Zukunftsromane, gar Dystopien stehen normalerweise eher selten auf meinen Leselisten. Und heute, wo dystopische Szenarien, die vor einigen Jahren noch völlig fremd erschienen, plötzlich erschreckend nah rücken, mag ich solche Geschichten fast noch weniger lesen. Wie gut, dass die Einladung zur Verleihung des Franz Tumler Preises im letzten Jahr mir Schweben von Amira Ben Saoud in den Lesesessel gespült hat.
Wir haben hier ein typisches dystopisches Szenario: nach einer nicht näher beschriebenen Katastrophe, die auch grundlegende klimatische Veränderungen mit sich gebracht hat, sind die uns bekannten Gesellschaftsordnungen Geschichte. Die Menschheit ist zahlenmäßig stark geschrumpft und lebt in voneinander streng isolierten Siedlungen, die nur sehr kontrolliert einen Warenaustausch untereinander aufrechterhalten. Die Siedlung, in der die Protagonistin lebt, tauscht etwas Holz gegen Lebensmittel. Ihre Welt erscheint sehr eigenartig. Auf ihre Weise ist sie modern, trotzdem fehlen grundlegende, uns vertraute Gegenstände, wie Smartphones, PCs etc. Außerdem gibt es einige feste Regeln, an die sich die Bewohner halten müssen, zumindest theoretisch.
Das Verlassen der Siedlung ist streng verboten, aber wird kaum kontrolliert, da die Gewissheit besteht, „draußen“ nicht überleben zu können. So ist die Grenze der Siedlung vielerorts zur ein weißer Strich. Andererseits wird das Betreten von außen strikt untersagt und wird mit „Liquidierung“ bestraft. Grenzkontrollen übernehmen Jugendliche der Siedlung. Ferner sind verboten: jegliche Gewalt, das „Streben nach mehr“, die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Verbote, gegen die aber auch vertoßen wird. So treffen sich immer häufiger junge Menschen nachts im Wald, um sich gegenseitig Gewalt anzutun. Und es gibt ein Naturkundemuseum, das die „alte Zeit“ überdauert hat. Hier arbeitet Juri.
Begegnungen
Juri ist Freund und Liebhaber der Protagonistin und Ich-Erzählerin Ona, die einem seltsamen Beruf nachgeht und sich an ihren eigentlichen Namen gar nicht mehr erinnert. Ihr Job ist es nämlich, in die Identität anderer Frauen zu schlüpfen. „Begegnungen“ nennt sie das und verkörpert dabei möglichst realitätsnah Frauen für Menschen, die (gescheiterte) Beziehungen nicht loslassen können und mit Ona verlorene Personen für eine bestimmte Zeit ersetzen. Um beispielsweise besser mit einer Trennung abschließen zu können. Das müssen nicht nur romantische Bezeihungen sein, sondern umfassen auch Mütter, Töchter, Schwestern, Freundinnen. Ona kriecht dafür in diese Frauen hinein, ahmt sie äußerlich und im Verhalten perfekt nach.
So wie aktuell für den wohlhabenden Gil seine verschwundene Frau Emma. Dabei kommt Ona sich selbst immer mehr abhanden, empfindet gleichzeitig aber immer mehr für Juri. Die Situation spitzt sich zu, sowohl für Ona/Emma privat als auch für die Siedlung allgemein. Irgendwann beginnen Einzelne zu schweben.
Ich fand es ausgesprochen faszinierend, wie Amira Ben Saoud diese Welt als völlig glaubwürdig aufbaut. Ona ist dabei keine Sympathieträgerin. Gleichwohl sie ein Opfer patriarchaler Strukturen wird, ist sie auch selbstbestimmt und zeitweise rücksichtslos. Bis zum überraschenden Ende schreibt die Autorin ihre Geschichte verdichtet und glaubhaft fort. Manche kleine Unglaubwürdigkeit vergisst man da sehr schnell. Für mich eine wirkliche Entdeckung!
Beitragsbild CC0 via pxhere
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Amira Ben Saoud – Schweben
Zsolnay März 2025, Hardcover, 192 Seiten, 23,00 €







