Lektüre März 2025

Meine Lektüre im März 2025 war von einem neuen Leserhythmus geprägt. Da bei mir immer wieder hochinteressante Sachbücher liegengeblieben sind, weil sich Romane vorgedrängt haben, die ich zum größten Teil besprechen möchte – LiteraturReich ist ja in erster Linie ein Literaturblog -, habe ich mir eine und später eine zweite Extra-Lesezeit eingerichtet. Seit Anfang März habe ich mir morgens zum Frühstück Reden von Thomas Mann aus dem Band Deutsche Hörer! vorgenommen und war sehr erstaunt darüber, wie leidenschaftlich und von tiefem Hass gegenüber dem Naziregime der mir doch eher als kühl und pedantisch erschienene Mann dort via BBC seit 1940 an die Deutschen appellierte. Sehr eindrückliche Lektüre, ich glaube ich habe noch nie so viele Markierungen verwendet.

Die zweite zusätzliche Lesezeit für die Lektüre habe ich mir schon seit Anfang 2025 abends vor dem Einschlafen geschaffen. Dort lag vorher die Podcast-Zeit, die besteht immer noch, aber erst nach der (meist leider recht kurzen) Zeit, die ich ausdrücklich Sachbüchern widme. Sind das auch jeden Abend nur 15 oder 20 Seiten, möchte ich die mittlerweile nicht missen, denn Sachbücher geben mir im Moment viel, wobei ich das Genre im März auf Essays, Kolumnen und sogar Anthologien erweitert habe.

 

Wir schon wieder 16 jüdische Erzählungen Herausgegeben von: Dana von SuffrinDana von Suffrin (Hrsg.) – Wir schon wieder

Eine Anthologie mit 16 jüdischen Erzählungen, teils vor, teils nach dem 7. Oktober 2023 entstanden, mal schwelt dieser im Hintergrund, mal beziehen sich die Geschichten direkt auf ihn, mal kommen sie ganz ohne ihn aus. Anwesend ist doch immer. Genau wie, nicht nur in der Geschichte des aus der Ukraine stammenden Yevgeniy Breyger, der russische Angriffskrieg fast überall leise mitschwingt.

Wir leben in einer neuen Zeit, in einer schwierigeren, beänstigenderen Zeit, egal wie sehr wir das verdrängen möchten. Nicht nur das Verhältnis zu den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden steht auf einem nie vorhergesehenen neuen Prüfstand. Alles scheint sich rasend schnell zu verändern. Wie aktuell kann eine solche Anthologie dann bleiben? Die allermeisten der Erzählungen von Autor:innen wie Adriana Altaras, Lena Gorelik, Elfriede Jelinek, Eva Menasse, Slata Roschal und Dana Vowinckel bestehen auch ohne ihren direkten Aktualitätsbezug.

In der Wahl des Genres waren die Beteiligten ganz frei. So entstanden klassische Kurzgeschichten, Essays oder autobiografische Miniaturen.

Dana Vowinckel schreibt über den emigrierten deutsch-amerikanischen Kunsthändler Curt Valentin, der bis 1941 mit „entarteter“ Kunst in den USA handelte, ein Freund Paul Klees war und über den ihre Protagonistin Leah in New York einen Roman schreiben will. Marina Frenk denkt darüber nach, wie schwer ihr der Gebrauch ihrer russischen Muttersprache seit dem Februar 2022 fällt. Dmitrji Kapitelman erzählt in seiner Geschichte „Die 13 toten Nachbarinnen“ vom Mahnmal für die ins KZ Ravensbrück deportierten Frauen vor dem Alten Jüdischen Friedhof in Berlin, das er von seiner Wohnung aus beobachten kann. Auch er hadert mit seiner russischen Muttersprache, will sie sich aber auch als Ukrainischstämmiger nicht nehmen lassen. Herausgeberin Dana von Suffrin steuert eine eigene Geschichte bei, die in der ihr typischen humorvoll-melancholischen Art von der Familie erzählt. Und Slata Roschal fragt sich „Warum denn ausgerechnet Deutschland?“.

16 auf Deutsch schreibende (Ausnahme ist der Text von Ljudmila Ulitzkaja), in Deutschland lebende Autor:innen sind hier versammelt. Ihre Stimmen und Standpunkte sind vielfältig, so wie auch die jüdische Community divers ist. Diese Vielfalt, auch in den Textarten, ist einer der Vorzüge dieser Sammlung jüdischer Erzählungen. Sie sind durchweg bereichernd und lesenswert.

 

Cheema, Mendel - Muslimisch-jüdisches Abendbrot Das Miteinander in Zeiten der PolarisierungSaba-Nur Cheema, Meron Mendel – Muslimisch-jüdisches Abendbrot

Das Miteinander in Zeiten der Polarisierung

Die jüdischen und muslimischen Gemeinden wirken spätestens seit dem 7. Oktober 2023 derart polarisiert, dass eine wirkliche Verständigung selten möglich erscheint. Das gilt für Deutschland und weltweit. Und auch in der breiten Bevölkerung, bei Menschen, die weder den einen noch den anderen Hintergrund besitzen, ist mit Zuspitzung des Nahostkonflikts immer mehr ein Entweder-Oder, eine klare Positionierung auf der einen oder anderen Seite zu finden. Als wäre nicht Dialog die einzige Option, um zu einem stabilen Frieden und einem zukunftsträchtigen Miteinander zu finden. Und als gäbe es überhaupt völlig homogene Gruppen und nur einseitige Positionen. Radikale Identitätspolitik, die oft Diversität auf ihre Fahnen schreibt, diese aber oft selbst nicht gelten lässt, hat in den letzten Jahren nicht unbedingt zu mehr Verständigung beigetragen.

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel sind eigentlich prädestiniert, sich auf entgegengesetzten Seiten zu finden. Die Politologin Cheema ist in Frankfurt geborenes Kind einer strenggläubigen, muslimisch-pakistanischen Auswandererfamilie, Meron Mendel ist in einem israelischen Kibbuz aufgewachsen, säkularer Jude und Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.  Cheema und Mendel führte die Liebe zusammen, das Ehepaar hat mittlerweile zwei Kinder und sieht sich täglich der Frage eines Miteinanders von Juden und Muslimen ausgesetzt. Meistens geschieht das aus ihrer Umgebung heraus, aber natürlich muss auch in ihrer Familie immer wieder verhandelt und Gemeinsamkeiten und Differenzen müssen neu justiert werden.

Die Schwierigkeiten, Möglichkeiten und beglückenden Momente dieses Miteinanders teilen sie ebenso wie gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Deutschland seit Sommer 2021 in ihrer Kolumne „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und nun auch in einer Sammlung so persönlicher wie gesellschaftspolitisch relevanter Beiträge. Einfache Lösungen bieten sie freilich keine, aber jede Menge Gedankenanstöße. Kurzweilig, humorvoll, klug und weitsichtig und deshalb absolut lesenswert.

 

Isabel Bogdan - WohnverwandtschaftenIsabel Bogdan – Wohnverwandtschaften

Nach dem Tod seiner Ehefrau Brigitte ist die Wohnung in Hamburg-Altona für den rüstigen Endsechziger Jörg viel zu groß. Der ehemalige Zeitungsredakteur macht das, was in dieser Altersklasse noch immer viel zu selten versucht wird: Er gründet eine WG. Mit Anke, der mit Mitte 50 auch schon in die Jahre gekommenen Schauspielerin, die immer weniger Engagements bekommt und finanziell deshalb ziemlich klamm ist, und Murat, dem nochmal einige Jahre jüngeren, ursprünglich aus Köln stammenden selbstständigen Softwarespezialisten.

Die sich in ihren Dreißigern befindende Zahnärztin Constanze, frisch getrent und deshalb ohne Wohnung, vervollständigt schließlich das Kleeblatt. So entsteht ein richtiges Mehrgenerationenhaus. Man versteht sich auf Anhieb. Außer ein paar Eifersüchteleien um den sonnigen, charmanten Murat, der sich ein wenig in Constanze verguckt, gibt es wenig Konfliktpotential. Man mag sich, respektiert sich, unternimmt auch einiges zusammen.

Dieses heitere Zusammenleben erzählt Isabel Bogdan ausschließlich in direkter Rede, Dialogen und inneren Monologen. Das ist heiter, locker und mitunter flapsig. Die einzelnen Protagonisten bekommen eigene Kapitel und auch jeweils einen sehr eigenen, leicht zu identifizierenden Ton. Das liest sich gut, hört sich als Hörbuch aber noch viel besser. Die Sprecherstimmen sind hochklassig (Heikko Deutschmann, Katharina Wackernagel, Lavinia Wilson, Serkan Kaya) und machen ihre Sache wirklich hervorragend. Es macht sehr viel Spaß, Ihnen zuzuhören.

Zu Beginn wirkt das Ganze zunächst ein wenig harmlos, dann aber beginnt Jörg immer schusseliger und vergesslicher zu werden. Am Ende der zwei Jahre, die wir die WG begleiten, steckt er bereits tief in der Demenz. Die Mitbewohner sind solidarisch, organisieren ihren Alltag um Jörg herum. Oft sind sie auch ratlos und manchmal verzweifelt, übernehmen aber alle Verantwortung. Das ist ein wenig rosarot gemalt, andererseits aber auch sehr authentisch und vor allem sympathisch geschildert. Und manchmal braucht es auch solcher lichter Utopien. Meine anfängliche Skepsis hat der Roman zumindest im Sturm hinweggefegt und ich habe ihn sehr gern gelesen und noch lieber gehört.

 

Elisabeth Reichart - Komm über den SeeElisabeth Reichart – Komm über den See

Komm über den See erschien bereits 1988, wurde 2001 neu aufgelegt und macht nun zum dritten Mal einen Anlauf, Leser:innen zu gewinnen. Erzählt wird die Geschichte von Ruth Berger, deren Mutter Widerstandes im Dritten Reich leistete und daran zerbrach. Ruth ist ein Kriegskind und ohne Vater aufgewachsen. Die Mutter blieb auch nach ihrer Rückkehr traumatisiert, schwieg wie so viele ihrer Generation.

Nach dem Krieg lebt Ruth als Geschichts-und Englischlehrerin nicht mehr in Wien, da sie dort keine Stelle erhielt, sondern in Gmunden im Salzkammergut. Dorthin hatte ihre Mutter Beziehungen, zum Beispiel zu einer gewissen Anna Zach. Es stellt sich heraus, dass beide Frauen im Widerstand aktiv waren und die Mutter irgendwann gezwungen wurde, Anna zu verraten. Wie reaktionär und geschichtsvergessen die damalige österreichische Schul- und Politiklandschaft gewesen sein muss, zeigt sich, als Ruth Anna als Zeitzeugin in die Schule holen will

Elisabeth Reichart arbeitet mit Rückerinnerungen, Assoziationen und Träumen und zahlreichen literarischen Querverweisen. Der Text macht es den Lesenden nicht leicht, verdient die Lektüre aber unbedingt.

 

Anne Enright - VogelkindANNE ENRIGHT – VOGELKIND

Anne Enright streut immer wieder „seine“ Gedichte zwischen die einzelnen Kapitel, ergänzt durch altirische Lyrik.

Der (fiktive) verstorbene irische Phil McDaragh ist die große Leerstelle, um die das Buch und das Leben seiner zwei Protagonistinnen kreist. Da ist einmal seine Tochter Carmel, die den Verlust schon ihr ganzes Leben spürt, seitdem ihr Vater die Familie Knall auf Fall verlassen hat, um in den USA als gefeierter irischer Dichter zu residieren. Carmel war damals 12, ihrer älteren Schwester Imelda fiel die Pflege der erkrankten Mutter zu. Imelda blieb bis zum viel späterem Tod von Terry an diese gebunden, Carmel hingegen entwickelte sich zu einem unabhängigen, eigenständigen und pragmatischen Menschen. Zu Männern fasste sie allerdings nie viel Vertrauen, zog ihre Tochter Nell später allein groß. Carmel und Nell, die als Ich-Erzählerin Anfang 20 auftritt, erhalten abwechselnd eigene Kapitel, die auch durchaus unterschiedliche Perspektiven auf die Familie und die Welt enthalten und zwischen die immer wieder Gedichte von Phil McDaraghgestreut werden.

Anne Enright schafft für beide Protagonistinnen je eigene, stimmige Sprachen. Das ist auch sehr gut von Eva Bonné übersetzt worden. Das Buch ist in Enrights typischem unsentimental-trocken-komischen Stil verfasst. Klug und sprachlich sehr überzeugend. Dennoch konnte mich das Buch nicht ganz mitnehmen. Die Protagonist:innen blieben mir fremd und meistens unverständlich. Einen wirklichen Zugang zu ihnen konnte mir die Autorin leider nicht verschaffen.

 

Fernando Aramburu - Der JungeFernando Aramburu – Der Junge

Am 23. Oktober 1980 kamen bei einer Propangasexplosion in einer Schule in Ortuella, einer

Kleinstadt unweit von Bilbao, 50 Erstklässler ums Leben. Eine Tragödie, die ins kollektive Gedächtnis einging und die der baskische, in Deutschland lebende Autor Fernando Aramburu als Ausgangspunkt für seinen Roman Der Junge wählt.
Er erzählt von Nicasio, dem Großvater von Nuco, einem der getöteten Jungen, der dessen Tod nicht akzeptieren will, von
der Mutter Mariaje, die alles von ihrem Sohn vernichten will, und vom Vater José-Miguel, der möglichst schnell ein „neues“ Kind mit Mariaje zeugen will. Doch so einfach ist das nicht. Jeder trauert anders.

Fernando Aramburo schreibt einen für ihn ungewohnt schmalen Roman. Als Erzählstimme wählt er eine Person, der Mariaje von der Tragödie und den Folgen für ihre (fiktive) Familie berichtet. Der Roman ist sehr zurückhaltend, schildert den Verlust und das Leid ohne jede Sentimentalität und ohne Pathos. Vielleicht ist durch dieses Schnörkellose, diese respektvolle Annäherung an die Katastrophe die Wirkung auf die Lesenden umso stärker.
Eine weitere Stimme erhält der Text selbst, er reflektiert den Schreibprozess seines Autors, kritisiert diesen mitunter und betont dadurch das Literarische, Fiktive.

 

Mascha Unterlehberg - Wenn wir lächelnMascha Unterlehberg – Wenn wir lächeln

Es sind die Nuller Jahre und Jara und Anto beste Freundinnen, auch wenn sie aus völlig unterschiedlichen Elternhäusern stammen. Die unkonventionelle, selbstbewusste, aus wohlsituiertem Haus stammende Anto und die aus eher bescheidenen Verhältnissen kommende Jara sind wie Schwester, unzertrennlich. Das ändert sich erst, als Jara auf eine andere Schule geht, als ihre Körper sich verändern und die Blicke, vor allem die männlichen, auf sie mit. Druck, sexualisierte Gewalt, Übergriffe, aber auch ein starkes Fixiertsein auf Äußerlichkeiten, darauf, auf die Umwelt begehrenswert und sexy zu wirken. Ein typisches Paradoxon weiblichen Aufwachsens in unserer Gesellschaft. Auch wenn die Freundschaft zwischen Jara und Anto bestehen bleibt, schleicht sich immer mehr Distanz ein, geht ein wenig das Vertrauen verloren. Was beiden gemeinsam bleibt, ist eine unaussprechliche Wut.

Zu Beginn begegnen wir der Ich-Erzählerin Jara und Anto auf einer Eisenbahnbrücke. Zuvor haben die Beiden mit Baseballschlägern Autos zertrümmert. Und nun schleudert Anto ihren Schläger in den Fluss und springt in einer Kurzschlusshandlung hinterher. Jara ist verzweifelt, in Panik, was soll sie tun? In ihrer Zeit auf der Brücke kommen ihr viele kleine Episoden aus ihrer Freundschaft durch den Kopf. Fragmentarisch, rau, authentisch erzählt Mascha Unterlehberg vom Aufwachsen junger Frauen. Sprachlich unspektakulär und vielleicht an ein eher jüngeres Lesepublikum gerichtet, blieben mir die Protagonistinnen  fremd. Als intensive Freundschaftsgeschichte ist Wenn wir lächeln aber durchaus zu empfehlen.

 

Jurica Pavičić - Mater dolorosaJurica Pavičić – Mater dolorosa

Wie schon in Blut und Wasser steht auch in Mater dolorosa nicht das Verbrechen und sein Täter im Mittelpunkt, auch geht es nicht in erster Linie um Ermittlungsarbeit und Aufklärung. Die Auswirkungen der Tat auf die Menschen, die direkt oder indirekt in das Geschehen involviert sind, und die soziokulturelle Umgebung, in der sie passiert, interessieren den kroatischen Autor deutlich mehr.

Eine junge Frau, Tochter eines einflussreichen Mannes, wird nach einer Clubnacht tot in einem verlassenen Fabrikgebäude gefunden. Weder die Tat selbst noch die Beweggründe des Täters, der den Leser:innen schon früh präsentiert wird, werden genau beschrieben. Drei Personen – der Kommissar Zvone, die Mutter und die Schwester des Täters – erhalten die Erzählperspektiven. Die beiden letzteren, aber eigentlich auch der Polizeibeamte ahnen früh, wer der Mörder war. Während die Mutter ihren geliebten Sohn aber innerlich verteidigt, zweifelt die Schwester, ist hin und her gerissen zwischen Solidarität und liebevollen Erinnerungen an den kleinen Bruder auf der einen und Verantwortung und Abscheu vor der Tat auf der anderen Seite. Wieder ein sehr überzeugender Roman von Jurica Pavičić, den ich allen Krimifreund:innen sehr ans Herz lege.

 

Christine Wunnicke - WachsChristine Wunnicke – Wachs

Historische Romane sind gern opulent, faktenreich, sinnlich und seitenstark. Es sei denn, sie stammen von Christine Wunnicke. Dann sind sie schmal, glänzend recherchiert und geschrieben und befassen sich mit eher skurrilen historischen Ereignissen und Figuren.

Wachs erzählt von zwei Frauen, die historisch verbürgt und sogar einigermaßen berühmt sind. Es handelt sich einmal um Marie Marguerite Bihéron, die von 1719 bis 1795 in Paris lebte und eine anerkannte Meisterin der Anatomie war. Sie obduzierte Leichen und stellte Wachsmodelle von Organen oder ganzen Körpern her.

Die Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte ist die zweite Protagonistin des Romans und 18 Jahre älter als Marie. Die beiden Frauen verband eine tiefe Freundschaft und sie lebten zusammen. Ob sie tatsächlich ein Liebespaar waren, ist nicht bekannt. Basseporte starb schon 1780, am Ende des Ancien Régimes.

Von Kindheit und Jugend Marie Bihérons springt die Erzählung immer wieder ins Jahr 1793. Die französische Revolution ist da im vollen Gange und es beginnt die Terrorherrschaft der Guillotine. Marie ist alt und gebrechlich und lebt mit ihrem Ziehenkel Edmé, der sie pflegt und versorgt, zusammen. Mit ihnen bekommen die Leser:innen einen tiefen, sinnlichen, manchmal auch drastischen Blick in das revolutionäre Paris präsentiert. Ein kunstfertiges, sehr schön zu lesendes kleines Buch.

 

Thomas Mann - Deutsche Hörer!Thomas Mann – Deutsche Hörer!

Zwischen 1940 und Kriegsende richtete sich der im kalifornischen Exil lebende Thomas Mann via BBC in mehr als 50 Reden an ein deutsches Publikum. Wieviele Menschen diese auf abenteuerlichen Wegen übermittelten flammenden Anti-Nazi-Plädoyers an das deutsche Volk tatsächlich hören konnten – wenn dann unter Lebensgefahr – ist mir nicht bekannt. In vielen von ihnen bewies Mann eine große Klarsicht und Kenntnis über die Vorgänge in Europa, in manchen Annahmen irrte er leider sehr. Beispielsweise darin, dass das deutsche Volk seine Befreiung in weiten Teilen herbeisehne und ihm und den anderen exilierten Mahnern am Ende dankbar sein würden. Das Kriegsende bescherte eine herbe Enttäuschung, wollten doch viele Deutsche nichts von den „Verrätern“ wissen, zeigten sich mehr als zaghaft in der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen und zoge Verdrängung und Leugnung vor.

Mely Kiyak steuert ein kluges Vor- und Nachwort bei. Und ich bin zutiefst überrascht von der großen Verve und Leidenschaft, die der mir bisher immer eher kühl und pedantisch erschienene Autor in seine „verzweifelten, glühenden humanistischen Appelle“ hineinlegte. Ich werde mich noch intensiv mit diesen Reden und ihrem Autor auseinandersetzen, schließlich ist 2025 großes Thomas-Mann-Jahr. Ein ausführlicher Beitrag (oder auch mehrere) folgt/folgen.

 

Taffy Brodesser-Akner - Die Fletchers von Long IslandTAFFY BRODESSER-AKNER – DIE FLETCHERS VON LONG ISLAND

Carl Fletcher wird eines Tages vor seiner Haustür entführt, fünf Tage festgehalten und gequält, gefoltert, bedroht. Nach Zahlung eines Lösegelds wird er freigelassen. Doch was bedeuten diese fünf grauenvollen Tage nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie, seine Freunde. Hilft das Mantra seiner Mutter Phyllis „Das ist nur deinem Körper passiert. Das ist nicht dir passiert.“ Die Fletchers bleiben steinreich, mächtig, erfolgreich. Doch allen hängt das Ereignis ein Leben lang nach. Carl sowieso, der trotz äußerlichem Funktionieren nie wieder richtig Tritt fast im Leben. Aber auch seiner Frau Ruth, die so pragmatisch und kühl, manchmal gar lieblos erscheint. Auch die toughe Großmutter, die zwei kleinen Söhnen und sogar die noch ungeborene Tochter müssen damit umgehen. Das gelingt ihnen mal mehr, aber häufiger noch weniger gut. Und auch Dynastien sind oft nur auf Sand gebaut.

Eine jüdische Familiengeschichte, oft ironisch, manchmal schreiend komisch, nachdenklich und berührend. Sehr guter Lesestoff mit einem etwas merkwürdigen Ende, das mich nicht wirklich überzeugt hat und den sehr positiven Leseeindruck dann doch etwas zerstört hat. Bis dahin aber gibt es 500 Seiten großes Lesevergnügen.

 

 

Ein Gedanke zu „Lektüre März 2025

  1. Thomas Mann mit dem tollen Vor- und Nachwort von Mely Kiyak mochte ich auch sehr und „Wachs“ möchte ich auch gerne lesen 🙂
    Ganz liebe Grüße, Sabine

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