Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun – Kind aller Länder

Irmgard Keun - Kind aller Länder1938 erschien der Roman „Kind aller Länder“ erstmals im Exilverlag Querido. Irmgard Keun, vor 1933 mit zwei Titeln sehr erfolgreiche Schriftstellerin und nun von den neuen Machthabern verfemt, war da bereits auch ein solches heimatloses „Kind“, verfolgt, auf der Flucht durch Europa.
Ihre Stationen waren dieselben wie für die zehnjährige Kully, die, gefragt, ob sie nicht manchmal Heimweh hätte, erst einmal überlegen muss, was Heimweh für sie eigentlich bedeutet. Weiterlesen „Irmgard Keun – Kind aller Länder“

Elizabeth Graver – Die Sommer der Porters

Die Sommer der Porters Elizabeth Graver

„(…) weil das Land schon vor seinen Besitzern da war und, mit ein bisschen Glück, auch noch nach ihnen da sein wird, und weil es einem etwas bedeutet und weil es erfüllt ist von grünen und wachsenden und toten und vergänglichen und erwarteten und unerwarteten Dingen.“

So heißt es gegen Ende vom wunderbarem Roman „Die Sommer der Porters“ von Elizabeth Graver. Und gemeint ist das Stückchen Land, das die Familie Porter schon seit Generationen jeden Sommer bewohnt, Ashaunt, eine fiktive felsige Halbinsel an der Küste von Massachusetts, „The end of the point“, so der Originaltitel.
Und deshalb geht es in diesem, sich über fast 60 Jahre und drei Generationen erstreckenden Roman nicht nur um die Menschen, die eine Familie bilden, denen erwartete und unerwartete Dinge, kurz das Leben, geschehen, sondern ebenso um diesen Ort, der für viele von ihnen einen Anlaufpunkt, einen Ort der Beständigkeit inmitten einer sich stets verändernden Welt bietet. Weiterlesen „Elizabeth Graver – Die Sommer der Porters“

Olli Jalonen – Von Männern und Menschen

Olli Jalonen – Von Männern und Menschen

Olli Jalonen - Von Männern und MenschenEs ist der Sommer 1972. Doch weder Hippies, sexuelle Revolution, Frauenbewegung noch Hausbesetzerszene, nicht die zaghafte Annäherung von Ost und West in der Ära Brandt und auch nicht der Terrorismus z.B. der RAF, noch nicht einmal die Geiselnahme der Olympischen Spiele in München, spielen eine Rolle in Olli Jalonens Roman „Von Männern und Menschen“, der vom Erwachsenwerden eines jungen Mannes – sein Name wird nicht genannt, lediglich seine Initiale „O“ – erzählt. Weiterlesen „Olli Jalonen – Von Männern und Menschen“

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber - DaldossiBilder bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Bilder sind es, die unsere Erinnerungen festlegen. Gerade in unserer heutigen Mediengesellschaft wissen wir um die Bedeutungshoheit der Foto- und Filmaufnahmen, die bei allen bedeutenden Ereignissen in Windeseile um die Welt geht. Ob von den jüngsten Terroranschlägen, den Flüchtlingsströmen quer durch Europa oder den Kampfeshandlungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen, immer sind es die Bilder, die unsere Wahrnehmung prägen. Weiterlesen „Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Meg Wolitzer – Die Interessanten

Meg Wolitzer – Die Interessanten

amWer hat sie nicht erlebt und erinnert sich zuweilen sehnsuchtsvoll an sie, diese endlos erscheinenden Sommertage, wenn man sehr jung ist. Der Sommer, die Ferien, das ganze Leben liegt vor einem. Eine unbestimmte Sehnsucht und zugleich die mehr oder weniger bange Hoffnung, zu etwas Besonderem berufen zu sein, mit dem Erwachsenwerden auch ein neues, interessanteres Leben zu betreten. Weiterlesen „Meg Wolitzer – Die Interessanten“

David Vann – Aquarium

David Vann – Aquarium

David Vann - AquariumEs sind die extremen Familienverhältnisse, die den Autoren David Vann immer wieder interessieren. Damit verarbeitet er eigene Kindheitserlebnisse, in denen der Selbstmord seines Vaters, Missbrauch und Gewalt eine Rolle spielten.
Hart und kompromisslos, oft bis an die Grenze des für den Leser Erträglichen erzählt er in all seinen bisher erschienenen Büchern von zerrütteten Familien und denen, die unter den Verhältnissen am meisten zu leiden haben, den Kindern. Schutz- und hilflos sind sie den Emotionen und der Verzweiflung der Erwachsenen ausgesetzt und versuchen mit der Situation umzugehen, fühlen sich oft verantwortlich und bemühen sich, Alles zusammenzuhalten. Weiterlesen „David Vann – Aquarium“

Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift - England und andere Stories25 kurze Erzählungen, alle meist weniger als 10 Seiten umfassend, vereinigt Graham Swift in seinem neuen Buch „England und andere Stories“.
Sie erzählen aus unterschiedlichen Zeiten – eine reicht zurück ins Jahr 1649, eine andere trägt die Jahreszahl 1805, sie berichten von den Zeiten der beiden Weltkriege und reichen hinein bis in unsere unmittelbare Gegenwart.
Protagonisten sind Männer, Frauen, Kinder, Alte, Weiße und Schwarze. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive oder durch einen auktorialen Erzähler. Manchmal beherrschen Erinnerungen oder Rückblicke die Geschichte, manchmal wird unmittelbar Erlebtes geschildert.
Gibt es überhaupt einen roten Faden, der all diese Erzählungen eint?
Zum einen ist da natürlich Swifts ruhiger, sorgfältiger Ton. Ob es sich um Alltägliches, die kleinen oder die ganz großen Katastrophen im Leben handelt, immer wird in diesem fast gleichmütigen Ton erzählt, wird Haltung bewahrt, egal was auch passiert, egal, wie es innen drin aussieht, die Protagonisten bleiben seltsam gefasst. Das ist vielleicht das typisch Britische an den Geschichten, die ja nicht zufällig den Titel „England und andere Geschichten“ tragen.
Sie alle spielen, auch das eine Gemeinsamkeit, in England, aber das typische, klischeebeladene England der Cottages und Teegesellschaften, der Rosengärtner und leicht exzentrischen Bewohner sucht man – zum Glück – vergebens. Das Leben ist hier genau so wie überall in unserer westlichen Welt, und doch ist es spürbar britisch. Das zu schildern, gelingt Swift sehr gut.
Auch wenn die Themen der Geschichten sehr unterschiedlich sind, geht es doch oft auch um Krankheit, um Tod und Verlust. Meist nicht vordergründig, sondern subtil, im Hintergrund. Es geht darum, wie es in einer der Erzählungen heißt, „wie schrecklich es sein kann, einfach auf der Welt zu sein.“
Dabei ist das Buch keineswegs düster, aber zutiefst melancholisch. Die Erzählungen laufen nicht auf die berühmte „unerhörte Begebenheit“ hin, meist laufen sie auf gar nichts hin. Sie sind kurze Momentaufnahmen, der Vorhang geht für einen Moment auf, Gedanken, Erinnerungen blitzen auf und verlöschen genauso schnell wieder. Und doch sammeln sich am Ende all diese Bilder zu einer Art Gruppenfoto, das uns Leser bereichernde Einblicke gewährt in das Leben, in England oder überall. Ein Mysterium, immer wieder.

Graham Swift – England und andere Stories

Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv Literatur April 2016 gebunden, 304 Seiten, 21,90 €

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster - Wir und IchEs mangelt nun wirklich nicht an Geschichten über unglückliche, dysfunktionale Familien. Quer über die Literaturen in der ganzen Welt sind sie verteilt und haben natürlich auch eine ganz besondere Bedeutung, ist doch eben gerade die Familie, die uns alle, ob wir wollen oder nicht, als erstes und am anhaltendsten, nachhaltigsten prägt.
Eine solche Familiengeschichte muss etwas Besonderes haben, um aus dieser Flut an Veröffentlichungen herauszustechen. Besonders gut geschrieben muss sie sein, besonders originelle Charaktere besitzen, mit tieferen Einsichten oder Erkenntnisgewinn dienen. Auch eine ganz spezielle Sichtweise oder ein besonderer Humor kann für Aufmerksamkeit sorgen.
Saskia de Costers Roman „Wir und ich“ wird diese Aufmerksamkeit schon alleine deswegen bekommen, weil der im Original 2013 erschienene Roman der belgischen Autorin hier zum Gastauftritt der Niederlande/Flanderns zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht wird.
Aber auch darüber hinaus bietet er eine ganze Reihe von beachtenswerten Besonderheiten.
Die Autorin erzählt von der Familie Vandersandens, die äußerst wohlhabend im Villenviertel am Berg wohnen, denen es an nichts fehlt, und bei der doch, wie so oft, alle Mitglieder irgendwie beschädigt sind, mit ihrem Leben oder zumindest ihrem Glück ringen. De Coster seziert die einzelnen Personen gnadenlos, kaltblütig und doch mit einer ganz speziellen Zugewandtheit. So böse und schwarzhumorig ihr Blick zuweilen ist, verrät sie ihre Protagonisten nicht, auch nicht für eine Pointe.
Vater Stefaan, aus bäuerlichen Verhältnissen kommend und in der Pharmabranche reüssierend, schleppt ein dunkles Geheimnis und Erbe aus der Vergangenheit mit sich herum. Drangsaliert wird er von seiner stets nörgeligen Mutter, die sich auch ein anderes Leben erträumt hatte. Mutter Mieke, aus reichem Hause stammend, ist hochneurotisch und das bestimmt auch ihr Verhältnis zur einzigen Tochter Sarah, die sich im Verlauf des Buches freischwimmen muss. Einzig allein der straffällig gewordenen Bruder Miekes, Jempy, kennt so etwas wie Lebensfreude.
Die Personen sind allesamt interessant, aber nicht besonders einzigartig. Neu und erfrischend ist der Blick der Autorin auf sie. Unpathetisch, keinerlei Rührseligkeit aufkommen lassend, mit schwarzem Humor und Ironie auf die Verhältnisse schauend und dabei immer wieder die Perspektive wechselnd. Auch ein rätselhaftes Wir taucht auf, ist es der berühmte „Chor“, das Schicksal selbst, vielleicht die Autorin in Gemeinschaft mit dem Leser? Das wird nicht ganz deutlich, tut aber der Originalität keinen Abbruch.
Die Art der Erzählung bedingt, dass die Personen dem Leser nie wirklich nahe kommen. Dennoch ist „Wir und ich“ ein spannender, humorvoller und durch seinen etwas anderen Blick interessanter Familienroman. Und daher eine Lektüre wert.

Saskia de Coster – Wir und Ich

Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel 
Klett-Cotta Verlag 2016, 409 Seiten, gebunden, € 22,95

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeitbenedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit„Ein Meisterwerk“, gerne noch ergänzt mit dem Attribut „absolut“, „erstaunlich gereift“, „große Erzählkunst“ und „Was für ein Buch!“. Die Begeisterungsstürme zu Benedikt Wells neuem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ sind mehr als zahlreich. Und das nicht nur in den Buch-Communities, sondern auch im Feuilleton. Selbst der sonst gerne nörgelige Dennis Scheck spricht von einem „Hammer von Familienroman.“
Nun ist es nicht das erste Mal, dass ich ein solch hoch gelobtes Buch ratlos zuklappe. Immer wieder frage ich mich allerdings, warum ich es so ganz anders empfunden habe.
Vielleicht liegt es daran, dass der junge und sicher sehr begabte Autor mit diesem Buch allzu sicher den Geschmack des Lesepublikums trifft.
Die Geschichte um drei Geschwister, deren glückliche Kindheit abrupt mit dem Unfalltod der Eltern endet, die sich zeitweise, aber nie ganz aus den Augen verlieren, die ihre Jugend in zweitklassigen Internaten verbringen und daraus mehr oder weniger beschädigt hervor gehen, wirkt für mich allzu konstruiert, zu bedeutungsschwer, zu aufgeladen mit allem, was das etwas anspruchsvolle, zur Melancholie und den „großen Fragen des Lebens“ in der Literatur neigende Publikum schätzt. Die Gleichung geht zu glatt auf.
Da ist natürlich die zunächst tragische Liebe des jüngsten, am Verlust der Eltern augenscheinlich am meisten leidenden Sohn Jules zu Alva, einer Klassenkameradin, die wie er eine Außenseiterin, eine traurig-melancholische Grüblerin ist. Tiefsinnige Literatur und Musik, das Buch als Playlist begleitend und von depressiven Songs wie „Heroin“ von Velvet Underground zum romantischen „Moonriver“ führend (und auch ausgesprochen gute Stücke umfassend), scheinen mir immer wieder zuzuraunen: „Schau mal, wie tiefschürfend und existenzialistisch wir sind! Genauso wie die Protagonisten – und der Autor.“
Genauso aufdringlich sind die ungezählten Schicksalsschläge, die die Figuren erleiden und die mich, anstatt zu berühren, schließlich nur noch genervt haben. Alles ist trotz seiner Komplexität so vorausschaubar! Für jede Kleinigkeit wird die Bedeutung gleich mitgeliefert.
Neben dieser allzu sehr auf ihre Wirkung bedachten Konstruiertheit gibt es aber noch einen Punkt, der mich sehr gestört hat. Und das war die mangelnde kritische Reflektion.
Zwar ist durch die Wahl der Ich-Perspektive natürlich automatisch eine große Nähe zu den Personen gegeben. Da die Ereignisse aber in der Retrospektive vom gealterten Jules erzählt werden, wäre da durchaus mehr drin gewesen.
Zumal manches Geschilderte zumindest fragwürdig ist.
Da ist zum einen mit welcher Selbstverständlichkeit dem schwer an Alzheimer erkrankten Ehemann der Jugendliebe und nun endlich auch tatsächlichen Geliebten Alva, die den beträchtlich älteren, berühmten und steinreichen russischen Schriftsteller (Brieffreund Nabokovs!) einst (aus sicher auch fragwürdigen Gründen, die hier aber natürlich auch nicht diskutiert werden) geheiratet hat und ihn nun als alten, kranken Greis nicht mehr ertragen kann (mit absoluter Kaltblütigkeit wird bereits an der Unterbringung in einem Privatsanatorium gearbeitet), mit welcher Selbstverständlichkeit diesem armen, verängstigen Mann also von Jules eine Flinte in die Hand gedrückt wird, ist verblüffend. Leicht verschämt wird vom Ich-Erzähler lediglich angemerkt, man könnte jetzt völlig irrtümlich annehmen, er „wollte sich eines Rivalen“ entledigen. Ach was, keineswegs, so durchweg positiv , geradezu heldenhaft die Personen von Benedikt Wells angelegt sind. Ich sehe schon das Lesepublikum dieses eigentlich unglaubliche Vorgehen weihevoll abnicken (wo sonst bereits beim Quälen jedes Kätzchens protestiert wird). Handelt doch der Ich-Erzähler ganz im Sinne des Demenzkranken (während er dessen Bitte, es bis zu seinem absehbaren Tod nicht in eigenen Haus mit seiner Frau zu treiben, leider nicht erfüllen konnte – Liebe, Leidenschaft und so). Es ist die so völlig unkritische Einstellung des Autors seinem Personal gegenüber, die mich schließlich richtig verärgert hat.
Nicht verschweigen will ich natürlich, dass der Autor tatsächlich sehr gut schreiben kann. Trotzdem ich ziemlich bald auf Krawall gebürstet war, hat er mich doch passagenweise wirklich gepackt und mitgenommen. Über weite Strecken gelingt ihm das Erzählen auch trotz der ganzen dramatischen Ereignisse und Verstrickungen relativ pathosfrei. Das ist natürlich auch ein Verdienst. Für mich war es aber eindeutig zu wenig.

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Diogenes Verlag März 2016, Hardcover Leinen, 368 Seiten, € 22.00

Marjaleena Lembcke – Wir bleiben nicht lange

Marjaleena Lembcke – Wir bleiben nicht lange

Marjaleena Lembcke - Wir bleiben nicht langeWas ist eine glückliche Familie und welchen Einfluss hat sie auf unser Leben? Wie beeinflusst sie, welche Art von Beziehung wir zu anderen und uns selbst schaffen?
Manche Familien sind vom Glück begünstigt, segeln wie unter einem guten Stern, andere müssen einen Schicksalsschlag nach dem anderen verkraften, eine Niederlage nach der anderen einstecken.
Zu letzteren gehört die Familie von Sisko und Mirja, finnischen Schwester, die schon früh ihre Mutter verlieren. Diese war von Depressionen gefangen, ging eines Tages fort, um sich vor einen Zug zu werfen. Ein Ereignis, das natürlich alles veränderte. Der Vater zog die Geschwister, neben Sisko und Mirja gab es noch vier Brüder, alleine groß, wurde aber auch nicht alt. Einer der Brüder starb ebenfalls recht früh, ein Neffe nahm sich das Leben. Mirja überstand eine Tumorerkrankung im Mund, nun hat der Krebs bei der jüngeren Schwester zugeschlagen. Die Schwestern sind um die fünfzig und haben trotz ihrer verschiedenen Lebensmittelpunkte ein sehr enges Verhältnis zueinander.
Denn alle Geschwister hat es hinaus in die Welt verschlagen, fort von Finnland und ihrer unglücklichen Kindheit. Sie leben in Schweden, Deutschland oder London, so ganz glücklich und zufrieden sind sie dort aber augenscheinlich nicht. Es scheint als ob die Heimatlosigkeit und Ungeborgenheit, in die sie durch den Tod der Mutter geraten sind, auch die Erwachsenen immer noch umtreibt.
Mirja lebt dabei in einer intakten Familie und Ehe in Berlin. Die vielen bösartigen Spitzen gegen ihren Wohnort und die Deutschen zeigen aber, dass sie sich dort nicht ganz heimisch fühlt.
Sisko hat ihr Glück in London gesucht, mehrere gescheiterte Beziehungen und zwei Ehen hinter sich, ist Mutter einer Tochter und zur Zeit verheiratet mit Stephan. Nun hat sie die Endphase ihrer Krankheit erreicht, die Metastasen sitzen überall. Ihre Schwester soll ihr beim Sterben beistehen.
Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit kommen hoch, letzte Dinge werden besprochen. Dabei liegt der Scherpunkt auf Mirja, wandert aber auch zu Sisko selbst. Diese blickt recht bitter, mit bösem Humor zuweilen, ist manchmal überraschend gefasst und begehrt dann doch auf. Sie will nicht sterben, kann ihre Angst nicht verbergen. Etwas anderes als pausenlos zu rauchen und Unmengen Bier und Wodka zu trinken, die Morphindosen zu erhöhen und sich im Zimmer einer Londoner Nobelklinik zu verschanzen fällt ihr aber auch nicht ein.
Den Umgang Siskos mit ihrem Sterben und den letzten verbleibenden Tagen oder Wochen kann man als Leser kaum ertragen, versteht auch ihre Umgebung nicht. Allesamt problematische Charaktere, wirklich sympathisch sind sie nicht. Oder ist einfach die finnische Mentalität eine andere? Da das im Buch hin und wieder angesprochen wird, liegt die Vermutung nahe.
Was überrascht ist, dass Marjaleena Lembcke es dennoch schafft, dem Leser diese Menschen nahe zu bringen, dass er Anteil nimmt und bis zum Schluss in Spannung bleibt. Siskos Sterben wird völlig unlarmoyant, sehr realistisch, fast sachlich geschildert und geht doch unglaublich nah. Und wer mag wissen oder entscheiden, wie es wirklich geht, das Sterben?

Marjaleena Lembcke – Wir Bleiben Nicht Lange