Ein wirklich schöner Lesemonat mit fast nur Lektüre-Treffern.
SOPHIE VAN DER LINDEN – IM LICHT DER LOFOTEN
Im Licht der Lofoten ist ein biographischer Roman, der der Geschichte der schwedischen Malerin Anna Boberg (1864-1935) folgt. Annas Malleidenschaft begann schon früh, die Entwicklung zu der Malerin, die internationale Anerkennung erlangte, von der die amerikanische Presse sogar behauptete, „Schwedens größte Künstlerin“ zu sein, auch wenn die Anerkennung im eigenen Land zunächst ausblieb, geschah aber erst nach 1901. Während einer Reise mit ihrem Mann auf die Lofoten packte sie die Leidenschaft für diese nordnorwegische Landschaft derart, dass sie in den folgenden 33 Jahren regelmäßig hierher zurückreiste, um zu malen. Und zwar allein.
Der Text von Sophie van der Linden ist in einer Art Tagebuch vom wahrscheinlich letzten Aufenthalt der schön älteren Anns verfasst, adressiert an ihren geliebten Mann. Sie weiß, was sie ihm mit ihrer unorthodoxen Lebensweise abverlangt, schätzt seine Loyalität, vermisst ihn auch. Aber ihre Malleidenschaft ist stärker, und sie dankbar, dass sie sich nie zwischen ihr und ihrem Mann entscheiden musste. Starke Landschaftbeschreibungen und viel Malerei-Handwerk in einem ruhigen Roman über eine starke Frau.
JUDITH HERMANN – ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DER ZEIT
Judith Hermanns 1904 geborener Großvater, der 1964, also sechs Jahre vor der Geburt Judith Hermanns verstarb, ist die große Leerstelle im Roman. Die Autorin erfährt eher nebenbei durch ein Foto, dass er bereits 1932 in die NSDAP eingetreten und Mitglied der SS gewesen war. 1950 ließ er sich von der Großmutter scheiden und geriet fortan ins familiäre Schweigen. Er wurde nicht verschwiegenm aber so gut wie nie wurde über ihn gesprochen, Nachfragen wimmelt die Mutter gerne ab. Das besagte Foto zeigt ihren Großvaters auf einem SS-Motorrad. „Radom/Polen, 1941“ ist auf der Rückseite vermerkt. Radom, besaß vor der deutschen Besatzung eine große jüdische Gemeinde. Die Deutschen errichteten hier ein Ghetto, aus dem ins KZ Treblinka deportiert wurde, wer nicht schon vor Ort erschossen wurde. Nur wenige hundert Menschen überlebten. Dass ihr Großvater ein Täter war, sehr wahrscheinlich ein Mörder, darüber ist Judith Hermann sich gewiss.
Sie macht sich dennoch im Winter nach Radom auf, „Die Unfähigkeit zu trauern“ des Ehepaars Mitscherlich im Gepäck, mietet sich eine Wohnung mit Schreibtisch, fragt in Archiven an, sucht nach Zeitzeugen, besucht die Bibliothek und macht lange Spaziergänge in der Stadt, immer auf der Suche nach dem Ort, an dem das Foto mit ihrem Großvater entstanden ist. Bevor sie allerdings konkrete Erkenntnisse erhält, reist sie ab, zu ihrer Schwester und ihrer Familie nach Neapel. Auch die Schwester will nicht über den Großvater sprechen. Das Verhältnis zu Mutter und Schwester und deren unterschiedliche Haltung zur Familiengeschichte ist so wichtig für das Buch wie die Recherche zum Großvater.
Schwebend und Leerstellen aushaltend, ruhig und doch dringlich, schnörkellos-schlicht und poetisch – es gibt ihn tatsächlich, diesen ganz typischen Hermann-Sound. Und wer die Autorin einmal hat lesen hören, der wird ihn auch bei der eigenen Lektüre immer im Kopf haben, diesen Rhythmus. Dieses Buch mag vielleicht darin gescheitert sein, eine Täterbiografie zu erstellen (was höchstwahrscheinlich auch nie seine Intention war, ihm aber von der Kritik vorgeworfen wurde). Als nachdenkliche, intensive Literatur ist es grandios gelungen.
Daniel Mellem – Einstein im Bade
1920 im hessischen Bad Nauheim, einem sehr renommierten Kurort. Seit dem Bau des luxuriösen Sprudelhof-Badekomplex ein Treffpunkt der Belle Epoque, versammeln sich im September die „Deutschen Naturforscher und Ärzte“ zu einem Kongress, auf dem unter anderem die Relativitätstheorie Albert Einsteins diskutiert wird. Mit dabei: Einsteins größter Gegner Philipp Lenard, Vertreter der „Deutschen Physik“ und erklärter Antisemit. Unglücklicherweise sind beide im völlig ausgebuchten Hotel „Zum Rastenden Kranich“ untergebracht. Direktor Kleeberger, der Ich-Erzähler, bemüht sich, die Spannungen zu entschärfen und alle Hotelgäste zufriedenzustellen. Zumal die Zahl der Hotelgäste seit einiger Zeit stark zurückgeht. Zahlreiche Widrigkeiten machen ihm das nicht gerade leicht…
Daniel Mellem hat einen höchst amüsanten, gut recherchierten historischen Roman geschrieben, der mir sehr gefallen hat. Und der aktuelle Bezüge nicht vermissen lässt.
Ellie Unruh – Fische im Trüben
Elli Unruh wurde mit ihrem Debütroman Fische im Trüben für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Er reiht sich ein in eine in diesem Jahr besonders präsente Reihe von Familienromanen mit osteuropäischem Bezug, hat aber einen ganz besonderen, bisher eher unbekannten Fokus auf eine russlanddeutsche Familie im südöstlichen Kasachstan, die der Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehört.
1941 wurde sie wie unzählige andere Russlanddeutsche nach Kasachstan deportiert. Familie Fest findet eine neue Heimat in Mihailowka nahe Alma Ata.
Großonkel Heinrich ist einer der Hauptprotagonisten des Familienromans, mit ihm geht Elli Unruh bis in die 1930er Jahre zurück, die auch die Jahre des Hungers, der Verfolgung und Vertreibung sind. Weitere Hauptprotagonist:inen sind Tante Hedi und der Junge Krocha, denen wir durch die 1970er Jahre folgen bis zum Jahr 1987, als die Familie ihre Ausreise nach Deutschland bewilligt bekommt.
Elli Unruh baut das spezielle Idiom der russlanddeutschen Mennoniten an vielen Stellen des Romans ein. Ein Glossar am Ende erklärt einiges und zeigt auch die kyrillische Transkription. Das und die poetische, dennoch klare Sprache trägt viel zum Atmosphärischen des Textes bei. Besonders auch die Naturbeschreibungen der Steppe rund um das Tian-Shan-Gebirges an der Grenze zu Kirgisien sind äußerst eindrücklich.
In episodischen, kurzen Kapiteln werden die Geschichte, der Alltag, die Traditionen und Riten der fast abgeschlossenen Mennonitengemeinde erzählt. Ein lesenswertes Debüt.
Margaret Laurence – Glücklichere Tage
Nach Der steinerne Engel (2020), Eine Laune Gottes (2022) und Das Gutnest (2023) der vierte Teil der losen Manawaka-Reihe der kanadischen Klassikerin Margaret Laurence, Glücklichere Tage, (OT „The Diviners“ 1974) in der wie immer großartigen (Neu)Übersetzung von Monika Baark, erschienen.
Glücklichere Tage ist die Lebensgeschichte von Morag Gunn, die sehr viele Übereinstimmungen mit ihrer Schöpferin aufweist. Früh verwaist, wird Morag von kinderlosen Bekannten ihrer Eltern aufgenommen , die in sehr prekären Verhältnissen leben, aber das Kind nach ihrem Möglichkeiten gut versorgen. Die Scham über ihre „Eltern“ wird Morag ihr ganzes Kinder- und Jugendleben begleiten. Pflegevater Christie ist aber auch ein großartiger Geschichtenerzähler. Nach einer unglücklichen Ehe, die ihr sozialen Aufstieg ermöglicht, wird sie von Jugendschwarm Skinner Tonnerre , einem indigenen Métis, schwanger, trennt sich von ihrem Mann und zieht die Tochter Pique alein groß. Diese sucht als junge Frau ihre Wurzeln, den Vater, Manawaka.
Am Schreibttisch sitzend, ringt Morag damit. Ihre Kindheit und Jugend erscheinen ihr dabei wie Fotografien („Momentaufnahmen“) oder in längeren Abschnitten wie „Gedächtnisfilme“, die wir von dieser Rahmenhandlung ausgehend präsentert bekommen. Glücklichere Tage ist ein Roman einer Emanzipation, einer Autorinnenwerdung, über weibliches Begehren. Margaret Laurence kombiniert viele Dialoge, innere Monologe, Bewusstseinsströme, switcht unbekümmert von der Ich- in die auktoriale Perspektive, lässt Präsens in Imperfekt übergehen und springt in Ort und Zeit.Ein weiterer großartiger Roman einer bislang bei uns viel zu unbekannten Autorin.
Judith Holofernes – Hummelhirn
Ein „Hummelhirn“ ist für Judith Holofernes, ehemalige Frontfrau der Rockband „Wir sind Helden“, was sie seit ihrer Kindheit begleitet (Judith erhielt die Diagnose ADHS mit 45) Sie hatte schon immer das Gefühl, nicht so einfach in ein Raster zu passen, „anders“ zu sein und damit in der Gesellschaft und besonders der Schule immer wieder anzuecken.
J1976 in Berlin-Kreuzberg geboren und in einem links-alternativen Elternhaus aufgewachsen, ist der Umzug nach der Trennung der Eltern von Berlin-Kreuzberg nach Freiburg ein richtiger Kulturschock. Auch die alleinerziehende, lesbische Mutter fällt im eher behäbigen Breisgau der 1980er Jahre auf. Judith ist zudem ein kränkliches Kind, geplagt von Asthma und allerlei Allergien. Und dann ist da noch ihr „Hummelhirn“, das dafür sorgt, dass sie extrem schusselig ist. Unzählige Mäppchen, Jacken etc. gehen auf dieses Konto. Und viele Schwierigkeiten in der Schule. Judiths Strategie, trotzdem integriert und beliebt zu sein, besteht in Anpassung, Bemühen und besondere „Nettigkeit“, ein Verhaltensmuster, das für sie als Erwachsene zu Burnout, Erkrankungen und letztlich zu der Stimmstörung geführt hat, die das Ende ihrer Bandkarriere (mit) herbeiführte.
Das Hummelhirn macht großen Spaß. Tagebucheinträge, Briefe, Familienfotos, Listen, Zitate aus Poesiealben, Erinnerungen an diverse Haustiere und Schulzeugnissen werden mit eigenen Songtexten ergänzt. Immer wieder werden (rückblickende) Erwachsenenepisoden eingeschoben. Die Kapitel tragen den Namen von Songs (nicht nur den eigenen). Eine lange Playlist (fast 6 Std.) kann bei Spotify abgerufen werden.
Oliwia Hälterlein – Wir Töchter
Ich-Erzählerin des Debütromans von Oliwia Hälterlein ist Waleria, die als Säugling mit ihrer Mutter Róża in den 1980er Jahren von Polen nach Westdeutschland migriert ist. Nach einer Not-OP, die durch das Platzen einer Eierstockzyste und dem drohenden inneren Verbluten nötig wurde und der Diagnose PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom) ist die Möglichkeit einer zukünftigen eigenen Schwangerschaft sehr gering. Waleria empfindet eine „erdrückende Traurigkeit“, dabei hatte sie nie einen Kinderwunsch verspürt. Aber nun? Wird sie die Letzte in der „Töchterkette“ sein?
Diese Kette reicht im Roman bis zur Ururgroßmutter Melanka, im Zentrum stehen neben Waleria aber die Mutter Róża und die Großmutter Marianna, die geliebte Babcia in Polen. Die Verbindung zur Großmutter, deren bäuerliche Herkunft, der polnischen Landschaft, die sowohl mit Sehnsucht als auch mit einer Art Scham behaftet ist, besteht vor allem durch sehr sinnliche Dinge, etwa das Essen. Pierogi bedeuten Zuhause, Wärme, Zugehörigkeit. Waleria fühlt die schleichende Entfernung durch den allmählichen Verlust der polnischen Sprache, spürt die Ausgrenzung in der Schule, die Klassenschranken. Denn „Róża putzt“ und das lassen die Mitschüler auf dem Gymnasium Waleria immer wieder spüren.
Die Einengung in einem patriarchalen System wird vor allem durch eine Art Chor, einem Wir, das sich immer wieder meldet, deutlich. Wie werden wir Frauen gesehn? Unsere Körper? Und wie sprechen diese Körper zu uns? Das Buch stellt uns mehr Fragen als es beantworten will. Was gebe ich als Mutter an meine Töchter weiter? Was nehme ich als Tochter davon an, trage es selbst in die Zukunft? Und was ist, wenn ich das nicht mehr kann? Das Buch zeichnet eine wunderbar präzise Sprache aus, polnische Passagen „lesen“ sich überraschend problemlos und stimmig. Ein großartiges Buch und eine unbedingte Leseempfehlung von mir.
Safae El Khannoussi – Oroppa
Der Debütroman der 1994 in Tanger geborenen Niederländerin El Khannoussi hat in ihrem Heimatland schon wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat und wurde vielfach preisgekrönt.
Es ist eine wilde, unübersichtliche, chaotische Geschichte, in die sich die Leserin erst langsam hineinfinden muss. Und auch wenn sich die Überfülle an Figuren, Geschichten, Anekdoten und Nebenhandlungen langsam an ihren Platz rücken, die Mosaiksteinchen sich zu einer Lebensgeschichte fügen, bleiben etliche Leerstellen. So wie die Person, um die sich Oroppa dreht und die im Prolog nach einer schweren bakteriellen Lungeninfektion quasi von den Toten aufersteht, den größten Teil des Romans eine Leerstelle darstellt.
Salomé (Salma) Abergel ist eine arabisch-jüdische Künstlerin Mitte 60, ehemalige Aktivistin in Marokko, deren Engagement in den Folterkellern des in den 1970ern und 1980ern seine politischen Gegner unerbittlich verfolgenden König Hassan II. bestraft wird. Im Gefängnis entdeckt Salma das Malen für sich und als sie freikommt, flüchtet sie nach Amsterdam und wird zur anerkannten Künstlerin. Nach dem Prolog erfahren wir, dass Salma verschwunden ist. Zahlreiche Personen suchen nun nach ihr und wir erfahren ihre Geschichten.
Den Inhalt von Oroppa von Safae El Khannoussi wiederzugeben ist nicht ganz einfach, denn er ist einfach überbordend. Gerade am Anfang ist es ziemlich schwer, weder den Überblick noch den Faden zu verlieren. Zeitsprünge und Ortswechsel tragen zu dem Verwirrspiel zusätzlich bei. Erst ganz allmählich entwickelt sich daraus die Lebensgeschichte Salmas. Eine gewisse Distanz und Verlorenheit bleibt trotz oder gerade wegen der Virtuosität und zeitweiligen Drastik, mit der hier erzählt wird, bei der Leserin bestehen.
Petra Hucke – Unterwasserblau
Es beginnt idyllisch im Spreewald. Jessie macht mit ihrer Schwiegerfamilie eine Kanutour. Da erreicht sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters. Sehr schnell wird deutlich, dass sie ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Familie hat. Im Gegensatz zu der ihres Mannes Ingwer ist diese kalt und lieblos. Besonders die Mutter lehnt sie rigoros ab, ist geradezu feindeselig, und das schon seit Jessies Kindheit. Als sie eineinhalb Jahre alt war, starb ihre Zwillingsschwester Annika. Und das hat die Mutter offensichtlich gegenüber der eigenen Tochter verhärten lassen. Sie lässt sie spüren, dass für sie die falsche Tochter gestorben ist. Es gibt noch eine Halbschwester, aber auch zu der ist das Verhältnis äußerst belastet. Doch nun müssen sie sich zusammen um die Mutter kümmern.
Allmählich wird den Leser:innen enthüllt, was in Jessies Familie passiert ist, welche Verletzungen geschehen sind und welches riesige Schweigen über allem herrscht. Und auch in Ingwers Familie ist nicht alles so harmonisch, wie es zu Beginn scheint. Mir hat ein wenig die Ambivalenz bei den Figuren gefehlt. Besonders die Mutter wird ausschließlich negativ dargestellt. Auch dass die Perspektive ausschließlich bei Jessie blieb, habe ich ein wenig bedauert. Für mich ein Buch aus der Abteilung „Kann man, muss man aber nicht lesen“.







Vielen Dank für die guten Tipps! Nur wann das alles lesen. 😅😊