Das Jahr 2025 ist Geschichte, aber so manche Lektüre aus dem Dezember nehme ich noch mit in den Januar. Alles rechtzeitig zu besprechen ist mir nicht ganz gelungen. Aber ich habe aufgeholt. Ein sehr (literarisch) turbulente Jahr mit sehr vielen Veranstaltungen, Reisen und Projekten ließ mir manchmal nicht genügend Zeit, alles gleich zu dokumentieren, zu besprechen, vorzustellen. Ich hoffe dennoch, euch übers Jahr einen guten Einblick in die aktuellen Buchneuerscheinungen gegeben zu haben.
Bevor es Mitte Januar und richtig dann im Februar richtig losgeht mit den Neuerscheinungen des Frühjahr 2026, kommen hier noch meine Dezember-Lektüren. Ein Highlight war das neue Buch von Geal Faye – Jacaranda, ein anderes das schöne Jugendbuch von Sarah Jäger.
Nun wünsche ich euch ein gutes, ein frohes, ein glückliches neues Jahr und würde mich freuen, wenn ihr es ab und zu hier und mit meinen Buchvorstellungen verbringen mögt.
Sarah Jäger – Das Feuer vergessen wir nicht
Frisch mit dem Jugendliteraturpreis für ihren vorigen Roman „Und die Welt, sie fliegt hoch“ ausgezeichnet, legt Sarah Jäger bereits ein neues Buch vor. Ruhig, ganz zart und empathisch erzählt folgen wir dem 17-Jährigen Ari und Flint ins Seniorenheim zur dementen Frau Martin und ihrer einst geschriebenen Seminararbeit über den Streik der „Streichholzmädchen“ 1888. Es stellen sich uns ganz existentielle Fragen: Was bleibt? Wie können wir es schaffen, uns nicht allein und hilflos in dieser Welt zu fühlen? Wie gelingen Zusammenhalt und Solidarität?
Eine wunderbare Geschichte und eine ganz tolle Sprache. Unbedingt lesen, auch wenn man sonst eher nicht zu Jugendromanen greift.
Katerina Poladjan – Goldstrand
Goldstrand ist ein Familienroman mit den Schauplätzen Odessa, Istanbul, Rom und Oranienburg, der auch Philosophie, Film und Architektur einbindet.
An der bulgarischen Schwarzmeerküste „stranden“ 1922 Lew und sein Sohn Felix auf der Suche nach Tochter bzw. Schwester Vera, die auf der Flucht vor den Bolschewiki während der Überfahrt von Odessa nach Konstantinopel auf ungeklärte Weise über Bord gegangen ist. Felix wird später Architekt und arbeitet an der Verwirklichung des sozialistischen Traums der „Ferien für alle“ am Goldstrand mit, hat eine kurze Begegnung mit der rebellischen Italienerin Francesca, der der Ich-Erzähler Eli entstammt. Diesem begegnen wir (vorwiegend) auf der Couch seiner Psychoanalytikerin in Rom – was man erst allmählich erfährt.
Er ist ein alternder und nicht mehr wirklich erfolgreicher Regisseur und erzählt seine verschlungene Familiengeschichte sehr filmisch und nicht unbedingt sehr zuverlässig. Und zwar auf nur knapp 160 Seiten, die zunehmend etwas Irreales erhalten. Und das alles in einem wunderbar klaren, lakonischen Stil und sehr heiter.
Mir hat das Buch großen Spaß gemacht.
Joana Osman – Frieden. Eine reale Utopie
Eine Utopie, eine Vision. Die Punkte, die Joana Osman in Frieden anspricht sind nicht neu, nicht mal besonders originell, sind aber in letzte Zeit viel zu sehr in den Hintergrund gerückt. Frieden muss immer die Vision sein, vielleicht eine Utopie, aber eine anzustrebende. Man sollte darüber wieder viel mehr reden. Viel mehr als darüber zu spekulieren, wann der nächste Krieg ausbricht, als wäre der eine Naturgewalt und nicht menschengemacht. Und dafür, dass Joana Osman das in den Mittelpunkt rückt, danke ich ihr von Herzen. Und wünsche dem Buch viele Leser:innen.
Susanne Röckel – Vera. Eine Erinnerung
Vera. Eine Erinnerung ist ein ganz besonderes Buch. Vielleicht, weil der Titel so täuscht.
Denn an „Vera“, die in der Realität Dina Proničeva hieß und eine der wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar im September 1941 war und im April 1968 vor dem Landgericht Darmstadt im Prozess gegen Kuno Friedrich Callsen und neun weitere ehemalige Angehörige des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C aussagte, hat die Ich-Erzählerin, die mit der Autorin gleichgesetzt werden kann, keinerkei Erinnerung.
Susanne Röckel lebte damals in Darmstadt, war 15 Jahre alt, ein unglücklicher Teenager, der auch am Schweigen seiner Eltern litt und suizidgefährdet war.
Inwiefern die Annäherung an den Prozess und an das Verbrechen über eine imaginierte, nie stattgefundene Begegnung mit „Vera“ damals in Darmstadt gelungen ist, die Parallelisierung der jugendlichen Leiden am beharrlichen Schweigen der Eltern und der ganzen Gesellschaft über die Vergangenheit überhaupt gelingen kann, lässt sich sicher streiten.
Das Buch hat dennoch großen Eindruck bei mir hinterlassen.
Yishai Sarid – Chamäleon
Der israelische Autor Yishai Sarid erzählt von einem Journalisten, der vergangener Popularität nachtrauert und durch Nähe zur rechtsextrem-populistischen Regierung versucht – und es gelingt ihm – wieder ins Gespräch zu kommen und dabei seine einst linksliberalen Überzeugungen in den Wind schießt. Er dient sich der Macht an und wird von ihr instrumentalisiert – mit zweifelhaftem Ausgang.
Der Roman spielt vor und bis zum 7. Oktober 2023. Dem Autor gelingt es, ohne explizit zu werten, das traurige Bild eines Medienschaffenden zu zeichnen, der aus Enttäuschung und gekränktem Selbstwertgefühl populistischen Meinungsmachern hinterherläuft. Und sich dabei seinem persönlichen Umfeld zunehmend entfremdet.
Henrik Szánto – Treppe aus Papier
Ein Haus als Erzähler – das ist nicht gänzlich neu, aber doch zumindest ungewöhnlich. Dabei bietet sich ein altes Haus, das schon so viele Schicksale und Geschichten in sich beherbergt hat, quasi an. Nele ist die junge Hauptprotagonistin in der Gegenwart. Ein Teenager mit den typischen Problemen mit den Eltern, der Liebe, der Schule. Die ein Referat über die NS-Zeit schreiben soll und dafür nebem ihren Eltern (was haben die Großeltern damals gemacht?) die 90-Jährige Mieterin Irma Thon aus dem ersten Stock befragt. Während die Eltern mit genervtem Schweigen reagieren, ist Irma erschüttert. Das Haus weiß warum: einst wohnte im ersten Stock auch die Familie Sternheim und war die ältere Ruth die ersehnte Freundin. Bis an einem Morgen die Gestapo erschien…
Die Geschichte ist interessant, aber das Buch in meinen Augen eher für jugendliche Leser:innen oder solche mit wenig historischem Wissen geschrieben. Vieles bleibt oberflächlich, vorhersehbar und die „Stimme“ des Hauses kann leider auch nur teilweise überzeugen.
Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Autofiktionale Familiengeschichten, die ihren Schwerpunkt auf Frauenfiguren legen, gibt es zurzeit zuhauf. Dafür, sich auch in diesem überrepräsentierten Genre umzuschauen, sprechen immer wieder die tollen Entdeckungen, die man als Leserin hier machen kann. Anna Maschik beispielsweise hat mit ihrem Debütroman einen ganz großartigen Text zum Thema verfasst.
Alma ist die Ich-Erzählerin, die fast ein Jahrhundert nach ihrer Urgroßmutter Henrike das Licht der Welt erblickt. Während letztere in eine Bauernfamilie in einem Dorf nahe der Nordsee hineingeboren wird, lebt Alma mit ihrer Mutter Miriam wie die 1995 geborene Autorin in Österreich. Weil die Großmutter Hilde einst mit dem österreichischen Soldaten Konrad angebandelt hatte und dieser nicht nur den Krieg überlebt, sondern auch zu Hilde und dem Kind, das sie mittlerweile zur Welt gebracht hat, zurückgekehrt ist.
In kurzen, eher assoziativen als chronologischen Abschnitten begleiten wir resiliente Frauen und schweigsame Männer, geliebte und ungeliebte Kinder durch das 20. Jahrhundert. Und das auf nur 230 sorgsam arrangierten Seiten, formal originell und sprachlich leicht zugänglich.
Thomas Knüwer – Das Haus, in dem Gudelia stirbt
2024 gewann Thomas Knüwer mit seinem Debüt-Kriminalroman „Das Haus, in dem Gudelia stirbt“ den Deutschen Krimipreis national. Ein ganz außergewöhnlicher, überraschender Text – das hat auch die Jury überzeugt.
Auf der Gegenwartsebene, es ist Juni 2024, hat eine Jahrhundertflut das fiktive Dörfchen Unterlingen in der Donauregion heimgesucht. Die Bevölkerung ist evakuiert, nur die 81-jährige Gudelia harrt im ersten Stock ihres Hauses aus, sieht Bäume, tote Schweine des benachbarten Bauern, allerlei Unrat – und zwei mit Kabelbindern gefesselte menschliche Körper an ihrem Haus vorbeitreiben. Zunächst glaubt man den Aussagen der alten Frau nicht.
Zwei weitere Zeitebenen werden eingeführt, an die sich Gudelia während ihrer einsamen Zeit im Haus erinnert, und die nach und nach enthüllen, warum sie so vehement dagegen ist, ihr Haus zu verlassen: 1984 stirbt Gudelias 15-jähriger Sohn Nico nach dem Besuch eines Dorffests und Gudelia versinkt in einer bodenlosen, sich fast in den Wahnsinn steigernden Trauer. 1998 lässt sie sich von ihrem immer mehr dem Alkohol verfallenen Mann Heinz das Haus überschreiben. das Geld zum Ablösen der Hypothek verschafft sie sich auf sehr eigenwilligem Weg.
Maxim Leo – Wir werden jung sein
Was wäre, wenn es eine Pille gäbe, die uns immer jünger machen würde? Wäre sie ein Segen oder ein Fluch? Würden wir sie nehmen? Und was hätte das für Folgen für die Gesellschaft, ja, die Menschheit? Wissenschaftlich sind wir von einem verjüngenden Medikament wohl gar nicht so weit entfernt. Wie man aber verhindern könnte, dass es zu Verteilungsungerechtigkeit, (un)absehbaren Folgen für den Planeten und ethischen Konflikten kommen, da sind fast alle Fragen offen. In Maxim Leos Roman ist das Wundermittel nur für den sehr kleinen Kreis der Teilnehmer an einer Studie von Martin Mosländer an der Berliner Charité gedacht, die an einer akuten, lebensbedrohlichen Herzschwäche leiden: der 16-jährige Jakob und der alte Immobilienpatriarch Wenger, dazu die Leistungsschwimmerin Verena und die hochschwangere Jenny. Als Medikament für Herzmuskelregeneration entwickelt, führt es überraschend zu einer allgemeinen Verjüngung und entwickelt so einige Chancen und Probleme für alle Beteiligten.
Das ist flott, unterhaltsam und heiter erzählt, stellt aber eben auch die obigen Fragen an uns und macht nachdenklich. Gelungene Unterhaltungsliteratur ohne große Ecken und Kanten.
Gael Faye – Jacaranda
Im Zentrum von Jacaranda steht Milan, der mit seiner ruandischen Mutter in Versailles aufgewachsen ist. Dass sie in Ruanda noch Verwandtschaft hat, wird ihm erst bewusst, als ein kleiner, sehr verstörter Junge kurz Zuflucht bei ihnen findet. Aber erst als junger Mann reist er selbst in die Heimat seiner Mutter, erfährt mehr über die schrecklichen Ereignisse 1994, die in einem Völkermord endeten, der geschätzt 1 Million Menschenleben kostete.
Das Buch schildert auch unglaubliche Grausamkeiten, aber niemals gewaltpornografisch, sondern zurückhaltend, ist eher sanft als laut, zart statt bitter, poetisch statt drastisch. Es stellt die Frage, wie Versöhnung, überhaupt ein Zusammenleben nach diesen Tagen, die nun dreißig Jahre zurückliegen, möglich ist, sein kann. Besonders das Schweigen zu brechen, das bei den meisten Menschen vorherrscht, die diese Tragödie miterleben mussten, sie überlebt haben, ist schwierig. Ich wünsche dem Buch sehr viele Leser:innen. Es gibt so wenig Literatur über das Thema. Und Gael Faye ist ein großartiger Autor. Das Buch erhielt den Prix Renaudot.
Kathrine Nedrejord – Acht Jahreszeiten
Kathrine Nedrejord ist Sami aus der norwegischen Finnmark und lebt schon lange in Frankfreich. In ihrem autofiktionalen Roman erzählt sie von Marie, die wegen der Beerdigung ihrer geliebten Großmutter nach Márkannjárga zurückkehrt, wo sie als Kind lebte. Später siedelte die Familie an die norwegische Küste, woher der Vater stammt. Dort erlitt sie wohl einiges an Demütigungen, Verachtung und Diskriminierung aufgrund ihrer samischen Herkunft.
Die Unterdrückung dieser und anderer indigener Kulturen ist ein so wichtiges und interessantes Thema, dass ich mir eine differenziertere Betrachtung und nicht ein derart hasserfülltes Buch gewünscht hätte, dass den norwegischen Staat – und zwar bis heute – verflucht. Marie ist unlängst Mutter geworden und musste ihre kleine Tochter Anna in Frankreich beim Vater zurücklassen, da sie noch keine Papiere hat. Auch das Muttersein, die Trennung von Anna und ihre Sorge, wie sie ihr ihre samischen Wurzeln vermitteln wird können, nehmen Platz im Text ein. Darüber hinaus erfährt man viel über die samische Kultur, was ich äußerst gut fand. Dennoch: Für mich war das Buch wegen seiner Wut und Einseitigkeit nur schwer lesbar. Schade.
Daniel Schreiber – Liebe. Ein Aufruf
Ein Essay über die Liebe zur Welt, zum Leben – Amor mundi – über die auch Hannah Arendt schrieb und die eine wichtige Grundvoraussetzung für das gesellschaftliche Zusammenleben und die Demokratie ist, wie auch Erich Fromm (Haben und Sein) feststellt. Liebe als politische Kraft – gegen die Ohnmacht und Erschöpfung, die viele von uns – auch Daniel Schreiber – angesichts der Veränderungen, die unsere Welt in den letzten Jahren erfahren hat, empfinden.
Wie aktuell die beiden Denker (und andere) auch heute noch sind und warum wir immer mehr von dieser „amor mundi“ abzurücken scheinen, die Gesellschaften weltweit politisch nach rechts rücken, die Menschen populistischen, meist auf Hass und Spaltung begründeten Parteien und Menschen hinterlaufen, auch wenn diese offensichtlich alles andere als deren Interessen vertreten – darüber denkt Daniel Schreiber in seinem sehr lesenswerten Text nach und zählt auch Maßnahmen auf, die dazu dienen könnten, diese Tendenz zu durchbrechen, der zunehmenden Rhetorik des Hasses und der Menschenverachtung etwas entgegen zu setzen. Und das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, weg vom Rückzug ins Private, hin zu aktivem Widerstand. Das ist alles nicht vollkommen neu und bahnbrechend, aber ist bereichernd, zu lesen. In seiner stillen Nachdenklichkeit macht es Hoffnung, bringt Trost und ermutigt, eine „Politik der Liebe“ nicht sofort als naiv abzutun, sondern als denkbare politische Haltung, ganz jenseits von romantischen Gefühlen.







Vielen Dank auch diesmal wieder für die interessante Auswahl und die vielen Tipps! Da war auf jeden Fall wieder einiges für mich dabei. Ich freue mich auf viele weitere Leseempfehlungen und wünsche ein gutes neues Jahr!