Lukas Bärfuss – Königin der Nacht

Der Schweizer Autor und Georg Büchner Preisträger von 2019 Lukas Bärfuss hat seiner vor einigen Jahren verstorbenen Mutter mit Königin der Nacht ein kurzes, aber eindrückliches Buch gewidmet. Es vermeidet jede Genrebezeichnung, ist aber am ehesten als persönlicher Essay zu charakterisieren. Lukas Bärfuss ist bekannt als (auch) politischer Autor, der seinem Heimatland Schweiz kritisch gegenübersteht. Und so beinhaltet auch sein neuestes Werk eine gehörige Portion Gesellschaftskritik.

Formal besteht es aus drei Teilen. Im ersten begleiten wir den Erzähler nach Santo Domingo in der Dominikanischen Republik. Hierher hat sich die Mutter irgendwann, vermutlich als sie sich die teuren Lebenshaltungskosten in der Schweiz schlichtweg nicht mehr leisten konnte, mit ihrem Lebensgefährten René abgesetzt. Ihr Leben lang hat sie mit der Armut zu kämpfen gehabt, nun vermacht sie ihre Sohn ein Bankguthaben von lediglich 60 Schweizer Franken. Der Sohn ist bestürzt, macht sich leise Vorwürfe, seine Mutter nicht finanziell unterstützt zu haben. Aber schließlich: Was wusste er überhaupt von seiner Mutter, mit der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte? Und die auch in seiner Kindheit nie für ihn da war, ihn abgeschoben und sich nie gekümmert hat.

„Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod. Eine Geschichte, die nie zu Ende ist, und mit dem Sterben erst beginnt“

heißt es bitter. Und Lukas Bärfuss erinnert sich an einen Besuch bei seiner Mutter auf Hispaniola, der in der Katastrophe endete. Statt Wiedersehensfreude bei der Mutter nur Desinteresse und Ablehnung, beim Sohn peinliche Berührung und Wut angesichts der Vulgarität der Mutter und ihrer rassistischen Sprüche. Bis zu ihrem Herzinfarkt sahen sich die Beiden nicht wieder. Nun wird Bärfuss bewusst, wie wenig er seine Mutter kannte und von ihr wusste. Er weiß nur, dass sie ihn immer belogen und getäuscht hat, einfach „keine Kinder mochte.“

Der Junge

Den zweiten Teil von Königin der Nacht widmet Lukas Bärfuss dann seinen Kindheitserinnerungen. Er bleibt dabei distanziert, spricht von sich als „der Junge“. Anders wären die Ungeheuerlichkeiten, von denen er erzählt, wohl noch schwerer zu ertragen gewesen. Es beginnt zunächst mit bloßen Wahrnehmungen, die das Kind noch nicht einzuordnen imstande ist. Die Pornoheftchen unter dem Elternbett, die Nachbarin, die ihren Hasen das Fell abzieht, um daraus Stofftiere zu basteln, der brutale Metzger aus der Nachbarschaft. Und immer wieder die Lieblosigkeit der Mutter, die sich früh vom „Gauner“-Vater getrennt hat (der nun im Gefängnis sitzt) und sich und das Kind nun als Bardame, „Königin der Nacht“, mit zunehmendem Alter und nachlassender Attraktivität mi Arbeit in einer Munitionsfabrik, einer Wäscherei oder einer Autowerkstattmit durchbringt und häufig wechselnde Herrenbekanntschaften pflegt. Für ihren Sohn hat sie wenig Verwendung. Er ist ihr „ausgeliefert.“

Eine Flucht aus diesem lieblosen Leben wird für den Jungen bald das Lesen. Eine Haushaltsauflösung beim Nachbarn beschert ihm ein 30-bändiges Lexikon, das „das gesamte Wissen unserer Zeit“ umfasst und von ihm intensiv studiert wird. Auch in der Bibliothek ist er häufig zu finden. Seine Leistungen befähigen ihn für eine weiterführende Schule, selbst ein Stipendium bekommt er bewilligt. Aber was tut die Mutter? Mit Hilfe des Jugendamts schickt sie den Sohn zu einem „Welschlandjahr“ in die französische Schweiz. Das Praktikum gegen Kost und Logis war damals besonders für junge Frauen durchaus verbreitet und diente vorgeblich dem Erwerb der französischen Sprache. Viele von ihnen und auch der Junge werden hingegen gnadenlos ausgebeutet. Auf einem Bauernhof muss er ohne Bezahlung und Anerkennung harte Arbeit verrichten.

Nach Hause zurückgekehrt, hat die Mutter nicht nur die Wohnung auf Dauer verlassen, sondern auch das Stipendium ihres Sohns eingestrichen. Nun obdachlos muss sich der Junge mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, obwohl er wider Erwarten die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar schafft. Aber so ganz ohne Unterstützung ist das nahezu unmöglich? Unfassbar, dass so ein Verhalten der Mutter in den 1980er Jahren in der Schweiz möglich war.

Mutterschaft, Klasse und die Schweiz

In einem dritten Teil beschäftigt sich Lukas Bärfuss dann mit den strukturellen Bedingungen, denen seine Mutter und damit auch er in der Schweiz ausgesetzt waren.

„Wie wird man zum reichten Land der Welt? Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und dem Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen“

urteilt der Autor. Der Vater seiner Mutter war ein Rom, ein Sattler, ein Vagant. Wie es diesen Menschen in der Schweiz ging, verfolgt der Autor in einem Buch, das Porträts von Vaganten im 19. Jahrhundert zeigt. Der Verfasser Carl Durheim war damit vermutlich der erste Polizeifotograf der Schweiz. Zwangsarbeit, Eugenik, Rassismus waren in der Schweiz weit verbreitet– die Bedingungen für die Mutter waren denkbar schlecht. Trotz dieser strukturellen Benachteiligungen spricht Bärfuss ihr aber nicht die eigene Entscheidungsfähigkeit ab. Das unterscheidet ihn wohltuend von einschlägigen französischen Kolleg:innen. Die Mutter war so wie sie war wegen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, aber auch, weil sie sich dazu entschieden hat. Philosophische Überlegungen zu Mutterliebe schließen sich an, Bärfuss wendet sich aber gegen deren Idealisierung.

Lukas Bärfuss schreibt keine Verteidigung der Mutter, dafür sind die Wunden zu groß. Das Buch ist aber auch keine Anklage oder gar Verurteilung bzw. Abrechnung. Die Mutter war die „schwarze Sonne“, um die das Leben des Jungen, der hier im dritten Teil wieder „Ich“ zu sagen wagt, kreiste. Sie war die Königin der Nacht und hat diese Nachtseite des Lebens mehr oder weniger bewusst gewählt, so Lukas Bärfuss. Sie hat ihn damit auch gelehrt, zu überleben, hart sein zu können, denkt er heute mit einer gewissen Zuneigung. Sein Buch ist der Versuch einer Annäherung an eine fast unbekannte, zumindest aber unbegreifliche Frau, die im Alter Aquarelle malte und ganz am Ende auch einen Namen bekommt: Ursula.

 

Lukas Bärfuss - Königin der Nacht.

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Lukas Bärfuss – Königin der Nacht
Rowohlt Mai 2026, Hardcover, 128 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

 

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