Schiraz, Iran, im Herbst 2022. Nach dem Tod der 22-jährigen, kurdischstämmigen Mahsa Amini, die wegen eines falsch getragenen Kopftuchs von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt wurde, flammten im ganzen Land Unruhen auf, versammelten sich die Menschen zu riesigen Demonstrationen. Jin, Jiyan, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – heißt die Parole seitdem. Obwohl das Mullah-Regime in aller Härte reagierte, schwelt der Aufstand bis heute. Die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer hat unlängst einen Roman zu dem Thema veröffentlicht, den ich auch sehr empfehlen kann: Im Herzen der Katze. Auch die Franko-Kanadierin Delphine Minoui, die als Auslandskorrespondentin für Le Figaro arbeitet, hat dazu einen Text verfasst, Badjens. Anders als Khayyer wählt sie die Innenperspektive einer jungen Iranerin.
Aufmüpfig
Zahra ist 16, nennt sich Badjens – „nicht akzeptabel“ oder im Alltagspersischen „aufmüpfig“. Dabei brodelt ihre Wut bisher nur unter der Oberfläche, ist sie äußerlich – notgedrungen – angepasst. So wie es ihr die Umgebung beigebracht hat. Die Großmutter, die die alten Traditionen verbissen verteidigt, die Mutter, die ihr heimlich Bücher von Simone de Beauvoir und Hannah Arendt zusteckt, aber sich auch nur im Stillen mit ihr solidarisiert. Badjens ist „nur“ ein Mädchen. Als das beim 3D-Ultraschall in der Klinik eindeutig feststeht, entschuldigt sich nicht nur die Geburtshelferin tausendmal gegenüber dem Vater, dem Großvater und den Onkeln, die neugierig über das Gerät gebeugt stehen, sondern der Großvater versucht sofort, eine Abtreibung zu organisieren. Diese findet nur nicht statt, weil sie ihm schließlich doch zu teuer käme. Badjens hat das nicht gewollte Geschlecht. Und das bekommt sie täglich zu spüren. Für den Vater ist sie „der Fehler“. Unfassbar, diese Co-Existenz von modernsten 3D-Ultraschallgeräten und dieser mittelalterlichen Misogynie.
Repressionen, Zurücksetzungen, Demütigungen bestimmen Badjens Leben fortan. Als einmal in der Wohnung der Familie ein Feuer ausbricht, muss sich die Vierjährige selbst in Sicherheit bringen. Ihre Familie hat sie bei ihrer Flucht schlicht „vergessen“. Als sie ein älterer Cousin sexuell missbraucht, traut sie sich erst viel später, ihrer Mutter davon zu erzählen. Natürlich wird der Vorfall vertuscht.
Wut
Da ist viel Wut in Badjens, so wie vermutlich in vielen, vielen Iranerinnen. Frau, Leben, Freiheit – von einer breiten Bevölkerung unterstützt protestieren sie, schneiden sich öffentlich die Haare ab, verbrennen ihre Kopftücher. So auch am 20. September 2022 die 16-jährige Nika Shakarami, die auf einem Müllcontainer stehend, Hidschabs anzündet. Kurze Zeit später ist die junge Frau tot. Die Todesumstände sind unklar. Dass die Sittenpolizei dahintersteckt, allen klar. Nika ist seitdem wie Mahsa Amini eine Symbolfigur der weiblichen Widerstandsbewegung gegen das iranische Regime.
Sie ist auch das Vorbild für Badjens. Und mit der Szene auf dem Müllcontainer beginnt Delphine Minoui ihren fesselnden Roman. In der Du-Perspektive, drängend, fast stakkatoartig verfolgen wir, wie die Menschenmenge die junge Frau anspornt. Dabei zieht in einer Rückblende ihr bisheriges Leben an ihr vorbei. Wir bekommen das in der Ich-Perspektive erzählt. Die Schluss-Sequenz schaltet dann wieder in den „Live-Modus“ und in die Du-Perspektive. So wird ein stimmiger Rahmen gebildet.
Delphine Minoui, die selbst iranische Wurzeln hat, sprach für Badjens mit jungen Iranerinnen und verfolgt deren Beiträge bei Social Media. Der innere Monolog der Protagonistin ist authentisch und wütend. Badjens ist ein aufrüttelndes, bewegendes Zeugnis und fordert unsere Solidarität mit den mutigen Iranerinnen. Jin, Jiyan, Azadi!
Beitragsbild by Pirehelokan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Delphine Minoui – Badjens
Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet
Orlanda September 2025, 142 Seiten, gebunden, € 21.00







