahezu keinen persönlichen Kontakt zu ihnen hat. Und ob die Männer, die ihn angegriffen haben, wirklich Araber waren, weiß er eigentlich auch nicht so genau. Wir befinden uns noch vor dem 7. Oktober 2023.

Shai dient sich der rechten Regierung an, diese instrumentalisiert ihn. Konkrete Namen werden nicht genannt, aber Netanjahu und Konsorten sind präsent. Die Nähe zur Macht – der Ministerpräsident bittet zum Tee, der Sohn des Ministerpräsidenten zum Gespräch, ein Flug mit der Staatsmaschine zum Parteievent – schmeichelt dem sich so sehr zurückgesetzt gefühlten Journalisten. Plötzlich bekommt er wieder Sendezeit, wird ernst genommen, in der Öffentlichkeit erkannt. Da ist es auch eher zweitrangig, dass er sich von seiner eher liberalen Frau und den Kindern immer mehr fortbewegt.

Dann kommt der 7. Oktober. Der Sohn, der sich schon seit längerem in den USA befindet, kehrt zurück, um sich der Armee anzuschließen. Die Tochter wäre beinahe selbst zum Opfer des Hamas-Angriffs geworden. Eine Gesellschaft befindet sich im Ausnahmezustand.

Yishai Sarid zeichnet in Chamäleon ein sehr aktuelles Bild der israelischen Gesellschaft und taucht tief in ihre Psychologie ein. Auch wenn seine eigene politische Haltung klar ist, erspart er sich allzu offensichtliche Parteinahm, beobachtet seinen Protagonisten nur sehr genau und entlarvend. Dessen Entwicklung vom aufgeschlossenen, um Verständigung bemühten Mann zum rassistischen, rechten „Einpeitscher“ ist vielleicht ein wenig oberflächlich, aber alles in allem doch sehr überzeugend entwickelt. Ein gekränkter, sich zurückgesetzt fühlender Mann verkauft seine Seele für ein wenig Aufmerksamkeit an die Extremisten. Dass das gleichzeitig sehr unterhaltsam geschrieben ist, macht das Buch zur klaren Leseempfehlung!

 

Beitragsbild: Frank C. Müller, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Yishai Sarid - Chamäleon.

Yishai Sarid – Chamäleon
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Kein und Aber September 2025, gebunden, 288 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste

Eine sehr unangenehme Situation: Die überbehütende Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri allein mit einem Handwerker, der Reparaturen auf dem Balkon erledigen soll. Uri ist zappelig und quengelig, lässt sich nur durch wiederholtes Stillen beruhigen. Aber das jetzt mit einem fremden Mann im Haus… Ein ganz ungutes Gefühl, denn der Mann ist zudem noch Araber. Naomi ist sich ihrer Vorurteile bewusst und heißt sie auch nicht gut, aber sie sind ja dennoch da. Schnell macht sie dem Arbeiter einen Kaffee, bemüht sich, besonders freundlich zu sein, denn ihre Ängste sind doch völlig unangebracht, oder? Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, in all ihren Büchern eine Meisterin der „menschlichen Abgründe“, entwickelt aus dieser eher alltäglichen Situation das Drama Ungebetene Gäste, das das Leben aller Beteiligten komplett verändern und die Leser:innen bis zum Ende fesseln wird. Weiterlesen „Ayelet Gundar-Goshen – Ungebetene Gäste“

Ayelet Gundar-Goshen – Wo der Wolf lauert

„Ich sehe im Geist diese winzigen Fingerchen, die eines Neugeborenen, und versuche zu begreifen, wie sie zu den Fingern eines Mörders heranwachsen konnten.“ Ein Satz, der seine Leser:innen magnetisch hineinzieht in den neuen Roman der israelischen Bestseller-Autorin Ayelet Gundar-Goshen – Wo der Wolf lauert. Weiterlesen „Ayelet Gundar-Goshen – Wo der Wolf lauert“

David Grossman – Was Nina wusste

Was für eine Geschichte erzählt uns der israelische Schriftsteller David Grossman da in seinem neuen Roman „Was Nina wusste“! Welch einen weiten Bogen spannt er da vom Kibbuz im gegenwärtigen Israel über die nordkroatische Kleinstadt Čakovec vor und während des Zweiten Weltkriegs zur kargen Felseninsel Goli Otok im adriatischen Meer. Dabei macht er noch Stippvisiten an den Polarkreis ins norwegische Tromsø und den Big Apple New York und spannt dazwischen die dramatische, leidenschaftliche Geschichte dreier Frauen – Großmutter, Mutter und Tochter. Weiterlesen „David Grossman – Was Nina wusste“

Eshkol Nevo – Über uns

Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen.  Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel  „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben. Weiterlesen „Eshkol Nevo – Über uns“

Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan - Wir sehen uns am MeerNew York, Tel Aviv und Ramallah sind die Orte des Romans „Wir sehen uns am Meer“, der im Original mal wieder viel zutreffender „Borderlife“ betitelt ist. Denn es sind natürlich die Grenzen, die zwischen diesen Orten bestehen, die das Erzählte prägen. Weiterlesen „Dorit Rabinyan – Wir sehen uns am Meer“