Alex Rühle – Europa. Wo bist du?

März 2022, der Überfall Russlands auf die Ukraine liegt nicht lange zurück, da macht sich der Journalist Alex Rühle auf den Weg, das zu erkunden, was seitdem stärker als je zuvor beschworen wird: die Europäische Union. Und das tut er mit einer Errungenschaft, die diese EU auf wunderbarste Weise versinnbildlicht: Mit dem Interrailticket. Seit 1972 kann man damit die Länder der EU bereisen. Und während wir in den 1980er Jahren zumindest noch die Währungshürden zu bewältigen hatten, reisen unsere Kinder bereits weitgehend mit dem Euro. Welch großartige Erfindung! Aber weiß man in den EU-Ländern dies und das ungleich größere Wunder eines seit langem weitgehend friedlichen Europas (die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren zeigten, dass dies durchaus fragil ist) tatsächlich überall so zu schätzen, wie es sein müsste? Und wie stehen die Menschen zwischen Portugal und Bulgarien, zwischen Finnland und Griechenland zu diesem doch so großartigen Konstrukt namens EU?

20 000 Kilometer, 106 Tage, 33 Grenzen: einmal rund um die EU von Athen aus im Uhrzeigersinn. Rühle trifft die unterschiedlichsten Menschen, Repräsentanten und „Normalbürger“. Ein Reisebericht, der auch die EU-Institutionen erklärst, tiefe Einblicke in europäische Geschichte und Mentalitäten bietet, Anekdoten erzählt und Landschaften beschreibt. Und das so humorvoll, tiefgründig und sprachlich toll, dass es das Buch sogleich zu einem Lieblingsbuch geschafft hat. Einiges hat sich geändert in den letzten Jahren – kein Wunder, wir leben in chaotischen, schnell drehenden Zeiten. Polen und Ungarn haben sich zumindest teilweise von den ganz großen Schurken getrennt. Dafür sind die Slowakei und auch Tschechien stark nach rechts gerückt. Die Hoffnung, dass sich die Populisten mit ihrer menschenverachtenden Politik irgendwann selbst diskreditieren besteht zumindest. Ganz große Leseempfehlung!

Und hier ein paar Ausschnitte:

„Nehmt es hin, ihr Ungarn, die Gebiete sind weg Und macht irgendwas Originelles, fahrt in eure Nachbarländer und freundet euch mit deren reizenden Bewohnern an. Lest ein gutes Buch, zum Beispiel Nils Holgersson, und fragt die Schweden, wie man den Verlust ganzer Länder ummünzt in eine konstruktive Neuerfindung seiner selbst. Geht schwimmen in der klaren Donau, statt immer weiter in diesen hundert Jahre alten gifttümpeln herumzuplanschen!“

„Die größte Mangelware ist heute nicht Erdgas oder Öl, sondern eine offene Zukunft. Wir leben in einer Gegenwart, die sich nach vorne anfühlt wie eine Sackgasse.“

(…)ich schreibe mir dazu passend einen schönen Satz aus Georgi Gospodinovs Roman raus – „Achtung, die Geschichte ist immer näher, als sie im Rückspiegel erscheint.“

 

Beitragsbild via PxHere CC0

 

Alex Rühle - Europa. Wo bist du?.

x

Alex Rühle – Europa. Wo bist du?
416 Seiten, broschiert, € 16,00

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert