Samuel Selvon – Eine hellere Sonne

Als Samuel Selvons erfolgreichster Roman „The lonely Londoners“ 2017 zum ersten Mal nach seinem Erscheinen 1956 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Taugenichtse“ erschien, war das eine kleine Sensation und wurde von Feuilleton und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen. Der aufgrund seiner Verwendung von kreolischem Straßenslang eigentlich als unübersetzbar geltende Text wurde von Miriam Mandelkow, die auch die Neuausgaben von James Baldwin grandios bearbeitet, in ein originelles Deutsch übertragen. Nun ist ebenfalls bei dtv Samuel der Debütroman von Samuel Selvon „Eine hellere Sonne“ erschienen – und ebenfalls sehr gelungen.

Der 1923 auf Trinidad geborene Selvon gilt neben V.S.Naipaul als zweiter großer Autor des Antillenstaats vor der Küste Venezuelas. Seit 1950 lebte er in London, später (ab 1978 bis zu seinem Tod 1994) in Kanada. Während er in „Lonely Londoners“ auf charmante und dennoch sozialkritische Art das Leben von karibischen Immigranten in der englischen Metropole beschrieb, spielt „Eine hellere Sonne“ noch auf Trinidad.

Tiger und Urmilla

Hier beginnt es mit dem sechzehnjährigen Tiger, der von seinen aus Indien stammenden Eltern traditionsgemäß mit der jungen Urmilla verheiratet wird. Es ist das Jahr 1939, Großbritannien hat Deutschland gerade den Krieg erklärt und die beiden naiven Heranwachsenden werden mit einer Kuh in eine Hütte in Barataria, unweit der Inselhauptstadt Port of Spain, geschickt, um „eine Familie zu gründen“.

Samuel Selvon - Eine hellere Sonne
Trinidad and Tobago. ‚Frederick Street, the main shopping street of the capital, Port of Spain‘ 1950 by The National Archives UK CC0 via Flickr

Das Trinidad der 1940er Jahre ist noch stark spätkolonial geprägt. Die Engländer haben das Sagen, geben gewisse Kompetenzen aber kriegsbedingt an die US-Streitkräfte ab, als die Bedrohungslage wächst. Die Gesellschaft ist stark von Rassen-, Klassen- und Geschlechtszugehörigkeit geprägt. Tiger und Urmilla stehen als „Kulis“, also als Inder, weit unten auf der sozialen Leiter. Tiger verdingt sich zunächst als Zuckerrohrschneider, später als Gemüsebauer. Ihre Nachbarn in Barataria sind Afrokreolen und bewohnen im Gegensatz zu Tiger und Urmilla keine Lehmhütte, sondern bereits ein gemauertes Haus. Joe arbeitet auf dem amerikanischen Stützpunkt und Rita ist eine lebenstüchtige, energische Frau, die Urmilla gleich in ihr Herz schließt und ihr viele Hilfestellungen für den Alltag gibt. Nicht zuletzt auch bei deren erster Entbindung.

Bildungsroman und Aufstiegsgeschichte

Urmillas Kind ist „leider nur“ ein Mädchen. Wie sehr die trinidadische Gesellschaft patiarchal strukturiert war, wird sehr deutlich. Die absolute Unterordnung von Frauen war normal. Gewalt und Alkoholkonsum weitverbreitete Männlichkeitsideale, die beispielsweise auch von jugendlichen Tiger nicht hinterfragt werden.

Wirtschaftlich etwas bergauf geht es, als Tiger Arbeit beim Straßenbau erhält. Die US-Streitkräfte zogen im Norden der Insel einen Highway zwischen zwei ihrer Militärbasen. Und so wird „Eine hellere Sonne“ vom Bildungsroman auch zu einer Aufstiegsgeschichte. Denn Tiger entwickelt zunehmend Ehrgeiz, lernt lesen und schreiben, reicht am Ende gar eine Kurzgeschichte beim Trinidad Guardian ein.

Trotz der Rassen- und Klassenschranken existiert in Barataria eine multikulturelle Community. Die Weißen haben wie überall im Kolonialgebiet ihre Privilegien, geschäftstüchtige Chinesen wie Tall Boy führen die meisten Läden und Wäschereien, aber Selvon liegt daran, zu zeigen dass es mehr auf (auch interkulturelle) Netzwerke als auf stures Festhalten an traditionellen Zugehörigkeiten ankommt. Ganz geschickt beginnt Samuel Selvon seine Geschichte nur mit Tiger und Urmilla und lässt dann kapitelweise immer mehr von dieser Community dazukommen. So lernt man all diese nicht immer sympathischen, aber irgendwie doch liebenswerten Gestalten kennen.

Samuel Selvon - Eine hellere Sonne
West Indians in Britain during the second world war (Public domain) via Wikimedia Commons

Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Modernisierungen auf Trinidad. Zu Beginn jedes Kapitels werden politische und wirtschaftliche Meldungen von Selvon zusammengefasst. Das ist gerade weil Trinidad literarisch für uns europäische Leser*innen ein eher unerschlossenes Gebiet ist, sehr hilfreich. Am Schluss ist der Krieg zu Ende. Für viele ist die Zeit der Migration gekommen. Die USA locken, auch Großbritannien. Für Tiger ist das Ende noch offen. Vielleicht wird er auch zu einem „Lonely Londoner“. Es gibt zumindest einen bereits 1960 übersetzten Roman namens „Turn again, Tiger“, der vielleicht eine Fortsetzung verspricht.

Übersetzung von Miriam Mandelkow

Es wäre schön, wenn da beim dtv-Verlag parallel zu der Widerentdeckung der Werke von James Baldwin auch eine kleine Selvon-Revival-Reihe anlaufen würde. Beide Autoren werden, wie gesagt, wunderbar von Miriam Mandelkow übertragen, die ein außergewöhnliches Gespür für die Schaffung von Entsprechungen sowohl für das Trinidadian Creole als auch für Baldwins Sprache besitzt. Da gibt es ungewöhnliche Satzkonstruktionen und originelle Wortneuschöpfungen, alles mit einem großen Gefühl für den Rhythmus und die Musikalität, die beide Autoren besaßen.

In „Eine hellere Sonne“ von Samuel Selvon kommt dadurch auf sehr überzeugende und keineswegs künstliche Art und Weise, das „Karibische“ hervor, dieses Schweben zwischen Elend/Verzweiflung und Lebensfreude/Spott. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich würde mich über weitere Übersetzungen sehr freuen.

Beitragsbild: by Napafloma-Photographe (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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Samuel Selvon - Eine hellere Sonne.

Samuel Selvon – Eine hellere Sonne
Mit einem Nachwort von Sigrid Löffler
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow 
dtv Literatur Deutsche Erstausgabe August 2019, 256 Seiten, gebunden, 22,00 € 

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