Lektüre September 2025

Im September war ich sehr oft unterwegs. Es gab einige literarische Termine. So war ich Anfang des Monats in Berlin, um beim LCB-Sommerfest am Wannsee 75 Jahre Suhrkamp Verlag zu feiern. Mitte des Monats ging es dann nach Südtirol, um im Marmorstädtchen Laas dem Franz Tumler Literaturpreis zu folgen. Das war ein ganz außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ende des Monats hatte ich dann das Vergnügen eine Woche lang die Wiesbadener Literaturtage, kuratiert vom tschechischen Autor Jaroslav Rudiš, zu begleiten. Auch das eine ganz großartige Veranstaltung. Dennoch habe ich auch im September 2025 einiges gelesen und gehört, das ich euch gerne hier vorstellen möchte.

 

Marko Dinic - Das Buch der GesichterMARKO DINIC  DAS BUCH DER GESICHTER

Marko Dinić hat mit Das Buch der Gesichter ein gewaltiges Buch geschrieben, eines, das manches Mal schier überwältigt, das fordert und zeitweise überfordert. Ich lasse mich sehr gern fordern, auch Überforderung halte ich streckenweise aus. Und die Konstruktion, einen Tag, einen ganz besonders abscheulichen Tag, nämlich den, an dem Serbien im Juni 1942 vom Befehlshaber der Sicherheitspolizei stolz als „judenfrei“ erklärt wurde, in acht auch stilistisch sehr unterschiedlichen Kapiteln mit wechselnden Perspektiven zu erzählen, finde ich toll und streckenweise auch sehr gelungen. Dennoch fällt mein Gesamturteil zum Buch ziemlich durchwachsen aus, habe ich weite Strecken nur quergelesen, konnte ich mich mit manchen Erzählstimmen einfach nicht anfreunden.
Also Bewunderung für die Ambition, großes Interesse für Thema und Umsetzung, aber es funkte dennoch nicht. Der Roman war für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert, was ich durchaus verstehen kann. Auch auf meine persönliche Shortlist hat er es leider nicht geschafft.

 

Anja_Kampmann - Wut ist ein heller SternANJA KAMPMANN – DIE WUT IST EIN HELLER STERN

Anja Kampmanns Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ ist einer der Romane, die ich unbedingt zumindest auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gesehen hätte.
Handlungsort ist die Hafenstadt Hamburg in den 1930er Jahren, die Handlungsort ist. Auch hier treten die braunen Horden immer ungenierter auf. Das bekommen alle Einwohner immer deutlicher zu spüren, auch die Künstler:innen der etwas zwielichtigen Etablissements, die ärmlichen Stuben der Arbeiterviertel, die Frauen in den Bordellen.

Viel zu wenig thematisiert werden nach wie vor die Repressalien und die Verfolgung, die beispielsweise die Prostituierten, Tänzerinnen und Akrobatinnen der Reeperbahn erleiden mussten, generell Frauen, deren „Lebenswandel“ nicht in die nationalsozialistische Ideologie passte. Die eigenwillige, subjektive, sehr lebendige Stimme der Akrobatin Hedda führt durch den Roman. Nicht auffallen, sich wegducken in den neuen Zeiten, vielleicht doch noch davonkommen. Für ihren körperbehinderten kleinen Bruder Pauli.
Die schillernden Figuren sind es neben der intensiven, besonderen Sprache von Kampmann, die auch Lyrikerin ist, die den besonderen Reiz des Buchs ausmachen. Keine von ihnen ist eindimensional.

Die Wut ist ein heller Stern ist ein wirklich großartiges Buch, komplex, mit einer besonderen Sprache. Die sehr musikalische, dabei aber präzise Sprache schafft eine intensive Atmosphäre und einen starken Sog. Auch wenn es nirgends ausgesprochen wird, liegt der Aktualitätsbezug stets vor Augen. Die Bedrohung einer liberalen Welt, der Untergang einer Demokratie, Verlust von Toleranz und Freiheit – wer könnte sagen, das wäre allzu fern.

 

Ursula Krechel - Vom Herzasthma des ExilsUrsula Krechel – Vom Herzasthma des Exils

Georg-Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel widmet sich in ihrem Essayband Vom Herzasthma des Exils den Themen Exil und Migration, und beleuchtet, wie unterschiedlich beide Begriffe, die eigentlich das Gleiche oder zumindest Ähnliches umschreiben, wahrgenommen werden. Wie positiv wir in der Regel Exil-Autor:innen, Exil-Politiker:innen etc. gegenüberstehen, und wie abschätzig man von beispielsweise von „Flüchtlingswelle“ spricht. Dabei blickt sie historisch zurück bis zu den Fluchtbewegungen als Folge der französischen Revolution und zeigt, dass Migration ein steter Bestandteil der Weltgeschichte war und ist.

Auch die Exilanten der NS-Zeit, wurden nirgendwo mit offenen Armen empfangen wurden. Und wurden auch im Nachkriegsdeutschland misstrauisch beäugt. Von Thomas Mann leiht sie sich denn auch den Titel des Bandes. Die Autorin versammelt in ihrem Essayband Gedanken, die auch heute wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden sollten. Sie setzt sich auch mit Begriffen wie „Remigration“ auseinander, greift sowohl eigene Lektüreerfahrungen als auch Statistik-Zahlen auf. Ursula Krechel setze den „Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer Literatur entgegen“, heißt es in der Begründung der Büchner-Preis-Jury. Schon allein deshalb sollte Vom Herzasthma der Literatur unbedingt viele Leser:innen finden.

 

Jina Khayyr - Im Herzen der KatzeJina Khayyer – Im Herzen der Katze

2022 wurde die kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschāb-Gesetz von der iranischen Sittenpolizei festgenommen und durch Schläge tödlich verletzt worden. Ihr Tod löste eine riesige Protestwelle aus, die die Erzählerin auch wegen des gleichen Vornamens des Opfers stark bewegt. Ihre Schwester und andere Famlienmitglieder leben noch im Iran, während die Erzählerin das Land nur von Besuchen kennt. Sie erinnert sich an eine Reise, die sie mit der Schwester und einer als Mann lebenden einheimischen Fahrerin ins Herz der Katze, womit nach seiner abstrakten Form das Land gemeint ist, führt. Eine Liebelei zwischen der Erzählerin und der Fahrerin bahnt sich an, gefährlich in einem Land wie dem Iran. Dicht und berührend erzählt.

 

lina-schwenk-blinde-geisterLina Schwenk – Blinde Geister

Für Ich-Erzählerin Olivia und ihre ältere Schwester Martha sind die Stunden, Nächte, Tage, die sie mit ihren Eltern Karl und Rita im „Keller“ verbringen müssen, fast schon normal. Dort hat der Vater einen Schutzraum eingerichtet, versorgt mit allem, was man zum Überleben so braucht, von Wasser und Lebensmitteldosen bis zum Transistorradio und Kerzen. Und so zieht die Familie immer wieder für kurz oder länger hier ein. Immer dann, wenn sich die politische Lage „Draußen“ verschärft, wie beispielsweise während der Kubakrise 1962, oder wenn den Vater die Angst vor „dem Russen“ überwältigt.

Tief traumatisiert ist Karl, nachdem er aus dem Krieg von der Ostfront zurückgekehrt ist. Was hat er dort erlebt? Als Opfer? Als Täter? Der Text schildert das wie vieles andere nicht explizit aus. Etwa die Erlebnisse von Rita und ihrer Mutter auf der Flucht. Die Eltern sind psychisch angegriffen, die Familie im permanenten Alarmzustand. Eine Weile lang ist das spannend für die Kinder. Aber Olivia schleppt diese Last ihr gesamtes Leben mit sich. Eindringlich, dicht, behutsam erzählt Lina Schwenk in ihrem Roman von einer Familie, in der die Lasten der Kriegstraumata noch über die Generationen hinweg präsent sind. Dass sie bereits mit ihrem Debütroman Blinde Geister auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, ist sehr zu begrüßen und dem Buch viele, viele Leser:innen zu wünschen.

 

Margot Friedländer mit Malin Schwerdtfeger – Versuche, dein Leben zu machen

Welch wunderbaren Menschen die Welt am 09. Mai 2025 verloren hat, als die Shoah-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren verstarb, wird bei der Lektüre ihrer Lebenserinnerungen nochmal deutlich. Die 1921 in Berlin geborene Jüdin konnte 1943 in Gegensatz zu ihrer Mutter und ihrem Bruder der Deportation entgehen und tauchte für über ein Jahr unter. Im April 1944 wird sie verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Versuche, dein Leben zu machen hatte ihr die Mutter auf den Weg gegeben. Rückblicken erzählt sie von der glücklichen Kindheit, der Zeit des Untertauchens, ihren Helfer:innen, aber auch von denen, die jede Hilfe verweigerten – und zwar unabhängig von Nationalität oder Religion. Bewegend und eindringlich besonders auch als Hörbuch, das die hochbetagte Margot Friedländer selbst eingelesen hat.

 

Fikri Anil Altintas - Zwischen uns liegt AugustFikri Anil Altintas – Zwischen uns liegt August

Auf drei Zeitebenen erzählt Fikri Anıl Altıntaş in seinem zweiten Roman von seiner Mutter Mürüvvet, die unheilbar an Baucgspeicheldrüsenkrebs erskrankt ist und schließlich daran auch stirbt, und von seiner Beziehung zu ihr. Da ist einmal die direkte Gegenwartsebene, in der sich die Familie um die Mutter versammelt, um noch einmal – ein letztes Mal – ihren Geburtstag zu feiern. „An der Lahn“ sind diese Kapitel benannt und umfassen nur diesen einen Tag, versehen mit Uhrzeiten, von 11:47 Uhr bis 18:43 Uhr. In einer zweiten Zeitebene begeben wir uns zurück in die Zeit der Diagnosestellung und der Krebstherapie, in eine Zeit der verzweifelten Hoffnung, in der die Familie zusammenrückt. Die dritte Zeitebene führt in die Jugend der Mutter, in ihre Zeit in Aydin, einer Stadt nahe Izmir in der Westtürkei.

Über Mürüvvets Gefühle, ihre geplatzten Träume und unerfüllten Sehnsüchte sich niemals Gedanken gemacht zu haben, sie immer nur als Mutter gesehen zu haben – das verursacht beim Erzähler nun im Angesicht ihres Todes Schuldgefühle. So verfasst er eine „Liste der unbequemen Wahrheiten“, befragt sich und seine Rolle als Sohn. Er tut dies in diesem sehr persönlichen, emotionalen Buch, in dem er seine Mutter direkt anspricht. Mit Zwischen uns liegt August hat Fikri Anıl Altıntaş erneut einen berührenden Familienroman geschrieben.

 

kutscher-menschik-westendVolker Kutscher/Kat Menschik – Westend

Volker Kutschers grandiose Krimiserie um den Berliner Kommissar Gereon Rath, angesiedelt im Berlin der Jahre 1929 bis 1938, ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Zum Abschied „schenkt“ uns der Autor ein ganz besonderes kleines Büchlein. Schon zweimal hat er mit der Illustratorin Kat Menschik ein schmales, wunderbar bebildertes Ergänzungsbändchen geschaffen. Moabit war eine Art Prequel, Mitte erzählte nochmal ergänzend von den Begebenheiten rund um die Olympiade 1936 und Westend nun erzählt uns, was mit den von den Leser:innen so geliebten Hauptprotagonisten der Rath-Romane nach 1938 geschehen ist.

Ich mag eine solche „Nachlese“ in den meisten Fällen als Schluss von Romanen nicht besonders. Hier als kleinen Extraband finde ich das wunderbar. Vielleicht auch, weil Volker Kutscher dafür ein besonderes Format gewählt hat, nämlich verschriftlichte Tonbandaufzeichnungen. Und ganz bestimmt, weil Kat Menschik sie wieder herrlich farbintensiv illustriert hat (dieses Mal in herbstlichenOrangetönen, wie passend). Ein würdiger Abschluss für die vielleicht beste historische Krimireihe aus Deutschland (und darüber hinaus).

 

Daniela Dröscher - Junge Frau mit KatzeDaniela Dröscher – Junge Frau mit Katze

Daniela Dröschner ist eine tolle, sehr sympathische Autorin. Ihren Roman Die Lügen meiner Mutter habe ich sehr gemocht. Mit diesem neuen Text bin ich (aus vielleicht persönlichen Gründen) so gar nicht warm geworden. Eine Buchbesprechung lasse ich in diesem speziellen Fall lieber sein.

 

 

 

Bettina Flitner - Meine mutterBettina Flitner – Meine Mutter

Nach „Meine Schwester“ hat die Fotografin Bettina Flitner ein Buch über ihre Mutter geschrieben. Auch sie hat, wie diese und weitere Familienmitglieder Suizid begangen. Beide Bücher sind nicht nur sehr berührend, sondern auch literarisch großartig. Eine ausführliche Besprechung folgt in Kürze.

 

 

 

Siân Hughes - PerlenSîan Hughes – Perlen

Eine Frau kehrt mit ihrer Tochter Jahr für Jahr zurück zu „The Wakes“, einer Art Kirmes in ihrem alten Heimatdort in der englischen Grafschaft Chesire. Marianne erinnert sich dabei schmerzlich an den großen Verlust, der ihre Kindheit und Jugend traumatisierte, sie zu Essstörungen, Selbstverletzung, Drogenkonsum führte. Als sie acht Jahre alt und ihr Bruder Joe gerade geboren war, verschwand ihre Mutter eines Tages und wurde nie gefunden. Hat die eigenwillige, der Naturmagie und den Büchern zugewandte Margret ihre Familie verlassen? Hat sie Selbstmord begangen? Ein Unfall oder gar ein Verbrechen? Ihr Leben lang quält sich Marianne, leidet unter dem Verlust, fühlt sich schuldig.

Sie lebt zurückgezogen, erst als sie selbst Mutter wird, versucht sie zu ergründen, was für ein Mensch ihre Mutter war. Das „alte Haus“, das der mit zwei Kindern überlastete, aber bemühte Vater verließ, alte Bücher, Düfte, Dinge, die an die Mutter erinnern, das mittelenglische Gedicht „Pearl“, das die Mutter so liebte. Assoziativ, nicht chronologisch setzt sich ein Bild der Mutter, der Familie, ihrer Beziehungen zusammen. Manchmal ein wenig zu sehr aufgeladen, aber intensiv wird über Verlust, Schweigen, Trauer erzählt. Vielleicht habe ich zuletzt zu viele solcher stets eng um die Erzähler:innen kreisenden Texte gelesen, von verschwundenen Müttern (seltener Vätern) gehört – wirklich packen konnte mich der für den Booker Prize 2023 nominierte Roman jedenfalls nicht.

 

 

 

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