Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen

Yasmina Reza - Glücklich die GlücklichenWer Yasmina Rezas Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“, unlängst sehr erfolgreich von Roman Polanski verfilmt, kennt, dem sind die Protagonisten ihres schmalen Romans „Glücklich die Glücklichen“ vertraut.
Sie stammen alle aus dem gehobenen Bürgertum, sie sind Rechtsanwälte, Ärzte, Geschäftsleute oder Schriftsteller. Sie sind wohlsituiert, gesellschaftlich etabliert, erfolgreich und vordergründig glücklich. Vordergründig, den in fast allen gärt es, stauen sich enttäuschte Hoffnungen und überzogenen Glückserwartungen, Überdruss und Genervtheit. Kleine, völlig unbedeutende Begebenheiten führen dann oft zu unkontrollierten, pathetischen Ausbrüchen. Die sorgsam gehütete Fassade, die mühsam aufgebauten Lügengebäuden stürzen in sich zusammen und verdeckte Wahrheiten und verborgene Animositäten kommen zutage. Das überrascht dann meist nicht nur die Umwelt, sondern auch die Person selbst. Ist doch Selbstbetrug nicht selten der Grund auf dem so manches „Glück“ gebaut ist.
In „Glücklich die Glücklichen“ begegnen wir in 21 kurzen Episoden, die zugleich die Kapitel des Buches bilden, insgesamt 18 Menschen, die alle zumindest über verschiedene Ecken miteinander verwandt oder bekannt sind. Einen Reiz des Textes macht es aus, diese Verbindungen aufzuspüren und die unterschiedlichen Charaktere aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
So treffen wir im ersten Kapitel Odile, die mit ihrem Mann Robert im Supermarkt einen erbitterten Streit über den Einkauf vor allem der richtigen Käsesorte führt, der schließlich sogar in Handgreiflichkeiten ausartet. Ein Meisterstück der szenischen Inszenierung, so wie man dem gesamten Buch die Theaterkarriere der Verfasserin anmerkt. Das Kapitel ist aus der Sicht Roberts geschrieben, Odile ist die überspannte Hausfrau und Mutter, Robert zunehmend genervt davon. In den weiteren Kapiteln, die jeweils aus einer anderen Perspektive verfasst sind, begegnen wir Odile als langjährige Freundin, als erfolgreiche Rechtsanwältin, als Geliebte ihres Chefs und als Tochter zunehmend seniler Eltern. Wie in einem Reigen wechseln sich die Figuren ab, beleuchten sich selbst und die anderen. Durch den Kontrast der Selbst- und Fremdwahrnehmung entstehen interessante Blicke auf Menschen, die, aufgerieben zwischen Beruf, Ehe, Kindern, oft auch – typisch französisch – Liebhabern und den eigenen Glücksansprüchen, an diesen eher scheitern. Zugleich erlaubt der Text aber auch einen Blick auf diese spezifische gesellschaftliche Schicht. Und zeigt, dass das Glück oft dort liegt, wo man es gar nicht erwartet, oder auch gar nicht akzeptiert.
So ist die glücklichste Figur vielleicht der 19jährige Jacob, dessen Verehrung für die Sängerin Celine Dion soweit führte, dass er glaubt, Celine Dion zu sein. Auch in der psychiatrischen Klinik, in die die peinlich berührten Eltern ihn gebracht haben, gibt er freudestrahlend Autogramme und schützt seine empfindlichen Stimmbänder mit bunten Schals.
Er ist eine der Figuren, die auch nach dem Lesen der kleinen Episoden noch lange im Gedächtnis bleiben. Ähnlich wie das von der Autorin durch Kindermund mitgelieferte, mögliche Rezept zum Glücklichsein, das eben darin bestünde, „den Anspruch auf Glück auf das Minimum zu reduzieren.“
Am Ende sind die Protagonisten auf der Beerdigung eines von ihnen vereint. Trotzdem bleibt am Ende ein wenig das Gefühl des Unfertigen, der Beliebigkeit des Erzählten. Yasmina Reza verweilt zu oft nur an der Oberfläche, bemüht auch zu viele Beziehungs- und Geschlechterklischees. Vielleicht ist es das vielgerühmte „Leichte“ des Französischen, das hier trotz allem, auch beißenden Witz wenig Nachhaltiges zu bieten hat.

Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen

 

 

Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Anna Gallkina - Das kalte Licht der fernen SterneDas kalte Licht der fernen Sterne, so lautet der überaus poetische Titel des Debütromans von Anna Galkina, die geboren und aufgewachsen in Moskau, seit 1996 in Deutschland lebt.
Das „kalte“ erstrahlt dabei in grellem Weiß, während das „Licht“ in wärmendem Rot gehalten ist (wie überhaupt die sehr schöne Aufmachung des Buches in der Frankfurter Verlagsanstalt ein Lob verdient.) Dieser Wechsel aus Kalt, rau, brutal und warm, nostalgisch, kindlich-sehnsuchtsvoll kennzeichnet auch ein wenig das ganze Buch.
Es erzählt in ganz kurzen Abschnitten, episodenhaft, wie auf einer Perlenschnüre aufgereiht, aus dem Leben von Nastja.
Ihre Kindheit in den Achtziger Jahren in einem kleinen Kaff unweit von Moskau ist alles andere als rosig und einfach. Die alleinerziehende Mutter bringt die kleine Familie zusammen mit der Großmutter mehr schlecht als recht über die Runden. Es herrscht sowjetische Mangelwirtschaft, für die elementarsten Dinge muss man stundenlang anstehen, die Wohnsituation ist katastrophal und viele selbstverständliche Dinge, wie zum Beispiel Toilettenpapier kaum zu bekommen. Nur die politische Indoktrination läuft perfekt, gerade auch in den Institutionen, die die kleine Nastja durchlaufen muss, wie Kindergarten und Schule. Die Erziehungsmethoden sind alles andere als pädagogisch, drakonische Strafen und Erniedrigungen sind an der Tagesordnung. Darin unterscheiden sich die „Bildungsanstalten“ kaum von der im Elternhaus gehandhabten Praxis. Auch hier herrscht hilflose, oft überforderte Lieblosigkeit und Gewalt.
Gewalt ist neben Mangel auch das vorherrschende Motiv in Nastjas Kindheitserinnerungen. Eins bedingt dabei vielleicht auch das andere. Alkohol fließt in wahren Strömen.
Trotzdem scheinen immer wieder auch Glücksmomente und sogar Poesie auf, stehen das „kalte Licht der fernen Sterne“ und der volle Geruch nach Äpfel, Birnen und Blumen neben dem des „Scheißhaufens“ und des Plumpsklos. Neben dem ungeschönten Blick auf die Missstände des Realsozialismus stehen auch nostalgische Momente. Härte und Leichtigkeit wechseln sich ab.Wie auch immer ein wunderbarer, leiser, aber oft bissig-ironischer Witz das Lesen auch der brutalsten Gegebenheiten erträglich macht.
So nimmt die Gewalttätigkeit in der Mitte des Buches beträchtlich zu. Nicht zufällig fällt das in die Zeit des Erwachsenwerdens Nastjas. Sie wird zur Frau und muss die überall herrschende, meist sexualisierte Gewalt der Männer, der Großväter, „Onkels“, Mitreisenden im Zug zur Kenntnis nehmen. Aber auch die Rolle der Frauen und Mädchen ist nicht nur auf die der Opfer reduziert. Sie fügen sich zu bereitwillig, suchen geradezu die sexuelle Erniedrigung oder schauen ihr grausam-lüstern untätig zu. Das ist schwer auszuhalten und lässt sich nur durch die Allgegenwart von Gewalt, Alkoholismus und einem negativen Frauenbild erklären.
Anna Galkina verschont den Leser nicht. Viele ihrer Schilderungen sind nur mit dem erwähnten Humor und den immer wieder aufblitzenden poetischen Beschreibungen zu ertragen. Und auch durch den wunderbaren Aufbau des Buches.
Zwanzig Jahre nach dem als Schlusspunkt gesetzten Wegzugs der Familie nach Riga kehrt Nastja in die alte Heimat zurück. Sie reist mit dem Zug an und nähert sich dem Ort ganz langsam, nahezu touristisch. Sie beschreibt den Bahnhof, die Straßen des Städtchens, ihr altes Haus, den Garten usw. Damit nähert sich auch der Leser ihrem alten Leben an, um dann ab der Mitte des Buches vor so viel Gewalt, Hass und Untätigkeit fassungslos zu sein. Am Ende ist zwar die zarte Liebe zum Soldaten Dima ungewiss, aber mit dem Umzug nach Riga deutet sich zumindest die Hoffnung auf einen Neuanfang an.
Ein nicht immer angenehm zu lesender, aber wichtiger und eindrucksvoller Einblick in den sowjetischen Alltag.

Anna Gallkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

Frankfurter Verlagsanstalt Februar 2016, gebunden, 218 Seiten, € 19,90 

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

Tom Cooper - Das zerstörte Leben des Wes TrenchFür die Medienöffentlichkeit sind es meist nur mehr oder weniger lange fesselnde Nachrichten, Aufreger, „Jetzt muss aber endlich mal was passieren!“, im besten Fall Grund für eine bald abebbende Welle des Mitgefühls und der Spendenbereitschaft: die weltweiten Katastrophen, seien es Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme, Flugzeugabstürze oder andere Menschenleben und Existenzen vernichtenden Ereignisse.
Oft sind sie vom Menschen zumindest mit verursacht oder wurden die Warnzeichen lange Zeit beharrlich ignoriert.
Trotzdem erschüttern sie kurz die Welt bis in ihr Innerstes, um dann aber alsbald im Nachrichtendschungel zu verschwinden und vergessen zu werden.
Für die Betroffenen ist dies nicht so leicht möglich. Sie leiden noch Jahre und Jahrzehnte unter den Auswirkungen.

So wie die Bewohner der Barataria Bay, einer Insel- und Sumpflandschaft südlich von New Orleans, die nicht nur durch den verheerenden Wirbelsturm Katrina stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, sondern nur fünf Jahre später durch die brennende Plattform Deepwater Horizon eine gigantische Ölpest erlebte.
Für viele Fischer, die hier vor allem die begehrten Shrimps fangen, eine Bedrohung ihrer Existenzgrundlagen.

Führten die „Sumpfratten“, wie die Bevölkerung vom Rest des Landes mitunter abschätzig genannt werden, doch eh schon ein hartes Leben. Die Hitze ist mörderisch, Insekten, allerlei krabbelndes Getier und die ständige Feuchtigkeit, dazu schlechte Infrastruktur und eine alles beherrschende Aussichts- und Ausweglosigkeit.
Kein sehr lebensfreundlicher Ort.

Hier lebt der junge Wes Trench, dessen Mutter ihr Leben im Wirbelsturm verlor, mit seinem knurrigen Vater vom Shrimpsfang. Lieber wäre er noch länger aufs College gegangen, vielleicht auf die Universität, aber dafür ist kein Geld da.
Nun träumt er von einem eigenen Boot, zumal die Spannungen mit seinem Vater, dem er die Schuld am Tod der Mutter gibt, ins Unerträgliche wachsen.
Wes ist eine der Hauptfiguren des Romans, allesamt männlich, die Frauen spielen hier nur eine Nebenrolle. Und er ist noch nicht einmal die unglücklichste, sondern derjenige mit den größten Hoffnungen.

Deshalb verwundert einmal mehr der deutsche Titel, im Original heißt das Buch schlicht „The marauders“.

Neben Wes und seinem Vater lernen wir Lindquist kennen, einen Fischer, der aber seine Zeit lieber auf Schatzsuche verbringt und dem seit einem Arbeitsunfall ein Arm fehlt.
Die teure Prothese wurde ihm von den Brüdern Toup gestohlen, die im großen Stil Marihuana anbauen, völlig skrupellos sind und Lindquist im Verdacht haben, ihre geheime Plantage im Gewirr der Inseln entdeckt zu haben.
Dabei ist es das Kleinkriminellenpärchen Cosgrove und Hanson, die hier ihr großes Geschäft wittern.
Als letzten der Protagonist, die wir in den ständig die Perspektive wechselnden Kapiteln kennenlernen, ist Grimes, ein Abgesandter der Ölfirma, die mit den Anwohnern Abfindungszahlungen vereinbaren will, damit teurere Klagen verhindert werden. Grimes hat seine Kindheit und Jugend hier verbracht und seine Mutter lebt noch hier.

Mit all diesen Figuren verleben wir nun hier in der Barataria Bay die Tage und gelangen bald in eine äußerst spannende Handlung rund um den illegalen Marihuana-Anbau der Toup-Brüder.

Tom Cooper vermag es hervorragend, die schwüle, lebensfeindliche Schönheit der Sumpflandschaft zu schildern. Die Figuren sind zwar relativ Schwarz-Weiß gehalten, sie verkörpern die ihnen zugewiesenen Rollen zuverlässig bis zum Ende, aber sie sind zum Glück interessant genug, um das zu verzeihen.
Die Sprache ist klar und direkt, oft humorvoll und mit prägnanten Dialogen, das Ende ein wenig zu sehr Happy-End, aber auch das darf ein Roman, der insgesamt sehr gut und spannend unterhalten hat.

Johannes Staeck liest sehr szenisch und gibt allen Figuren ganz eigene Stimmen. Mir war das manchmal etwas zu viel des Guten, eine etwas zurückgenommenere Lesung hätte mir besser gefallen.

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Torberg

Ullstein Buchverlage Februar 2016, gebunden, 384 Seiten, € 22,00

 

Jan Böttcher – Y

Jan Böttcher YY lautet der ebenso kurze wie rätselhafte Titel von Jan Böttchers neuem Roman.
Ein Titel, zu dem der Text selbst die schlüssel liefert. Da ist zum Einen die traditionelle albanische Hütte der Schafhirten. Ein Arm zum Hineinleiten der Schafe, die im Stamm festgehalten und gemolken werden, ein Arm zum Hinausleiten. Eine Hütte für einen Sommer, ein Provisorium so wie die Situation im Kosovo nach dem Krieg Ende der 90er Jahre, seine Architektur, die keine Baugenehmigungen zu kennen scheint, ebenso wie der mühevolle Weg zu einer funktionierenden Demokratie und dem Anschluss an den Rest Europas.Die Künstlerkreise, in denen sich Arjeta, die Hauptprotagonistin, bewegt, scheinen einen Schritt weiter zu sein als der Rest der Gesellschaft. „Provisorium“ heißt auch das aktuelle Projekt der Aktionskünstlerin Arjeta, mit der sie sowohl gegen illegale Abholzung als auch gegen die Sinnlosigkeit von Grenzen und Abgrenzung allgemein protestieren will.
Den zweiten Hinweis auf den Titel Y gibt der Erzähler selbst: Es ist die einfachste Form eines Familienstammbaums.
„…wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten , die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen.“
Familienbeziehungen sind ein zentrales Thema, neben den Verwüstungen, die der Kosovokrieg in Land und Menschen hinterlassen hat.
Es ist der Ich-Erzähler, Schriftsteller und Vater des 14jährigen Benji, der durch das Verschwinden des besten Freundes seines Sohnes, des albanisch stämmigen Leka in dessen Familiengeschichte hineingezogen wird. Dessen Vater, der Computerspielentwickler Jakob Schütte, war ein alter Schulfreund von Arjeta, teilte mit ihr das Fremdsein inmitten der Klassenkameraden, hat Jahre später eine Liebesbeziehung mit ihr, die scheitert als sie mit ihrer Familie während des Kriegs zurückkehrt – die Brüder wollen für ihr Vaterland kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt ist Arjeta schon mit Leka schwanger, Jakob reist ihr hinterher, aber die Beziehung ist bereits zerbrochen, so sehr Jakob darunter auch leidet. Wen die Schuld daran trifft, wie es dazu kam – da der Erzähler immer nur das ihm Berichtete wiedergeben kann, bleibt dies ungewiss.
In dieser Erzählposition des Unbeteiligten Dritten, in der der erste Teil der Geschichte, die Kindheits- und Liebesgeschichte Jakobs und Arjetas erzählt wird, liegt auch ein Reiz des Romans. Die Unsicherheit von Erinnerungen, von Erzähltem wird thematisiert.
Nach dem Verschwinden Lekas nach Pristina ist Benji so verstört, dass der Erzähler mit ihm zusammen in den Kosovo fährt, für ihn auch eine Gelegenheit, die Vater-Sohn-Beziehung zu stärken. Denn die gestörte Beziehung Jakobs zu seinem Sohn veranlasst ihn, an die eigene Kindheit zu denken, an seine eher schwierige Beziehung zu den Eltern. Leka erinnert ihn daran, dass er es als Jugendlicher nie geschafft hat, seine Eltern zu verlassen, Jakob daran, dass er selbst einmal, wenn auch nur für wenige Wochen seine Frau und den neugeborenen Sohn verlassen hat. Vielleicht als Ausbruch aus dem allzu Vertrauten. Jetzt meint er zu wissen „Es gibt nämlich gar kein Defizit an Fremde…Weil Fremde immer schon da ist. Sie beruht nicht darauf, von wo die Verwandten migriert sind. Sie ist kein fremdsprachiger Akzent und kein unbekanntes Volkslied.“ Sie steht zwischen den Menschen, auch zwischen denen, die sich eigentlich ganz nah sein sollten. „Arjetas Provisorium beherbergte die Fremde. Alles addierte sich zu Europa.“
So bekommt das Ganze einen politischen Aspekt, beklagt, dass „Kosova 1999 dagegen realpolitisch nicht mehr als ein Militärstützpunkt gewesen (war), ein Stück Geopolitik, es hatte eine Lage –  und sonst nichts zu bieten, was der internationalen Gemeinschaft zum Vorteil gereichen konnte“. Ein Grund vielleicht, warum es auch 2015 noch eine Art Provisorium darstellt. „Vom Balkan lässt sich nichts anderes exportieren als der Krieg.“ bekommt Jakob Schütte demnach auch gesagt, als er einem Finanzier seine Idee unterbreitet, den Kosovo zum Schauplatz eines neuen Computerspiels zu machen. Es wird tatsächlich ein Kriegsspiel, mit dem Schütte recht skrupellos seine Kosovo-Erfahrung genauso verarbeitet wie sein schwieriges Verhältnis zu Arjetas Familie. Und dessen Beschreibung im Roman recht viel Raum eingeräumt wird. Auch ein Versuch der Väter-Generation, mit Benji und Leka in Kontakt zu bleiben.
Es sind eine ganze Reihe von sehr interessanten Themen, die Jan Böttcher anschneidet. Meiner Ansicht nach ist es ihm aber leider nicht gelungen, daraus einen konsistenten, packenden Roman zu konstruieren. Lange Zeit ist nicht einmal klar, was überhaupt erzählt werden soll. Sprache und Aufbau sind zu theoretisch, um Empathie oder auch nur näheres Interesse an den Figuren zu wecken. Das ist sehr schade, denn der Kosovokrieg und das Schicksal des Landes kommen in der heutigen Literatur viel zu selten vor. Auch der Computerspiel-Ansatz, der Versuch das Fremde zu fassen, ist interessant. Die Umsetzung aber enttäuscht.

Jan Böttcher – Y

Aufbau Verlag März 2016, Gebunden, 255 Seiten, 19,95 €

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann /Eine treue Frau

Jane Gardam - Ein untadeliger MannJane Gardam - Eine treue FrauFast schon eine Sensation und ganz gewiss ein enormer Glücksfall für den Verlag ist die Entdeckung der fast neunzigjährigen Jane Gardam, die bereits eine Fülle von Romanen, Erzählungen und Kinderbüchern verfasst, in England mit Erfolg und Preisen versehen, aber in Deutschland nahezu unbekannt und unübersetzt ist.

Das mag daran liegen, dass ihre Romane so dezidiert britisch sind, sowohl von der Thematik als auch vom Stil her. Dass sie darüber hinaus auch welthaltig und allgemeingültig sind, über alle „Britishness“ hinaus, kann der deutsche Leser zum Glück nun erfahren. Und das in gleich dreifacher Ausführung, denn nach dem großen Erfolg des ersten Bandes der „Old Filth“-Trilogie „Ein untadeliger Mann“ ist unlängst der zweite Band „Eine treue Frau“ erschienen und wird im Herbst der Abschlussband folgen.

Old Filth, der Spitzname von Edward Feathers, steht in so offensichtlichem Gegensatz zu der nicht nur äußerlich immer perfekten Erscheinung des erfolgreichen, hochrangigen Kronanwalts, die mit „filth“, Schmutz, Unrat nun gar nicht zu tun hat. In Wahrheit bezieht er sich auch auf den alten Scherz Edwards „Failed In London, Try Hongkong“. Denn Edward ist durch Anwaltstätigkeit im Baurecht in der Kronkolonie Hongkong zu hohem Ansehen und immensem Reichtum gelangt. Er war, wie seine Frau Elizabeth, Betty, eine sogenannte Raj-Waise, was jene Kinder umfasst, die als Kinder von Kolonialbeamten in der Ferne geboren, im frühen Schulalter nach England geschickt wurden, um dort „ordentlich“ aufzuwachsen und ausgebildet zu werden. Das wurde für viele von ihnen zu einem traumatischen, zumindest aber den Eltern entfremdenden Lebensabschnitt.

Edward erwischte es besonders schlimm, er wurde von dem nach dem Tod der Mutter zu keiner väterlichen Empfindung mehr fähigen Vater zu äußerst lieblosen, brutalen Pflegeeltern nach Wales gegeben. Einziger Lichtblick war, dass zwei entfernte Cousinen, Claire und Babs, dieses Schicksal mit ihm teilten. Eine Verbundenheit, die die Jahre überdauerte.

Betty, die Vollwaise war, litt nicht ganz so unter ihrer Kindheit, aber beide zog es immer wieder in den Fernen Osten, wo sie sich auch schließlich begegneten.

Die Trilogie folgt nun ihren Lebenswegen, und zwar aus jeweils anderer Perspektive.

Im ersten Band steht Edward ganz im Zentrum. Bereits seit zwanzig Jahren leben er und Betty nun in Dorset, die Perspektiven in Hongkong waren ihm mit Näherrücken des Anschlusses an China zu ungewiss. Seine Frau ist gerade überraschend verstorben und hinterlässt ihn nun, laut eigener Aussage, „jeglichen Lebenssinns beraubt“. In starken Bildern kommen nun Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre, aber auch weiter zurückreichend bis in seine früheste Kindheit in Malaysia, den traumatischen Kinderjahren in Wales, die in ein völlig verdrängtes, entsetzliches Erlebnis mündeten, die glücklicheren Jahre im Internat, wo ihm die Familie eines Freundes liebevollen, wenn auch nur vorübergehenden Familienersatz bot. Erinnerungen, die nicht alle erwünscht sind. Vermögen sie doch

„die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann bislang geschlossen gehalten hatte“, ist er doch der Meinung, „Fakten, Erinnerungen, der Schmerz des Lebens – oder chaotischer Lebensumstände – müssen vergessen werden“.

Nun allein und mit der Situation völlig überfordert, versucht er, wie in seinem ganzen Leben, Haltung zu bewahren.
Dennoch kommt es zu einer Art Übersprungshandlung.
Er, der weltferne Snob, mottet das alte, ewig nicht genutzte Auto aus und macht sich auf die Fahrt nach Norden, zu seine beiden Cousinen. Was er dort zu finden hofft, bleibt ungewiss.

Es ist meisterhaft, wie Jane Gardam die verschiedenen Zeitebenen auf völlig organische Weise durcheinander mischt, die weite Vergangenheit der Kindheit, die nahe des ehelichen Zusammenlebens, die Jetztzeit der Witwerschaft und auch Ausblicke bis zu Edwards Tod.
Es entsteht so ein psychologisch genaues Lebensporträt, das ohne auch die Schattenseiten zu verschweigen, doch zutiefst mitfühlend ist. Das trotz seiner beißenden Ironie und des manchmal bitteren Humors doch nie zu nahe an seine Personen tritt oder sie gar vorführt.
So behält auch „Old Filth“ bis zum Schluss die ihm so wichtige Würde.

Im zweiten Band „Eine treue Frau“ wechselt der Fokus auf Betty.
Die Dritte Person wird wie im ersten Buch weiterhin gewahrt, aber es ist eine weibliche Perspektive, die wir hier kennenlernen.
Dass zu Beginn sehr viel 1:1 aus dem ersten Teil übernommen wird, hat mich zunächst ziemlich gestört und das Hineinschlüpfen in Bettys Welt etwas verzögert, erleichtert aber natürlich Neueinsteigern oder wenn „Ein untadeliger Mann“ etwas weiter zurückliegt, die Lektüre.

Zum Glück schwenkt die Geschichte bald um, die Ehe von Edward und Elizabeth, die weniger auf leidenschaftlicher Liebe basiert als auf dem Halt, den sich die beiden geben, ihre Kinderlosigkeit, die Beziehung zu Edwards Rivalen Terry Veneering, das Leben in Dorset mit seinem Understatement und das Einrichten in einem leidenschaftslosen, aber gesicherten Leben bekommen einen größeren Stellenwert und all die wunderbaren Stärken des ersten Bandes sind auch hier zu finden: Humor und zurückhaltende Psychologie, der Blick für das Private wie für die britische Gesellschaft allgemein, gerade auch was ihre koloniale Vergangenheit betrifft.

Nun kann man gespannt sein auf den dritten Teil, „Letzte Freunde“, der aus der Sicht von Terry Veneering geschrieben ist.

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann

Hanser Berlin August 2015, gebunden, 352 Seiten, €22,90

Jane Gardam – Eine treue Frau

Hanser Berlin März 2016, gebunden, 272 Seiten, €21,90

Britta Bolt – DAS HAUS DER VERLORENEN SEELEN

Britta Bolt - Das Haus der verlorenen SeelenPP, Pieter Posthumus ermittelt wieder!
Welch freudige Neuigkeit für alle Freunde des sympathischen Holländers, der im Auftrag der Stadt Amsterdam in einer Art Behörde Herkunft und Angehörige von verstorbenen Unbekannten ermitteln und möglichst auch die Bestattungskosten auftreiben soll, bevor er diesen eine würdevolle Beerdigung organisiert. Eine Tätigkeit, die ihn schon im ersten Fall in einen Kriminalfall verstrickt hat.
Diesmal betrifft es PPs unmittelbare Umgebung. Marloes, die Nachbarin seiner Freundin Anna wird verdächtigt, einen jungen Mann ermordet zu haben. In ihrem Gästehaus hat sie immer wieder jungen Gestrandeten, Drogenabhängigen, Prostituierten, Verzweifelten eine Zuflucht geboten. Auch Zig kam aus der Stricherszene. Posthumus deckt sehr bald einen Zusammenhang zu einem früheren Mord, ebenfalls aus dem Rotlichtmilieu, auf, als er beginnt zu ermitteln. Ein Bärendienst, den er Marloes da ungewollt erweist, finden sich doch Verbindungen von ihr auch zu diesen ersten Opfer und wird ihr dieser Mord schließlich auch zur Last gelegt. PP zieht sich zurück.
Erst Monate später, als sich Annas und Marloes Gewissheit, die Unschuld letzterer zu beweisen zerschlägt, nimmt Pieter sich den Fall erneut vor. Etliche Ungereimtheiten kommen zu Tage, Annas gemütliche Kneipe „De dolle Hond“ wird Opfer eines Brandanschlags und dunkle Machenschaften deuten sich an.
Das Haus der verlorenen Seelen bietet alles, was ein richtiger Wohlfühlkrimi braucht und bereits den ersten Fall von Pieter Posthumus so schön zu lesen gemacht hat: sympathische Charaktere mit Ecken und Kanten, ein origineller Ansatz und nachvollziehbare Ermittlungen, atmosphärische Schilderungen aus – dem diesmal winterlichen – Amsterdam und eine gehörige Portion Spannung. Wer auf atemlose Action und blutige Mordmethoden zugunsten intelligenter Unterhaltung verzichten kann, ist hier genau richtig. Und kann sich auf den nächsten, den dritten Fall von Pieter Posthumus im nächsten Jahr freuen.

Britta Bolt – Das Haus der verlorenen Seelen
Hoffmann und Campe Verlag März 2016, gebunden, 320 Seiten, € 22,00

Yvonne Adhiambo Owuor DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Yvonne Adhiambo Owuor - DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Ein Debütroman aus Kenia, ein Buch, das es dem Leser, zumindest dem westeuropäisch geprägten, nicht gerade leicht macht.
Fast 100 Seiten brauchte es, bis mir der Einstieg wirklich gelang.
Das ist mehr, als man gemeinhin einem Buch zugesteht. Hat man den Zutritt zu der ganz eigenen afrikanischen Welt, der überwältigenden, aber auch etwas unzugänglichen Sprache einmal gefunden, bietet sich eine hochinteressante und ergreifende Leseerfahrung.
Für mich begann dieses Eintauchen in die Geschichte wohl nicht zufällig mit dem Auftritt des „englischen Gasts“ Isaiah Bolton in der kenianischen Steppe, im abgelegenen Wuoth Ogik, „dem Ort an dem die Reise endet“ und dem Ort im unwirtlichen Norden Kenias, an dem die Familie Oganda beheimatet ist.

Die Familie Oganda ist etwas, was man im modernen, westlichen Sprachgebrauch gerne eine dysfunktionale, eine schwer traumatisierte Familie nennen würde. Eine Gemeinschaft,
„erstickt in der Familiengewohnheit des Schweigens.“
Die Mutter Akai steckt voller Wut, auch Gewalt, ist oft abweisend und auch meistens abwesend. Der Vater Nyipir ist seit seiner Kindheit seelisch verwundet, seine Mutter starb als er sehr klein war an einem Schlangenbiss, zur gleichen Zeit sind Vater und älterer Bruder im Dienste der britischen Besatzungsmacht im Burmakrieg verschollen. Allein auf sich gestellt, vom Onkel als billige Arbeitskraft ausgenutzt und misshandelt, erschlägt er diesen eines Tages mehr oder weniger in Notwehr und flieht zu einer Missionsstation, auf der er nicht minder schlecht behandelt wird.
Bei diesen Eltern wachsen die Geschwister Moses Odidi und Ajani auf, die von Beginn an eine sehr enge Beziehung zueinander haben. Beide fliehen aber früh aus der Familie, Ajani nach Brasilien, wo sie eine eher unglückliche Beziehung mit einem Brasilianer hat, Odidi engagiert sich in der Opposition, wird von einem Geschäftspartner im Stich gelassen, als er einen politischen Skandal bekannt machen will,  rutscht gesellschaftlich immer weiter ab und gerät in undurchsichtige Machenschaften.

Das Politische spielt eine bedeutende Rolle im Buch.
Nach der Unabhängigkeit Kenias von Großbritannien 1962 sollte alles besser werden, man träumte von der großen Zukunft, der Freiheit, dem Wohlstand. Diese sollten vor allem auch in den Kindern liegen, den Jungen, der neuen Generation. Die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialherren sollten ein für alle Mal vergessen sein.
Dass diese Träume sehr bald zerplatzten, alles sogar noch viel schlimmer wurde als zuvor, zumindest für den Großteil der Bevölkerung, bildet den traurigen, leider allzu realistischen Hintergrund des Buches. Demokratie, Freiheit, Selbstbestimmung und Wohlstand gingen in Korruption, Vetternwirtschaft, Misswirtschaft, Machtkämpfen, Gewalt und Bürgerkrieg unter.
Eine Tatsache, die die alte Generation, die für die Unabhängigkeit kämpften, gerne mit ausgeprägtem Nationalstolz und die jüngere Generation mit ebenso ausgeprägtem Konsumstreben derer, die „es geschafft haben“, der größte Teil der Bevölkerung aber durch Nichtwissenwollen zu überdecken versuchen.
„Kenias offizielle Sprachen: Englisch, Swahili und Schweigen.“
Yvonne Adhiambo Owour geht hart ins Gericht mit ihren Landsleuten.
„Hier sitzt sie also, die „bessere Zukunft“, von der Eltern, Lehrer und Politiker ständig reden – und trinkt kenianischen Milchkaffee (…) sich immer noch vor anonymen Schreckgespenstern verstecken, immer noch mit oberflächlichen Worten die stinkenden moralischen Sümpfe zuzudecken versuchen die überquellen vom Schmutz dessen, was eine Nation aus ihrer Freiheit gemacht hat – oder eben nicht.“
Wie in der Familie Oganda herrscht auch im Land Kenia eine lähmende Sprachlosigkeit. „Und sollte ich etwas verraten, möge der Schwur mich töten.“ Eine vielfach erwähnte Losung.  Auch die Gegenwart ist geprägt durch Kämpfe, Polizeigewalt, Korruption, besonders nach den Wahlen Ende 2007, bei denen es zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten kam und zu welcher Zeit der Roman spielt.
„Die Passanten, müde von den Kleinkriegen mit falschen Polizisten, mörderischen Gangs, doppelzüngigen Politikern und den Priestern des Leids(…), enn eine Nation unter den kleinen Egos kaputter Männer schwelt, die Könige sein wollen, und wenn fanatische Mobs mit stachelbewehrten Keulen kleine Jungen beschneiden und töten, wennn schzehn kopflose Leichen eine Straßensperre auf einer Autobahn bilden und wenn Menschen Kugelschreiber als Waffe benutzen, um ihre Nachbarn zu beschuldigen – die niedergemetzelt und verbrannt werden – , und ihren irdischen Besitz für sich beanspruchen.“
Trotz der Schonungslosigkeit ihrer Analyse merkt man der Autorin aber die Tiefe ihrer Liebe zu Kenia und seinen Menschen auf jeder Seite an. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und das Potential, das in der Bevölkerung steckt, es macht sie wütend, wie es verschwendet wird.
Auch Moses Odidi Oganda ist auf sehr ungeklärte Weise bei einem Polizeieinsatz erschossen worden. Das ist der Ausgangspunkt des Buches. Ajani Oganda ist aus Brasilien zurückgekehrt, um mit ihrem Vater zusammen den Bruder zu beerdigen. Wir begleiten in der Jetztzeit die Beiden auf ihrer Reise mit den sterblichen Überresten Odidis vom Leichenschauhaus Nairobis nach Wuoth Ogik, nehmen teil an ihrer überwältigenden, überbordeneden Trauer.
„Ajani wendet den Blick ab, legt die Hände auf ihr Herz, das unter einem Schleier der Trauer begraben ist und in dem ein Splitter Scham steckt, eil sie noch am Leben ist.“
In Rückblenden erfahren wir nicht nur viel aus der Geschichte Kenias, sondern auch aus der Familiengeschichte, der Kindheit Ajanis und Odidis, des Lebens Nyipirs, seine nicht immer ganz moralischen Machenschaften – er war zeitweise in Polizeidiensten mit der Beseitigung von Folteropfern, Geheimdienstaktivitäten und schließlich organisiertem Viehdiebstahl beschäftigt. Auch der Erwerb des Familiensitzes Wuoth Ogik ist unter mysteriösen Umständen geschehen. Der Vorbesitzer, Hugh Bolton und eben verschollener Vater jenes oben erwähnten „englischen Gasts“, hatte wohl eine Beziehung zu Mutter Akai. Isaiah Bolton ist nun nach Wuoth Ogik aufgebrochen, um nach dem Verbleib seines Vaters zu forschen. Der Empfang ist kein freundlicher und fällt eben mit der Trauer um Odidi zusammen. Aber hier gestattet uns die Autorin am Ende einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Was Bleibt?“ ist die Frage, die das ganze Buch durchzieht. Was bleibt nach dem Tod eines geliebten Menschen? Was bleibt von all den Idealen und Träumen, die ein Volk einst hegte? Was bleibt von Familien, von Freundschaften, die zerbrechen?
Sehr impressionistisch, bildmächtig, voller großer Gefühle, voll magischer Einsprengsel und archaischem Glaube, sehr „afrikanisch“ anmutend in Sprache und Emotionalität und sich dadurch von den vielen in letzter Zeit von AutorInnen afrikanischer Herkunft erschienenen Romanen absetzend, bedeutete für mich Isaiahs Auftritt in der Geschichte eine gewisse „Europäisierung“ der Erzählweise, was auch damit zusammenhängen kann, dass Ajani zu dieser Zeit eine Reise nach Nairobi unternimmt und der Handlungsort ins Großstädtische wandert. Aber gerade abseits dessen, was man zu kennen glaubt, in den archaischen Gebieten der Geschichte, dort wo deutlich nicht nur die Faszination, sondern besonders auch die Fremde Afrikas zu spüren ist, entwickelt das Buch seine größte Intensität.
Ein forderndes, aber absolut lohnendes Stück Literatur.

Yvonne Adhiambo Owuor

DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

512 Seiten, mit farbigem Vorsatz und Lesebändchen, Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 2014, Originaltitel: Dust
Erscheinungstag: 15.03.2016
ISBN 978-3-8321-9820-6

Übersetzung: Simone Jakob

Tomás González – Was das Meer ihnen vorschlug

Tomás González Was das Meer ihnen vorschlugEin vielversprechender Anfang.
Tomás González schafft in seinem schmalen Roman, der eher eine Novelle ist, von Anfang eine düstere, unheilvolle Atmosphäre.
Am fernen Horizont dräut ein mächtiges Unwetter vor der kolumbianieschen Küste. Obwohl die Fischer deshalb ihre Boote an Land lassen, wollen Mario und sein Zwillingsbruder Javier zusammen mit dem alles andere als geliebten Vater auf Fischfang gehen. Ein ehrgeiziges Ziel ist gesetzt, mindestens 400 Kilogramm Fisch sollen es werden. Auch wenn die Familie ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung drittklassiger Ferienhäuschen in reizvoller Lage verdient, sind die drei auch erfahrene Fischer. Trotzdem ignorieren sie standhaft und geradezu fahrlässig die Vorboten eines mächtigen Sturms.
Das Setting ist fast klassisch für ein dramatisches Kammerspiel: eine beschränkte Anzahl an Protagonisten sind auf engstem Raum nicht nur äußerlichen, sondern auch starken inneren Turbulenzen ausgesetzt. Der Vater hat die beiden jungen Männer von Klein auf als Versager behandelt, beschimpft und erniedrigt sie, wo es nur geht.
Die Mutter der beiden hat er zwar geheiratet, aber stets betrogen, auch jetzt hat er mit einer deutlich jüngeren Geliebten einen kleinen Sohn. Nora hat dies in den Wahnsinn getrieben. Sie leidet unter einen massiven Schizophrenie und geistert als unheilvolles Orakel durch Ferienanlage und Buch. Das ist einer der Außenperspektiven des Buches. Zum Chor der Stimmen, die die Mutter verfolgen kommt ein Chor unterschiedlicher Stimmen von Urlaubern, die ihre Tage in den Ferienhäusern der Familie verbringen und kurze Beobachtungen zum Geschehen und den Protagonisten kund tun. Das schafft eine interessante Vielstimmigkeit. Das eigentliche Geschehen konzentriert sich allerdings auf das Fischerboot, in dem die Männer mit ihren angespannten Beziehungen, gefangen in einer feindseligen Sprachlosigkeit aufeinander hocken und fischen, während sich der Sturm nähert. Aber auch hier wechselt die Perspektive unter den drei.
Tomás González gelingt es gleich zu Beginn eine ungeheuere Spannung, eine Unheil verkündende Atmosphäre aufzubauen. Die Charaktere der Protagonisten werden in sehr kurzen, aber umso treffenderen Beschreibungen gut umrissen, ihr Verhältnis zueinander psychologisch gekonnt skizziert. Sprache und Beschreibung von Landschaft, See und Wetter sind sehr gekonnt. Ebenso der Aufbau des Buches, das sich 27 kurze Kapitel teilt, die die 27 Stunden der erzählten Zeit umfassen. Der Leser taucht voller Erwartungen in das Buch ein.
Im mittleren Teil flacht die Spannung etwas ab, kann das Geschehen nicht mehr so fesseln. Auch das Unwetter scheint fernzubleiben. Die Ruhe vor dem Sturm?
Doch was passiert dann? Das Unheil bricht doch noch über dem Fischerboot ein, der Vater geht über Bord, unterschiedlichste Gefühlsdilemmata treten auf. Und der Autor schafft es, diesen Schlussteil zum langweiligsten des ganzen Romans zu machen. Alle Ambition scheint ihn verlassen, der Spannungsbogen stürzt ab, Konflikte verlaufen im Sand, Konsequenzen tun sich keine auf. Auch alle emotionalen Entwicklungen werden von den Sturmfluten fort gespült.
Der Leser steht verwirrt, enttäuscht und ein wenig verlassen. Nach dem fast grandiosen Beginn um so bitterer.

Tomás González – Was das Meer ihnen vorschlug
aus dem Spanischen von Rainer und Peter Schultze-Kraft

Mare Verlag März2016, gebunden, 160 Seiten, € 18,00

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

Catalin Dorian Florescu - Der Mann, der das Glück bringtDie Erzählsituation ist eine altbewährte: Zwei Menschen treffen in einer besonderen, vorzugsweise dramatischen Situation aufeinander und sind mehr oder minder gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen. Also erzählen sie sich aus und von ihrem Leben.
Hier sind es der New Yorker Künstler Ray, der sich im nostalgischen Metier des Vaudeville, einer Art Nummernrevue, eher mäßig erfolgreich durchschlägt, und Elena, eine Rumänin aus dem Donaudelta, die in die große Stadt am Hudson River gekommen ist, um einem letzten Willen ihrer Mutter entsprechend deren Asche dort zu verstreuen.
Es ist der 11. September 2001 als die beiden in einem kleinen Theater aufeinandertreffen und beim Erzählen tief in die Vergangenheit ihrer Familien eintauchen.
Bei allen extremen Gegensätzen – hier die raue, quirlige, überschäumende, erbarmungslose Welt des New Yorks der Jahrhundertwende, Elend und Hoffnung auf ein besseres Leben ganz nah beieinander, in der sich Rays Großvater, ein Einwandererkind, durchschlagen muss – dort die abgeschiedene, noch stark dem Aberglauben anhängende, aber nicht minder erbarmungslose Welt der armen rumänischen Landbevölkerung, in der Elenas Mutter ihr schweres Schicksal bewältigen muss – trotz all dieser starken Gegensätze, gibt es doch auch Gemeinsamkeiten, die sich durch die Familiengeschichten der beiden ziehen. So ist das Leben sowohl in Großvaters als auch in Elenas Geschichte von Elternlosigkeit geprägt, von der Notwendigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, aber auch von der Sehnsucht nach Glück, nach dem besseren Leben.
Träumten Großvater und nun auch Ray selbst von einer Karriere als Sänger, so war der Sehnsuchtsort von Elenas Mutter immer Amerika.
Dass das Leben meist anders ist als erträumt, müssen sie alle erfahren.
Catalin Dorian Florescu erzählt im großen Bogen, episodenreich, detailversessen, bildhaft und sehr atmosphärisch von Menschen auf der Suche nach dem Glück, dem besseren Leben, den eigenen Träumen, entgegen allen Widrigkeiten. Dabei weiß er immer wieder zu überraschen mit unvorhergesehenen Wendungen, kleinen, bisher so nicht gekannten Details. Man merkt dem Text an, wie gut der Autor recherchiert hat.
Zugleich zeigt er deutlich, wie allgemein und gerade heute wieder gültig manche Situationen sind, dass sich schon immer Menschen aufgemacht haben, dass es immer Flüchtlinge und Migranten gab, Glückssucher, die dem alten Elend entfliehen wollten, oft genug nur um in ein neues zu geraten. Manchmal verschieben sich nur die Kontinente, wie man auch bei der Erzählung über die in Mietskasernen zusammengepferchten Textilarbeiterinnen New Yorks Anfang letzten Jahrhunderts sieht.
Rays Geschichte beginnt 1899, Elenas 1910 und beide bewegen sich aufeinander zu, verschränken sich, treffen sich in eben jenem Theater 2001 und werden zu einer Geschichte, die nach Rumänien führt, vereinigt. Eine große, poetische und beeindruckende Rolle spielen immer wieder die Flüsse, der Hudson River, East River und die Donau.
Florescu bringt seinen Protagonisten viel Sympathie entgegen, obwohl er auch ihren dunkleren Seiten Raum lässt. Mit Wärme lässt er seiner Fabulierkunst freien Lauf und schafft doch ein ein eher kompaktes Werk.
Es berührt, klärt auf, verzaubert durch seine Sprache und schafft, obwohl die großen Ereignisse des 20.Jahrhunderts nur am Rande, sozusagen en passant vorkommen, ein großartiges Panorama. Ein Roman, der das Glück, zumindest das Leseglück, bringt.

 

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

C.H.Beck Verlag Februar 2016, gebunden, 324 Seiten, 19,95 €

Milena Busquets – Auch das wird vergehen

Milena Busquets - Auch das wird vergehenBlancas Mutter ist tot. Die 40jährige ist selbst erstaunt, wie sehr sie das trifft, sie versinkt in bodenloser Trauer.
Um etwas Abstand zu gewinnen, beschließt sie, ein paar Tage im Haus ihrer Mutter am Meer zu verbringen. Zusammen mit ihren zwei Söhnen, den beiden Ex-Männer und zwei Freundinnen nebst Anhang geht es auf von Barcelona nach Cadaqués. Wie es der Zufall so will, ist auch gerade der aktuelle Geliebte mit seiner Familie dort zur Sommerfrische. Es beginnen Tage voll Wärme, Licht, Stunden am Meer oder auf dem Boot, Gespräche, gemeinsames Essen.

Diese sommerarme, etwas träge Stimmung wird von Milena Busquets wunderbar eingefangen. Die Atmosphäre von Cadaques, diesem zauberhaften Dorf am Mittelmeer, kann man direkt spüren. Auch die immer wieder hineinsickernde Trauer, die Erinnerungen an die Mutter und an die vielen vergangenen Sommer der Jugend werden von der Autorin überzeugend und in schöner Sprache eingefangen.

Wenn, ja wenn nur nicht die Protagonistin Blanca wäre. Jede Trauer ist natürlich anders. Es ist vermessen, zu urteilen, jemand würde zu sehr trauern, gar in Trauer versinken. Blancas Trauer ist aber absolut kindisch und voller Selbstmitleid („Ich habe die Liebe meines Lebens verloren.“), so wie die Protagonistin sich überhaupt standhaft weigert, erwachsen zu werden.
Das wird ihr dadurch erleichtert, dass sie sich anscheinend materiell keinerlei Sorgen zu machen braucht. Was sie beruflich macht, außer zu „schreiben“, bleibt unklar.
Um ihre täglichen Belange kümmern sich andere, die Kinderfrau, lange Zeit die Männer.

Wie sich die Protagonistin überhaupt hauptsächlich über die Männer und ihre Wirkung auf sie definiert. Dabei bevorzugt sie eindeutig den gutaussehenden, kernigen, kurz den männlichen Mann. Man könnte gut auch Macho dazu sagen. Einer ihrer Ex-Männer hat die Losung „Sex hilft immer“, und dieser Losung folgt Blanca bereitwillig. So ist auch ihr Aufenthalt in Cadaqués von diversen sexuellen Begegnungen geprägt. Alle mehr oder weniger leidenschaftlos, dienen sie vor allem dem Vergessen und dem Zeitvertreib, ebenso wie ausgiebiger Drogenkonsum. Kiffen, Wein, Sex, ab und zu mal ein gerührter Blick auf die Söhne, in denen man vor allem die künftigen attraktiven Männer zu erblicken glaubt, rein ins Seidenkleidchen, raus aus dem Seidenkleidchen, Flirten was das Zeug hält, anzügliche Gespräche mit den attraktiven Freundinnen und ordentlich die Nase rümpfen, wenn eine davon tatsächlich kochen will. Mein Gott! Kochen!
Darin erschöpft sich Blancas Vorstellung von Emanzipation, selbstbestimmtem, freien Leben und ihr Frauenbild. Geschlechtsgenossinnen, die eine etwas andere Vorstellung von einer verantwortungsvollen, erwachsenen Existenz haben, werden kurz als „Hasenherze“ abgetan. Als ob in Drogen- und Alkoholkonsum und flüchtigen Sexabenteuern die große Freiheit liegen würde. Als ob die Protagonistin sich auch nur ansatzweise glücklich fühlen würde.

Das ganze ließe sich noch als interessante Studie über eine gewisse weibliche Gesellschaftsschicht (ein wenig katalanisches Sex and the city) lesen, wenn die Autorin auch nur ein wenig Distanz zu ihrer Protagonistin aufbauen würde, etwas Ironie, ein wenig Kritik, wenn sich in ihr auch nur der kleinste Abgrund auftun würde.
Bis zur Seite 138 musste ich warten, bis wenigstens eine ihrer Freundinnen sie mal ein wenig abwatscht. „Dich kümmern alle einen Scheiß. Außer deinen Kindern und vielleicht deiner Mutter. Und weißt du was? Ich bin es leid, dich zu therapieren.“ Wahr gesprochen.

Aber was resultiert daraus für das Buch? Nichts. Die Autorin legt ihrer Ich-Erzählerin lieber noch eins der üblichen Traktate gegen sogenannte Über-Mütter in den Mund, die „ihrem Nachwuchs die Brust geben, bis er fünf ist (…), Frauen, denen die Kinder die einzige Absicht und Sorge und Begründung im Leben sind, die ihre Kinder erziehen, als würden die später über ein Weltreich herrschen“. Denkts und lehnt dann doch das angebotene Kokain ab, auf der coolen Party, in die sie zufällig geraten ist, während ihre Kinder, Männer, Freundinnen zuhause weiß der Kuckuck was tun, lehnt sogar den angebotenen One-Night-Stand mit ihrem alten Freund Nacho ab, so verantwortungsvoll ist Blanca. Wäre allerdings auch schon der dritte Mann an einem Tag.

Nun ja, das Buch war ein großer Erfolg in Spanien, wird es vielleicht auch hierzulande. Es passt in das Bild, das beliebte Frauenzeitschriften – für die Milena Busquets arbeitet, sie führt auch einen sogenannten Lifestyle-Blog – gerne von der modernen, emanzipierten Frau zeichnen.
Ständig um sich selbst kreisender Seelenstriptease ohne jegliche Selbsterkenntnis. Da lobe ich mir doch den guten alten Feminismus und mache in Zukunft lieber doch einen großen Bogen um Autorinnen, die in Frauenmagazinen veröffentlichen. Schade, denn schreiben kann Milena Busquets eigentlich.

Milena Busquets – Auch das wird vergehen

Suhrkamp Verlag Februar 2016, gebunden, 170 Seiten, 19,95 €