Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift - England und andere Stories25 kurze Erzählungen, alle meist weniger als 10 Seiten umfassend, vereinigt Graham Swift in seinem neuen Buch „England und andere Stories“.
Sie erzählen aus unterschiedlichen Zeiten – eine reicht zurück ins Jahr 1649, eine andere trägt die Jahreszahl 1805, sie berichten von den Zeiten der beiden Weltkriege und reichen hinein bis in unsere unmittelbare Gegenwart.
Protagonisten sind Männer, Frauen, Kinder, Alte, Weiße und Schwarze. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive oder durch einen auktorialen Erzähler. Manchmal beherrschen Erinnerungen oder Rückblicke die Geschichte, manchmal wird unmittelbar Erlebtes geschildert.
Gibt es überhaupt einen roten Faden, der all diese Erzählungen eint?
Zum einen ist da natürlich Swifts ruhiger, sorgfältiger Ton. Ob es sich um Alltägliches, die kleinen oder die ganz großen Katastrophen im Leben handelt, immer wird in diesem fast gleichmütigen Ton erzählt, wird Haltung bewahrt, egal was auch passiert, egal, wie es innen drin aussieht, die Protagonisten bleiben seltsam gefasst. Das ist vielleicht das typisch Britische an den Geschichten, die ja nicht zufällig den Titel „England und andere Geschichten“ tragen.
Sie alle spielen, auch das eine Gemeinsamkeit, in England, aber das typische, klischeebeladene England der Cottages und Teegesellschaften, der Rosengärtner und leicht exzentrischen Bewohner sucht man – zum Glück – vergebens. Das Leben ist hier genau so wie überall in unserer westlichen Welt, und doch ist es spürbar britisch. Das zu schildern, gelingt Swift sehr gut.
Auch wenn die Themen der Geschichten sehr unterschiedlich sind, geht es doch oft auch um Krankheit, um Tod und Verlust. Meist nicht vordergründig, sondern subtil, im Hintergrund. Es geht darum, wie es in einer der Erzählungen heißt, „wie schrecklich es sein kann, einfach auf der Welt zu sein.“
Dabei ist das Buch keineswegs düster, aber zutiefst melancholisch. Die Erzählungen laufen nicht auf die berühmte „unerhörte Begebenheit“ hin, meist laufen sie auf gar nichts hin. Sie sind kurze Momentaufnahmen, der Vorhang geht für einen Moment auf, Gedanken, Erinnerungen blitzen auf und verlöschen genauso schnell wieder. Und doch sammeln sich am Ende all diese Bilder zu einer Art Gruppenfoto, das uns Leser bereichernde Einblicke gewährt in das Leben, in England oder überall. Ein Mysterium, immer wieder.

Graham Swift – England und andere Stories

Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv Literatur April 2016 gebunden, 304 Seiten, 21,90 €

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster – Wir und Ich

Saskia de Coster - Wir und IchEs mangelt nun wirklich nicht an Geschichten über unglückliche, dysfunktionale Familien. Quer über die Literaturen in der ganzen Welt sind sie verteilt und haben natürlich auch eine ganz besondere Bedeutung, ist doch eben gerade die Familie, die uns alle, ob wir wollen oder nicht, als erstes und am anhaltendsten, nachhaltigsten prägt.
Eine solche Familiengeschichte muss etwas Besonderes haben, um aus dieser Flut an Veröffentlichungen herauszustechen. Besonders gut geschrieben muss sie sein, besonders originelle Charaktere besitzen, mit tieferen Einsichten oder Erkenntnisgewinn dienen. Auch eine ganz spezielle Sichtweise oder ein besonderer Humor kann für Aufmerksamkeit sorgen.
Saskia de Costers Roman „Wir und ich“ wird diese Aufmerksamkeit schon alleine deswegen bekommen, weil der im Original 2013 erschienene Roman der belgischen Autorin hier zum Gastauftritt der Niederlande/Flanderns zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht wird.
Aber auch darüber hinaus bietet er eine ganze Reihe von beachtenswerten Besonderheiten.
Die Autorin erzählt von der Familie Vandersandens, die äußerst wohlhabend im Villenviertel am Berg wohnen, denen es an nichts fehlt, und bei der doch, wie so oft, alle Mitglieder irgendwie beschädigt sind, mit ihrem Leben oder zumindest ihrem Glück ringen. De Coster seziert die einzelnen Personen gnadenlos, kaltblütig und doch mit einer ganz speziellen Zugewandtheit. So böse und schwarzhumorig ihr Blick zuweilen ist, verrät sie ihre Protagonisten nicht, auch nicht für eine Pointe.
Vater Stefaan, aus bäuerlichen Verhältnissen kommend und in der Pharmabranche reüssierend, schleppt ein dunkles Geheimnis und Erbe aus der Vergangenheit mit sich herum. Drangsaliert wird er von seiner stets nörgeligen Mutter, die sich auch ein anderes Leben erträumt hatte. Mutter Mieke, aus reichem Hause stammend, ist hochneurotisch und das bestimmt auch ihr Verhältnis zur einzigen Tochter Sarah, die sich im Verlauf des Buches freischwimmen muss. Einzig allein der straffällig gewordenen Bruder Miekes, Jempy, kennt so etwas wie Lebensfreude.
Die Personen sind allesamt interessant, aber nicht besonders einzigartig. Neu und erfrischend ist der Blick der Autorin auf sie. Unpathetisch, keinerlei Rührseligkeit aufkommen lassend, mit schwarzem Humor und Ironie auf die Verhältnisse schauend und dabei immer wieder die Perspektive wechselnd. Auch ein rätselhaftes Wir taucht auf, ist es der berühmte „Chor“, das Schicksal selbst, vielleicht die Autorin in Gemeinschaft mit dem Leser? Das wird nicht ganz deutlich, tut aber der Originalität keinen Abbruch.
Die Art der Erzählung bedingt, dass die Personen dem Leser nie wirklich nahe kommen. Dennoch ist „Wir und ich“ ein spannender, humorvoller und durch seinen etwas anderen Blick interessanter Familienroman. Und daher eine Lektüre wert.

Saskia de Coster – Wir und Ich

Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel 
Klett-Cotta Verlag 2016, 409 Seiten, gebunden, € 22,95

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeitbenedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit„Ein Meisterwerk“, gerne noch ergänzt mit dem Attribut „absolut“, „erstaunlich gereift“, „große Erzählkunst“ und „Was für ein Buch!“. Die Begeisterungsstürme zu Benedikt Wells neuem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ sind mehr als zahlreich. Und das nicht nur in den Buch-Communities, sondern auch im Feuilleton. Selbst der sonst gerne nörgelige Dennis Scheck spricht von einem „Hammer von Familienroman.“
Nun ist es nicht das erste Mal, dass ich ein solch hoch gelobtes Buch ratlos zuklappe. Immer wieder frage ich mich allerdings, warum ich es so ganz anders empfunden habe.
Vielleicht liegt es daran, dass der junge und sicher sehr begabte Autor mit diesem Buch allzu sicher den Geschmack des Lesepublikums trifft.
Die Geschichte um drei Geschwister, deren glückliche Kindheit abrupt mit dem Unfalltod der Eltern endet, die sich zeitweise, aber nie ganz aus den Augen verlieren, die ihre Jugend in zweitklassigen Internaten verbringen und daraus mehr oder weniger beschädigt hervor gehen, wirkt für mich allzu konstruiert, zu bedeutungsschwer, zu aufgeladen mit allem, was das etwas anspruchsvolle, zur Melancholie und den „großen Fragen des Lebens“ in der Literatur neigende Publikum schätzt. Die Gleichung geht zu glatt auf.
Da ist natürlich die zunächst tragische Liebe des jüngsten, am Verlust der Eltern augenscheinlich am meisten leidenden Sohn Jules zu Alva, einer Klassenkameradin, die wie er eine Außenseiterin, eine traurig-melancholische Grüblerin ist. Tiefsinnige Literatur und Musik, das Buch als Playlist begleitend und von depressiven Songs wie „Heroin“ von Velvet Underground zum romantischen „Moonriver“ führend (und auch ausgesprochen gute Stücke umfassend), scheinen mir immer wieder zuzuraunen: „Schau mal, wie tiefschürfend und existenzialistisch wir sind! Genauso wie die Protagonisten – und der Autor.“
Genauso aufdringlich sind die ungezählten Schicksalsschläge, die die Figuren erleiden und die mich, anstatt zu berühren, schließlich nur noch genervt haben. Alles ist trotz seiner Komplexität so vorausschaubar! Für jede Kleinigkeit wird die Bedeutung gleich mitgeliefert.
Neben dieser allzu sehr auf ihre Wirkung bedachten Konstruiertheit gibt es aber noch einen Punkt, der mich sehr gestört hat. Und das war die mangelnde kritische Reflektion.
Zwar ist durch die Wahl der Ich-Perspektive natürlich automatisch eine große Nähe zu den Personen gegeben. Da die Ereignisse aber in der Retrospektive vom gealterten Jules erzählt werden, wäre da durchaus mehr drin gewesen.
Zumal manches Geschilderte zumindest fragwürdig ist.
Da ist zum einen mit welcher Selbstverständlichkeit dem schwer an Alzheimer erkrankten Ehemann der Jugendliebe und nun endlich auch tatsächlichen Geliebten Alva, die den beträchtlich älteren, berühmten und steinreichen russischen Schriftsteller (Brieffreund Nabokovs!) einst (aus sicher auch fragwürdigen Gründen, die hier aber natürlich auch nicht diskutiert werden) geheiratet hat und ihn nun als alten, kranken Greis nicht mehr ertragen kann (mit absoluter Kaltblütigkeit wird bereits an der Unterbringung in einem Privatsanatorium gearbeitet), mit welcher Selbstverständlichkeit diesem armen, verängstigen Mann also von Jules eine Flinte in die Hand gedrückt wird, ist verblüffend. Leicht verschämt wird vom Ich-Erzähler lediglich angemerkt, man könnte jetzt völlig irrtümlich annehmen, er „wollte sich eines Rivalen“ entledigen. Ach was, keineswegs, so durchweg positiv , geradezu heldenhaft die Personen von Benedikt Wells angelegt sind. Ich sehe schon das Lesepublikum dieses eigentlich unglaubliche Vorgehen weihevoll abnicken (wo sonst bereits beim Quälen jedes Kätzchens protestiert wird). Handelt doch der Ich-Erzähler ganz im Sinne des Demenzkranken (während er dessen Bitte, es bis zu seinem absehbaren Tod nicht in eigenen Haus mit seiner Frau zu treiben, leider nicht erfüllen konnte – Liebe, Leidenschaft und so). Es ist die so völlig unkritische Einstellung des Autors seinem Personal gegenüber, die mich schließlich richtig verärgert hat.
Nicht verschweigen will ich natürlich, dass der Autor tatsächlich sehr gut schreiben kann. Trotzdem ich ziemlich bald auf Krawall gebürstet war, hat er mich doch passagenweise wirklich gepackt und mitgenommen. Über weite Strecken gelingt ihm das Erzählen auch trotz der ganzen dramatischen Ereignisse und Verstrickungen relativ pathosfrei. Das ist natürlich auch ein Verdienst. Für mich war es aber eindeutig zu wenig.

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Diogenes Verlag März 2016, Hardcover Leinen, 368 Seiten, € 22.00

Marjaleena Lembcke – Wir bleiben nicht lange

Marjaleena Lembcke – Wir bleiben nicht lange

Marjaleena Lembcke - Wir bleiben nicht langeWas ist eine glückliche Familie und welchen Einfluss hat sie auf unser Leben? Wie beeinflusst sie, welche Art von Beziehung wir zu anderen und uns selbst schaffen?
Manche Familien sind vom Glück begünstigt, segeln wie unter einem guten Stern, andere müssen einen Schicksalsschlag nach dem anderen verkraften, eine Niederlage nach der anderen einstecken.
Zu letzteren gehört die Familie von Sisko und Mirja, finnischen Schwester, die schon früh ihre Mutter verlieren. Diese war von Depressionen gefangen, ging eines Tages fort, um sich vor einen Zug zu werfen. Ein Ereignis, das natürlich alles veränderte. Der Vater zog die Geschwister, neben Sisko und Mirja gab es noch vier Brüder, alleine groß, wurde aber auch nicht alt. Einer der Brüder starb ebenfalls recht früh, ein Neffe nahm sich das Leben. Mirja überstand eine Tumorerkrankung im Mund, nun hat der Krebs bei der jüngeren Schwester zugeschlagen. Die Schwestern sind um die fünfzig und haben trotz ihrer verschiedenen Lebensmittelpunkte ein sehr enges Verhältnis zueinander.
Denn alle Geschwister hat es hinaus in die Welt verschlagen, fort von Finnland und ihrer unglücklichen Kindheit. Sie leben in Schweden, Deutschland oder London, so ganz glücklich und zufrieden sind sie dort aber augenscheinlich nicht. Es scheint als ob die Heimatlosigkeit und Ungeborgenheit, in die sie durch den Tod der Mutter geraten sind, auch die Erwachsenen immer noch umtreibt.
Mirja lebt dabei in einer intakten Familie und Ehe in Berlin. Die vielen bösartigen Spitzen gegen ihren Wohnort und die Deutschen zeigen aber, dass sie sich dort nicht ganz heimisch fühlt.
Sisko hat ihr Glück in London gesucht, mehrere gescheiterte Beziehungen und zwei Ehen hinter sich, ist Mutter einer Tochter und zur Zeit verheiratet mit Stephan. Nun hat sie die Endphase ihrer Krankheit erreicht, die Metastasen sitzen überall. Ihre Schwester soll ihr beim Sterben beistehen.
Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit kommen hoch, letzte Dinge werden besprochen. Dabei liegt der Scherpunkt auf Mirja, wandert aber auch zu Sisko selbst. Diese blickt recht bitter, mit bösem Humor zuweilen, ist manchmal überraschend gefasst und begehrt dann doch auf. Sie will nicht sterben, kann ihre Angst nicht verbergen. Etwas anderes als pausenlos zu rauchen und Unmengen Bier und Wodka zu trinken, die Morphindosen zu erhöhen und sich im Zimmer einer Londoner Nobelklinik zu verschanzen fällt ihr aber auch nicht ein.
Den Umgang Siskos mit ihrem Sterben und den letzten verbleibenden Tagen oder Wochen kann man als Leser kaum ertragen, versteht auch ihre Umgebung nicht. Allesamt problematische Charaktere, wirklich sympathisch sind sie nicht. Oder ist einfach die finnische Mentalität eine andere? Da das im Buch hin und wieder angesprochen wird, liegt die Vermutung nahe.
Was überrascht ist, dass Marjaleena Lembcke es dennoch schafft, dem Leser diese Menschen nahe zu bringen, dass er Anteil nimmt und bis zum Schluss in Spannung bleibt. Siskos Sterben wird völlig unlarmoyant, sehr realistisch, fast sachlich geschildert und geht doch unglaublich nah. Und wer mag wissen oder entscheiden, wie es wirklich geht, das Sterben?

Marjaleena Lembcke – Wir Bleiben Nicht Lange

Lily King – Euphoria

Lily King – Euphoria

Lily King - EuphoriaAnfang der 30er Jahre am Fluss Sepik im Dschungel Neuguineas: das frisch verheiratete Ethnologenpaar Nell und Fen verlassen den Eingeborenenstamm der Mumbanyo und suchen einen neuen Forschungsgegenstand. Zu schroff und unzugänglich waren diese vor allem der jungen Wissenschaftlerin entgegengetreten.
Vermittelt durch den schon länger hier forschenden Engländer Bankson reisen sie an den Tamsee, um das hier lebende, weitaus friedlichere Volk zu studieren. Was vor allem Nell sehr fasziniert, sind die deutlich matriarchalen Strukturen, die hier zu herrschen scheinen.
Nach der Veröffentlichung eines Buches über die Sexualmoral der Völker Samoas, das vor allem die Ansicht vertritt, dass diese nicht genetisch, sondern kulturell geprägt wird, was damals revolutionär war, genießt Nell Stone einiges an Renommee. Durch ihre einfühlsame, zugewandte Art, gelingt ihr rasch der Kontakt zu den Kindern und Frauen der Tam.
Fen leidet unter dem Ruf seiner erfolgreicheren Frau, Neid und Eifersucht spielen eine Rolle, ist er doch ein typisches Alphamännchen, das mit Forschheit und starkem Auftreten seinen Weg geht. Auch seiner Frau gegenüber tritt er oft schroff und despotisch auf.
Bankson wiederum hofft durch die Nähe zu den beiden anderen Forschern seiner jahrelangen quälenden Einsamkeit inmitten der Eingeborenen zu entgehen. Außerdem fühlt er sich von Nell stark angezogen. Die beiden entwickeln so etwas wie eine Seelenverwandtschaft und schließlich auch mehr. Zusammen erleben sie bei ihren Forschungen den Rausch der wissenschaftlichen Erkenntnis. Euphoria, das Buch trägt sicher auch deshalb diesen Titel.
Durch ein leichtsinniges Manöver Fens wird allerdings alles aufs Spiel gesetzt.
Die Figuren sind stark an reale Personen angelehnt. Die berühmte amerikanische Ethnologin Margaret Mead, ihr zweiter und dritter Ehemann waren Vorbild, Lily King hat ihr Leben, vor allem am Ende des Buches aber fiktionalisiert. Ich-Erzähler ist Bankson, der mit Kapiteln, die aus ihrer Sicht über Nell erzählen und Dokumenten aus ihrer Hand abwechseln.
Der Autorin gelingt mit „Euphoria“ ein spannendes Buch, das Wissenschaftsgeschichte, historischen Roman, Dreiecksgeschichte, Liebes- und Abenteuerroman vereint. Die feuchte Schwüle des Dschungels, die Farben, die Vegetation und das Leben der Eingeborenen werden der bildlich geschildert, auch wenn eine nüchterne Sprache verwendet wird. Dabei werden die Ethnologen selbst zum Forschungsgegenstand, ihre Beziehungen und ihr Verhalten von der Autorin unter die Lupe genommen.
Ein äußerst gelungener, anregender Roman.

Lily King – Euphoria

Verlag C.H.Beck Juli 2015, 262 Seiten, Gebunden, 19,95 €

Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh – Unterleuten

Unterleuten von Juli ZehUnterleuten heißt der kleine Ort, der zum Schauplatz von Juli Zehs neuem Roman, ehrgeizig als „Gesellschaftsroman“ betitelt, wird. Unterleuten bedeutet natürlich auch „Unter Leuten“, denn kaum wo kann man so schlecht untertauchen, in der Anonymität versinken, sich der Gemeinschaft entziehen wie in einem kleinen Dorf. Hier klappt die Überwachung bestens und lässt jegliche NSA-Attacken alt aussehen.

Aber taugt so ein kleines Kaff irgendwo in Brandenburg wirklich auch als Hintergrund für ein Gesellschaftspanorama der heutigen Zeit?

Ein klares Ja, nachdem man den nicht nur äußerst unterhaltsamen und spannenden, sondern auch sehr klugen Roman gelesen hat.

Sicher sieht hier das Leben ganz anders aus als in den Großstädten, natürlich schwebt hier am Horizont immer auch eine ostdeutsche, sprich DDR-Vergangenheit mit. Aber unsere Gegenwart ist sowieso zu vielschichtig, zu komplex und undurchschaubar, um sie in allen ihren Facetten zu erfassen. Der universale Gesellschaftsroman à la Balzac oder Fontane lässt sich heute vielleicht nicht mehr schreiben.

Da dient das Dorf als Mikrokosmos. Mit überschaubarem Personal und überschaubaren Beziehungen. Und Juli Zeh lässt allerhand „Auswärtige“ in die Dorfgemeinschaft einziehen, so wie es tatsächlich heute in vielen Gemeinden rund um Berlin geschieht.

Einige fliehen vor den Zumutungen der Großstadt, wie z.B. der ehemalige Professor Fließ, der mit seiner deutlich jüngeren Frau Jule, ehemalige Studentin, und Säugling auf dem Land noch einmal neu beginnen will, mit schönem Heim und als Naturschutzbeauftragter, zuständig für den Vogelschutz, namentlich den Schutz der wenigen verbliebenen Kampfläufer, während seine eigentlich emanzipierte, moderne Frau seit der Geburt fast ausschließlich um Wohl und Wehe der kleinen Tochter kreist.

Oder wie die taffe Pferdeflüsterin Linda Franzen, die, ständig um Selbstoptimierung bemüht, das ehrgeizige Projekt einer Pferdefarm zu verwirklichen sucht. Noch fehlen die finanziellen Mittel, aber Linda ist überzeugt, durch entsprechendes Auftreten und entsprechende Ellenbogen eigentlich alles erreichen zu können. Ihr Freund Frederick ist ihr da keine große Hilfe. Mit einem Bein steht er noch in Berlin, wo er in der IT-Firma seines Bruders einen nicht besonders lukrativen Job hat.

Diesen Zugezogenen stehen die „Einheimischen“ gegenüber. Deren Verflechtungen und Verstrickungen reichen weit zurück, tief in die DDR-Vergangenheit und sind für die Uneingeweihten oft nicht zu durchschauen. Sie kreisen immer wieder um die alte Feindschaft des Großbauern Gombrowski und des alten, verbitterten Kommunisten Kron. Deren gemeinsame Geschichte reicht bis in die Kindheit zurück und trägt als einen verschütteten, wunden Kern den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod eines anderen Bewohner Unterleutens.

Die Spannungen in der Gemeinde sind greifbar, die Bewohner spalten sich in zwei Lager, der gutmütige Bürgermeister Arne Seidel tut was er kann, hat das Amt aber auch mehr von Gombrowskis Gnaden und leidet unter dem Tod seiner Frau Barbara.

Durch die Neubürger, die alle von eigenen, selbstsüchtigen Interessen getrieben werden, gerät das fragile Dorfleichgewicht in Schieflage. Vollends eskaliert die Situation, als eine Windkraftanlage auf dem Gebiet der Gemeinde gebaut werden soll. Wie man das so kennt, will selbst der vehementeste Naturschützer keine erneuerbaren Energien, wenn sie vor seiner Haustüre stehen, und immer bleibt da auch die Frage: Wer verdient letzten Endes daran?

Eine sehr problematische Dynamik wird da in Gang gesetzt, ein Kind verschwindet, Verdächtigungen, Verleumdungen, Intrigen kursieren und auch vor offener Gewalt wird nicht zurückgeschreckt. Am Ende ist nichts mehr so wie zuvor.

Mit insgesamt 11 Hauptpersonen, um die sich noch eine ganze Anzahl Nebenfiguren scharen, schafft Juli Zeh ein komplexes, faszinierendes Dorf- und Gesellschaftspanorama. Mögen manche davon ein wenig nach fest zugewiesenen Rollen klingen – Naturschützer, Kapitalist, Kommunist…- so entwickeln sie sich doch zu ganz vielschichtigen, überzeugenden Charakteren. Ganz ohne Klischees geht das nicht ab, aber auch das reale Leben ist nie ganz klischeefrei. Besondere Tiefe erlangen die Charaktere vor allem durch die Erzählweise, die zwar durch eine auktoriale Erzählerin, am Ende entpuppt sie sich als Journalistin, aber immer abwechselnd aus streng subjektiver Perspektive jeweils einer der Personen berichtet. So lernen wir die Figuren aus ganz verschiedenen Blickwinkeln kennen und auch ein Stück weit verstehen. Denn wenn man auch keine davon als Nachbarn oder gar Freund wünschen würde, sie alle sind keine durchweg schlechten Menschen. Sie wollen alle irgendwie nur das Beste, vorzugsweise natürlich zuerst einmal für sich und die Seinen. Und die ganzen schlechten Dinge, die daraus entstehen, sind nicht einmal gewollt. Dazu wird einmal das Goethe-Wort falsch zitiert.

„ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“

Viele aktuelle Themen greift Juli Zeh in Unterleuten auf: Naturschutz, Land- sowie Stadtflucht, Selbstoptimierungswahn, Erneuerbare Energien, Bodenspekulation, Generationskonflikte, DDR-Altlasten, Familienmodelle und auch solche klassischen wie Freundschaft, Verrat, Schuld. Und auch wenn die Auffassung der Autorin deutlich herauskommt, wenn sie z.B. ihre Protagonisten sinnieren lässt

„Das kapitalistische System pflanzte einen Angstkern in die Seelen seiner Kinder, die sich im Laufe ihres Lebens mit immer neuen Schichten aus Leistungsbereitschaft panzerten.“

Oder

„Der Kapitalismus hatte Gemeinsinn in Egoismus und Eigensinn in Anpassungsfähigkeit verwandelt.“

Oder die Orientierungslosigkeit der „Ewigpubertierenden“, die den „Ach-so-komm-vorbei-Planeten“ bewohnen und sich doch insgeheim nach dem „Das-ist-so-nicht-hinnehmbar-Planeten“ sehnen.

Juli Zeh zeigt uns mit ihren Protagonisten auch andere Sichtweisen auf unterschiedlichste Gesellschaftsvorgänge, so die der pragmatischen Jungunternehmerin Linda Franzen und ihres Motivations-Gurus Manfred Gortz.

„Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, ist der faule Kern der demokratischen Idee.“

ist eine seiner Maximen. Und so propagiert er eine strikte Vorherrschaft des Stärkeren. Nicht zuletzt hat Juli Zehaut mit „Unterleuten“ auch einen politischen Roman geschrieben. Eine Gattung, an die sich immer weniger Autoren herantrauen, gerade auch im Bereich der unterhaltenden Literatur. Juli Zeh kennt sich zudem auch in der Spannungsliteratur aus und weiß Cliffhanger geschickt einzusetzen. Insgesamt also ein gut lesbares, aber alles andere als belangloses Stück Literatur. Aber auch der Gesellschaftsroman ist ihr ausnehmend gut gelungen.

Juli Zeh – Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag März 2016, gebunden, 640 Seiten, € 24,99

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Flasar - Ich nannte ihn KrawatteJeden Morgen kommt der zwanzigjährige Taguchi Hiro in den Park, sitzt den ganzen Tag auf einer der Bänke, allein und verschlossen. Was nach außen als Rückzug, als Einsamkeit erscheint, ist für den jungen Mann ein großer Schritt vorwärts, hinaus aus einer zweijährigen selbstauferlegten Isolation. Zwei Jahre hat er sich in sein Zimmer bei den Eltern verkrochen. Versteckt vor den Zumutungen des Lebens, dem Druck der Gesellschaft. Die Nähe von Menschen bereitet ihm Übelkeit, er kann das alltägliche Treiben kaum mehr ertragen.

„Nichts soll mich ablenken von dem Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren.“

Seine Eltern leiden unter der Schmach ihres versagenden Sohns, verstecken ihn, unterstützen ihn aber auch. Hikikomori nennt man in Japan diese Menschen und sie sind kein sehr seltenes Phänomen.

Eines Tages setzt sich ein älterer Mann auf die Parkbank gegenüber. Er ist ein „Salaryman“, also einer jener unzähligen uniformen Büroangestellten Japans. Wegen seiner korrekten Kleidung nennt Taguchi ihn insgeheim „Krawatte“.
Krawatte erscheint nun ebenfalls Tag für Tag, um Stunden im Park zu verbringen. Zwischen ihm und dem jungen Mann entsteht allmählich eine vorsichtige Annäherung. Sie machen sich vertraut, bis sich der Salaryman schließlich als Ohara Tetsu vorstellt. Er hat seine Arbeit verloren und sich bisher nicht getraut, es seiner Frau zu sagen. Eine alte Geschichte. Aber es steckt mehr dahinter, als die Angst, als Versager dazustehen. Ihn treiben Fragen wie

„Wer hätte ich werden können.
Wer war ich geworden.
Wer werde ich sein, wenn sie (seine Frau Kyoko) herausfindet, wer ich bin.“

„Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns so sehr verfehlten?“

Der Salaryman und der Hikikomori kommen ins Gespräch, erzählen sich von lange zurückliegenden Begebenheiten, in denen sie falsch gehandelt haben, die sie bis heute mit Schuld und Scham verfolgen. Auch deshalb sind sie den immer wieder neuen Anforderungen, die das Leben an sie stellt nicht gewachsen. Und weil sie in einem Umfeld des Schweigens leben.

„Wir haben einen Pakt geschlossen: Lieber nichts wissen voneinander. Und dieser Pakt ist das, was Familien über Jahre zusammenhält. Wir waren Maskenträger.“


Taguchi Hiro und Ohara Tetsu erzählen sich aus ihrem Leben, langsam, sie lassen sich Zeit, bedrängen sich nicht. Dieses Zögernde, Tastende kommt auch in der Sprache zum Ausdruck, die vorsichtig, auch irgendwie tastend ist. Sie erzählt behutsam aus zwei erschütterten Leben.

„Irgendwann glücklich sein. Es bedurfte dazu nur eines kleinen Sprungs. Hinüber auf die sichere Seite, hinüber zu denen, die nicht zu viel nachdenken, nicht darüber, wie weh es tut, nicht nur den anderen, sondern mit ihm sich selbst verraten zu haben Ich wollte dorthin, nahm Anlauf, war noch im Anlaufen.“


Aber: „Nein, nicht wahr, das wäre zu einfach. Um zu vergeben, um wirklich frei zu sein, muss man sich erinnern, Tag für Tag.“


Das ist beklemmend und zart zugleich, tieftraurig und doch auch – ja – heiter, dem Leben zugewandt.

Michiko Flasar – Ich nannte ihn Krawatte – ein leises, wunderbares Buch.

gebundene Ausgabe mittlerweile vergriffen, Taschenbuchausgabe bei btb

 

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm – Weit über das Land

Peter Stamm - Weit über das LandEines Spätsommerabends, die Familie ist gerade aus dem Spanienurlaub heimgekehrt, die Frau Astrid nach drinnen verschwunden, um den quengelnden Sohn ins Bett zu bringen, steht Thomas von der Gartenbank auf und geht davon.
Ein altes Motiv, Mann geht nur mal eben Zigaretten holen, „Ich war noch niemals in New York“, und anscheinend eine beliebte, vorzugsweise männliche Phantasie, einfach aufzubrechen, das alte Leben hinter sich zu lassen und ganz neu anzufangen.
Selten wurde diese aber mit einer solchen Konsequenz verfolgt wie hier.
Nichts war geplant, die Ehe keineswegs unglücklich, der Beruf als Buchhalter vielleicht nicht die große Erfüllung, aber durchaus auch nicht als quälend empfunden, keine finanziellen Probleme und zwei geliebte Kinder – Thomas Motivation bleibt völlig im Dunklen, vielleicht gibt es auch gar keine. Allenfalls andeutend sind die Sätze, dass die Büsche am Grundstücksrand zu einer unüberwindbaren Mauer emporwachsen, die Rasenfläche als „ein Verlies, aus dem es kein Entkommen gab“ erscheint.
Doch besonders die Konsequenz, mit der der Weggang, eher eine Flucht, betrieben wird, der Büromensch härteste Bedingungen auf seinem Weg in Kauf nimmt, sich versteckt, als würde er verfolgt und waghalsige Risiken auf sich nimmt, leuchtet wenig ein.
Thomas hat kein Ziel, meldet sich nicht mehr, wandert einfach drauf los, in die Berge. Auch ein typisch männliches, auch dezidiert schweizerisches Motiv.
Astrid hingegen versucht zunächst, alles beim Alten zu belassen, möglichst wenig zu ändern, möglichst niemanden einzuweihen. Irgendwann geht sie doch zur Polizei, die auch Thomas Spur aufnimmt, diesen aber immer wieder verpasst.
Astrid lebt mit ihrer Trauer überraschend gut, auch die Kinder scheinen den Verlust äußerlich recht gut wegzustecken.
Äußerlich, denn was in den Personen vorgeht, bleibt weitgehend im Dunkeln, auch Entwicklungen machen diese keine durch. Peter Stamm schreibt in seiner bekannt reduzierten, lakonischen Art. Ein Großteil des Erzählten besteht aus bloßen Beschreibungen, wobei besonders denen der Natur eine besondere Bedeutung zukommt.
Die Erzählung wechselt stets von Thomas zu Astrids Perspektive, es gibt zeitliche und erzählerische Verschiebungen, die sehr reizvoll sind.
Irgendwann fasert die Geschichte aus, verschwimmt. Wie auch Thomas anfängliches Weggehen eingeleitet wird mit „Thomas stellte sich vor“, wechselt der Konjunktiv in den Indikativ und umgekehrt. Einmal denkt Astrid direkt,
„dass das alles nicht wirklich, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten war. „
Und verschiedene Möglichkeiten bietet uns nun auch der Roman an. Welche Version stimmt? War alles nur ein Traum, eine Phantasie? Ab wann? Von Thomas? Von Astrid?
Nichts wird geklärt. Aber die Geschichte bekommt dadurch eine andere Dimension, weg von der wenig überzeugenden Aussteigergeschichte hin zu einer Phantasie über das Vergehen der Zeit, den Sinn der Existenz, das Gewicht von getroffenen Entscheidungen.

Peter Stamm – Weit über das Land

S. FISCHER 2016, 224 Seiten, gebunden, € 19,99

Anthony Doerr – Memory Wall

Anthony Doerr – Memory Wall

Anthony Doerr - Memory wallMemory wall ist eine Novelle, die im Original als Teil einer Erzählungssammlung erschienen ist. Alle Geschichten, so auch diese hier, handeln vom Erinnern oder mehr noch vom Vergessen.
„Es ist so selten, denkt Luvo, dass etwas erhalten bleibt, dass es nicht ausgelöscht, zerschlagen, verwandelt wird.“
In Anthony Doerrs Erzählung hat die Wissenschaft eine Methode gefunden, die Erinnerungen eines Menschen auf kleinen Kassetten zu speichern. Es ist eine Operation dafür nötig, drei kleine Ports werden in den Schädel gebohrt. Über diese kann der Patient dann nach Bedarf seine eigenen Erinnerungen immer wieder „einspielen“, sollten sie mal verloren gehen. Science-fiction, so unauffällig und unspektakulär in die Geschichte eingeflochten, dass man kaum zusammenzuckt.
Alma ist eine vermögende Weiße, in einem schönen sauberen Vorort von Kapstadt lebend. Harold, ihr Mann, ist seit vier Jahren tot, sie selbst kämpft immer erfolgloser gegen das Vergessen. Pheko, der schwarze Hausangestellte, kümmert sich rührend um Mrs. Alma, kocht, versieht den Haushalt, fährt zum Arzt und zur Gedächtnisklinik und wenn es ihr schlecht geht, versorgt er sie mit ihren alten Erinnerungen, die sie zusammen mit alten Fotos und Notizen sorgfältig an ihrer Memory Wall aufbewahrt. Aber den zunehmenden Verfall der demenzkranken Frau können auch sie nicht aufhalten.
Nachts schleichen sich Diebe ins Haus, auf der Suche nach der einen Erinnerung, die sich zu viel Geld machen lassen könnte. Ein elternloser, streunender Junge wurde dafür operiert, mit Ports versehen, er kann Mrs. Almas Erinnerungen lesen.
Was sich hier so phantastisch anhört, wird von Anthony Doerr ganz selbstverständlich in ein völlig realistisches Setting eingebunden. Es ist die Welt der großen Gegensätze in Südafrika. Die reiche einsame Frau in ihrer Villa, der alleinerziehende schwarze Angestellte aus den Townships, das völlig entrechtete Straßenkind, das von skrupellosen Verbrechern nur benutzt wird. Eine gehörige Portion Gesellschaftskritik steckt auch in „Memory wall“.
Zentral ist aber das Thema des Vergessens, der Vergänglichkeit der Erinnerungen und damit der Existenz an sich.
„Dr. Amnestys Kassetten, das South African Museum, Harolds Fossilien, Chefe Carpenters Sammlung, Almas Gedächtniswand – waren das nicht alles Versuche, der Vernichtung zu trotzen? Was sind Erinnerungen überhaupt? Wie können sie so zerbrechlich und vergänglich sein?“
Bei aller Realitätsnähe und trotz Doerrs klarer Sprache bekommt die Novelle zunehmend etwas märchenhaftes, wird poetischer und endet schließlich bittersüß. Das ist merkwürdiger Weise gar nicht kitschig, sondern sehr passend. Und Almas Erinnerungen, die wie kleine Lichtblitze immer wieder in der Geschichte auftauchen, mögen zwar für sie verloren sein, aber diese Geschichte schließt sie wie ein Fossil für uns Leser auf eindrückliche Weise ein.
Schade ist nur, dass sie in ihrer Kürze so alleine für sich stehen muss. Gern hätte ich die thematisch verwandten Geschichten der Originalsammlung auch noch gelesen.

Anthony Doerr – Memory wall Novelle

C.H.Beck Verlag Februar 2016, 135 Seiten, Gebunden, 14,95 €

Ruth Cerha – Bora

ruth-cerha-bora-eine-geschichte-vom-windEs ist ein merkwürdiger Sommer auf der kleinen Insel in der kroatischen Adria. Statt der endlosen sonnengeschättigten, träge machenden Tage herrscht abwechselnd die Bora, der kalte, raue, vom Land kommende Fallwind und der Jugo, der heiß, feucht und staub- und sandgesättigt von Süden weht. Beide Winde wechseln sich in kurzer Folge ab und wirbeln Meer, Land und Inselbewohner gehörig durcheinander.
Touristen sind eher selten auf der noch eher unerschlossenen Insel, keine Hotels, wenig Einkaufsmöglichkeiten und ein beschaulicher Tagesablauf. Das ist es, was Menschen wie die Wiener Schriftstellerin Mara oder den Bildhauer Harry schon seit Jahren jeden Sommer hierher zieht. Mit den Inselbewohnern bilden sie bereits eine eingeschworene Inselgemeinschaft, die lediglich im August durch die vielen „Rückkehrer“, die zum Emigrants Day zurück zu ihren Wurzeln, ihrem Ursprung kehren, ansonsten über die Welt verteilt leben, aufgemischt wird.
Über viele Jahrzehnte, besonders auch zu Zeiten der kommunistischen Regierung, waren viele Bewohner mehr oder weniger gezwungen, ihr Glück im Ausland zu suchen. Zu wenig Möglichkeiten boten sich hier auf dem kargen, karstigen Eiland, zu wenig Freiheit, zu wenig Zukunft.
Dass die Meisten dieser Auswanderer aber auch in der neuen Heimat nicht wirklich glücklich, zumindest nie ganz heimisch geworden sind, ist bekannt. Bis in die nächsten Generationen zieht sich das Gefühl, nirgends ganz zuhause zu sein, nirgends ganz dazuzugehören, zwischen den Kulturen zu stehen.
Auch Andrej geht es so und seiner Mutter. Auch sie verbringen den Sommer auf der unbenannten kleinen Insel, leben ansonsten in den USA.
Andrej trifft auf Mara, boy meets girl, es kommt wie es kommen muss. Beide sind um die vierzig, haben etliche Beziehungen, Erfahrungen und Verletzungen hinter sich, beide sind nicht wirklich beziehungswillig und sehnen sich doch nach Nähe, Geborgenheit.
Ruth Cerha schildert eine nicht ganz einfache Liebesgeschichte, und ihr gelingt das überraschend und beglückend unsentimental und unkitschig. Dass es ihr ebenso gelingt, die Atmosphäre des Inselsommers, die karge Natur, die Faszination des Meeres, die Launen der Winde einzufangen und wunderbar zu beschreiben, macht „Bora oder Eine Geschichte des Windes“ zu einem schönen, verzaubernden Sommerroman. Aber eben nicht nur.
Als Schriftstellerin in einer momentanen Schreibkrise findet Mara über die Geschichten der Emigranten und der Einheimischen Zugang zur Geschichte der Insel, zu der Heimatlosigkeit der Weggegangenen, der Resignation der Zurückgebliebenen. Und wird daraus, zurückgekehrt nach Wien, einen Roman schreiben. Wünschen wir ihr, dass er ebenso glücken wird wie Ruth Cerha der vorliegende.

Ruth Cerha – Bora-Eine Geschichte vom Wind

Frankfurter Verlagsanstalt Juli 2015, gebunden, 256 Seiten, 19,90 €