Es geht hochdramatisch los im neuen Roman von Katharina Köller, Wild wuchern – man fühlt sich wie in einem Thriller. Eine junge Frau, Marie, Schuhdesignerin aus Wien, ein Luxusgeschöpf im Carolina Herrera Pullover, hastet in der Nacht einen Berg in Tirol hoch. Sie fühlt sich verfolgt – bald erfährt man: von ihrem Ehemann Peter, der sie auf Händen trägt, verbal erniedrigt und auch vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt, mal das eine, mal das andere, für Marie schwer vorhersehbar. Vor ihm ist sie auf der Flucht. Und vor etwas, das sie wohlmöglich in Wien getan hat. Sie ist auf dem Weg zur Berghütte ihres Großvaters, in der seit dessen Tod die Cousine Johanna ein einsames, eigenbrödlerisches Leben in der Natur führt. Hier hofft sie, nicht gefunden zu werden.
Mit Johanna hat sie seit langem keinen Kontakt mehr. In ihrer Kindheit und Jugend waren sie sehr eng, eher ungewollt, gezwungen von ihren Müttern. Denn eigentlich waren Marie und Johanna schon immer sehr unterschiedlich: Marie blond, hübsch, freundlich, angepasst, die „Goldmarie“ und Johanna unscheinbar, widerborstig, introvertiert. Es gab stets Vergleiche – Johanna war die „Pechmarie“, es gab Konkurrenz und Missverständnisse. Irgendwann verstummte Johanna und sprach mit keinem mehr. Nun lebt sie völlig isoliert auf dem Berg. Was sie zum Verstummen gebracht hat und wovor Marie wirklich flieht, das sind die Fragen, denen sich der Roman auf spannende Weise nähert. Ich-Erzählerin Marie blickt dabei immer wieder zurück in ihrer beider Kindheit. Auch wenn sie nicht willkommen ist: Vertreiben lassen will sie, die sich immer angepasst hat, es allen recht machen wollte, sich nicht mehr. Vom „Ziergewächs im Topf“ will sie nun „wild wuchern“. Da ist viel Wut in Marie. Aber auch in Johanna. Eine brisante Beziehung.
„Ich bin jetzt auch nicht mehr dieser fanatische People Pleaser, der ich noch vor Kurzem war. Ich hab mich selbst aus meinem Blumentopf gerissen und begonnen, wild zu wuchern. Und deswegen zerstör ich die Stimmung jetzt, und es tut mir überhaupt nicht leid. Oder doch. Ein bisschen leid tut es mir schon, aber nicht leid genug.“
Atemlose Sätze wechseln mit ruhigen, fast poetischen Passagen über die Natur der Berge, Witz, Ironie und Groteske mit Spannung ab. Nicht nur Goldmarie und Pechmarie verleihen dem Roman dabei etwas Märchenhaftes. Auch Johannas Geschichte am Ende liest sich wie ein solches. Naturromantik oder Almidylle findet man hingegen nicht. Es stinkt auf der Alm, überall Spinnenweben, harte Arbeit und der fiese Ziegenbock Hubsi verbreitet Schrecken. Unaufdringlich eingewebt sind dialektale Passagen (was ich oft nicht so mag, hier aber ganz wunderbar gelungen finde). Das Schöne am Roman ist auch, dass Katharina Köller nicht alles auserzählt, sondern manches offen lässt. Dass patriarchale Strukturen das Leben der beiden Frauen bestimmt haben, wird allerdings sehr bald deutlich.
„Wenn ich jetzt daran denk, kommt es mir unglaublich vor, dass ich den Auftrag hatte, die Johanna mitzunehmen, um sie ein bisschen zu erziehen. Damit sie ein bisschen mehr so wird wie ich. Ein bisschen mehr Opfer. Freiwild. Beute. Ein bisschen mehr so wie alle. So absichtlich ins Messer rennen wollen. Ein bisschen mehr saufen, damit man nicht so genau spürt, wie man auf der Tanzfläche begrapscht wir, und damit die Blicke von den notstandigen Männern nicht so brennen. Damit man sich nicht mehr fürchtet vor den Zungen und den Penissen.“
Ein richtig gutes Buch!
Beitragsbild CC0 via pxhere
x
Katharina Köller – wild wuchern
Penguin Februar 2025, Hardcover, 208 Seiten, € 22,00








Das habe ich auch sehr sehr gerne gelesen 🙂 Liebe Grüße, Sabine
ja, ein wirklich gutes Buch. Liebe Grüße zurück!