Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut - Michael KöhlmeierMichael Köhlmeiers neuer Roman ist eigentlich gar kein „richtiger“ Roman.
Nicht nur weil er mit 140 locker bedruckten Seiten sehr schmal ist, sondern vor allem weil das, was er erzählt, von gleichzeitig so reduzierter wie allgemeingültiger Natur ist.
Novelle, Kurzgeschichte, Märchen oder vielleicht Parabel wären die vielleicht zutreffenderen Bezeichnungen.
Nicht von ungefähr erinnert der Titel an Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Ein kleines sechsjähriges Mädchen, Yiza, steht im Mittelpunkt des Textes. Sie irrt allein durch eine nicht näher bezeichnete Stadt. Es ist kalt, es gibt eine Kirche, es könnte sich um Mitteleuropa handeln, ja vielleicht sogar um Deutschland.
Das Mädchen ernährt sich von Abfällen, schläft in einer Mülltonne. Zu Beginn war da noch ein „Onkel“, der sie zum Betteln schickte und abends wieder mit in die Sammelunterkunft nahm. Doch eines Tages blieb er fort.
Yiza muss sich alleine durchschlagen.
Beim Leser melden sich erste Abwehrmechanismen. „So etwas gibt es doch nicht. Nicht hier bei uns.“ Doch spätestens seitdem sie hier zu Tausenden vor unserer Tür stehen, diese sogenannten „Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“, seit den letzten Meldungen von Hunderten verschwundener Flüchtlingskinder müssen wir uns eingestehen, dass wir dieses Elend, das in Entwicklungs- und Schwellenländern Alltag ist, nun womöglich auch häufiger im eigenen Land antreffen werden.

Es gibt durchaus wohlmeinende Menschen und Institutionen auch hier im Buch. Yiza wird aufgegriffen und im Kinderheim geradezu liebevoll versorgt. Aber die tief sitzende Verunsicherung, das Misstrauen, vor allem auch die Verständigungsschwierigkeiten, die durch mangelnde gemeinsame Sprache und Kulturunterschiede bestehen, stellen Barrieren dar.

Mit zwei Jungen, Arian und Schamhan, der ihre Sprache spricht, läuft Yiza fort aus dem Kinderheim.
Doch die Kinder sind der Situation im unbekannten, winterlich kalten Land mit der fremden Sprache natürlich nicht gewachsen.
Um zu Überleben begehen sie Straftaten, bringen sich in Gefahr. Auch das Böse kommt von unterschiedlichen Seiten in die Geschichte. Das Ende bleibt offen, eher trostlos.

Michael Köhlmeier erzählt in schlichtem Ton. Das entspricht einerseits seinen kleinen Protagonisten, passt aber auch zum parabelhaften der Erzählung.
Es geht hier weniger um eine ganz bestimmte Geschichte. Deshalb sind die Protagonisten auch nicht mit eigenen Erinnerungen, Erlebnissen, einer Vergangenheit versehen, sondern handeln allein im Hier und Jetzt. Das macht sie ziemlich abstrakt und das Mitgefühl des Lesers bleibt auch auf dieser abstrakten Ebene. Dies ist aber vermutlich durchaus gewollt. Es geht hier nicht so sehr um eine Yiza, einen Arian oder um die mehr oder weniger hilfsbereiten Erwachsenen um sie herum. Es geht um die Abermillionen kleiner Geschöpfe überall auf der Welt und neuerdings auch vor unserer Haustür, die allein gelassen und völlig überfordert ihr Leben bestreiten müssen. Sie auf berührende Weise in Erinnerung, ins Augenmerk zu bringen, ist Anliegen und Verdienst dieses Textes.

Michael Köhlmeier – Das Mädchen mit dem Fingerhut

Hanser Verlag Februar 2016, 144 Seiten, Fester Einband, 18,90 €

 

Über den Winter – Rolf Lappert

Über den Winter - Rolf LappertLiest man die Besprechungen der großen deutschen Zeitungen zu Rolf Lapperts Roman „Über den Winter“, der es 2015 immerhin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, dann schien die Jury damit eine denkwürdige Fehlentscheidung getroffen zu haben.
Sentimentalität, Selbstfindungskitsch, Langeweile, Flachheit, gar ein „Buch von Männern für Männer“ mit „ausgelutschten Darstellungen von Virilität“ sind einige der Vorwürfe, die dem Buch in großem Stil gemacht werden.
Etwas freundlicher sieht es in den schweizerischen Medien aus. Nun, der Autor ist Schweizer – oder haben die Rezensenten das Buch, ähnlich wie ich, ganz anders gelesen?

Nun, worum geht es? Der 50jährige Lennart Salm ist der „Held“ der Geschichte. Und hier greift vielleicht schon einer der Einwände, die man dem Buch gegenüber haben könnte, zum ersten Mal: seine Überdeutlichkeit. Salm, natürlich verbindet man damit die Lachse, jene Fische, die gegen alle Hindernisse zum Laichen an ihren Geburtsort zurückkehren. Ein Akt des Schaffens neuen Lebens, aber für viele der Fische auch den Tod bedeutend. Salm, nun nicht einfach nur ein Name, denn auch Lennart Salm kehrt nach Jahren des unsteten Wanderns durch die Welt als Konzeptkünstler nach Hause zurück.
Zunächst lernen wir ihn aber an einem nicht näher benannten Strand kennen. Er steckt in einer Schaffenskrise, hat sich ins Feriendomizil seines Mäzens zurückgezogen und arbeitet an einer neuen Idee. Strandgut, Fundstücke, die das Meer ans Land wirft, seit den großen Flüchtlingsströmen übers Mittelmeer auf makabere Weise „ergiebig“ geworden, sollen in einer großen Installation ausgestellt werden. Als Mahnung, zur Erinnerung an die Opfer. Aber eben auch als Kunstprojekt, das Lennart eher lustlos und wenig überzeugt verfolgt.
Da stößt er bei einem seiner Beutegänge am Strand auf einen toten, ertrunkenen Säugling. Eine Erschütterung die noch durch die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester Helen verstärkt wird.

Lennart verlässt die heruntergekommene Feriensiedlung, die sich auch durch Stacheldraht und Wachmänner nicht vor den Angriffen nicht näher identifizierter Banden und dem eigenen Niedergang bewahren kann. Ein paar wackere, durchaus aber auch irgendwie lächerliche Villenbesitzer halten hier Stellung. Auch hier wieder ein vielleicht allzu deutliches Sinnbild für das Europa, das mehr oder weniger hilflos gegen inneren Zerfall und Ansturm von außen zu kämpfen hat.

Zuhause in Hamburg Wilhelmsburg angekommen wird Lennart mit seiner äußerst schwierigen Familiensituation konfrontiert, der er sich jahrelang durch Arbeit und Auslandsaufenthalte entzogen hat. Seine überschwängliche, leicht chaotische Schwester Bille, der farblose Bruder Paul, die kalte Mutter und der Lennart sehr zugetane Vater, der aber mittlerweile sehr gebrechlich ist. Durch eine Affäre der Mutter, von der die Geschwister nichts wissen, wurde die Familie vor langer Zeit auseinander gerissen: Bille und Lennart blieben beim Vater, Helen und Paul bei der Mutter, die später nach Florida zog. Die Bindungen innerhalb der Familie sind eher lose, der Kontakt zwischen Mutter und Lennart, der ihr nie verzeihen konnte, praktisch null.
Nun trifft man auf der Beerdigung aufeinander und die tiefen trennenden Gräben. Zögerlich nähert sich Lennart seiner Schwester, will vor allem den Kontakt zum alten Vater, der mit seiner polnischen Pflegerin Bascha lebt, intensivieren. Es kommt zu Begegnungen, die Lennart sich langsam öffnen lassen, seine Abkehr von der Kunst festigen, ebenso seinen Wunsch, zur Familie zurückzukehren.

Ja, das könnte man als eine Art Selbstfindungskitsch lesen, wäre da nicht die ruhige, nahezu nüchterne und doch in manchen Beschreibungen geradezu poetische Art zu erzählen.
Es ist Winter in Hamburg. Und Lennart Salm ist selbst ein wenig wie eingefroren. Rolf Lappert lässt ihm Zeit. Zeit um etwas aufzutauen, sein Leben neu zu positionieren.
Viel mehr als die Selbstfindung eines Mannes der sogenannten mittleren Jahre habe ich das Buch aber als eines über Entwurzelung  gelesen, auch über Fremdheit – da ist Lennart bei den Bootsflüchtlingen vom Beginn -, eines über Bindungslosigkeit und eines über Verlust. Denn Lennart verliert nicht nur sein Fluggepäck, dessen Ortung duch allitalia so etwas wie einen running gag darstellt, sondern auch so manche Gewissheit und vor allem den Glauben an den Sinn seines künstlerischen Schaffens. Und da ist natürlich auch der Verlust der Schwester, der drohende Verlust des Vaters. Die Uhr tickt lauter und Lennart entdeckt zum ersten Mal so etwas wie Verantwortung.
Rolf Lappert erzählt wie gesagt mit einer großen Ruhe, die der Leser auszuhalten in der Lage sein muss. Ich habe sie sehr genossen. Ebenso wie die vielen stimmungsvollen settings, die teilweise ins leicht Surreale kippen.
Und auch Musik spielt eine große, schöne Rolle im Roman.
Da kann ich über die manchmal tatsächlich etwas große Überdeutlichkeit gerne hinwegsehen.
Und eine Lanze brechen für „Über den Winter“: Auf der Shortlist stand das Buch völlig zu recht.

 

Über den Winter – Rolf Lappert

Hanser Verlag August 2015, 384 Seiten, Fester Einband, 22,90 €

Lluís Llach – Die Frauen von La Principal

Lluís Llach Die Frauen von La PrincipalDer Roman beginnt an einem Novembertag im Jahr 1940. Die alte Bedienstete Ursula ist allein auf dem Weingut „La Principal“ zurückgeblieben und versinkt in Erinnerungen an alte Zeiten, an frühere Herrschaften und deren Lebensgeschichten, die weit ins 19. Jahrhundert reichen. Mit 14 Jahren trat sie 1853 in den Dienst von Senyor Andreu Roderich und seiner Frau Blanca, empfing mit 17 Jahren ein Kind vom Hausherrn, durfte entgegen der üblichen Sitten aber im Haushalt verbleiben und wurde die Amme aller Nachkommen auf „La Principal“. Auch als 1893 die gefürchtete Reblaus fast alle Weinstöcke vernichtete und der Hausherr mit seinen vier Söhnen nach Barcelona übersiedelte, blieb Ursula mit der Tochter des Hauses, die die undankbare Aufgabe übertragen bekommen hatte, das wertlose Gut zu hüten und zu verwalten, zurück.
Nachdem Vater Andreu kurz danach überraschend starb, erwies sich dies als ungeheures Glück.
Wohl aus einem Rest an schlechtem Gewissen hatte er Tochter Maria als Erbin des Gutes eingesetzt. Das führte zwar zum Bruch mit ihren Brüdern, verschaffte ihr aber auch die Möglichkeit mit viel Mut und Schaffenskraft aus „La Principal“ erneut ein einträgliches, florierendes Gut zu machen und sich selbst zur einflussreichsten, reichsten und auch unabhängigsten Frau weit und breit. So unabhängig, dass sie, die alle Welt nur respektvoll „die Alte“ nannte, eine Liebesheirat mit Narcis Magi schließen konnte. Dieser war anders als alle anderen Männer, verträumt, belesen, gebildet. Das Glück schien mit der Geburt der kleinen Tochter Maria perfekt, aber nur wenige Monate später erkrankte Narcis und starb. Ein Schlag, von dem sich „die Alte“ nicht mehr erholen sollte, auch wenn sie die Geschäfte weiterhin erfolgreich führte. Als sie 1933 starb, über nahm wiederum ihre erst 23 jährige Tochter Maria die Geschäfte. Eine Dynastie starker Frauen also, deren Geschichten der Leser in Rückblicken erfährt, nach und nach, in den Tagträumereien der alten Ursula sowie in Berichten an den Kriminalinspektor Recader. Dieser klopft nämlich an jenem Novembertag 1940 an die Tür von „La Principal“ und erwartet Auskunft über einen grausigen Mord, der ihn bereits 1936 hierher geführt hatte, der aber nie aufgeklärt wurde. Der Vorarbeiter Ricard war damals auf grausige Weise ermordet und vor dem Gut abgelegt worden. Die Wirren des Spanischen Bürgerkriegs erschwerten die Aufklärung. Nun sitzen die Faschisten unter der Regierung Francos fest im Sattel und der regimetreue Inspektor erhofft sich Meriten bei der Aufklärung diese alten Falls. Nicht nur die Herrin Maria, auch ihr neuer Vorarbeiter (und wie bald herauskommt Geliebter) Llorenc geraten ins Visier. Der opulent und in epischer Breite erzählte Familienroman bekommt damit etwas Kriminalistisches. Nicht umsonst bewundert Recader Agatha Christie.
Die Auflösung des Verbrechens sei hier nicht verraten, sie fällt aber anders aus als vielleicht erwartet.
Lluis Llach erzählt einen wunderbaren Familienroman, ein Sittenbild aus Katalonien, das tief ins 19. Jahrhundert reicht und auch die dunklen Jahre des Faschismus nicht ausblendet, ohne allerdings Anklage zu erheben oder Schwarz-Weiss zu malen. Einzig die (recht kurzen) Abschnitte, die in die Gegenwart reichen und 2001 spielen – die dritte Generation Maria trifft sich mit ihrem Vater, in dem wir bald Llorenc erkennen, dieser wird zum Verfasser des bisher Gelesenen, das er wiederum seiner Tochter zum Lesen gibt – ist meiner Meinung nach dramaturgisch und auch sprachlich weniger gut gelungen. Diese rückblickenden Erläuterungen und dieses Buch-im-Buch-Kniffs hätte es nicht bedurft. Er stört sogar die Einheit dieser ansonsten schönen Geschichte, die von starken, entschlossenen Frauen, die auch in widrigen Zeiten um ihr Glück kämpfen, erzählt.

 

Lluís Llach – Die Frauen von La Principal

Insel Verlag März 2016, Gebunden, 368 Seiten, 19,95 € 

Nadifa Mohamed – Black Mamba Boy

Nadifa Mohamed - Black Mamba Boy1935 ist Jama zehn Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter Ambaro bei Verwandten in Aden, mehr schlecht als recht und lediglich widerwillig geduldet nachdem der Vater auf der Suche nach Arbeit im Sudan verschwunden  war und Ambaro ihrer beider Lebensunterhalt in Somaliland nicht mehr bestreiten konnte.
Hier, in der einstmals modernen, multikulturellen Hafenstadt Aden ergeht es ihnen aber nicht viel besser. Nur der Leser staunt, wie multikulturell das Leben damals im Jemen erschien.
Für Ambaro und Jama ist es aber ein Leben voll der Entbehrungen, der Erniedrigungen, besonders für die alleinerziehende Mutter. Jama schlägt sich oft allein durch, streunt mit Freunden durch die Straßen, ja scheint sogar ein einigermaßen glückliches Leben zu führen. Bis Ambaro eines Tages völlig entkräftet stirbt.
Jama, für den die Lebensgeschichte des Vaters der Autorin Nadifa Mohamed Pate gestanden hat, macht sich allein auf die Suche nach seinem lang vermissten und ersehnten Vater. Es wird eine wahre Odyssee durch halb Afrika. Somalia, Dschibuti, Eritrea, Sudan, Ägypten, Palästina und schließlich England sind ihre Stationen.
Getragen von seiner kindlichen Zuversicht, von freundlich helfenden Mitmenschen, aber vor allem von dem über alle Ländergrenzen hinweg funktionierenden Clansystem bewältigt Jama diesen Weg. Dabei gerät er immer wieder zwischen die Fronten der unterschiedlichen Kolonialmächte, die Ostafrika unter sich aufgeteilt haben und deren Rivalitäten, der Widerstandskämpfer, bis die Unruhen schließlich in Mussolinis Abessinienkrieg und dem Zweiten Weltkrieg gipfelten. Briten, Franzosen, Italiener, alle kochten ihr Kolonialsüppchen und unterjochten die Afrikaner, »Menschen, die der Ansicht sind, dass du nicht Schmerz empfindest wie sie, keine Träume hast wie sie, das Leben nicht so liebst wie sie».
Auch Jama wird in die blutigen Kriegshandlungen hineingezogen, seinen Vater wird er nicht finden.
Er setzt seine Flucht fort, kommt kurz zur Ruhe, findet eine Frau und zieht doch weiter, auf der Suche nach dem besseren Leben, einer Zukunft, so wie auch einst sein Vater fortgezogen ist. Das Buch wird ab da leider immer mehr zum Stationendrama. Orte, Menschen werden nur noch rastlos hinter sich gelassen. Waren Innenperspektiven und atmosphärische Schilderungen auch im ersten Teil des Buches eher selten, fehlen sie hier nun fast ganz.
Was Nadifa Mohamed aber gelingt, ist eine ergreifende Schilderung Ostafrikas in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das unselige Wirken der unterschiedlichen Kolonialmächte, das bis heute seine Spuren hinterlassen, die Länder ausgeplündert und dann sich selbst überlassen hat und für viele der heutigen Missstände zumindest eine Mitverantwortung trägt. Auch wenn das viele Europäer angesichts der aktuellen Flüchtlingswellen nicht sehen wollen.
Die Autorin verschafft uns auch einen Einblick in viele für uns unverständliche gesellschaftliche Gegebenheiten, sei es in der Frage der Erziehung, des Zusammenlebens innerhalb der Familien, der Clansysteme. Diese Einblicke sind nicht immer angenehm, Mohamed spart auch Brutalitäten nicht aus, erzählt nüchtern und ohne große Empathie.
Wie gesagt wäre ein längeres Verweilen an manchen Lebensstationen unter Auslassung anderer vielleicht für den Leser ergiebiger gewesen, hätte ihn auch emotional mehr angesprochen. Dennoch ist Black Mamba Boy ein lesenswertes Buch, das gerade heute, wo so viele, gern auch „nur Wirtschaftsflüchtlinge“ genannte Menschen vor unserer europäischen Tür stehen, vielleicht ein wenig die Augen öffnet. Denn Jamas Geschichte ist nicht nur die Geschichte Nadifa Mohameds Vater, sondern steht für die Glückssuche und Entwurzelung Vieler.

 

Nadifa Mohamed – Black Mamba Boy

C.H.Beck Verlag Januar 2015, 366 Seiten, Gebunden, 19,95 €  

Jean-Philippe Blondel – This is not a love song

Jean-Philippe Blondel - This is not a love songVincent, ein Mann in mittleren Jahren, erfolgreicher Geschäftsmann in London, Vater zweier kleiner Töchter, glücklich verheiratet, kehrt für eine Woche eher widerwillig in seine alte Heimat in der französichen Provinz zurück. Als junger Mann hatte er dort seine jetzige Frau, eine Britin kennengelernt. Es war fast eine Flucht damals – raus aus der Familie, die er als einengend, langweilig und bieder empfand. Raus aber auch aus seinem eigenen Leben, das bisher nicht so recht in die Gänge kam: Abbruch der Schule, Gelegenheitsjobs, Alkohol, Drogen, Wohngemeinschaft mit Etienne, der genauso wenig in der Lage war Fuß zu fassen.
In England begann tatsächlich ein neues Leben. Auch dank der vermögenden Schwiegereltern gelang Vincent zusammen mit einem britischen Partner die Verwirklichung seiner Geschäftsidee: Die „Cafés bleues“ laufen gut, ebenso die Ehe, einiges an Vermögen ist mittlerweile angeschafft.
In die alte Heimat zog es ihn bisher wenig, der Kontakt zu den Eltern, zum Bruder Jerome, zu alten Freunden ist maximal sporadisch.
Nun steht er vor seinem alten Leben, schläft in seinem alten Kinderzimmer. Und die alten Aversionen sind wieder da – die Eltern immer noch langweilig, immer noch bieder, ziehen immer noch (vermeintlich) den jüngeren Bruder vor; der Bruder immer noch angepasst und vorhersehbar; die Schwägerin Celine verbittert und unsympathisch; die alten Freunde gefangen in ihrem spießigen Leben und der alte Kumpel Etienne spurlos verschwunden.
Kein gutes Haar lässt Vincent an Familie, Heimatdorf, Frankreich. Im Vergleich zu seinem strahlenden Leben in London ist das alles für ihn ein einziges Jammertal.
Die strikten Urteile, die er fällt, machen ihn nicht unbedingt sympathisch, auch betont er das Glück seines neuen Lebens, seines Erfolgs ein wenig zu oft, als dass man ihm unbedingten Glauben schenken würde. Witzig und auf intelligente Art bissig ist sein Wüten aber allemal.
Jean-Philippe Blondel erzählt in gerader Sprache, teilt seine nach den Aufenthaltstagen gegliederten Kapitel in kurze und kürzeste Absätze.
Er transportiert dabei die Gefühle und Gedanken seines Protagonisten sehr anschaulich. Auch wenn er ihm die Ich-Perspektive verleiht, schaut der Leser doch zugleich immer kritisch und distanziert auf ihn. Ein Charakter, der Brüche hat, zum Widerspruch reizt. Einer mit „Ecken und Kanten“ wie so schön auf dem Buchrücken steht. Aber auch einer, „der extrem berührend ist.“ Denn etwa in der Mitte des schmalen Romans kippt die Geschichte. Unbequeme Wahrheiten kommen auf den Tisch, die herrschende Sprachlosigkeit innerhalb der Familie wird deutlich, bekommt auch der britische Mister Saubermann seine Risse und muss alte Gewissheiten überdenken. Dabei kommen Emotionen ins Spiel, die sehr widerstreitende Gefühle und auch Abwehr beim Leser hervorrufen. Auf jeden Fall kein Buch, das einen kalt lässt.

 

Jean-Philippe Blondel – This is not a love song

aus dem Französischen von Anne Braun
Deuticke Verlag Februar 2016, gebunden, 224 Seiten, 17,90 €

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Fuminori Nakamura - Der DiebBereits 2009 ist Fuminori Nakamuras Roman „Der Dieb“ im Original erschienen. Es dauerte sechs lange Jahre, bis der schmale Band nun auch in Deutschland erschienen ist.
Das mag vielleicht daran liegen, dass sich das Buch nur schwer in eine Literaturgattung pressen lässt.
Nun erscheint es als Thriller, was es durchaus auch ist, ein „Noir“, der ganz tief in die dunkelsten Tiefen des Verbrechens und der Gesellschaft hinab steigt. Aber er ist auch viel mehr.

Gleich zu Beginn lernen wir ihn kennen, den Dieb, der dem Roman den schlichten Titel verleiht.
Er ist Taschendieb von klein auf, hat dieses Handwerk zu einer enormen Perfektion gebracht. Er zelebriert seine Einsätze nahezu. Ja, er lebt von ihnen, aber er zieht auch Befriedigung daraus, reiche Menschen zu bestehlen.

„Solange auch nur ein einziges Kind auf dieser Welt Hunger leiden muss, ist jeder Besitz Diebstahl.“ und „Wenn du jemandem mit einer Milliarde hunderttausend klaust, ist das ein Klacks.“

Zwei seiner Statements, die zeigen, was der Roman auch beinhaltet, nämlich eine gehörige Portion Gesellschafts- und Kapitalismuskritik.

Früher ging der Dieb mit anderen zusammen auf Diebestour. Eines Tages gerieten sie ins Visier der Yakuza, der japanischen Mafia.
Die Kollegen wurden ausgeschaltet, ihn ließ man am Leben.
Seitdem arbeitet und lebt er allein, zurückgezogen, nahezu asketisch. Irgendwie ist er ein Verlorener, ein Ausgestoßener. Eine düstere, schwermütige Atmospäre liegt über ihm.
Seit seiner Kindheit erscheint ihm immer wieder ein mysteriöser dunkler Turm, an den verschiedensten Orten, ihm nähern kann er sich nie.
Wieder eine neue Ebene des Buches, die philosophische, ja vielleicht sogar metaphysische.
Eines Tages fällt ihm ein kleiner Junge ins Auge, den er beim Klauen beobachtet. Erinnert er ihn an sich selbst als Kind? Jedenfalls bricht sein Panzer auf, er lässt sich berühren, nimmt sich des Kleinen an. Und seiner Mutter, einer Prostituierten, die das Kind zum Stehlen schickt. Dies macht unseren Dieb verwundbar, denn er gerät erneut ins Visier der Yakuza. Der Chef Kigazi zwingt ihn zur Erledigung dreier nahezu nicht zu bewältigender krimineller Aufträge. Sein Druckmittel ist der Junge. Aber der Dieb weiß auch, wenn er sie nicht schafft, ist er ein toter Mann.

Nakamura entwirft ein tiefschwarzes Bild der japanischen Gesellschaft, ein existentialistisches Drama um einen Ausgestoßenen, eine Kritik am Kapitalismus und das alles in einem knappen, in nüchterner, beinahe kalter Sprache geschriebenen Thriller.

Hut ab! Dostojewski und Kafka sind die Namen, die in nahezu jeder Kritik auftauchen. Keine schlechte Gesellschaft.

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Dogenes Verlag Oktober 2015, Hardcover Leinen, 224 Seiten, 22.00

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

JOACHIM MEYERHOFF Ach, diese Lücke, diese entsetzliche LückeEin drittes Mal lässt der Schauspieler Joachim Meyerhoff seine Toten hoch fliegen und erzählt aus seinen Jugendjahren.
Nach seinem Schüleraustausch-Jahr in Amerika und seiner Kindheit in der Psychiatrie – als Sohn des leitenden Arztes -, ist nun die Zeit auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München an der Reihe.

Eigentlich war ein Zivildienstjahr in München geplant, weit weg von der Heimat Schleswig, das vielversprechende Zimmer im Schwesternwohnheim bereits zugesagt, da bekam Meyerhoff völlig unerwartet einen der wenigen begehrten Plätze.

Einiges, vornehmlich Merkwürdiges weiß der Autor nun von seiner Ausbildung zu berichten. So z.B. von der Übung Fontanes „Effie Briest“ als Nilpferd vorzutragen, stundenlange Schweigeübungen und absonderliche Bewegungsübungen.

Dabei liegt es ihm aber fern, nur über seine Entwicklung oder gar über seine herausragende Begabung zu berichten. Wie schon in den Vorgängerbänden bewahrt er zu den Geschehnissen sowohl wie zu der eigenen Person eine selbstironische, liebevoll-kritische Distanz, ein staunendes Betrachten.
Er erzählt humorvoll und assoziativ Anekdoten aus dieser Zeit, die sich aber in ihrer Gänze zu einem stimmungsvollen Gesamtbild fügen.
Dabei ist der zweite Erzählschwerpunkt mindestens genauso wichtig wie die Zeit an der Schule, nämlich die drei Jahre, die Meyerhoff während seiner Ausbildung im Haus seiner großbürgerlichen Großeltern verlebte. Er, emeritierter Philosophieprofessor, und sie, einst sehr erfolgreiche, divenhafte Ex-Schauspielerin geben ein reichlich exzentrisches Paar ab. Dazu gehört eine gehörige Portion Luxus genauso wie strikt befolgte Tagesabläufe, ritualisierte Alkoholexzesse, aus denen die Hochbetagten via Treppenlift in die Schlafgemächer entschwinden, den auch reichlich alkoholisierten Enkel zurücklassend ebenso wie „Wanderungen“ in Minutenlänge. Die Kräfte schwinden, aber man wahrt das selbstbestimmte Leben in Würde.
Ein Hort der Sicherheit und des Beständigen, der für Joachim Meyerhoff lebensnotwendig erschien. War er doch durch den plötzlichen Tod seines Bruders und dem darauffolgenden des Vaters ziemlich aus der Bahn geworfen, und forderte die Schaupielschule ganz gegen seine Bedürfnisse ein stetes „Beisichsein“, ein permanentes Selbstentblößen, wo er sich doch lieber verkriechen und verstecken wollte.
„Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ein Zitat, entlehnt aus Goethes Werther, bei dessen Inszenierung Meyerhoff endlich zu sich als Schauspieler fand, bezeichnet auch diese Lücke neben sich selbst.
Wie in den beiden vorherigen Bänden beschreibt der Autor damit aber auch die Leerstellen, die durch den Verlust geliebter Menschen entstehen. Waren es zuvor Bruder und Vater, ist dieses Buch der Versuch, die Großeltern dem Vergessen zu entreißen.  Einmal ist von einem „Gedankenbesuch“ bei ihnen die Rede. „Es ist vor allen Dingen ein vehementes Sich-Wehren gegen eine Forderung der Gesellschaft, dass man Dinge hinter sich lässt.“ sagt Joachim Meyerhoff selbst und meint damit vor allem Menschen, die man verliert.

Und so ist auch „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vor allem eine große zärtliche, so witzig wie melancholische Liebeserklärung an verlorene Familienmitglieder, diesmal die Großeltern, von deren Leben,  Verlöschen und Sterben mit Behutsamkeit, Humor und viel Liebe erzählt wird.

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Kiepenheuer&Witsch Verlag November 2015, 352 Seiten, gebunden, 21,99€

Richard Ford – Frank

Richard Ford - FrankAuf fast 1800 Seiten hat der treue Richard Ford Leser dessen „Helden“ Frank Bascombe bisher begleitet. Ca. alle zehn Jahre folgte ein neuer Roman.

Wie schön, dass es wider alle Erwartungen nun noch einmal ein Wiedersehen gibt.
Frank geht nun stark auf die 70 zu, hat sich von seinem Job als Immobilienmakler zurückgezogen und versucht, seine Tage halbwegs sinnvoll zu verbringen. Einmal in der Woche gehört er einem Empfangskommitee für Kriegsrückkehrer an, verfasst dafür eine Art Willkommenszeitung und liest regelmäßig im Radio für Blinde Literatur vor. Die Ehe mit seiner zweiten Frau Sally läuft, wie so viele dieser altgedienten Ehen, so nebenher. Sally glänzt darum in den vier Erzählungen, aus denen „Frank“ besteht, durch nahezu vollkommene Abwesenheit. Sie ist sehr engagiert in einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um die Opfer des Wirbelsturms Sandy, der die Ostküste der USA verheerend getroffen hat, kümmert.
Damit sind wir auch bei der Zeit, in der die vier Episoden spielen. Es ist der Dezember 2012, die Wochen vor Weihnachten. Damit bleibt Richard Ford einer Tradition treu, spielten doch die bisherigen Bascombe-Romane auch um die Feiertage Ostern, Unabhängigkeitstag und Thanksgiving.
Frank Bascombe wird oft als der typische amerikanische Jedermann gesehen, den repräsentativen Mittelständler. Dabei ist er in seiner Beobachtung viel zu genau, ebenso in seiner Selbstanalyse, seiner Selbstironie und in der Beurteilung gesellschaftlicher Vorgänge.
Schon lange hat er der Suche nach einem irgendwie übergeordneten Sinn eine Absage erteilt, ohne durch die Schärfe seiner Betrachtung zum Zyniker geworden zu sein.
Pragmatismus ist vielleicht das passendste Wort für seine Lebenseinstellung. So sind es, bis auf den tragischen Tod seines Sohnes Ralph, auch eher die sanften Katastrophen, mit denen er sich, wie wir alle, herumschlagen muss. Es ist das Scheitern mancher Lebensträume, wie sein Scheitern als Autor und als Sportreporter, das Zerbrechen seiner ersten Ehe mit Ann, das problematische Verhältnis zu seinem Sohn Paul, eine überstandene Prostatakrebserkrankung.
„Ich bin da“, „Könnte alles schlimmer sein“, „Das neue Normal“ und „Die Tode Anderer“ sind nun die vier Erzählungen in „Frank“ betitelt. Diese Titel geben auf wunderbare Weise die Essenz des Buches wieder.
„Ich bin da“ riefen im 19. Jahrhundert zum Tode verurteilte Indianer kurz vor ihrer Hinrichtung, um sich ihres Hierseins zu versichern. Auch Frank ist im Gegensatz zu vielen seiner Wegbegleiter – siehe Titel der letzten Geschichte – und trotz Krebserkrankung noch da. Und er ist unverwandt auch für Andere da.
In der ersten Geschichte für einen Bekannten, dem er vor Jahren sein altes Strandhaus verkauft hat und von dem nun nach den Verheerungen von Hurrrikan Sandy nichts mehr übrig geblieben ist. Er ist da für die farbige Frau, die eines Tages vor seiner Haustür steht und noch einmal ihr altes Elternhaus besuchen möchte, wo sich, man erfährt es allmählich, eine schreckliche Familientragödie abgespielt hat. Auch hier bietet ein Haus, wie es für Frank früher als Immobilienmakler die Existenz begründet hat, keine Sicherheit mehr.
In der dritten Geschichte ist Frank für seine Ex-Frau Ann da, besucht sie in ihrer betreuten Wohneinrichtung, in die sie nach einer Parkinsondiagnose gezogen ist.
„Das neue Normal“, dieser Zustand zunehmender Einschränkung, die das Alter bedeutet, die Frank aber als bewussten „Rückbau“, Verzicht auf Überflüssiges nicht nur als negativ empfindet. Schließlich: „Könnte Alles schlimmer sein.“
So ist dieses Buch trotz aller Melancholie, ja Traurigkeit, alles andere als trostlos. Dafür sorgt Fords wunderbare Sprache, die nur auf den ersten Blick einfach und alltäglich, in Wahrheit aber präzise gearbeitet und genau ist, ebenso wie die immer leicht selbstironische, ja amüsante Sicht Franks. Und natürlich sein Pragmatismus.
Als er am Ende der letzten Geschichte, in der er trotz großen Widerwillens an das Sterbebett eines an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten alten Freundes eilt, nur um von diesem zu erfahren, dass seine Ex-Frau Ann während ihrer Ehe eine Affäre mit ihm hatte, trifft er auf einen flüchtig Bekannten. Man wechselt ein paar Worte. Auch dieser sagt „So viel kann ich nicht tun. Aber ich bin da.“ Und Frank denkt: „Die Zeit heilt vieles, aber sie ist auch kurz und wertvoll“. Und das Buch endet: „Das ist alles, was wir einander am Weihnachtsabend sagen können: ein paar gute Worte. Dann geht er. Und ich gehe. Der Tag, der uns kurz  zusammengebracht hat, ist gerettet.“
Das ist fast philosophisch. Und dass man bei Richard Ford nebenbei auch noch viel über die „Lage des Landes“ – so ein anderes der Bascombe-Bücher – erfährt, macht ihn zum großartigen, vielleicht dem großartigsten US-amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit.

 

Richard Ford – Frank

Hanser Berlin September 2015, Fester Einband, 224 Seiten, 19,90 €

Jonathan Franzen – Unschuld

Jonathan Franzen - UnschuldEines der für 2015 am heißesten ersehnten Bücher wurde meine erste Lektüre im Jahr 2016 und wahrscheinlich bereits die größte Enttäuschung dieses Lesejahres.
Dieses Buch zu mögen wurde dadurch nicht leichter, dass keine der Personen, und es gibt derer nun wirklich viele, auch nur ansatzweise sympathisch ist.
Auch trägt es für mich nicht zum Lesevergnügen bei, wenn ohne Notwendigkeit für Handlung oder Textaussage weite Teile der Ausübung unterschiedlichster, meist unschöner Sexualpraktiken gewidmet sind. Ohne Staistik geführt zu haben, zählen Schwanz, Ständer, Muschi oder Möse sicher zu den am meisten verwendeten Wörtern im Buch.

Diese Erschwernisse müssen aber nicht unbedingt dazu führen, dass ich ein Buch nicht an mich heran lasse. Stimmen Handlung oder Botschaft, oder vermag es auch nur, gut zu unterhalten, sind sie zumeist vergessen.

Schauen wir uns zunächst einmal die Handlung an. Um was geht es? Ja, um was geht es eigentlich? Es sind derart viele, zunächst disparate Handlungsstränge vorhanden, dass sich erst recht spät eine Art „Haupthandlung“ herausschält. Auch das nicht unbedingt ein Manko, wären die einzelnen Fäden für sich stimmig und dann konsequent zusammengeführt.
Hauptprotagonistin, nach der das Buch im Original benannt wurde, ist Purity Tyler, genannt Pip. Pip – da klingelt doch was. Genau, der Autor liebt es, literaturhistorische Verweise zu machen. Hier ist es der dickensche Waisenjunge Pip, später einmal der mephistophelische Charakter aus Goethes Faust.
Meiner Meinung nach allesamt eher plump und die Bildung des Autors eitel herauskehrend – aber vielleicht ist da der USamerikanische Leser leichter zu beeindrucken.

Pip also. Pip ist die Tochter einer völlig überspannten Milliardärserbin, die in Thoreauscher Manier in einer einsamen Waldhütte haust, während Pip auf dem Schuldenberg ihres Studienkredits sitzt, in einer heruntergekommenen WG in einer besetzten Villa mit reichlich schrägen Typen haust und einen ätzenden, gehassten Callcenterjob ausübt.
Ihren Vater hat sie nie kennengelernt und wer es ist, verheimlicht die Mutter beharrlich. Pip macht sich nun auf die Suche nach ihm, in der Hoffnung, er könnte ihre Schulden übernehmen.

Die Suche erfolgt – wie könnte es heute anders sein – übers Internet. Eine Bekannte, die Deutsche Annegret, vermittelt Pip ein Praktikum beim Sunlight Project, einer an Wikileaks angelehnten Whistleblowercommunity in Bolivien, geleitet von dem Deutschen, Ex-DDR-Dissidenten Andreas Wolf.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind da ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Franzen baut zwar auch die realen Figuren Assange, Snowden usw. ein, damit gar nicht der Verdacht aufkommt, er könne einen von ihnen hier fiktionalisieren. Trotzdem bekommt die Sache einen gewissen üblen Beigeschmack.
Andreas Wolf ist nämlich der oben erwähnte mephistophelische Charakter. Auch er natürlich aus einer hochgradig dysfunktionalen Familie – Familien oder Beziehungen, die gelingen, scheint es bei Franzen einfach nicht zu geben -, stammend, Sohn eines hohen Parteifunktionärs und einer – upps – völlig überspannten Mutter, zu der er ein Leben lang eine merkwürdige Hassliebe pflegt. Zudem ist er noch mit einem absolut abgedrehten leiblichen Vater gesegnet.

Schon zu DDR-Zeiten pflegte er als Jugendbetreuer in der Kirche reichlich sexuelle Kontakte zu Minderjährigen und auch heute treibt er es mit den vielen Praktikantinnen des Sunlight Projects recht ausgiebig. Aber auch die „reine Liebe“ gibt es in Andreas Leben. Nämlich die zur 15jährigen, vom Stiefvater, einem Stasibeamten (!) missbrauchten Annegret (!).
Und hier laufen die beiden Erzählstränge Andreas in der DDR, der „Republik des schlechten Geschmacks“, und Pip in den USA zusammen. Andreas benutzt Pip nämlich für eigene dunkle Machenschaften, die sich um eine alte Schuld (einst ermordete er mit Annegret zusammen deren Stiefvater-Peiniger) drehen.
Mal wieder spielt Sex eine Rolle, ferner der Antagonismus Journalismus-Internet, Sex, Vegetarismus, Sex, scheiternde Ehen, Wahrheit, Moral und natürlich Sex.

Wer jetzt noch der Meinung ist, das das eine spannende, glaubwürdige Handlung sein könnte, den stört sicher auch nicht, dass nach etlichen haarsträubenden Volten alles wieder zu einer Art – natürlich dysfunktionalen – Familienroman mutiert und Franzen vorher noch so eine verquere These raushaut wie „Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.“
Man mag dem Internet oder auch den sozialen Netzwerken noch so kritisch gegenüber stehen, das ist dann doch des Guten zuviel.
Zumal Vieles im Roman mit einer deutlicheren Prise Ironie oder Humor hätten durchgehen können.
Davon konnte ich aber leider kaum etwas entdecken.
Auch die von Franzen sonst so souverän beherrschte Figurenzeichnung ging hier in ermüdendem Überpsychologisieren fast völlig verloren. Wie Schachfiguren werden die Protagonisten hin und her geschoben und bleiben der Leserin gänzlich gleichgültig.

Wenn ich nun meine Rezension so lese, staune ich über die drei Sterne, die ich dennoch vergeben habe.
Nun ja, der alte Franzen blitzt halt schon immer wieder mal durch und es gelingt ihm tatsächlich auch, diese krude, überbordende Mischung bis zum Schluss zusammenzuhalten.
Aber enttäuschte Liebe bringt nun mal besonders auf.
Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal wieder mit mir und Jonathan Franzen. Ganz aufgeben mag ich ihn noch nicht.

Jonathan Franzen – Unschuld

übersetzt von: Bettina Abarbanell; Eike Schönfeld

Rowohlt Verlag September 2015, gebunden, 832 Seiten, € 26,95

Davide Longo – Der Fall Bramard

Davide Longo - Der Fall BramardEin klassischer Kriminalroman ist „Der Fall Bramard“ nicht. Obwohl er alle Ingredienzien dafür besitzt: eine Jahre zurückliegende Serie ritualisierter Frauenmorde, der am Ende auch die Frau des ermittelnden Kommissars zum Opfer fiel; dieser Kommissar, ein brummiger, zurückgezogen lebender Eigenbrötler, der daraufhin den Dienst quittierte und fortan stundenweise als Lehrer arbeitet und die restliche Zeit auf einsamen Bergtouren verbringt; mysteriöse Briefe, die den Leonard Cohen „Song of Issac“ zitieren und den Kommissar seit damals aus der ganzen Welt erreichen; ein knurriger Polizeibeamter und eine junge Kollegin mit ausgeprägtem Computer-Know-How; Verstrickungen in höchste Kreise und zu Edelbordellen, in denen die hochgestellten Herren ihrer Neigung zu sehr jungen Damen nachgehen können.

Nach Jahren erhält nun Corso Bramard  wieder einen dieser Briefe, diesmal mit der abschließenden Songzeile und einem Haar, das eindeutig dem damals ersten und einzig überlebenden Opfer des Serienmörders zuzuorden ist. Leider lebt die Frau seit der Tat in völliger geistiger Umnachtung und kann nichts zur Aufklärung beitragen. Dennoch ist Bramard überzeugt, dass sie der Schlüssel zur Identifizierung des Täters ist. Zumal sie seit Jahren immer wieder geheimnisvollen Besuch erhält. Bramard rollt den Fall zusammen mit seinem Nachfolger im Polizeidienst wieder auf.
Wie in aktuellen Thrillern mittlerweile üblich, erhält neben den Ermittlern auch der Täter eine eigene Perspektive. Man ahnt schon sehr früh, dass er die Morde begangen hat und dass ein ästhetisches Motiv beteiligt war. Das schmälert die Spannung bis zum Ende aber nicht.
Trotzdem ist die klassische Überführung des Mörders gar nicht das zentrale Moment dieses Romans. Sie geschieht nahezu nebenbei.
Viel wichtiger sind die seelischen Abgründe, in die Corso Bramard durch den Mord an seiner Frau und das Verschwinden der sie begleitenden Tochter hinabgestiegen ist. Viel interessanter sind die Einblicke in die italienische Gesellschaft und die raue piemontesische Bergwelt nahe Turin.
Sensible psychologische Schilderungen wechseln ab mit poetischen Landschaftsbeschreibungen. Und das alles in einer wunderbaren, schlicht schönen Sprache, die in ihrer Kargheit sowohl der Alpenwelt als auch der schweigsamen, schwer erschütterten Gestalt Bramards entspricht und diesen „Kriminalroman“ zu einem literarischen Genuss macht.

Davide Longo – Der Fall Bramard

Rowohlt Verlag April 2015, gebunden, 320 Seiten, 19,95