Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.

So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt. Weiterlesen „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort“

Lektüre Februar 2018

Tatsächlich ist schon wieder ein Monat vorübergegangen und nach einem Hauch Frühling hat dieser uns mit sibirischer Kälte geschlagen. Eigentlich ideal, um unter der Decke oder im durch die Fenster hereinfallenden Sonnenlicht zu schmökern. Durch eine Vielzahl an Terminen wurde meine Lesezeit aber ziemlich eingeschränkt, so dass ich nur auf vier gelesene Bücher zurückblicken kann, die allerdings stolze 1900 Seiten umfassen – also eigentlich gar nicht so wenig. Ein wenig sehne ich mich nach den dicken Büchern und all den Familiengeschichten nach ein wenig knackigerer Kost und ich glaube, ich habe da für März schon das Richtige parat liegen. Hier nun aber meine Lektüre im Februar 2018. Weiterlesen „Lektüre Februar 2018“

J. Courtney Sullivan – All die Jahre

Der amerikanische Familienroman ist nicht totzukriegen. Unzählige davon wurden und werden verfasst und es ist stets überraschend, dass sie bei allen Ähnlich- und Gemeinsamkeiten doch auch immer wieder einen eigenen Ton treffen, andere Blickpunkte setzen, andere Themen fokussieren, andere Stimmungslagen transportieren. Man braucht nicht erst den berühmten Satz von Tolstoi zu bemühen, um zu festzustellen, dass die Familie als Keimzelle, aus der wir mehr oder weniger glücklich alle abstammen, ein unerschöpfliches Motiv darstellt, neben den allgemeingültigen auch die ganz spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz und des Miteinanders immer wieder neu zu thematisieren vermag. Ich habe ein ganz großes Faible dafür, das auch nicht totzukriegen ist. Von J Courtney Sullivan ist mit All die Jahre nun wieder einer dieser amerikanischen Familienromane erschienen. Weiterlesen „J. Courtney Sullivan – All die Jahre“

Nickolas Butler – Die Herzen der Männer

„Die Herzen der Männer“ – Nickolas Butler nähert sich ihnen auf sehr altmodische, uramerikanische Weise und gleichzeitig mit einem sehr progressiven, durchaus kritischen Blick. Zentrum des Romans ist das Pfadfinderlager Chippewa in den Wäldern Wisconsins. Weiterlesen „Nickolas Butler – Die Herzen der Männer“

Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie

Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde. Oder aber der Roman spielt , wie „Eine amerikanische Familie“ von Lionel Shriver in naher Zukunft (und das muss nicht mal unbedingt zeitlich nah sein) und extrapoliert unsere Gegenwart nur ein wenig, überspitzt vielleicht ein bisschen, bleibt aber dabei, das, was heute ist, nur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Weiterlesen „Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie“

Fernando Aramburu – Patria

Für Fernando Aramburu ist „Patria“, Heimat, „Euskal Herria“, das Land der Basken. Viele können es vielleicht gerade noch geografisch einordnen, dort am westlichen Rand der Pyrenäen, mit San Sebastian und Bilbao als bekannte Städte. Manch einer weiß, dass es sich sowohl über Spanien als auch über Frankreich erstreckt; die Baskenmütze kennt natürlich jeder, aber wie ist es mit den Pintxos, diesen leckeren Happen, die man im Baskenland überall in den Restaurants gereicht bekommt, oder mit dem Pelota, jenem an Squash erinnernden Rückschlagspiel? Auch dass die baskische Sprache nichts mit der spanischen, ja mit gar keiner anderen europäischen Sprache, gemein hat, also eine der sogenannten „isolierten“ Sprachen (mit unglaublich vielen X) ist, ist nicht vielen bekannt.

Wer ein wenig älter ist, verbindet mit dem Baskenland allerdings auch jene Form des politischen Terrors, die in den 1970er und 1980er Jahren ihren blutigen Höhepunkt erreichte und gerne von Drei-Buchstaben-Organisationen verübt wurde, seien es die RAF, die IRA oder eben die ETA, die Euskadi Ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit. Weiterlesen „Fernando Aramburu – Patria“

Lektüre Januar 2018

Der Monat Januar war von einer wirklich elenden Trübnis, was das Wetter betrifft. Geschätzt 0 Sonnenstunden hier in der Mitte Deutschlands. Das legt sich schon ein wenig aufs Gemüt und da kann man noch so oft sagen: „Ja, aber optimales Lesewetter!“ Ich lese auch lieber bei Sonnenschein. Ein Trost war aber, dass die Lektüre im Januar 2018 von teilweise überragender Qualität waren. Weiterlesen „Lektüre Januar 2018“

Maik Siegel – Hinterhofleben

Rezension zu Maik Siegel – Hinterhofleben

Das Wort Flüchtling ist wohl eines der im öffentlichen Diskurs am häufigsten verwendeten. Kaum eine Nachrichtensendung, eine Zeitungsausgabe oder Politikerrunde, in der es nicht fällt. Das Thema Flucht und damit auch die Frage nach dem Umgang eben mit jenen Flüchtenden weltweit ist sicher eines der brennendsten Probleme unserer Zeit. Trotz seiner Ubiquität stößt mir dieses Wort immer ein wenig unangenehm auf, finde ich es mit seiner –ling-Endung so viel unpassender als das schöne englische „refugee“, in dem die Zuflucht „refuge“ steckt. Und tatsächlich, meiner sprachlichen Abneigung nachgehend, stellt Wiktionary fest, „Die resultierenden Ableitungen (Anm. mit –ling) können der Sprachökonomie dienen (und damit konnotativ relativ neutral sein), aber auch ironisch, diminutiv oder pejorativ verwendet werden.“ Also steckt die Verkleinerung und Abwertung schon ein wenig im verwendeten Wort mit drin. Der Flüchtling. Weiterlesen „Maik Siegel – Hinterhofleben“

Sabine Huttel – Ein Anderer

Rezension zu Sabine Huttel – Ein Anderer

Er ist anders, der Junge Ernst Kroll, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem kleinen thüringischen Dorf geboren wird. Er wächst zu langsam, hat motorische Defizite, spricht schlecht und scheint auch geistig eingeschränkt zu sein. Sehr zum Ärger seines Vaters Hilmar, des Schulmeisters im Dorf. Diese Langsamkeit regt ihn auf, erweckt seinen Unmut. Nur sehr allmählich, über die Musik, nähert er sich seinem Sohn an. Er, der auch Kantor der Gemeinde ist, nimmt ihn mit auf die Orgelempore. Und auch wenn Ernst die Stücke viel zu langsam spielt, auch später auf seiner Trompete nur die eher getragenen Stücke schafft, knüpft die Musik ein zartes Band zwischen Vater und Sohn. Das allerdings eine harte Belastungsprobe bestehen muss, als der Junge eingeschult wird und der Lehrer-Vater mit unerbittlicher Strenge über ihn wacht. Weiterlesen „Sabine Huttel – Ein Anderer“

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

„Unter der Drachenwand“ – so betitelt Arno Geiger seinen neuen Roman – das klingt ein wenig bedrohlich, ein wenig mystisch und irreal, aber auch ein wenig nach Schutz und Sicherheit. Viel eindeutiger freundlich ist der harmlos klingende „Schafberg“ gleich nebenan. Oder aber auch der verträumt-beschaulich klingende „Mondsee“.

Ohne allzu viel Bedeutung in diese Ortsnamen, die eine bedeutende Rolle in Arno Geigers neuem Roman spielen, zu legen, passen sie ganz wunderbar zu der erzählten Geschichte. Ist es doch auch eine irgendwie irreale, nahezu fantastische Ruhepause, die dem jungen Veit Kolbe da inmitten des gnadenlos entfesselten Kriegsgeschehens des Jahres 1944 gegönnt wird. Und lauert doch dahinter immer das Bedrohliche, das Beängstigende, das Grauen. Weiterlesen „Arno Geiger – Unter der Drachenwand“