Elizabeth Strout – Erzähl mir alles

Ein Roman über das Geschichtenerzählen. Der Titel des neuen Romans von Elizabeth Strout ist Programm – Erzähl mir alles. Es werden von den Protagonist:innen zahllose kleine und größere Geschichten erzählt, die nicht immer wirklich interessant sind. Aber auch das ist Programm. Es geht, wie es immer wieder heißt, darum, „unbeachtete Leben“ in Erinnerung zu rufen. Vergessenen Menschen und ihren Schicksalen durch das Erzählen die Beachtung zu schenken, die ihnen im Alltag oft nicht gewährt wird. Es ist der menschenfreundliche, liebevolle, aber auch klare, schonungslose Blick der Autorin, den wir bereits aus acht vorangegangenen Romanen kennen.

In diesen Romanen, wie etwa Am Meer, Die langen Abende, Alles ist möglich oder Die Unvollkommenheit der Liebe hat sich Elizabeth Strout einen kleinen Protagonist:innen-Stamm geschaffen, der den Leser:innen sehr an Herz gewachsen sind und die in unterschiedlicher Besetzung und mit wechselnden Überschneidungen in ihren Büchern auftauchen. In Erzähl mir alles treffen nun erstmals alle aufeinander. Was für ein Geschenk für Strout-Fans!

Die Held:innen

Da ist beispielsweise die mittlerweile über 90-jährige pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, bekannt als ewig grantelnde, oftmals harsche Person, die ihren ersten Auftritt in Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman Mit Blick aufs Meer hatte. Nun lebt sie im Seniorenheim, ihre beste Freundin dort ist Isabelle Goodrow, die man aus Strouts erstem Roman Amy & Isabelle kennt. Oft besucht sie aber auch Lucy Barton, eine zentrale Figur im Strout-Universum. Diese ist mit ihrem Ex-Mann William während der Corona-Pandemie aus New York nach Crosby geflüchtet und dort hängengeblieben. Die Schriftstellerin Lucy und Olive erzählen sich besonders gern Geschichten. Und auch Bob Burgess, ein Anwalt den man aus Das Leben natürlich kennen könnte (für mich fast das schönste Strout-Buch) ist dabei – ihm kommt sogar die Hauptrolle zu. Daneben treten noch Bobs Bruder Jim und seine Frau Helen, die Schwester Susan und Bobs Frau, die Pastorin Margaret auf.

Indian Summer
CC0 via publicdomainpictures

Ihnen allen begegnen wir wieder im kleinen Küstenstädtchen Crosby in Maine und dem Nachbarort Shirley Falls. Auch diese sind den Strout-Leser:innen vertraut. Es ist Indian Summer, die Blätter verfärben sich, der Winter naht. Und das Personal ist allgemein im Alter deutlich fortgeschritten. Ähnlich wie unlängst Stewart O`Nan in Abendlied, wirft Elizabeth Strout ihren Blick auf das Älterwerden. Es ist der Alltag, der auch bei ihr im Mittelpunkt steht, etwa die Spaziergänge der Freunde Lucy und Bob oder die Besuche Lucys im Seniorenheim. Aber auch wenn wie immer die Gedanken, Gefühle und Geschichten der Menschen zentral sind, passiert ungewöhnlich viel in Erzähl mir alles. Erzählt wird davon allerdings in gewohnt ruhigem Ton und mit viel Zeit.

Der Kriminalfall

Gloria Beach, eine ältere, nicht gerade beliebte Dame – Generationen an Schülern hat ihr rigides Regiment in der Schulkantine nachhaltig verschreckt – ist verschwunden und wird schließlich in einem PKW am Grunde eines Sees gefunden. Ihr menschenscheuer Sohn Matt wird verdächtigt, sie getötet zu haben. Bob übernimmt sein Mandat, da er mit Matts Schwester Diana zur Schule gegangen ist. Das bringt ein wenig Krimi in die Handlung.

In erster Linie geht es aber wie in allen Romanen der Autorin um menschliche Beziehungen – glückende und sehr oft auch scheiternde. Alle suchen Nähe, Verbundenheit, Loyalität. Die meisten von ihnen sind aber trotzdem zutiefst einsam und führen ein eher trauriges Leben, schleppen zumindest aber das eine oder andere Kindheitstrauma mit sich herum. Das alles erzählt Elizabeth Strout in ihrem eher leichten Plauderton, der über die Tragik dahinter aber kaum hinwegtäuschen kann. In Erzähl mir alles verplaudert sich die Autorin vielleicht ein wenig. Zu viele Geschichten vielleicht, auf jeden Fall aber Menschen, die ihr Glück allzu verbissen und fast ausschließlich in Paarbeziehungen suchen. Die Liebessehnsüchte und -wirren hatten zuweilen etwas leicht pubertäres, was mich tatsächlich ein wenig störte.

Aber Elizabeth Strout schafft es dennoch immer wieder, mich mit ihren Texten einzufangen und auch die gesellschaftliche Realität in den USA durch Erwähnung der zunehmenden Spaltung, der Nachwehen der Pandemie oder etwa den Ukrainekrieg ganz beiläufig einzubringen. Für mich ist sie eine absolute Lieblingsautorin, die mit Erzähl mir alles vielleicht nicht ihr bestes Buch, aber durch die Zusammenführung all ihrer Held:innen gewiss ein zauberhaftes geschrieben hat.

 

Beitragsbild via pixabay CC0

 

Elizabeth Strout - Erzähl mir alles.

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Elizabeth Strout – Erzähl mir alles 
Aus dem Amerikanischen von Sabine Rot
Luchterhand März 2026, Hardcover, 400 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

 

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