Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn

Es sind die 1990er Jahre am Rande der rumänischen Karpaten, die Ära Ceaușescu erst seit Kurzem Geschichte. Im kleinen Ort Bușteni, wo viele Bukarester ihre Ferien verbringen, treffen sich jeden Sommer Roxana und Camil. Sie stammt aus der gehobenen Gesellschaftsschicht der Hauptstadt und besucht ihre Großmutter, die dort ein Sommerhaus besitzt, er ist Eisenbahnersohn und lebt in der etwas heruntergekommenen Siedlung. Roxana liegt am liebsten mit einem Buch im Gras unter dem Baum, die Kinder erzählen sich Geschichten und beobachten die Bewohner von Bușteni ganz genau. Deren Besonderheiten und Schrullen, ihre Missgeschicke und Beziehungen werden wiederum zu neuen Geschichten. Etwas sommerlich Leichtes, Schwebendes liegt über dem neuen Roman der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea Tanzende Frau, blauer Hahn.

Aber hinter der leichten Oberfläche mit viel Atmosphäre, die aber nie zu einer Idylle verkommt, lauern Abgründe, versteckt sich Tiefgründiges. Die postkommunistische Gesellschaft befindet sich in Transition. Der Umbruch kommt nicht jedem zugute, Klassenunterschiede machen sich deutlicher bemerkbar: der zwischen Roxana und Camil, aber auch der zur Kinderfreundin Ana-Maria, die mit ihrem zweibeinigen Hund aus unterprivilegierten Kreisen stammt. Man wächst gemeinsam auf, die Unterschiede bleiben lange sichtbar.

Liebe, Freiheit und Klassenunterschiede

Es geht Dana Grigorcea, der Kuratorin des Münchner Literaturfests, das vom 21.-30.4.2026 stattfindet, auch um das Motto, unter das sie dieses gestellt hat: „Freiheit!“. Wie frei sind wir wirklich? Kann man persönlich überhaupt absolut frei sein? Selbst in einer vermeintlich freien oder befreiten Gesellschaft? Diese Fragestellungen und die Klassenfrage bleiben subtil präsent, auch wenn es vordergründig um Sommerferien, Erwachsenwerden, bizarre Charaktere und wunderliche Begebenheiten dreht. Da ist beispielsweise der Kirschbaum, der eines Tages durch das Parkett der Madame Smara durchbricht. Und die nach und nach das Haus ihm weichen lässt. Oder die Begeisterung der Leute für die brasilianische Telenovela „Die Sklavin Isaura“, die fanatische Ausmaße erreicht. Und deren Titelfigur auf faszinierende Weise der ortsansässigen Frau Helman ähnelt. Vor allem geht es in den Erzählungen der jungen Leute aber um die Liebe, um Paare. Und auch Roxana und Camil werden in einem Sommer ein Paar.

Ins Rollen gebracht werden die Erinnerungen an diese Kindheits- und Jugendzeit der Ich-Erzählerin Roxana durch eine Mitteilung auf einer spanischen Nachrichtenseite, die von Camils Unfalltod berichtet. Dieser erlitt bei dem Versuch, Kupferkabel von einem Industrieschiff zu stehlen einen tödlichen Stromschlag. Das ist der Erzählanlass, der Roxana zu ihrer Geschichte führt, die so beginnt:

„Damals, nach der Wende, wollten alle weg, weit weg, in die Exotik, um Großes zu erleben, sich zu wandeln und schließlich den Lebenssinn zu finden, wahrscheinlich die Liebe. Weit genug von Bukarest entfernt und auch der einzige Ort, an den ich fuhr, Sommer für Sommer, war Bușteni“

Dana Grigorcea bettet Tanzende Frau, blauer Hahn in eine Rahmenhandlung ein, in der eine Schriftstellerin mit dem uns vorliegenden Text auf Lesereise geht, begleitet von einem Pianisten. Zwischen den Beiden kommt es nach und nach zu einer Liebesbeziehung. Und auch diese Schriftstellerin ist uns nicht unbekannt.

Federleicht und doch tiefgründig und elegant komponiert schreibt Dana Grigorcea mit Tanzende Frau, blauer Hahn einen wirklich zauberhaften Roman.

 

Beitragsbild: Bușteni Train track, Romania. On the background is Bucegi mountains by Tiia Monto, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Dana Grigorcea - Tanzende Frau, blauer Hahnx

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Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
Penguin März 2026, Hardcover, mit Schutzumschlag, 160 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Nadine Schneider – Das gute Leben

Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Der „Rudi-Onkel“ in Deutschland, der das Banat schon schon vor einiger Zeit verlassen hat, hilft ihr, macht sich mit einem gefälschten Attest sterbenskrank. Und Anni beantragt eine Reiseerlaubnis, durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch, um ihren „geliebten Onkel noch ein letztes Mal zu sehen“. Weiterlesen „Nadine Schneider – Das gute Leben“

Daniel Gräfe – Wir waren Kometen

Als Lukas Luba das erste Mal begegnet, ist diese schon reichlich desillusioniert. Als im Dezember 1989 in Rumänien die Diktatur des Nicolae Ceaușescu endet, packt die sehr junge Frau ihre Koffer und verlässt ihre Heimat Hals über Kopf gen Westen. Schon als Kind opponierte sie gegen den Zwang des Regimes in der Schule, auch gegen die regimetreuen Eltern. Die deswegen erhaltenen Strafen traumatisierten sie nachhaltig. Ihr Hass auf das Land legt sich auch in Berlin nicht, obwohl sie hier auch die Negativseiten des Westens zu spüren bekommt und die Stadt doch einigermaßen entfernt von ihrem idealisierten Traumland Italien ist. Das begonnene Studium an der Hochschule der Künste kann sich die begabte Zeichnerin bald nicht mehr leisten und muss sich mit anderen Jobs über Wasser halten. In einer Nobelboutique wird sie völlig grundlos des Ladendiebstahls verdächtigt. Hier lässt Daniel Gräfe seine beiden Protagonist:innen in Wir waren Kometen das erste Mal aufeinandertreffen.

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Nadine Schneider – Wohin ich immer gehe

2019 bezauberte Nadine Schneider mit ihrem Roman Drei Kilometer nicht nur die Jury des Bloggerpreises für Literatur Das Debüt, sondern sie erhielt auch den Hermann Hesse Förderpreis, den Literaturpreis der Stadt Fulda und den Vera-Doppelfeld-Förderpreis. In Wohin ich immer gehe, das diesen Sommer erschien, zeigt Nadine Schneider, dass ihr auch der oft so schwere zweite Roman ganz wunderbar gelungen ist. Weiterlesen „Nadine Schneider – Wohin ich immer gehe“