Nathan Hill – Geister

Nathan Hill – Geister

Nathan Hill - Geister

Wähle dein eigenes Abenteuer

Der kleine Samuel hat diese Bücher geliebt. Konnte man doch an entscheidenden Schnittstellen als Leser entscheiden wie es weiter ging, notfalls zurückblättern und doch die andere Abzweigung wählen. Jedes Mal ergab sich eine andere, aber jedes Mal sinnvolle Geschichte.

Schon sehr bald dämmerte es ihm aber, dass es im realen Leben nicht immer so einfach läuft. Dass man nicht immer die freie Wahl besitzt, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn, einmal getroffene problemlos zu revidieren. Sehr oft ist man noch nicht einmal in der Lage, Einfluss zu nehmen auf Dinge, die doch das ganze eigene Leben prägen werden. Weiterlesen „Nathan Hill – Geister“

Lauren Groff – Licht und Zorn

Lauren Groff – Licht und Zorn

Lauren Groff - Licht und Schatten

„Zorn ist mein Nachtmahl: so mich selbst verzehrend,

verschmacht ich an der Nahrung.“

Ein Zitat aus Shakespeares „Coriolanus“, das im hintersten Viertel von Lauren Groffs Roman „Licht und Zorn“ auftaucht und für mich genauso für den gesamten Text steht wie der Titel.

Es ist ein unbändiger Zorn, der am Anfang mehr erahnt werden muss, kurz aufblitzt, aber spätestens in der zweiten Hälfte immer mehr Herrschaft gewinnt, über die Seiten, die Personen, das Geschehen. Woher dieser Zorn stammt, sei hier nicht näher verraten, er ist Teil der überraschenden Wende, die die Geschichte im Verlauf nimmt. Weiterlesen „Lauren Groff – Licht und Zorn“

Angelika Felenda – Wintergewitter

Wintergewitter von Angelika Felenda

Angelika Felenda - WintergewitterAngelika Felenda verfolgt in ihren historischen Kriminalromanen ein interessantes, aber auch ein etwas heikles Vorhaben: sie sollen nicht nur gut unterhalten, sondern auch bayrische oder genauer noch Münchner Geschichte der Jahre 1914 bis 1933 illustrieren.

Historische Kriminalromane gibt es nun zuhauf und Volker Kutscher deckt mit seinen in Berlin spielenden Krimis einen ähnlichen Zeitraum, nämlich von 1929 bis zunächst 1933, sehr überzeugend ab.
Felendas Konzept ist ehrgeiziger und schwieriger durchzuführen, will sie doch einen Bogen spannen vom Vorabend des ersten Weltkriegs ( das erste Buch ist im Sommer 1914 angesiedelt) bis zum Wahlsieg Hitlers ( der dritte Band soll 1933 spielen). Und das mit demselben Ermittlerteam um den sympathischen, bescheidenen Kommissar Reitmeyer.

Der nun vorliegende zweite und mittlere Teil nimmt das Jahr 1920 ins Visier. Es ist die Zeit der Freicorps und Einwohnerwehren, des erstarkenden Nationalsozialismus, der Dolchstoßlegende, der Putschversuche und großen materiellen Not in weiten Teilen der Bevölkerung. Weiterlesen „Angelika Felenda – Wintergewitter“

Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

elif-shafak-der-geruch-des-paradieses

„Die drei Evas“ – wieder einmal trifft das Original das Buch so viel besser als der deutsche Buchtitel.
Die drei Evas sind drei Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich im Jahr 2000 während ihres Studiums in Oxford kennenlernen und zusammenziehen.

Es sind drei auf sehr unterschiedliche Weise starke junge Frauen, alle drei auf unterschiedlichen Wegen unterwegs.
Leicht ironisch nennen sie sich „Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ Shirin lebt ein westliches, säkulares Leben, Mona ist streng gläubig, hat das Kopftuch gewählt, ist aber auch feministisch sehr engagiert und Peri, aus deren Sicht überwiegend erzählt wird, stammt aus der Türkei und ist „die Verirrte“. Weiterlesen „Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses“

Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout - Die Unvollkommenheit der Liebe

Auf dem Buchcover leuchtet das Chrysler Building in der New Yorker Nacht. Im Vordergrund flirren einige Lichter.
Auch ein wenig flirrend, leicht surreal ist die Episode, von der Lucy Barton, die Ich-Erzählerin in Elizabeth Strouts Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“, hauptsächlich erzählt.

Es sind 5 Tage und 5 Nächte, in denen sie ihre Mutter am Krankenbett besuchte. Nach einer Routineoperation traten plötzlich Komplikationen auf. Ein unerklärliches, lang andauerndes, lebensbedrohliches Fieber wütete in Lucy, fesselte sie schließlich neun Wochen ans Krankenhaus. Besonders einprägsam blieb die Zeit mit ihrer Mutter, die tage- und nächtelang an ihrem Bett saß und erzählte, niemals zu schlafen schien.

Weiterlesen „Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe“

Hannah Dübgen – Über Land

Hannah Dübgen – Über Land

Hannah Dübgen - Über Land

Am Ende ist es eine grüne Schachtel mit köstlicher Baklava, die Clara, eine junge Berliner Ärztin, ihrer irakischen Freundin Amal aus deren Heimat mitbringen wird. Ein süßer, delikat duftender Gruß aus der Heimat, die Amal aus Angst vor Verfolgung verlassen hat, nachdem ihr Vater auf dubiose Weise spurlos verschwunden ist.

Die Flucht hat sie nach Berlin geführt, in ein Aufnahmeheim an Rande der Stadt. Damit teilt sie das Schicksal von unzähligen Anderen, die nun in vordergründiger Sicherheit leben, aber zu kämpfen haben, mit der Sprache, den ungewohnten Sitten, der Heimatlosigkeit, der Ungewissheit. Was wird drinstehen in dem gleichermaßen herbei gesehnten wie gefürchteten Schreiben der Behörden. Asyl oder Abschiebung? Weiterlesen „Hannah Dübgen – Über Land“

Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

Margriet De Moor - Schlaflose Nacht

Die erzählte Zeit in der bereits 1989 im Original und 1994 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Auf den ersten Blick“ und nun in neuer Übersetzung als „Schlaflose Nacht“ erscheinender Novelle von Margriet de Moor umfasst, ganz wie der Titel verrät, nur eine Nacht. Es sind sogar nur einige wenige dieser Nachtstunden, genau so lange, wie die Zubereitung von Herrnhuter Sandküchlein, Apfelkuchen, Bretonischer Schinkenquiche und Russischem Napfkuchen dauert.
Denn die bis zum Ende der Novelle unbenannte Ich-Erzählerin leidet in dieser Nacht unter einer ganz besonders hartnäckigen Schlaflosigkeit. Weiterlesen „Margriet de Moor – Schlaflose Nacht“

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Donal Ryan - die-gesichter-der-wahrheit-9783257069631Einundzwanzig Menschen, einundzwanzig Leben, einundzwanzig Mal Erleben der gleichen Wirklichkeit und doch einundzwanzig verschiedene Wahrheiten. Verpackt in ebenso viele meist recht kurze Kapitel. Der Aufbau von Die Gesichter der Wahrheit von Donal Ryan ist nicht unbedingt neu, aber hier sehr gekonnt umgesetzt. Er erzählt aus einer kleinen irischen Gemeinde, die gerade in den Strudel der Finanzkrise geraten ist, die Irland bekanntlich besonders hart erwischt hat. Fast jeder hier ist unmittelbar davon betroffen. Weiterlesen „Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit“

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

eva-schmidt- Ein langes Jahr

Wir sehen eine Stadt am See – obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren -, der Roman beginnt mit einer Totalen darauf. Es ist früh am Morgen, der Herbst beginnt und die Autorin zoomt langsam näher, nimmt eine Siedlung ins Visier, kleine Siedlungshäuschen, Villen, ein Hochhaus. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden nun einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl. Sie gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben, meist in der personalen, in einzelnen Fällen auch in der Ich-Perspektive. Weiterlesen „Eva Schmidt – Ein langes Jahr“

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff - Widerfahrnis

Amavero – Ich werde geliebt haben.

Auf langen Spaziergängen mit dem Vater hat Julius Reither einst das Konjugieren lateinischer Verben geübt. Amare – lieben – war eines davon. Sein Futur II – Ich werde geliebt haben – passt sehr gut zu der Geschichte, die Bodo Kirchhoff in seiner Novelle erzählt.

Julius Reither ist über 60 und war bis vor kurzem Verleger in einem Frankfurter Kleinverlag mit angeschlossener Buchhandlung. Als das Geschäft drohte einzuschlafen, wurde es liquidiert und mit den Erlösen ließ sich Reither in einer Wohnresidenz in den Bergen nieder.
Dort begegnet er nun die etwas jüngere Leonie Palm, die wiederum leitet in dieser Residenz einen Lesezirkel und möchte den Ex-Verleger gerne dafür gewinnen. Nicht ganz uneigennützig, denn auch sie selbst hat mit dem Schreiben begonnen nachdem ihr kleiner Hutladen immer weniger Kunden angezogen hatte.

Aus dieser Begegnung an Reithers Tür entsteht eine spontane nächtliche Fahrt an den benachbarten Achensee, aus der schließlich eine Reise bis nach Sizilien führt.
Weiterlesen „Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis“