Gael Faye – Jacaranda

Der Jacaranda-Baum, der ein wahres Meer an lavendelblauen Blüten trägt, ist nicht nur Titelgeber für den neuen, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman von Gael Faye, sondern auch ein Dreh- und Angelpunkt des Textes. In seine Krone flüchtet sich das ruandische Mädchen Stella, wenn der Kummer mal wieder zu groß wird, ihre Mutter Eusébie zu abweisend ist oder sie einfach mal ihre Ruhe haben möchte. Als er irgendwann gefällt wird, um modernen Mietwohnungen Platz zu machen, gerät Stella in eine tiefe psychische Krise. Und schließlich ist der Baum auch ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens, des Schmerzes – wovon sich nicht nur Eusébie, sondern mit ihr ein Großteil der ruandischen Bevölkerung befreien möchte. Doch von vorne.

Milan ist zu Beginn, im Sommer 1994, zwölf Jahre alt. Er lebt mit seinem französischen Vater und seiner ruandischen Mutter in Versailles bei Paris. Seit Wochen beherrschen die Nachrichten über den Genozid in Ruanda auch die französischen Medien. Zwischen April und Juli 1994 wurden in Ruanda geschätzt 1 Milllion Menschen getötet, 75% der nicht geflohenen Tutsi-Bevölkerung wurden von der Hutu-Mehrheit regelrecht massakriert. Doch die Mutter Venancia schweigt. Sie hat noch nie viel über ihr Heimatland, aus dem sie bereits 1973 vor Verfolgungen geflohen ist, erzählt. Alle Nachfragen ihres Sohns hat sie abgewiesen. Und auch jetzt gibt sie ihm keine Erklärungen. Eines Tages steht ein kleiner Junge, Claude, in der Wohnung, sichtlich traumatisiert. Laut Venancia ein Verwandter aus Ruanda. Doch Claude bleibt nur kurz. Sein Auftauchen und Verschwinden bleiben unkommentiert.

Eine Reise nach Ruanda

Vier Jahre später reist Milan auf sein intensives Drängen hin mit der Mutter nach Ruanda. Er lernt nicht nur seine unbekannte Großmutter kennen, sondern auch eine alte Freundin der Mutter, Eusébie, ihre kleine Tochter Stella und deren Großmutter Rosalie. Und er trifft Claude wieder und erfährt, dass er nicht irgendein Verwandter, sondern der Halbbruder seiner Mutter ist. Die beiden freunden sich wieder an und verbringen viel Zeit miteinander. Zum Beispiel bei Sartre, der in seinem Haus obdachlose Genozid-Waisen aufgenommen hat, um die er sich kümmert, und wilde Pogo-Partys feiert. Milan erhält auch einen Einblick in die Grausamkeiten, die vier Jahre zuvor im Land tobten. Und wie sehr die Gesellschaft darüber in Schweigen verfallen ist. Wie seine Mutter.

2005 kehrt Milan erneut, diesmal allein nach Ruanda zurück, 2010 dann erneut, um zu bleiben. Seine Jura-Prüfung hat er gerade nicht bestanden – die Prüfer fanden, dass seine Arbeit zum Thema in Ruanda mehr eine Erzählung als eine juristische Arbeit sei. Milan taucht immer mehr in die ruandische Gesellschaft ein, erfährt immer mehr über den Genozid, verfolgt die Aufarbeitung der Verbrechen in den sogenannten Gacaca-Gerichten (Wiesengerichte), in denen Nachbarschaften und Dorfgemeinschaften selbst Verhandlungen abhalten. Die Besonderheit und Ungeheuerlichkeit des ruandischen Genozids bestanden auch darin, dass er unter Nachbarn, Freunden, ja sogar innerhalb von Familien tobte. Von der Hetze gegen die ethnischen Tutsi aufgestachelt töteten nicht nur Armee und Polizei, sondern auch große Teile der Zivilbevölkerung Menschen, mit denen sie zuvor jahrelang friedlich zusammengelebt hatten.

Die Wurzeln des Genozids

Das Gift der Spaltung in Hutu und Tutsi hat seine Wurzeln in der belgischen Kolonisation Ruandas. Die Kolonialherren begannen – völlig willkürlich – Maßstäbe anzulegen, wer der einen und wer der anderen Bevölkerungsgruppe zugewiesen wurde. Tutsis – schlank und schlau. Hutus – klein, gedrungen und faul. Die Belgier führten auch die Dokumentierung dieser willkürlichen „Ethnizität“ im Pass ein, was 75 Jahre später die Verfolgung der Tutsis erleichterte.

Diese Vergangenheit zu bewältigen, ist nach dem anfänglichen gesellschaftlichen Schweigen so schwierig wie notwendig. Nach dem Genozid erlebte das Land einen enormen Aufschwung und gilt heute als eines der stabilsten des afrikanischen Kontinents. Starkes wirtschaftliches Wachstum und eine Modernisierung sind auch der jungen Bevölkerung zu verdanken – 60-70% sind nach 1994 geboren. Für sie sind die damaligen Ereignisse Geschichte. Aber am Beispiel von Milan und noch stärker an der 1998 geborenen Stella zeigt Gael Faye, wie belastend das Schweigen der Älteren sein kann. Stella besitzt Kassetten von ihrer Urgroßmutter Rosalie, die aufgezeichnet haben, was diese ihr bis zu ihrem Tod mit biblischen 115 Jahren über die ruandische Vergangenheit erzählt hat. Und auch für Gael Faye ist das Erzählen über die Vergangenheit und den Genozid notwendig, gerade für die junge Generation, die oft, obwohl nachgeboren, posttraumatisch belastet ist. Da die Gesellschaft aber nicht darüber reden will, kommt der Literatur seiner Meinung nach eine besonders wichtige Rolle zu. Seine beiden Romane übersetzt er deshalb gerade vom Französischen in Kinyarwanda, die Nationalsprache Ruandas.

Erinnern oder Schweigen

Erinnern ist aber auch zweischneidig. So befreiend es für die einen ist, kann es bei den anderen alte Wunden aufreißen. Das ist so bei Claude, als er erfährt, wer seine Familie getötet hat. Stella wiederum erfährt, dass sie vier Halbgeschwister hatte, die genauso wie Eusébies Mann zu den Opfern des Genozids gehören. Vorübergehend waren sie unter dem Jacaranda-Baum beerdigt, was ihn zu einem stummen Zeugen der Verbrechen und einem Ort des Erinnerns und Gedenkens macht.

Gael Fayes Buch ist sprachlich sehr zugänglich, enthält viele Dialoge und liebenswerte, wenn auch durchaus ambivalente und komplexe Charaktere. Er erzählt sehr differenziert und empathisch, vermeidet auch bei Gewaltschilderungen jede voyeuristische Neigung. Seine Sprache reift zudem mit dem Charakter Milan. Bereits sein Debütroman Kleines Land über eine Kindheit in Burundi während des Genozids im Nachbarland hat mich völlig begeistert. Und auch Jacaranda gehört erneut zu den eindrücklichsten, gelungensten Romanen, die ich in letzter Zeit lesen durfte.

 

Beitragsbild CC0 via Pxhere

 

Gael Faye - Jacarandax

Gael Faye – Jacaranda
Übersetzung von Andrea Alvermann und Brigitte Große
Piper August 2025, 272 Seiten, Hardcover, 24,00 €

 

 

 

 

 

 

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