Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück

Die franko-kanadische Schriftstellerin Gabrielle Roy (1909-1983) gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen ihres Landes und ihr 1945 erstmals erschienener Debütroman Bonheur d’occasion  (deutsch: Gebrauchtes Glück) als Meilenstein und Klassiker. Man zählt ihn sogar zu den Auslösern der sogenannten „Stillen Revolution“, von der ich bisher noch nie gehört hatte. Laut Wikipedia ist damit der „tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Wandel, geprägt von der Säkularisierung der Gesellschaft und der Schaffung eines Wohlfahrtsstaates“ in Québec gemeint. „Die Provinzregierung brachte zwischen 1960 und 1966 das zuvor von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesundheits- und Bildungswesen unter die Kontrolle des Staates, baute die staatlichen Dienstleistungen aus und tätigte umfangreiche Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Sie erlaubte den Staatsangestellten, sich in Gewerkschaften zu organisieren, und ermöglichte der mehrheitlich französischsprachigen Bevölkerung, die Kontrolle über die Wirtschaft ihrer eigenen Provinz zu übernehmen.“

Wie unterprivilegiert und elend Teile der franko-kanadischen Bevölkerung noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts leben mussten, zeigt Gabrielle Roy anhand der Geschichte einer jungen Frau in Gebrauchtes Glück. Eine mich etwas verwirrende Titelwahl, geht es doch im Roman tatsächlich um das „Glück der Gelegenheit“ oder auch eine „glückliche Gelegenheit“, so wie es auch der Originaltitel vorgibt oder, wie ein 2000 veröffentlichter Auszug betitelt wurde, “zufälliges Glück”.

Saint Henri 1943
Saint Henri 1943 Rue De Couvent by Archives de la Ville de Montréal (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

Saint-Henri

Die 19jährige Florentine lebt 1940 in einer Arbeiterfamilie im Stadtteil Saint-Henri. Das mittlerweile längst gentrifizierte Arbeiterviertel ist zu der Zeit durch seine Lage am Lachine-Kanal von Industriebetrieben und Gerbereien geprägt und traditionell sehr katholisch und einkommensschwach. Auch Florentine Lacasses Familie befindet sich stets am Existenzminimum, Hunger und auch Angst vor Obdachlosigkeit sind stets präsent. Die Mutter, Rose-Anna ist mit ihrem elften Kind schwanger, acht der Kinder leben noch zuhause. Florentine, die Älteste, ist die einzige, die ein regelmäßiges Einkommen bezieht. Sie arbeitet im Restaurant des Quinze-cents und träumt von einer besseren Zukunft. Hier Vater ist ein gutmütiger Taugenichts, der seine Stelle als Bauarbeiter infolge der Weltwirtschaftskrise verloren hat und seitdem nicht mehr auf die Beine kommt. Der älteste Sohn Eugène verpflichtet sich bereits mit siebzehn bei der Armee, um für sich und seine Familie etwas dazuzuverdienen.

Florentine ist eine Schönheit, fleißig und verantwortungsvoll, dennoch wächst sie der Leserin nicht ans Herz. Ist sie doch gleichzeitig eitel, ehrgeizig und sehr auf ihren Vorteil und Aufstieg bedacht. Bei Männern ist sie so naiv wie berechnend. Ein Gast des Restaurants, der schneidige Schlosser Jean Lévesque sticht ihr ins Auge. Auch er ist extrem ehrgeizig, will durch ein Studium aufsteigen. Das junge, hübsche Mädchen aus der Unterschichte ist ihm da nur hinderlich. Er ist zwar von Florentine fasziniert, verführt und schwängert sie, lässt sie dann aber fallen. Florentine bleibt ihm trotzdem ergeben, trauert ihm nach.

Die Gelegenheit

Der anständige, in Florentine bislang vergeblich verliebte Emmanuel Létourneau, der in der Armee dient, ist für die junge Frau die „glückliche Gelegenheit“. Denn sie schafft es geschickt, ihn während eines zweiwöchigen Heimaturlaubs zu einer Heirat zu bewegen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ihre Schwangerschaft verschweigt sie ihm.

Im Hintergrund der Geschichte spürt man die realen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und natürlich des Zweiten Weltkriegs, bei dem Kanada an der Seite der Alliierten kämpft. Viele junge Kanadier meldeten sich zur Armee, nur um der Armut zu entgehen. Diese Armut bei kaum vorhandener staatlicher Fürsorge realistisch und erschütternd zu schildern, ist das große Verdienst von Gabrielle Roy und ihrem Roman Gebrauchtes Glück. Das Elend, die Ausweglosigkeit, die große Schere, die zwischen der Einkommenssituation der franko-kanadischen Bevölkerung in Saint-Henri und dem als Gegenpol immer beschworenen, am Hügel liegenden Wohnort der wohlhabenden Anglophonen, Westmount, besteht (auch heute noch beträgt das Einkommen der englischsprachigen Bevölkerung ein Vielfaches desjenigen der Franko-Kanadier), der Fatalismus, aber auch die Resilienz und Stärke besonders der Frauen – das alles zu schildern, gelingt Gabrielle Roy wirklich grandios.

Gabrielle Roy and Boys of St. Henri
Gabrielle Roy and Boys of St. Henri – Conrad Poirier, Public domain, via Wikimedia Commons

Psychologischer Realismus

Roy erzählt auktorial, im Stil des psychologischen Realismus. Und tatsächlich ist sie darin den Naturalisten des beginnenden 20. Jahrhunderts auch rein zeitlich näher als der heutigen, eher multiperspektivisch und assoziativ erzählten Literatur. Sie bohrt sich regelrecht in ihre Figuren hinein (manchmal führt das auch dazu, ein wenig zu sehr zu psychologisieren), lässt Ambivalenzen zu, seziert sie schonungslos. Sonja Finck und Anabelle Assaf haben den Roman in ein schönes, gut lesbares Deutsch übertragen.

Ich als Leserin konnte dabei recht wenig Sympathie für die eigentliche Hauptprotagonistin Florentine aufbringen. Und das obwohl ihr von einem Mann so böse mitgespielt wurde, obwohl sie ihr Leben anpackt und ihr Streben nach Glück natürlich mehr als legitim ist.

Das Buch einen „Meilenstein der feministischen Literatur“ zu nennen, ist sicherlich vorwiegend historisch motiviert. Florentine ist in „typisch weiblichen“ Handlungsmustern gefangen, darin ist sie wenig feministisch. Von weiblicher Solidarität ist auch wenig zu spüren. Darin ist der Roman tatsächlich ein wenig angestaubt. Immerhin fügt sich Florentine nicht in ihr Schicksal, sondern nimmt es selbst in die Hand. Wenn auch mit zweifelhaften Mitteln.

Der Roman umfasst nur wenige Monate, von Februar bis November 1940. Der letzte Satz lautet, und ist darin prophetisch:

„Düstere, tief hängende Wolken kündeten von dem bevorstehenden Unwetter.“

Gebrauchtes Glück ist nicht zuletzt auch ein Roman über und gegen den Krieg.

 

 

 

Beitragsbild: Feature. St. Henri – Boat at Canal by Bibliothèque et Archives nationales du Québec CC0

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Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück
aus dem kanadischen Französisch von Sonja Finck und Anabelle Assaf
Aufbau September 2021, gebunden mit Schutzumschlag, 455 Seiten, € 24,00

Lektüre Dezember 2021

Vor der Lektüre aus dem Dezember 2021, allen, denen ich es bisher nicht gewünscht habe:

Ein wunderbares, glückliches, gesundes Neues Jahr!

Vieles zum vergangenen Buchjahr habe ich schon in meinem Rückblick erzählt. Die im Dezember gelesenen Bücher möchte ich noch ergänzen. Zumal das allerletzte Buch – Annie Ernaux – es in diesen Rückblick gar nicht hinein geschafft hat. Aber natürlich sehr erwähnenswert ist und auch noch einen eigenen Blogbeitrag erhalten wird. Noch hänge ich ein wenig in den Herbsttitel fest – mit großem Vergnügen, da warten noch einige Schätze auf mich -, aber die ersten Frühjahrsneuerscheinungen buhlen auch bereits um Aufmerksamkeit. Ich habe mich dieses Frühjahr auf relativ wenige Titel festgelegt und warte mal ab, was da noch an Überraschungen kommt. Die Auswahl ist ja sehr verlockend (nachzulesen in meinem Blick in die Vorschauen/ Neuerscheinungen).

Aber nun erst einmal die letzten Titel des alten Jahres, der Lektüre im Dezember 2021 (ein Buch fehlt, denn das musste sofort wieder ausziehen. Selten hat mich ein Buch so aufgeregt wie der hochgelobte, mit einem Longlistplatz für den Booker Prize geehrte Debütroman des Ex-Gangsters und Literaturstudenten Gabriel Krauze, der seine Beide Leben erfolgreich in diesem selbstzufriedenen, Luxusmarken gesättigten, frauen- und menschenfeindlichen Ego-Trip vermarktet. Kann ich nicht verstehen. Da würde ich ausnahmsweise gerne mal wie Denis Scheck eine Tonne aufstellen…)

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Colson Whitehead Harlem ShuffleColson Whitehead – Harlem Shuffle

Nach seinen beiden letzten, eher düsteren Romanen, die sich mit der Black History beschäftigten, hat Colson Whitehead einen vorderhand leichteren, spannenden Roman geschrieben. Einen Gangsterroman, eine Aufsteigergeschichte, ein Gesellschaftspanorama des Schwarzen Harlem der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Harlem Shuffle als reinen Genreroman oder eine Gaunergeschichte einzuordnen, greift aber zu kurz. Allein die Schilderung der Harlem Riots nach der Polizeigewalt gegen einen Fünfzehnjährigen 1964 zeigt, wie aktuell leider das Geschilderte immer noch ist.
“Ein weißer Cop wandert in den Bau, weil er einen schwarzen Jungen gekillt hat? Du glaubst bestimmt auch an die scheiß Zahnfee.”
Ich mochte das Buch. Auch seine Detailfreudigkeit und die zeitweise Verlangsamung des Tempos. Der Shuffle gibt den Rhythmus, nicht nur den Titel.

 

Douglas Stuart Shuggie BainDouglas Stuart – Shuggie Bain

Das Lieblingsbuch vieler Bloggerkollegen und das Booker Prize gekrönte Debüt eines ganz tollen, sympathischen Autoren, den ich im September in Frankfurt erleben konnte: Die Erwartungen waren riesig. Ganz konnte sie diese berührende, autofiktionale Geschichte eines kleinen Jungen, der mit seiner alkoholkranken Mutter im Glasgow der 1980er Jahre aufwächst nicht erfüllen. Dafür war der kleine Shuggie – verständlicherweise – zu sehr Lichtgestalt. Auch wenn die Mutter und die Geschwister wirklich sehr gut und ambivalent gezeichnet waren, rutschten die anderen Figuren ein wenig zu sehr ins Schwarz-Weiß, waren die geschilderten gesellschaftspolitischen, sozialen Umstände zu blass, der Fokus zu eng, um ein wirkliches Highlight zu sein. Trotzdem ein gutes, ein schönes, ein lesenswertes Buch.

 

Naomi Fontaine - Die kleine Schule der großen HoffnungNaomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung

Ein schmales, feines Buch über eine kleine Schule im hohen Norden, im indigenen Uashat Gebiet nahe der Stadt Sept-Îles in Québec/Kanada. Hier ist die Arbeitslosigkeit erdrückend, die Zahl der Teenagerschwangerschaften hoch, viele Familien zerrüttet, der Griff zur Flasche oder zu Drogen verbreitet, Depressionen und Selbstmorde allgegenwärtig. Die junge Lehrerin Yammie, die das Alter Ego der Innu Naomie Fontaine in diesem autofiktionalen Text ist, beginnt ihr Jahr in der Elften Klasse hier an ihrem Geburtsort mit viel Idealismus und Empathie, muss aber auch eigene und systemimmanente Grenzen erkennen. Ein schönes, kleines Buch aus dem französischsprachigen Teil Kanadas.

 

elke-heidenreich-hier-gehts-langElke Heidenreich – Hier geht´s lang

Mit Büchern von Frauen durchs Leben – so der Untertitel des vom Eisele Verlag wunderschön ausgestatteten Buchs, (allein das Papier ?) über die prägenden Autor:innen und Bücher der bekannten Literaturvermittlerin, die im nächsten Jahr bereits ihren 80. Geburtstag feiert. Aber nach den wirklich interessanten Kindheits- und Jugendleseerfahrungen (von Heidi bis Enid Blyton) kommt nicht viel Spannendes. Die üblichen Verdächtigen (weibliche Form) und überraschend viel Männliches. Dazu immer wieder die Betonung, Männer natürlich nicht zu verachten. Als ob es dieses Bekenntnisses bei einem Buch über weibliches Schreiben und Lesen bedürfte. Ganz nett, i bekannten Plauderton, aber doch überholt und nicht wirklich der Rede wert. Dank der schönen Bilder etc. und als Lebensbuch der Heidenreich dennoch einen Blick wert.

 

Annie Ernaux - Das Ereignis

Annie Ernaux – Das Ereignis

Keineswegs überholt dagegen das neue autofiktionale Buch von Annie Ernaux. In dem 2000 bereits in Frankreich erschienenen, wieder sehr schmalen Buch, erzählt Annie Ernaux von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 vornehmen lassen hat. Damals waren Abtreibungen auch in Frankreich noch illegal, die Ärzte wollten oder konnten der jungen Studentin nicht helfen. Selbstversuche mit den berühmten Stricknadeln und schließlich der Gang zu “Engelmacherin”. Annie verblutete nach dem Eingriff fast. Drastisch und schonungslos erzählt sie von diesem “Ereignis”, aber auch von ihrer Hilflosigkeit und Einsamkeit. Wie immer im distanziert-kühlen, soziologisch interessierten Ernaux-Ton hat dieses Buch trotz des großen zeitlichen Abstands und der geänderten Rahmenbedingungen überraschend wenig von seiner Dringlichkeit verloren.

 

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Gabrielle Roy – Gebrauchtes Glück

Das kann man vom 1945 bereits erschienen Roman der Franko-Kanadierin Gabrielle Roy nicht unbedingt sagen. Roy schildert darin die Geschichte der jungen Florentine, die im Elendsviertel Montréals, Saint-Henri aufwächst. Kanada befindet sich 1940 an der Seite der Alliierten im Krieg mit Deutschland. Viele junge Männer sehen den Kriegsdienst als Ausweg aus der dort herrschenden Armut. So auch der Bruder Florentines. Andere junge Männer suchen das Abenteuer oder fühlen sich verpflichtet. Florentine sucht den Ausweg aus den bitteren Lebensverhältnissen durch ihre Arbeit, Fleiß und vielleicht den richtigen Mann. Der von ihr angehimmelte Jean ist dies allerdings nicht. Er lässt die von ihm schwangere Florentine sitzen, diese sieht nur einen Ausweg.

Ein wenig angestaubt ist sowohl das Frauenbild als auch die stark psychologisierende Erzählweise Gabrielle Roys, die Hauptfigur zudem eher kritisch zu sehen. Dennoch: als Meilenstein in Sachen feministischer und klassenbewusster Literatur und auch als Antikriegsroman sehr lesenswert.

 

Colson Whitehead – Harlem Shuffle

Der Shuffle ist ein dreigeteilter, auf Triolen aufgebauter Rhythmus. Lässig klingt er, swingend, sehr rhythmisch. Bekannt ist der Harlem Shuffle vor allem durch die Coverversion der Rolling Stones aus dem Jahr 1986, der amerikanische Autor Colson Whitehead hat ihn nun für seinen neuen Roman verwendet. Dieser spielt – natürlich – im Schwarzen Harlem der späten Fünfziger und Sechziger Jahre. Whitehead fährt dafür zahlreiche Kolportageelemente auf – und unterwandert sie intelligent und unterhaltsam. Weiterlesen “Colson Whitehead – Harlem Shuffle”

Rückblick auf das Buchjahr 2021

Rückblick auf das Buchjahr 2021

Frohes neues Jahr Ihr Lieben! 

Ein weiteres dieser komischen C*jahre ist zu Ende gegangen. Vieles war wieder möglich – beispielsweise eine gut funktionierende Buchmesse in Frankfurt -, aber vieles haben wir uns noch 2020 anders vorgestellt.
Was ist wie immer, ist die Rückschau am Jahresende. Auf das Buchuniversum bezogen war es für mich ein ganz wunderbares Jahr, für das ich allen daran Beteiligten sehr danken möchte. Euch Leser:innen für euer Interesse, euch Autor:innen für eure großartigen Texte, euch Verlagsmenschen für euer Engagement und überhaupt allen, die die Literaturwelt am Laufen halten.
Bücher waren und sind immer auch Trost, Zuflucht, Anregung, Glücksquell. Weiterlesen “Rückblick auf das Buchjahr 2021”

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Im vergangenen Jahr erhielt ein Debütroman den begehrten Booker Prize, die wohl bedeutendste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. In seinem autofiktionalen Roman Shuggie Bain erzählt Douglas Stuart vom Aufwachsen in einem Glasgower Randgebiet mit alkoholkranker Mutter in den 1980er Jahren. Das ist erschütternd, warmherzig und trotz seines traurigen, entsetzlichen Inhalts oft sogar locker und heiter erzählt. Ob es literarisch tatsächlich diesem Preis gerecht wird, verglichen beispielsweise mit den Preisträger:innen der Jahre 2017 und 2018 (George Saunders/Lincoln im Bardo, Anna Burns/Milchmann) darf zumindest angezweifelt werden. Lesenswert ist das Buch aber unbedingt. Weiterlesen “Douglas Stuart – Shuggie Bain”

Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung

Indigene Autor:innen erlangen immer mehr Bedeutung für die Wahrnehmung kanadischer Literatur auch bei uns in Deutschland. Nicht nur das Desinteresse des (Weißen) Literaturbetriebs, sondern auch die überwiegend orale indigene Erzählkultur sorgten dafür, dass die Zahl der Veröffentlichungen bisher, gerade auch in Übersetzung, relativ überschaubar war. Es ist überfällig, dass sich daran etwas ändert und der Gastlandauftritt Kanadas bei der Frankfurter Buchmesse 2021 war dafür ein wichtiger Impuls. Waubgeshig Rice, Paul Seesequasis, Josephine Bacon, Tanya Tagaq, Richard Wagamese – alles Namen, die mir zuvor nicht bekannt waren, deren Werke ich mittlerweile aber sehr zu schätzen weiß. Naomi Fontaine gesellt sich mit ihrem autobiografisch inspirierten Roman Die kleine Schule der großen Hoffnung dazu. Weiterlesen “Naomi Fontaine – Die kleine Schule der großen Hoffnung”

Lektüre November 2021

Auch mit meinem Rückblick auf die Lektüre im November bin ich 2021 spät dran. Irgendwie hechte ich dieses Jahr den Daten immer ein wenig hinterher. Wie passend, dass ich erst im November das Sommer Buch von Ali Smith gelesen habe. 😉 Aber natürlich ist gute Lektüre sowieso zeitlos.

Zumindest ermöglichst mir das späte Posten meines Lektüreüberblicks, euch schon einmal Frohe Feiertage zu wünschen. Macht es euch so schön wie eben möglich in diesen doch ziemlich verstörenden Zeiten.

Frohe Weihnachten!

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Ali Smith - Sommer

Ali Smith – Sommer

Ich liebe die Jahreszeiten-Tetralogie von Ali Smith, die dieses Jahr mit “Sommer” auch in der deutschen Übersetzung (wie immer wunderbar von Silvia Morawetz) abgeschlossen wurde.
Bei jedem Band wundere ich mich so die ersten 50 bis 100 Seiten, was mich denn so an den vorangegangenen Bänden fasziniert hat, ist doch der Einstieg immer ein wenig sperrig, muss man sich immer erst ein wenig an den ganz besonderen Erzählton gewöhnen, an die Flut an Referenzen, Querverweisen, Assoziationen anpassen. Aber jedes Mal hat es irgendwann “Klick” gemacht und ich war wieder drin in dieser hochintelligenten, anregenden, bereichernden Welt. Und habe jedes Mal das Buch regelrecht beglückt zugeschlagen.
Das gilt auch und ganz besonders für Sommer. Denn hier gelingt es Ali Smith auf großartige und völlig ungezwungene Weise, alle vier Bände, die recht eigenständig waren, zu einem großen Ganzen zu verknüpfen.

 

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Viel wurde schon über dieses Buch geschrieben, dabei ist es eines der Bücher, über die man eigentlich vor der Lektüre möglichst wenig wissen sollte. Mir ging es zumindest so, dass ich eigentlich schon viel zu sehr gespoilert wurde, vorher. Manche Literaturkritiker: innen sind da gnadenlos. Und auch das von mir geschaute Gespräch mit Hervé Le Tellier und selbst der Klappentext verriet zu viel.
Dennoch war es ein spannende Leseerfahrung, ein Gedankenexperiment, dass mich auch nach dem Zuklappen des Buches noch lange beschäftigt. Verdienter Prix Goncourt-Preisträger. Und eine unbedingte Empfehlung für alle Leser:innen (ganz ohne Spoiler). Wer mehr erfahren will, muss  den Blogpost nachlesen. 😉

 

Natascha Wodin - Nastjas Tränen

Natascha Wodin – Nastjas Tränen

Als sie wegen Rückenproblemen eine Haushaltshilfe benötigt, macht die Erzählerin, hinter der sich Autorin Natascha Wodin verbirgt, die Bekanntschaft mit der Ukrainerin Nastja. Diese hält sich nach Ablauf ihres Touristenvisums illegal in Berlin auf und verdient sich mit diversen Putzstellen das wenige Geld, das sie benötigt. Der Großteil ihres Verdienstes fließt zurück ins Heimatland, zum Enkel, den sie mit ihrem mageren Verdienst als Bauingenieurin in Kiew kaum ernähren konnte und der nun bei ihre Ex-Mann lebt. Falsche Papiere, eine Heirat, Nastjas Versuche, Aufenthaltsrecht zu erlangen sind vielfältig. Glücklich wird sie nicht und steht doch stellvertretend für so viele Arbeitsmigrant:innen aus Osteuropa, die im Westen ihr Glück versuchen und hier mittlerweile fast unentbehrlich sind. Die Erzählerin, deren Eltern auch aus der Ukraine stammen, nimmt Nastja bei sich auf. Unbelastet ist die Freundschaft nicht.
Ich mag Natascha Wodins sachlichen, kühlen und doch empathischen Erzählstil. Auch wenn Nastjas Tränen nicht ganz so dicht und fesselnd ist wie ihre beiden Eltern-Bücher.

 

Roy Jacobsen - Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsens Insel-Saga wird mit dem vierten Teil – Die Kinder von Barrøy – fortgesetzt. Im Sammelband “Die Unsichtbaren” konnten die Leser: innen die Norwegerin Ingrid und ihr Leben zwischen den beiden Weltkriegen kennenlernen. Die raue Natur der kleinen Insel Barrøy vor der norwegischen Westküste, das entbehrungsreiche Leben der Familien dort, die gefährlichen, jährlichen Fischfangfahrten zu den Lofoten – es hat sich wenig verändert dort. Die Kinder sind groß geworden, die kleine Kaja bekommt einen gleichaltrigen Adoptivbruder. Für alle, die Die Unsichtbaren mochten, ein unbedingtes Muss. Allen, die die Insel-Saga noch nicht kennen, seinen Die Unsichtbaren wärmstens empfohlen.

 

Andreas Moster - Kleine Paläste

Andreas Moster – Kleine Paläste

“Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht die Absicht des alten Lupus war, dass Silvia auf der Treppe über in stolpert und schon zu Beginn von Kleine Paläste zerschmettert am Fuße derselben liegt. Aber Silvia ist eben nicht allwissend, ihr Denken und Fühlen, ihr Horizont – alles allzu menschlich, auch wenn sie nun aus dem Jenseits spricht, ihren hochbetagten, dementen Mann Carl und ihren Sohn Hanno als Geist begleitet, ohne in das Geschehen eingreifen zu können. Es spukt erfreulicherweise nicht im Roman von Andreas Moster. Er erzählt vielmehr sehr empathisch von Familie, Bindungen, Traumata, die auch die Zeit nicht heilt. Und – lobenswert, da in unserer Gesellschaft viel zu oft delegiert und verdrängt – ganz handfest von der Pflege. Dabei wahrt sein Text viel Respekt, zeigt aber auch einen schönen Humor. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

 

Kim Thúy - Großer Bruder, kleine Schwester

Kim Thúy – Großer Bruder, Kleine Schwester

Die Kanadische Autorin Kim Thúy schreibt kleine, eindringliche Romane. Der neueste, Großer Bruder, kleine Schwester, ist vielleicht gar kein Roman, aber dennoch sehr berührend und schön.
Es geht um den Vietnamkrieg, die Gräuel, die dort geschahen, um Agent Orange und die vielen Waisen, die der Krieg hinterließ. Aber auch um Liebe und Menschlichkeit. Und um die sehr dubiose Operation Babylift, mit der die US-Army 1975, gegen Ende des Krieges, 2000 bis 3000 vietnamesische Babys und Kleinkinder “evakuierten”. Die Kinder wurden in den USA zur Adoption gegeben und haben größtenteils nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren. Repotageartige Abschnitte wechseln mit erzählenden Passagen. Kim Thúy zählt zu den bekanntesten französischsprachigen Autor:innen Kanadas und war in diesem Jahr Teil der Gastlanddelegation zur Frankfurter Buchmesse. Hierzulande wünsche ich ihr noch viel mehr begeisterte Leser:innen.

 

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden. Weiterlesen “Hervé Le Tellier – Die Anomalie”

Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 – Neuerscheinungen

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 und die Neuerscheinungen. (neu aktualisiert am 19. Januar 2022)

Vor einiger Zeit erreichte mich ein Frühlingsgruß aus dem Hause Dumont. Die Verlagsvorschau samt einer Auswahl von Frühjahrtiteln. Wie jede Saison irritiert mich das zunächst, bin ich doch noch völlig drin im Herbst/Winterprogramm und habe noch mindestens bis Februar genug spannenden Lesestoff vor mir. Meistens jedoch genügt nur ein flüchtiger Blick in den/die Kataloge und ich bin schon voller Vorfreude und Monate voraus. Die entsprechende Buchmesse hat dann meist auch schon ganze Arbeit geleistet und auf die kommenden Programme ordentlich neugierig gemacht. Das war bisher so und ist merkwürdigerweise diesen Winter anders. An der Buchmesse selbst liegt es nicht, die fand statt und war auf ihre besondere Weise ganz wunderbar: viele (vorsichtige) Begegnungen, viele, viele Lesungen, die Verleihung des Deutschen Buchpreises, zu der ich dieses Jahr als Buchpreisbloggerin geladen war – ich bin in der Rückschau so beglückt, dass das alles noch stattfinden konnte und das man da auch noch die nötige Leichtigkeit besaß. Sicher fehlten die begeisterten Verlagsmenschen, die uns Blogger:innern ihre kommenden Titel ans Herz legten, aber ich glaube einfach, ich bin pandemiebedingt ein wenig ausgebrannt. Deshalb erscheint mein üblicher Blick in die Verlagsvorschauen, auf die Titel des Frühjahr 2022, dieses Jahr ein wenig verspätet. Aber ich weiß, wie gern diese Beiträge aufgerufen werden. Und tatsächlich ist auch bei mir die Lust auf die Neuerscheinungen beim Durchschauen der Vorschauen angestiegen. Da der Gastlandauftritt Spaniens auf der Frankfurter Buchmesse 2022 sich auch bereits im Frühjahr ankündigt, habe ich entsprechende spanische, katalanische und baskische Neuerscheinungen entsprechend markiert.

Ich hoffe, auch ihr werdet ein wenig neugierig und wünsche euch viel Spaß beim Stöbern. Vor allem aber passt auf euch auf und bleibt gesund!

Weiterlesen “Verlagsvorschauen Frühjahr 2022 – Neuerscheinungen”

Ali Smith – Sommer

„Wie tief die Dunkelheit auch sei, wir müssen das Licht selbst mitbringen“ (Stanley Kubrick) – mit unter anderen diesem Motto beginnt Ali Smith ihren Roman Sommer und beendet mit ihm zugleich ihre großartige Jahreszeiten-Tetralogie. Herbst, Winter, Frühling waren für sich schon beeindruckende Bücher, die in die Dunkelheit unserer unruhigen Tage hinabstiegen und versuchten, sie zumindest streckenweise zu beleuchten. Mit Sommer rundet sich das ganze Werk auf überraschende und geniale Weise. Weiterlesen “Ali Smith – Sommer”