Lily King – Euphoria

Lily King – Euphoria

Lily King - EuphoriaAnfang der 30er Jahre am Fluss Sepik im Dschungel Neuguineas: das frisch verheiratete Ethnologenpaar Nell und Fen verlassen den Eingeborenenstamm der Mumbanyo und suchen einen neuen Forschungsgegenstand. Zu schroff und unzugänglich waren diese vor allem der jungen Wissenschaftlerin entgegengetreten.
Vermittelt durch den schon länger hier forschenden Engländer Bankson reisen sie an den Tamsee, um das hier lebende, weitaus friedlichere Volk zu studieren. Was vor allem Nell sehr fasziniert, sind die deutlich matriarchalen Strukturen, die hier zu herrschen scheinen.
Nach der Veröffentlichung eines Buches über die Sexualmoral der Völker Samoas, das vor allem die Ansicht vertritt, dass diese nicht genetisch, sondern kulturell geprägt wird, was damals revolutionär war, genießt Nell Stone einiges an Renommee. Durch ihre einfühlsame, zugewandte Art, gelingt ihr rasch der Kontakt zu den Kindern und Frauen der Tam.
Fen leidet unter dem Ruf seiner erfolgreicheren Frau, Neid und Eifersucht spielen eine Rolle, ist er doch ein typisches Alphamännchen, das mit Forschheit und starkem Auftreten seinen Weg geht. Auch seiner Frau gegenüber tritt er oft schroff und despotisch auf.
Bankson wiederum hofft durch die Nähe zu den beiden anderen Forschern seiner jahrelangen quälenden Einsamkeit inmitten der Eingeborenen zu entgehen. Außerdem fühlt er sich von Nell stark angezogen. Die beiden entwickeln so etwas wie eine Seelenverwandtschaft und schließlich auch mehr. Zusammen erleben sie bei ihren Forschungen den Rausch der wissenschaftlichen Erkenntnis. Euphoria, das Buch trägt sicher auch deshalb diesen Titel.
Durch ein leichtsinniges Manöver Fens wird allerdings alles aufs Spiel gesetzt.
Die Figuren sind stark an reale Personen angelehnt. Die berühmte amerikanische Ethnologin Margaret Mead, ihr zweiter und dritter Ehemann waren Vorbild, Lily King hat ihr Leben, vor allem am Ende des Buches aber fiktionalisiert. Ich-Erzähler ist Bankson, der mit Kapiteln, die aus ihrer Sicht über Nell erzählen und Dokumenten aus ihrer Hand abwechseln.
Der Autorin gelingt mit „Euphoria“ ein spannendes Buch, das Wissenschaftsgeschichte, historischen Roman, Dreiecksgeschichte, Liebes- und Abenteuerroman vereint. Die feuchte Schwüle des Dschungels, die Farben, die Vegetation und das Leben der Eingeborenen werden der bildlich geschildert, auch wenn eine nüchterne Sprache verwendet wird. Dabei werden die Ethnologen selbst zum Forschungsgegenstand, ihre Beziehungen und ihr Verhalten von der Autorin unter die Lupe genommen.
Ein äußerst gelungener, anregender Roman.

Lily King – Euphoria

Verlag C.H.Beck Juli 2015, 262 Seiten, Gebunden, 19,95 €

Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh – Unterleuten

Unterleuten von Juli ZehUnterleuten heißt der kleine Ort, der zum Schauplatz von Juli Zehs neuem Roman, ehrgeizig als „Gesellschaftsroman“ betitelt, wird. Unterleuten bedeutet natürlich auch „Unter Leuten“, denn kaum wo kann man so schlecht untertauchen, in der Anonymität versinken, sich der Gemeinschaft entziehen wie in einem kleinen Dorf. Hier klappt die Überwachung bestens und lässt jegliche NSA-Attacken alt aussehen.

Aber taugt so ein kleines Kaff irgendwo in Brandenburg wirklich auch als Hintergrund für ein Gesellschaftspanorama der heutigen Zeit?

Ein klares Ja, nachdem man den nicht nur äußerst unterhaltsamen und spannenden, sondern auch sehr klugen Roman gelesen hat.

Sicher sieht hier das Leben ganz anders aus als in den Großstädten, natürlich schwebt hier am Horizont immer auch eine ostdeutsche, sprich DDR-Vergangenheit mit. Aber unsere Gegenwart ist sowieso zu vielschichtig, zu komplex und undurchschaubar, um sie in allen ihren Facetten zu erfassen. Der universale Gesellschaftsroman à la Balzac oder Fontane lässt sich heute vielleicht nicht mehr schreiben.

Da dient das Dorf als Mikrokosmos. Mit überschaubarem Personal und überschaubaren Beziehungen. Und Juli Zeh lässt allerhand „Auswärtige“ in die Dorfgemeinschaft einziehen, so wie es tatsächlich heute in vielen Gemeinden rund um Berlin geschieht.

Einige fliehen vor den Zumutungen der Großstadt, wie z.B. der ehemalige Professor Fließ, der mit seiner deutlich jüngeren Frau Jule, ehemalige Studentin, und Säugling auf dem Land noch einmal neu beginnen will, mit schönem Heim und als Naturschutzbeauftragter, zuständig für den Vogelschutz, namentlich den Schutz der wenigen verbliebenen Kampfläufer, während seine eigentlich emanzipierte, moderne Frau seit der Geburt fast ausschließlich um Wohl und Wehe der kleinen Tochter kreist.

Oder wie die taffe Pferdeflüsterin Linda Franzen, die, ständig um Selbstoptimierung bemüht, das ehrgeizige Projekt einer Pferdefarm zu verwirklichen sucht. Noch fehlen die finanziellen Mittel, aber Linda ist überzeugt, durch entsprechendes Auftreten und entsprechende Ellenbogen eigentlich alles erreichen zu können. Ihr Freund Frederick ist ihr da keine große Hilfe. Mit einem Bein steht er noch in Berlin, wo er in der IT-Firma seines Bruders einen nicht besonders lukrativen Job hat.

Diesen Zugezogenen stehen die „Einheimischen“ gegenüber. Deren Verflechtungen und Verstrickungen reichen weit zurück, tief in die DDR-Vergangenheit und sind für die Uneingeweihten oft nicht zu durchschauen. Sie kreisen immer wieder um die alte Feindschaft des Großbauern Gombrowski und des alten, verbitterten Kommunisten Kron. Deren gemeinsame Geschichte reicht bis in die Kindheit zurück und trägt als einen verschütteten, wunden Kern den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod eines anderen Bewohner Unterleutens.

Die Spannungen in der Gemeinde sind greifbar, die Bewohner spalten sich in zwei Lager, der gutmütige Bürgermeister Arne Seidel tut was er kann, hat das Amt aber auch mehr von Gombrowskis Gnaden und leidet unter dem Tod seiner Frau Barbara.

Durch die Neubürger, die alle von eigenen, selbstsüchtigen Interessen getrieben werden, gerät das fragile Dorfleichgewicht in Schieflage. Vollends eskaliert die Situation, als eine Windkraftanlage auf dem Gebiet der Gemeinde gebaut werden soll. Wie man das so kennt, will selbst der vehementeste Naturschützer keine erneuerbaren Energien, wenn sie vor seiner Haustüre stehen, und immer bleibt da auch die Frage: Wer verdient letzten Endes daran?

Eine sehr problematische Dynamik wird da in Gang gesetzt, ein Kind verschwindet, Verdächtigungen, Verleumdungen, Intrigen kursieren und auch vor offener Gewalt wird nicht zurückgeschreckt. Am Ende ist nichts mehr so wie zuvor.

Mit insgesamt 11 Hauptpersonen, um die sich noch eine ganze Anzahl Nebenfiguren scharen, schafft Juli Zeh ein komplexes, faszinierendes Dorf- und Gesellschaftspanorama. Mögen manche davon ein wenig nach fest zugewiesenen Rollen klingen – Naturschützer, Kapitalist, Kommunist…- so entwickeln sie sich doch zu ganz vielschichtigen, überzeugenden Charakteren. Ganz ohne Klischees geht das nicht ab, aber auch das reale Leben ist nie ganz klischeefrei. Besondere Tiefe erlangen die Charaktere vor allem durch die Erzählweise, die zwar durch eine auktoriale Erzählerin, am Ende entpuppt sie sich als Journalistin, aber immer abwechselnd aus streng subjektiver Perspektive jeweils einer der Personen berichtet. So lernen wir die Figuren aus ganz verschiedenen Blickwinkeln kennen und auch ein Stück weit verstehen. Denn wenn man auch keine davon als Nachbarn oder gar Freund wünschen würde, sie alle sind keine durchweg schlechten Menschen. Sie wollen alle irgendwie nur das Beste, vorzugsweise natürlich zuerst einmal für sich und die Seinen. Und die ganzen schlechten Dinge, die daraus entstehen, sind nicht einmal gewollt. Dazu wird einmal das Goethe-Wort falsch zitiert.

„ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“

Viele aktuelle Themen greift Juli Zeh in Unterleuten auf: Naturschutz, Land- sowie Stadtflucht, Selbstoptimierungswahn, Erneuerbare Energien, Bodenspekulation, Generationskonflikte, DDR-Altlasten, Familienmodelle und auch solche klassischen wie Freundschaft, Verrat, Schuld. Und auch wenn die Auffassung der Autorin deutlich herauskommt, wenn sie z.B. ihre Protagonisten sinnieren lässt

„Das kapitalistische System pflanzte einen Angstkern in die Seelen seiner Kinder, die sich im Laufe ihres Lebens mit immer neuen Schichten aus Leistungsbereitschaft panzerten.“

Oder

„Der Kapitalismus hatte Gemeinsinn in Egoismus und Eigensinn in Anpassungsfähigkeit verwandelt.“

Oder die Orientierungslosigkeit der „Ewigpubertierenden“, die den „Ach-so-komm-vorbei-Planeten“ bewohnen und sich doch insgeheim nach dem „Das-ist-so-nicht-hinnehmbar-Planeten“ sehnen.

Juli Zeh zeigt uns mit ihren Protagonisten auch andere Sichtweisen auf unterschiedlichste Gesellschaftsvorgänge, so die der pragmatischen Jungunternehmerin Linda Franzen und ihres Motivations-Gurus Manfred Gortz.

„Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, ist der faule Kern der demokratischen Idee.“

ist eine seiner Maximen. Und so propagiert er eine strikte Vorherrschaft des Stärkeren. Nicht zuletzt hat Juli Zehaut mit „Unterleuten“ auch einen politischen Roman geschrieben. Eine Gattung, an die sich immer weniger Autoren herantrauen, gerade auch im Bereich der unterhaltenden Literatur. Juli Zeh kennt sich zudem auch in der Spannungsliteratur aus und weiß Cliffhanger geschickt einzusetzen. Insgesamt also ein gut lesbares, aber alles andere als belangloses Stück Literatur. Aber auch der Gesellschaftsroman ist ihr ausnehmend gut gelungen.

Juli Zeh – Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag März 2016, gebunden, 640 Seiten, € 24,99

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar - Ich nannte ihn KrawatteJeden Morgen kommt der zwanzigjährige Taguchi Hiro in den Park, sitzt den ganzen Tag auf einer der Bänke, allein und verschlossen. Was nach außen als Rückzug, als Einsamkeit erscheint, ist für den jungen Mann ein großer Schritt vorwärts, hinaus aus einer zweijährigen selbstauferlegten Isolation. Zwei Jahre hat er sich in sein Zimmer bei den Eltern verkrochen. Versteckt vor den Zumutungen des Lebens, dem Druck der Gesellschaft. Die Nähe von Menschen bereitet ihm Übelkeit, er kann das alltägliche Treiben kaum mehr ertragen.

„Nichts soll mich ablenken von dem Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren.“

Seine Eltern leiden unter der Schmach ihres versagenden Sohns, verstecken ihn, unterstützen ihn aber auch. Hikikomori nennt man in Japan diese Menschen und sie sind kein sehr seltenes Phänomen.

Eines Tages setzt sich ein älterer Mann auf die Parkbank gegenüber. Er ist ein „Salaryman“, also einer jener unzähligen uniformen Büroangestellten Japans. Wegen seiner korrekten Kleidung nennt Taguchi ihn insgeheim „Krawatte“.
Krawatte erscheint nun ebenfalls Tag für Tag, um Stunden im Park zu verbringen. Zwischen ihm und dem jungen Mann entsteht allmählich eine vorsichtige Annäherung. Sie machen sich vertraut, bis sich der Salaryman schließlich als Ohara Tetsu vorstellt. Er hat seine Arbeit verloren und sich bisher nicht getraut, es seiner Frau zu sagen. Eine alte Geschichte. Aber es steckt mehr dahinter, als die Angst, als Versager dazustehen. Ihn treiben Fragen wie

„Wer hätte ich werden können.
Wer war ich geworden.
Wer werde ich sein, wenn sie (seine Frau Kyoko) herausfindet, wer ich bin.“

„Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns so sehr verfehlten?“

Der Salaryman und der Hikikomori kommen ins Gespräch, erzählen sich von lange zurückliegenden Begebenheiten, in denen sie falsch gehandelt haben, die sie bis heute mit Schuld und Scham verfolgen. Auch deshalb sind sie den immer wieder neuen Anforderungen, die das Leben an sie stellt nicht gewachsen. Und weil sie in einem Umfeld des Schweigens leben.

„Wir haben einen Pakt geschlossen: Lieber nichts wissen voneinander. Und dieser Pakt ist das, was Familien über Jahre zusammenhält. Wir waren Maskenträger.“


Taguchi Hiro und Ohara Tetsu erzählen sich aus ihrem Leben, langsam, sie lassen sich Zeit, bedrängen sich nicht. Dieses Zögernde, Tastende kommt auch in der Sprache zum Ausdruck, die vorsichtig, auch irgendwie tastend ist. Sie erzählt behutsam aus zwei erschütterten Leben.

„Irgendwann glücklich sein. Es bedurfte dazu nur eines kleinen Sprungs. Hinüber auf die sichere Seite, hinüber zu denen, die nicht zu viel nachdenken, nicht darüber, wie weh es tut, nicht nur den anderen, sondern mit ihm sich selbst verraten zu haben Ich wollte dorthin, nahm Anlauf, war noch im Anlaufen.“


Aber: „Nein, nicht wahr, das wäre zu einfach. Um zu vergeben, um wirklich frei zu sein, muss man sich erinnern, Tag für Tag.“


Das ist beklemmend und zart zugleich, tieftraurig und doch auch – ja – heiter, dem Leben zugewandt.

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte – ein leises, wunderbares Buch.

gebundene Ausgabe mittlerweile vergriffen, Taschenbuchausgabe bei btb

 

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm - Weit über das LandEines Spätsommerabends, die Familie ist gerade aus dem Spanienurlaub heimgekehrt, die Frau Astrid nach drinnen verschwunden, um den quengelnden Sohn ins Bett zu bringen, steht Thomas von der Gartenbank auf und geht davon.
Ein altes Motiv, Mann geht nur mal eben Zigaretten holen, „Ich war noch niemals in New York“, und anscheinend eine beliebte, vorzugsweise männliche Phantasie, einfach aufzubrechen, das alte Leben hinter sich zu lassen und ganz neu anzufangen.
Selten wurde diese aber mit einer solchen Konsequenz verfolgt wie hier.
Nichts war geplant, die Ehe keineswegs unglücklich, der Beruf als Buchhalter vielleicht nicht die große Erfüllung, aber durchaus auch nicht als quälend empfunden, keine finanziellen Probleme und zwei geliebte Kinder – Thomas Motivation bleibt völlig im Dunklen, vielleicht gibt es auch gar keine. Allenfalls andeutend sind die Sätze, dass die Büsche am Grundstücksrand zu einer unüberwindbaren Mauer emporwachsen, die Rasenfläche als „ein Verlies, aus dem es kein Entkommen gab“ erscheint.
Doch besonders die Konsequenz, mit der der Weggang, eher eine Flucht, betrieben wird, der Büromensch härteste Bedingungen auf seinem Weg in Kauf nimmt, sich versteckt, als würde er verfolgt und waghalsige Risiken auf sich nimmt, leuchtet wenig ein.
Thomas hat kein Ziel, meldet sich nicht mehr, wandert einfach drauf los, in die Berge. Auch ein typisch männliches, auch dezidiert schweizerisches Motiv.
Astrid hingegen versucht zunächst, alles beim Alten zu belassen, möglichst wenig zu ändern, möglichst niemanden einzuweihen. Irgendwann geht sie doch zur Polizei, die auch Thomas Spur aufnimmt, diesen aber immer wieder verpasst.
Astrid lebt mit ihrer Trauer überraschend gut, auch die Kinder scheinen den Verlust äußerlich recht gut wegzustecken.
Äußerlich, denn was in den Personen vorgeht, bleibt weitgehend im Dunkeln, auch Entwicklungen machen diese keine durch. Peter Stamm schreibt in seiner bekannt reduzierten, lakonischen Art. Ein Großteil des Erzählten besteht aus bloßen Beschreibungen, wobei besonders denen der Natur eine besondere Bedeutung zukommt.
Die Erzählung wechselt stets von Thomas zu Astrids Perspektive, es gibt zeitliche und erzählerische Verschiebungen, die sehr reizvoll sind.
Irgendwann fasert die Geschichte aus, verschwimmt. Wie auch Thomas anfängliches Weggehen eingeleitet wird mit „Thomas stellte sich vor“, wechselt der Konjunktiv in den Indikativ und umgekehrt. Einmal denkt Astrid direkt,
„dass das alles nicht wirklich, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten war. „
Und verschiedene Möglichkeiten bietet uns nun auch der Roman an. Welche Version stimmt? War alles nur ein Traum, eine Phantasie? Ab wann? Von Thomas? Von Astrid?
Nichts wird geklärt. Aber die Geschichte bekommt dadurch eine andere Dimension, weg von der wenig überzeugenden Aussteigergeschichte hin zu einer Phantasie über das Vergehen der Zeit, den Sinn der Existenz, das Gewicht von getroffenen Entscheidungen.

Peter Stamm – Weit über das Land

S. FISCHER 2016, 224 Seiten, gebunden, € 19,99

Anthony Doerr – Memory Wall

Anthony Doerr – Memory Wall

Anthony Doerr - Memory wallMemory wall ist eine Novelle, die im Original als Teil einer Erzählungssammlung erschienen ist. Alle Geschichten, so auch diese hier, handeln vom Erinnern oder mehr noch vom Vergessen.
„Es ist so selten, denkt Luvo, dass etwas erhalten bleibt, dass es nicht ausgelöscht, zerschlagen, verwandelt wird.“
In Anthony Doerrs Erzählung hat die Wissenschaft eine Methode gefunden, die Erinnerungen eines Menschen auf kleinen Kassetten zu speichern. Es ist eine Operation dafür nötig, drei kleine Ports werden in den Schädel gebohrt. Über diese kann der Patient dann nach Bedarf seine eigenen Erinnerungen immer wieder „einspielen“, sollten sie mal verloren gehen. Science-fiction, so unauffällig und unspektakulär in die Geschichte eingeflochten, dass man kaum zusammenzuckt.
Alma ist eine vermögende Weiße, in einem schönen sauberen Vorort von Kapstadt lebend. Harold, ihr Mann, ist seit vier Jahren tot, sie selbst kämpft immer erfolgloser gegen das Vergessen. Pheko, der schwarze Hausangestellte, kümmert sich rührend um Mrs. Alma, kocht, versieht den Haushalt, fährt zum Arzt und zur Gedächtnisklinik und wenn es ihr schlecht geht, versorgt er sie mit ihren alten Erinnerungen, die sie zusammen mit alten Fotos und Notizen sorgfältig an ihrer Memory Wall aufbewahrt. Aber den zunehmenden Verfall der demenzkranken Frau können auch sie nicht aufhalten.
Nachts schleichen sich Diebe ins Haus, auf der Suche nach der einen Erinnerung, die sich zu viel Geld machen lassen könnte. Ein elternloser, streunender Junge wurde dafür operiert, mit Ports versehen, er kann Mrs. Almas Erinnerungen lesen.
Was sich hier so phantastisch anhört, wird von Anthony Doerr ganz selbstverständlich in ein völlig realistisches Setting eingebunden. Es ist die Welt der großen Gegensätze in Südafrika. Die reiche einsame Frau in ihrer Villa, der alleinerziehende schwarze Angestellte aus den Townships, das völlig entrechtete Straßenkind, das von skrupellosen Verbrechern nur benutzt wird. Eine gehörige Portion Gesellschaftskritik steckt auch in „Memory wall“.
Zentral ist aber das Thema des Vergessens, der Vergänglichkeit der Erinnerungen und damit der Existenz an sich.
„Dr. Amnestys Kassetten, das South African Museum, Harolds Fossilien, Chefe Carpenters Sammlung, Almas Gedächtniswand – waren das nicht alles Versuche, der Vernichtung zu trotzen? Was sind Erinnerungen überhaupt? Wie können sie so zerbrechlich und vergänglich sein?“
Bei aller Realitätsnähe und trotz Doerrs klarer Sprache bekommt die Novelle zunehmend etwas märchenhaftes, wird poetischer und endet schließlich bittersüß. Das ist merkwürdiger Weise gar nicht kitschig, sondern sehr passend. Und Almas Erinnerungen, die wie kleine Lichtblitze immer wieder in der Geschichte auftauchen, mögen zwar für sie verloren sein, aber diese Geschichte schließt sie wie ein Fossil für uns Leser auf eindrückliche Weise ein.
Schade ist nur, dass sie in ihrer Kürze so alleine für sich stehen muss. Gern hätte ich die thematisch verwandten Geschichten der Originalsammlung auch noch gelesen.

Anthony Doerr – Memory wall Novelle

C.H.Beck Verlag Februar 2016, 135 Seiten, Gebunden, 14,95 €

Ruth Cerha – Bora

ruth-cerha-bora-eine-geschichte-vom-windEs ist ein merkwürdiger Sommer auf der kleinen Insel in der kroatischen Adria. Statt der endlosen sonnengeschättigten, träge machenden Tage herrscht abwechselnd die Bora, der kalte, raue, vom Land kommende Fallwind und der Jugo, der heiß, feucht und staub- und sandgesättigt von Süden weht. Beide Winde wechseln sich in kurzer Folge ab und wirbeln Meer, Land und Inselbewohner gehörig durcheinander.
Touristen sind eher selten auf der noch eher unerschlossenen Insel, keine Hotels, wenig Einkaufsmöglichkeiten und ein beschaulicher Tagesablauf. Das ist es, was Menschen wie die Wiener Schriftstellerin Mara oder den Bildhauer Harry schon seit Jahren jeden Sommer hierher zieht. Mit den Inselbewohnern bilden sie bereits eine eingeschworene Inselgemeinschaft, die lediglich im August durch die vielen „Rückkehrer“, die zum Emigrants Day zurück zu ihren Wurzeln, ihrem Ursprung kehren, ansonsten über die Welt verteilt leben, aufgemischt wird.
Über viele Jahrzehnte, besonders auch zu Zeiten der kommunistischen Regierung, waren viele Bewohner mehr oder weniger gezwungen, ihr Glück im Ausland zu suchen. Zu wenig Möglichkeiten boten sich hier auf dem kargen, karstigen Eiland, zu wenig Freiheit, zu wenig Zukunft.
Dass die Meisten dieser Auswanderer aber auch in der neuen Heimat nicht wirklich glücklich, zumindest nie ganz heimisch geworden sind, ist bekannt. Bis in die nächsten Generationen zieht sich das Gefühl, nirgends ganz zuhause zu sein, nirgends ganz dazuzugehören, zwischen den Kulturen zu stehen.
Auch Andrej geht es so und seiner Mutter. Auch sie verbringen den Sommer auf der unbenannten kleinen Insel, leben ansonsten in den USA.
Andrej trifft auf Mara, boy meets girl, es kommt wie es kommen muss. Beide sind um die vierzig, haben etliche Beziehungen, Erfahrungen und Verletzungen hinter sich, beide sind nicht wirklich beziehungswillig und sehnen sich doch nach Nähe, Geborgenheit.
Ruth Cerha schildert eine nicht ganz einfache Liebesgeschichte, und ihr gelingt das überraschend und beglückend unsentimental und unkitschig. Dass es ihr ebenso gelingt, die Atmosphäre des Inselsommers, die karge Natur, die Faszination des Meeres, die Launen der Winde einzufangen und wunderbar zu beschreiben, macht „Bora oder Eine Geschichte des Windes“ zu einem schönen, verzaubernden Sommerroman. Aber eben nicht nur.
Als Schriftstellerin in einer momentanen Schreibkrise findet Mara über die Geschichten der Emigranten und der Einheimischen Zugang zur Geschichte der Insel, zu der Heimatlosigkeit der Weggegangenen, der Resignation der Zurückgebliebenen. Und wird daraus, zurückgekehrt nach Wien, einen Roman schreiben. Wünschen wir ihr, dass er ebenso glücken wird wie Ruth Cerha der vorliegende.

Ruth Cerha – Bora-Eine Geschichte vom Wind

Frankfurter Verlagsanstalt Juli 2015, gebunden, 256 Seiten, 19,90 € 

Peter Nichols – Die Sommer mit Lulu

Peter Nichols - Die Sommer mit LuluMit dem Gedicht „Ithaka“ des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis beginnt der Roman.
„Und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.“
Es ist die Suche nach Odysseus´ Reiseroute, die den jungen Engländer Gerald 1948 schließlich nach Cala Marsopa (dem tatsächlichen Cala Ratjada) im Osten der Insel Mallorca führt. Die Idee, die mythischen Orte im realen Raum zu verorten, ist ihm auf seinen Fahrten durch das Mittelmeer an Bord verschiedener Kreuzer während des zweiten Weltkriegs gekommen.
1947 macht er sich mit seiner kleinen Segeljacht Nereide auf die Fahrt und segelt auch weit nach Westen, eher um die Inselgruppe der Balearen als Schauplatz von Homers Epos auszuschließen, als in der Hoffnung, dort etwas zu finden.
Aus der kurzen Stippvisite wird der Rest seines Lebens.
Denn wie die Zauberin Kirke einst Odysseus, schlägt hier auf Mallorca die schöne Engländerin Lulu Gerald in ihren Bann. Doch anders als der antike Held, vermag dieser sich nie wirklich daraus zu befreien. Lulu ist eigensinnig, egozentrisch und strotzt vor sexueller Anziehungskraft. Mehr als der Mensch Gerald fasziniert sie der romantische Abenteurer, der auf seiner Suche die Meere durchsegelt. Sie will ihn heiraten, sie bekommt ihn. Als er sich auf der Hochzeitsreise, natürlich an Bord der Nereide, aber einmal vermeintlich nicht ganz so heldenhaft zeigt, verlässt sie ihn wutentbrannt und verweigert fortan jedes Gespräch, jeden Kontakt.
Gerald bleibt dennoch auf der Insel, kauft ein altes Haus in unmittelbarer Nähe zu Lulus Domizil, das sie im Laufe der Jahre zu einem florierenden Gästehaus, vor allem für ihre englischen Landsleute umbaut. Beide heiraten wieder, bekommen Nachwuchs, vermeiden aber weiterhin jeden Kontakt.
Was ist damals passiert, das die beiden Frischverheirateten auf so unerbittliche Weise voneinander trennte? Das ist die große Frage, die hinter dem Erzählten steht und die den Leser bis zum Ende in Spannung hält.
Wir bekommen die Geschichte von Gerald und Lulu, ihrer Kinder Aegina und Luc, ihrer Lebenspartner, Freunde und Gäste nämlich rückwärts erzählt. Ausgehend von einem tragischen Zusammentreffen der beiden über Achtzigjährigen im Jahr 2005, das mit einem Streit, einem Unfall und dem Tod von Lulu und Gerald endet, schreiten wir in unregelmäßigen Abständen rückwärts, verfolgen den 70. Geburtstag, feiern mit Gerald die erfolgreiche Neuauflage seines Odysseus Buch „Der Weg nach Ithaka“, erleben Lulu als Geschäftsfrau in ihrem Hotel und Gerald als Olivenbauern, als Ehepartner und Eltern, begleiten auch die Kinder Aegina und Luc. Es sind besondere Schlaglichter, die auf bestimmte Lebensabschnitte geworfen werden. Der allwissende Erzähler schwenkt in der Perspektive von der einen Figur auf die andere. Wir lernen sie allesamt recht gut kennen, kommen aber keiner wirklich nahe. Besonders entrückt scheint Lulu, ein schwieriger, selbstsüchtiger Charakter. Im Originaltitel „The Rocks“ ist es auch nicht sie, sondern ihr Hotel, Mittel- und Treffpunkt der kleinen mallorquinischen Gemeinschaft, das dem Buch seinen Titel gab.
Der besondere Aufbau macht den größten Reiz des Buches aus. Er führt zu noch sorgfältigerem Lesen, weiß man doch nie, welchem erzählten Detail eine besondere Bedeutung zukommt. Die Spannung hält bis zum Schluss, auch wenn die tatsächliche Auflösung des Rätsels eher enttäuschend ist. Aber wie bei Homers Odyssee und eigentlich jeder richtigen Reise ist es ja eher der Weg als das Ziel worauf es ankommt. Das ist von Peter Nichols meisterhaft gemacht.
Nicht ganz so meisterhaft ist oft Nichols Sprache, die doch einige Redundanzen aufweist. Allerdings gelingt es ihm, das Flair von Mallorca, die heißen Sommertage, das sich jedes Jahr erneut treffende Völkchen der Stammurlauber, die Olivenhaine, die Landschaft und das Meer so plastisch heraufzubeschwören, dass man am liebsten selbst die Segel setzen möchte. Wenn nicht nach Ithaka, so doch zumindest nach Süden.

Peter Nichols – Die Sommer mit Lulu

aus dem Englischen von Dorothee Merkel

Klett-Cotta Verlag Juli 2016, 507 Seiten, gebunden, € 22,95

Fabio Genovesi – Der Sommer, in dem wir das Leben neu erfanden

Fabio Genovesi - Der Sommer, in dem wir das Leben neu erfandenEs ist ein Erfolgsrezept: nimm ein paar schräge Gestalten, am besten auch ein oder zwei Kinder, die es auf die ein oder andere Art und Weise nicht leicht haben in ihrem Leben, bevorzugt klassische Außenseiter, gerne auch einen skurrilen Alten und fürs Herz noch eine Frau und einen Mann, packe sie alle in ein Auto, dieses möglichst klapprig und schicke sie mit ihren Problemen und Marotten auf einen mehr oder weniger motivierten Roadtrip.
Im besten Fall kommt dabei eine witzige, tiefsinnige, bunte und herzanrührende Geschichte heraus. Wie bei „Little Miss Sunshine“, womit der Verlag das Buch von Fabio Genovesi bewirbt. „Little Miss Sunshine a la Italiana“. Das tut dem Buch nicht gut, denn da hängt die Latte nicht nur ganz weit oben, sondern es lässt auch eine Geschichte erwarten, die das Buch so nicht erzählt. Denn aus den 1600 km der Miss Sunshine werden hier ungefähr 20, ein kleiner Ausflug, aufgebläht durch einen dreistündigen Stau.
Auch sonst lässt sich im direkten Vergleich sehr genau erklären, warum das Buch nicht recht überzeugen kann.
Fabio Genovesi nimmt sich viel Zeit, um sein Personal vorzustellen: das Mädchen Luna, durch ihren Albinismus praktisch von Natur eine Außenseiterin, sonnen- und lichtempfindlich, liebt sie doch das Meer im Sommer über alles. Als zweites Kind Zot, der Junge aus Tschernobyl (warum Tschernobyl?, das hat für die Geschichte überhaupt keine Bewandtnis), auch er ein krasser Außenseiter, von den Mitschülern gemobbt und misshandelt. Dann dessen Zieh-Opa, ein Ausbund an Vulgarität und Menschenhass, ständig fluchend und nur ein trauriger Abklatsch des Opas von Little Miss Sunshine. Ferner noch mit im Auto die planlose Mutter Lunas, Serena, und der noch planlosere, sich von prekärem Job zu prekärem Job hangelnde Vierzigjährige Sandro, seit Jugendzeiten vergeblich verliebt in eben jene Serena.
Ein halbes Jahr nach dem tödlichen Surfunfall von Lunas Bruder Luca soll der Ausflug zu einer Ausgrabungsstätte die mehr oder minder traumatisierten Figuren „ihr Leben neu erfinden lassen“ und Sandro Serenas Herz gewinnen. Wie es dazu kam, ist genauso abstrus, wie das bereits geschilderte.
Und das ist genau der Punkt, an dem das Buch krankt: zu keinem Zeitpunkt können Personal oder Handlung wirklich überzeugen. Sitzen bei Little Miss Sunshine auch sechs sehr skurrile Typen im VW-Bus, so sind diese Menschen doch zutiefst glaubhaft. Und sie machen vor allem im Gegensatz zu Genovesis Personal auch eine Entwicklung durch, zeigen Nuancen. Das winzige Überdrehen der Schraube schafft Komik, das Weiterdrehen nur noch Klamauk.
Und dabei sind noch nicht einmal die völlig absurden Nebengeschichten erwähnt, die die sich der Autor viel zu oft verliert ohne dass sie für die Geschichte ein Gewinn wären. Sie lenken vom eigentlich zu Erzählenden ab, das Buch verliert seine Aussagekraft.
Denn die könnte der Roman durchaus haben. Erzählt er doch vom Kampf von Menschen, die anders sind als die Masse, von Trauer und der Suche nach dem eigenen Weg. Meist zwischen den Zeilen versteckt gelingen dem Autor wunderbare kleine Beobachtungen, manchmal poetisch, oft auch gesellschaftskritisch oder politisch, witzig, mitunter leicht zynisch. Von diesen Stellen wünscht man sich mehr, möchte sie im Vordergrund und das ganze Kuriositätenkabinett dahinter verschwindend. Sie beweisen, dass der Autor genau beobachten und treffend formulieren kann. Auch der Aufbau und die wechselnden Erzählperspektiven (ER, ICH und DU für Sandro, Luna und Serena) zeigen, dass in Fabio Genovesi viel Potential steckt. Im ersten Teil des Buches und sogar beim Happy End nimmt das Buch den Leser durchaus für sich ein. Leider verschenkt es dazwischen zu viel an übertrieben aneinander gereihte Skurrilitäten, unentschlossene Handlungsführung und unnötige Vulgaritäten. Manchmal ist es eben besser ein Rezept nicht durch ein Zuviel an Zutaten verbessern zu wollen.

Fabio Genovesi – Der Sommer, in dem wir das Leben neu erfanden

Insel Verlag April 2016, Klappenbroschur, 574 Seiten, 16,95 €

Richard Yates Cold Spring Harbor

Richard Yates Cold Spring HarborEr ist der Meister der geplatzten Träume: Richard Yates, der zwischen 1961 und 1986 acht Romane (und davor noch Kurzgeschichten) schrieb, gleich mit seinem ersten „Revolutionary Road“ (dt.“Zeiten des Aufruhrs) einen großen Erfolg erzielte und 1992, 66 jährig, fast vergessen starb. Es dauerte bis um die Jahrtausendwende, um ihn wiederzuentdecken. Hierzulande macht sich seitdem die Deutsche Verlagsanstalt um die Veröffentlichung verdient. Nun erschien das letzte Buch auf deutsch:“Cold Spring Harbour“.
Auch hier sind es wieder Menschen der amerikanischen Mittelschicht, die im Alltag (meist vergeblich, aber umso verbissener) um ihr Glück kämpfen. Sie scheitern nicht grandios, es sind nicht die dramatischen Abstürze, die unteren Ränder der Gesellschaft, die Yates interessieren. Die Figuren in seinen Romanen starten meist hoffnungsvoll, mit Träumen, wie wir sie alle kennen, nicht hochtrabend, aber doch meist rosarot. Potential und guter Wille steckt in fast allen, Liebe spielt dabei eine Rolle, Familie, Wohlstand, beruflicher Erfolg bei den Männern, ein gewisser Status bei den Frauen. Und damit ist auch der gesellschaftliche Rahmen, in denen sie sich bewegen, fest umrissen. Es sind meist die 50er und 60er Jahre, hier in seinem jüngsten buch geht Yates sogar zurück in die 40er, die Nachkriegsjahre. Vielleicht weil sie so besonders hoffnungsvoll, so voller Aufbruch waren. Auf jeden Fall sind es die Jahre vor den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1968er, vor der Emanzipation, vor der sexuellen und bürgerlichen Freiheiten. Es waren, auch in den USA, enge Jahre, voll des gesellschaftlichen Drucks, der besonders auch auf den jungen Menschen lag, bestimmt vom Aufstiegswillen, beherrscht von Statusdenken und Wohlstandsstreben. Ehen wurden früh, nicht zuletzt um endlich auch Sex haben zu dürfen, geschlossen, scheiterten oft kläglich, wurden oft aber dennoch aufrecht erhalten.
So geht es auch den Protagonisten in Cold Spring Harbour, benannt nach dem kleinen Ort in New Jersey, der steht für das „alte Geld“, das dort zuhauf vertreten ist, aber auch für die, die nach „oben“ streben.
Gloria Drake ist eine solche Frau, typisch für Yates Personal. Ihre Lebensträume sind längst geplatzt, der vermögende Ehemann über alle Berge, liegen nun ihre Hoffnungen auf ihren beiden fast erwachsenen Kindern, wird die Fassade eines glücklichen Wohlstandslebens, wenn auch auf kleinstem Raum, aufrecht erhalten. Auch wenn dies nur noch mit zunehmendem Alkoholkonsum gelingt. Ein weiteres stets wiederkehrendes Motiv bei Yates, der doch außer einem (zumindest in seinem Empfinden und damals) Scheiternden auch ein massiver Alkoholiker war.
Ein massives Alkoholproblem, das natürlich genauso geflissentlch unter den Teppich gekehrt wird, hat auch Grace, die Ehefrau von Charles Shepard, ehemals bei der Army und massiv darunter leidend, dass seine Karriereträume durch das „zu frühe Enden“ des Krieges und eine Sehbehinderung scheitern ließ. Nun im Ruhestand kümmerst er sich aufopferungsvoll, aber zutiefst enttäuscht um seine kränkelnde Frau. Auch hier ist die große Hoffnung der blendend aussehende, aufstrebende Sohn Evan. Dieser hat aber auch bereits die ersten Enttäuschungen hinter sich. Seine übereilt geschlossene Liebesheirat mit Mary führt zwar zu einer Tochter, aber auch sehr bald zu einer Scheidung, da ist er kaum 20. durch Zufall treffen nun diese beiden strauchelnden Familien aufeinander, Evan wird Glorias Tochter Rachel heiraten. Wie diese zum Teil hoffnungsvollen, teils schon hoffnungslos gescheiterten, aber immer noch sehnsuchtsvollen Menschen aneinander abarbeiten, sich aneinander klammern, ist so psychologisch meisterhaft, so klar und nüchtern in der Sprache, in seiner Komplexität so eindrucksvoll wie in den besten Romanen von Richard Yates. So gnadenlos der Autor seine Figuren beobachtet und seziert, so viel Mitgefühl und Empathie hat er doch für sie alle. Es sind keine schlechten Menschen, keine Losertypen. Sie starten alle voller Hoffnungen und mit gutem Willen, und bleiben doch irgendwo auf der Strecke. Gescheitert am Alltag, an den gesellschaftlichen Normen, an den eigenen zu hohen Erwartungen. Und halten dem Leser, auch wenn er in ganz anderen Zeiten lebt, immer wieder den Spiegel vor. Wunderbar, dass wir nun alle Bücher von Richard Yates auf Deutsch vorliegen haben.

Richard Yates – Cold Spring Harbor

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Deutsche Verlagsanstalt  November 2015,Gebunden, 240 Seiten, € 19,99

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen

NoViolet Bulawayo Wir brauchen neue NamenNoViolet Bulawayo ist eine jener in jüngster Zeit häufiger zu hörenden Stimmen junger, zumeist weiblicher aus Afrika stammender Autoren, die meist nach einer Ausbildung im Westen dort geblieben sind, in den USA oder Großbritannien und nun mit einer Mischung aus Sehnsucht, Nostalgie und Heimweh, aber auch kritschem Abstand und gnadenloser analytischer Schärfe auf ihr Heimatland zurück blicken.
Simbawe ist das Land, in dem die zu Beginn 10jährige Darling aufwächst. Es wird erst ziemlich spät im Roman auch benannt, das „geliebte Zim“. Sein Schicksal gleicht auf fatale Weise dem unzähliger anderer afrikanischer Nationen: Ausbeutung und Unterdrückung durch die Kolonialmächte, nach der Unabhängigkeit die Hoffnung auf Freiheit und Aufschwung, eine kurze Phase der Hoffnung, dann der Aufstieg von unterschiedlichen Despoten, die, machtlüstern und meist unfähig, ein System der Korruption und Vetternwirtschaft aufbauten, das selbst die rohstoffreichsten und hoffnungsvollsten Staaten in meist noch größeres Elend, in Hunger und Armut großer Teile der Bevölkerung führten – vergessen und missachtet von den eigenen Eliten.
Auch Simbawes Schicksal sieht nicht anders aus.
Nach einem aussichtsreichen Start in die Unabhängigkeit 1980 verkam es unter dem diktatorischen Präsident Robert Mugabe immer mehr und belegt seit Jahren die untersten Ränge der Entwicklungsberichte. Für oppositionelle Bestrebungen ist schon lange kein Platz. Ab 2005 wurden unter dem Vorwand der Beseitigung von illegalen Bauten und der Hygiene in der Operation „Müllentsorgung“ unzählige Häuser von staatlicher Seite dem Boden gleichgemacht, bevorzugt in Gebieten mit traditionell hoher oppositioneller Aktivität.
Auch das Haus von Darlings Familie fällt dieser Säuberung zum Opfer. Der Vater sucht darauf sein Glück in Südafrika, lässt dann aber nie wieder von sich hören. Die Mutter zieht mit Darling in den Slum „Paradies“. Das die Verhältnisse dort alles andere als paradiesisch sind, versteht sich von selbst.
Trotzdem erlebt Darling mit ihrer Clique auch glückliche Momente, zum Beispiel wenn sie in den besseren Stadtvierteln Guaven stehlen oder wenn sie „Jagt Bin Laden“ spielen. Die Autorin erzählt aus der Perspektive ihrer kleinen Heldin und so wird der Leser mit vielen Grausamkeiten auf besondere Weise konfrontiert. Beispielsweise wenn die elfjährige Chipo, die vom eigenen Großvater vergewaltigt und danach schwanger, von ihren Kameraden mit einem rostigen Kleiderbügel „operiert“ werden soll. Dazu brauchen die Kinder „Neue Namen“, sie werden zu Dr. Ross und Jeanie Boulet, frei nach Emercency Room. Der Eingriff wird zum Glück verhindert, zeigt aber, wie allein gelassen, voller falscher Träume von Amerika, aber auch voll des Tatendrangs, der Hoffnung und der Sehnsüchte die Kinder leben.
Bulawayo schafft dafür eine kraftvolle, überzeugende Sprache, reich auch an eigenwilligen, treffenden Sprachneuschöpfungen, die uns die kleinen Protagonisten sehr nah bringen.

In der Mitte des Buches erfolgt ein vielleicht etwas zu harter Bruch.

Darling reist zu ihrer Tante nach Detroit.
Dort leidet sie zwar an Heimweh, kämpft mit der Sprache, empfindet
„Englisch ist wie eine riesige Eisentür, zu der man dauernd den Schlüssel verliert“, erfährt, dass das Leben in Amerika auch nicht das Paradies ist. Zugleich entfernt sie sich aber auch immer weiter von ihrem „geliebten Zim.“

 „Dein Land, Darling? Im Ernst, dein Land, bist du dir sicher?(…)Wieso bist du denn gerade nicht in deinem Land? Warum bist du nach Amerika abgehauen(…) du hast es im Stich gelassen, Darling, meine Liebe, du hast das Haus brennen lassen, und du wagst es, mir mit diesem blöden Akzent, mit dem du nicht mal geboren wurdest, der nicht mal zu dir passt, zu sagen, dass das hier dein Land ist?

wird ihr etwa von ihrer alten Kinderfreundin einmal um die Ohren gehauen. Ein Vorwurf, der Darling, genauso wie wahrscheinlich auch die Autorin und unzählige andere Emigranten wütend macht, und der doch nur ein oft selbst empfundenes schlechtes Gewissen,ein Gefühl des Verrats ausdrückt.
Auch wenn dieser zweite Teil nicht ganz so intensiv wie der erste ist, kommen darin doch die typischen Probleme von Emigranten überall auf der Welt zum Ausdruck: Die Fremdheit im neuen wie im alten Heimatland, die Balance zwischen Integration und Heimattreue.
Und nicht zuletzt deshalb ist es ein hochaktuelles Buch, das ganz zurecht auf der Nominierungsliste zum ManBooker-Preis 2013 stand.
In der Mitte des Textes, ihn in die zwei Hälften Afrika/USA teilend, steht ein kurzes Kapitel, in dem diesen Scharen an Flüchtlingen ein poetisches Denkmal gesetzt wird.

Seht nur, sie gehen in Scharen, die Kinder des Landes, seht nur, sie gehen in Scharen. Die nichts haben, überqueren Grenzen. Die Kraft haben, überqueren Grenzen. Die ehrgeizig sind, überqueren Grenzen. Die Verluste beklagen, überqueren Grenzen. Die Schmerzen haben, überqueren Grenzen. Fahren, laufen, ziehen, gehen, wandern, verschwinden, fliegen, fliehen – überall hin, in nahe und ferne Länder, deren Namen sie nicht aussprechen können. Sie gehen in Scharen. (…)Ihre Mütter und Väter und kinder zurücklassen, ihre Nabelschnüre im Boden, die Knochen ihrer Vorfahren in der erde, alles, was sie ausmacht, sie zu dem macht, wer und was sie sind, weil sie unmöglich bleiben können. Nie wieder werden sie sein wie jetzt, denn an bleibt nicht derselbe, wenn man zurücklässt, wer und was man ist, man bleibt nicht derselbe.“

NoViolet Bulawayo – Wir brauchen neue Namen 

Suhrkamp Verlag August 2014, Gebunden, 264 Seiten, 21,95 €