Vladimir Vertlib – Der Jude der Kaiserin

Wien im November 1668. Die 17-jährige Kaiserin Margarita Teresa hat ihr erstes Kind Ferdinand Wenzel mit nur einem Jahr verloren. Nun lastet der Druck auf der jungen Frau, möglichst schnell einen neuen Thronfolger auf die Welt zu bringen. Leopold I., ihr Gatte, ist gleichzeitig ihr Onkel (Margaritas Mutter ist dessen ältere Schwester) und Cousin (Margaritas Vater, König Philipp IV. von Spanien und Leopolds Vater, Kaiser Ferdinand III., sind Brüder). Um den Besitz im eigenen Haus zu halten, heiratet der spanische Zweig der Habsburger jahrhundertelang innerhalb der Familie, was zu schweren genetischen Defekten und schließlich zum Aussterben der Linie führt. Direkt danach bricht der spanische Erbfolgekrieg aus. Zunächst einmal ruht aber die Hoffnung auf der jungen Kaiserin, noch einen gesunden Thronfolger zur Welt zu bringen. Vladimir Vertlib stürzt sich mit seinem spannenden, vielschichtigen Historienroman Der Jude der Kaiserin in diese Zeit.

Margarita Teresa stammt aus dem spanischen Zweig der Familie der Habsburger. 15-jährig wird sie mit ihrem Onkel verheiratet. Man kennt sie von den steifen, höfischen Porträts von Diego Velasquez, insbesondere dem weltberühmten „Las Meninas“. An das rigide spanische Hofzeremoniell gewöhnt, streng katholisch und von einem fanatischen Judenhass beherrscht, findet sie sich relativ schwer in Wien zurecht. Nachdem 1492 die Katholischen Könige Isabella und Ferdinand alle Juden in ihrem Reich entweder vertrieben (Sephardische Juden, die im gesamten Mittelmeerraum Fuß fassten) oder zur Konversion gezwungen haben(Converso), gibt es einige wenige, die offiziell zum Katholizismus übergetreten sind, heimlich aber den jüdischen Glauben bewahren. Marrane nennt man sie.

Stammbaum letzte Habsburger
Der Stammbaum der letzten Habsburger aus spanischer Linie, Margarita Teresa unten dritte von links; by Ecummenic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zwei Vertraute hat sich die junge Kaiserin aus Spanien an den Wiener Hof mitgenommen, ihren Beichtvater, den rigiden Padre Sebastián, und ihren Leibarzt, Pedro de Rojas. Mittlerweile 55 Jahre alt, begleitet de Rojas Margarita Teresa seit ihrer frühen Kindheit. Sie ist kränklich, besonders ihr ausgeprägter Kropf bereitet ihr Beschwerden beim Atmen. Nur Pedro kann ihr wirklich helfen, ist zudem ihr engster Vertrauter. Aber Pedro ist ein Marrane, der auch in Wien vermeintlich geheim dem jüdischen Glauben anhängt. Vermeintlich, denn am Hof weiß man längst davon. Der Kaiser schützt ihn, die Kaiserin hängt trotz ihres Hasses auf die Juden und der von ihr geplanten Vertreibung derselben aus Wien sehr an ihrem Leibarzt.

Dieser empfiehlt, zur nächsten Entbindung Margarita Teresas die beste Hebamme der Stadt, die Jüdin Esther zur Hilfe zu rufen. Esther lebt wie die meisten jüdischen Bewohner Wiens im unteren Werd, einem Gebiet jenseits des Donauarms. (Nach der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung 1670 erhielt das Gebiet den Namen Leopoldstadt). Sie selbst ist Witwe und hat drei Kinder zu versorgen. Sie nimmt die heikle Aufgabe an. Aber was, wenn das Kind bei der Geburt stirbt? Pedro redet ihr zu, auch weil er Gefühle für sie entwickelt und hofft, wenn sie der Kaiserin bei der Geburt hilft, könne sie in Wien bleiben.

Das Neugeborene überlebt tatsächlich – aber es ist ein Mädchen. Maria Antonia soll das einzige Kind aus der Verbindung bleiben, das Geburt und Säuglingszeit überlebt. Für die Kaiserin folgen Fehlgeburten, ein totgeborener Junge und eine nur wenige Tage lebende Tochter. Mit 21 stirbt Margarita Teresa 1673. Aus Angst vor Verfolgung flieht Esther mit Hilfe von Pedro nach Saloniki, wohin ihr dieser nach dem Tod der Kaiserin folgt.

Margarita Teresa 1659
Margarita Teresa 1659 by Diego Velázquez, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vladimir Vertlib schafft aus diesem Stoff einen klassischen, souveränen Historienroman. Höfische Intrigen, Staatsgeschäfte, brutaler Kindesmissbrauch durch katholische Kleriker, Antisemitismus und der Alltag am Hof und in den schmutzigen, elenden Gassen der Stadt – Vertlib erzählt spannend, plastisch, detailreich und atmosphärisch. Von modischen Stilmitteln nimmt er Abstand und charakterisiert seine Figuren als Kinder ihrer Zeit, mit ihren Vorurteilen, ihrem Aberglauben, ihren Werten, die mit den unseren nicht unbedingt übereinstimmen. Die ambivalente Charakterschilderung ist einer der vielen positiven Seiten des an Nebenhandlungen und –figuren reichen Romans. Dem Autor geht es aber auch, und das ist sehr aktuell, um Toleranz und Humanismus, um Religion und Fanatismus. Sehr lesenswert.

 

Beitragsbild: Kaisergruft, Ruhestätte von Margarita Teresa, by Kaho Mitsuki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Vladimir Vertlib - Der Jude der Kaiserin.

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Vladimir Vertlib – Der Jude der Kaiserin
Residenzverlag Februar 2026, Hardover, 416 Seiten, € 28,00

 

 

 

 

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