Einige Kritiker:innen haben Lena Schättes für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominierten Roman als einen Suchtroman bezeichnet. Und tatsächlich gibt es hier eine ganze Ahnenreihe von Abhängigkeiten, in erster Linie vom Alkohol. Der Großvater erfror einst im Schnee, in den er volltrunken gefallen war, der Vater ist schwer alkoholabhängig und wird relativ früh an den Folgen dieser Sucht sterben, der Pfarrer säuft und auch der Freund und die Ich-Erzählerin selbst trinken viel zu viel. Sie alle trinken, um „das Leben auszuhalten“ – eine Forderungen, seine Demütigungen, seine unerfüllten Hoffnungen. Keiner der Betroffenen wird als gewalttätig oder verachtenswert beschrieben. Es ist kein Buch der Abrechnung, der Vorwürfe, der Rache, sondern eher ein Buch der Liebe. Besonders zum Vater. Aber es ist eben auch ein Buch über das Fatale der Sucht und über Co-Abhängigkeit.
„Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als Danke und Bitte zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet. Dass Männer, die Bier trinken, harmlos sind. (…) Aber sie bringt uns auch bei, dass alles in Ordnung ist, solange sie nur am Wochenende trinken. Nur wer wochentags trinkt, ist süchtig. Und sie bringt uns bei, dass eine Frau immer Fluchtgeld haben muss.“
Sachlich, nüchtern, ganz ohne Pathos, aber mit viel Empathie und Ambivalenz erzählt Lena Schätte von einem Leben mit Alkoholsucht, wie diese immer mehr fordert, wie sie die Familie, besonders die Kinder auch ganz ohne Gewalt und Elend traumatisiert. Sie tut das in kurzen Abschnitten, deren nicht-chronologische Anordnung mir manchmal nicht ganz schlüssig war. Was aber den tiefen Eindruck, den dieses Buch hinterlässt, kaum schmälert.
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Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters
S. FISCHER März 2025, gebunden, 192 Seiten, € 23,00







