Penelope Lively – Nachtglimmen

Claudia Hampton war in ihren jungen Jahren Kriegsberichterstatterin in Ägypten, eine der ersten weiblichen, schrieb später populärwissenschaftliche Geschichtsbücher und ist nun Mitte Siebzig, leidet an Darmkrebs und liegt in einer englischen Klinik im Sterben. Eine „Geschichte der Welt“ mit ihr als Helden schwebt ihr durch den Kopf. Und wie so oft sind es Kindheitserinnerungen, mit denen Penelope Lively ihren 1987 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichneten Roman Nachtglimmern beginnt.

„Moon Tiger“ lautet der Originaltitel des nun mit einem begeisterten Vorwort von Elif Shafak neu bei Dörlemann erschienenen Meisterwerks, und das vielleicht eine weitere Chance erhält, die ihm gebührende Beachtung zu finden. Es steht allerdings zu befürchten, dass es erneut der Aufmerksamkeit vieler Leser:innen entgehen wird. Und ich bin ratlos, warum, denn es ist ein ganz hervorragendes Buch. Aber bereits bei seiner Veröffentlichung und auch nach der Ehrung mit dem Booker Prize wurde es eher herablassend von Teilen der Presse behandelt. Es fiel tatsächlich das uns mittlerweile bekannte und endlich kritisch gesehene Stichwort „Hausfrauenprosa“. Was auch immer das sein soll – Nachtglimmen ist komplex, unkonventionell und stilistisch anspruchsvoll. Und wirft einen spannenden Blick ins 20. Jahrhundert.

Nächte in der Wüste

Moon Tiger wurden die grünen Spiralen genannt, die man als Schutz vor Stechmücken abbrannte und glimmen ließ. Einer dieser Moon Tiger brennt am Bett von Claudia und Tom, einem britischen Panzeroffizier, den sie 1942 in Ägypten kennenlernt und mit dem sie eine tiefe, leidenschaftliche Liebe verbindet. Claudia ist wenig bindungswillig, selbstbewusst und unabhängig, hat sich ihren Status als Kriegsreporterin hart erkämpft, aber auch sie spürt, dass Tom etwas ganz Besonderes sein könnte. In der angesprochenen Liebesnacht  erzählt er ihr von sich. Die Spirale brennt ab, die Zeit vergeht – es ist eine ganz zentrale Textstelle, sie macht die Zerbrechlichkeit der Existenz und aller Erinnerung spürbar. Denn – das ist nicht zu viel verraten, die Beziehung von Claudia und Tom wird keine Zukunft haben.

Afrikafeldzug
Afrikafeldzug 1941 by Smith, N (Lt), No 1 Army Film & Photographic Unit, Public domain, via Wikimedia Commons

Claudia erinnert sich in ihrem Krankenzimmer an diese intensive Zeit in der Wüste, zu Füßen der Pyramiden, mit Tom. Hier weht ein gutes Stück „Jenseits von Afrika“ und „Der englische Patient“ durchs Buch, im allerpositivsten Sinn, mit wunderschönen Bildern. Natürlich ist Afrika auch im Zweiten Weltkrieg noch ein kolonialisiertes Land. Hier wird ein Krieg ausgetragen, der mit dem Land nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Für Claudia gehören die Erinnerungen daran trotzdem zu ihren kostbarsten. Neben denen an ihren Bruder Gordon. Mit niemandem war sie so vertraut, so eng wie mit Gordon, niemand stand mit ihr aber auch in einem größeren Konkurrenzverhältnis. Nach dem Krieg und der Hochzeit mit der schlichten Sylvia geht ihr Bruder nach Amerika.

Wieder in England

Claudia trifft in England den gutaussehenden, charmanten Sohn aus reichem Haus Jasper, der leider ein ziemlicher Luftikus ist. An einer festen Beziehung liegt Claudia nach Tom aber sowieso nichts mehr und so leben die beiden eine jahrelange On-Off-Beziehung und bekommen eine Tochter. Dieser Lisa gegenüber ist Claudia kritisch, herablassend, teilweise direkt bösartig. Dass das zurückhaltende, „langweilige“ Mädchen für die Mutter eine Enttäuschung ist, verbirgt diese nicht. Überhaupt ist Claudia eine schwierige Person. Selbstsüchtig, spröde und manchmal ruppig, aber auch charmant, intelligent und einnehmend. Und verletzlich. Der tiefe Schmerz über den Verlust von Tom und ihrem gemeinsamen ungeborenen Kind sitzt tief in ihr drin und bleibt den meisten verborgen. Hier erinnerte mich der Roman an die sehr ambivalenten Frauenfiguren von Margaret Laurence. Wer weiß, wie sehr ich die erwähnten Reminiszenzen liebe, weiß auch bereits, wie sehr ich Nachtglimmen von Penelope Lively schätze.

Ein Kaleidoskop

Hier wird ein Leben vom Ende her erzählt, aber nicht fein chronologisch und konventionell, sondern zersplittert wie in einem Kaleidoskop. Neben der inneren Stimme von Claudia, die immer bei uns ist, gibt es verschiedene andere Perspektiven, die sich gegeneinander verschieben, sich überlappen, sich widersprechen, und einen auktorialen Erzähler. Neben schönen Bildern stehen authentische, ambivalente Charaktere, werden Ausführungen über die Geschichte im Allgemeinen, Geschichtsschreibung und allgemein den Prozess des Erinnerns eingefügt und so entsteht nicht nur das Bild eines Lebens, sondern ein ganz subjektives des vergangenen 20. Jahrhunderts. Ruhig und komplex. Unkonventionell und beglückend. Für mich ein Jahreshighlight. Und ein großer Roman, der irgendwie erneut unter dem Radar fliegt.

Danke an den Dörlemann Verlag, der schon mit der Wiederveröffentlichung einer anderen Penelope, Penelope Mortimer nämlich, einen für mich sehr kostbaren Schatz gehoben hat. Dringende Leseempfehlung für beide.

 

Beitragsbild by trini, CC BY 2.1 JP <>, via Wikimedia Commons

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Penelope Lively - Nachtglimmen.

Penelope Lively – Nachtglimmen
Übersetzt von Ulrike Miller
Vorwort von Elif Shafak
Dörlemann Verlag 2025, 304 Seiten, gebunden, € 24,–

 

 

 

 

 

 

 

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