Nadine Schneider – Das gute Leben

Was ist ein „gutes Leben“? Für viele Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten lag es auf jeden Fall im „Westen“. So auch für die junge Anni, die im neuen Roman von Nadine Schneider im Mittelpunkt steht. Für sie steht fest, dass sie raus muss aus Rumänien, das ihr keine Zukunft zu bieten scheint, raus aus dem „Dreck“. Besonders jetzt, da sie schwanger ist und genau wie ihre Mutter ohne den Kindsvater zurechtkommen muss. Der „Rudi-Onkel“ in Deutschland, der das Banat schon schon vor einiger Zeit verlassen hat, hilft ihr, macht sich mit einem gefälschten Attest sterbenskrank. Und Anni beantragt eine Reiseerlaubnis, durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch, um ihren „geliebten Onkel noch ein letztes Mal zu sehen“.

Der Mutter verspricht sie, dass sie sie bald nachholen wird. Doch die will ihre Heimat nicht verlassen, erst ihre Urne wird den Weg nach Deutschland finden. Anni landet zunächst einmal bei ihrem Bruder in der Nähe von Nürnberg. Das Zusammenleben ist nicht so einfach, wie sie sich das vorgestellt hat, das Nichtstun auch nicht. Deswegen ist sie überglücklich, als sie beim Versandhaus Quelle eine Anstellung erhält. „Die Quelle“ wird für sie eine Art Familienersatz, bedeutet Zugehörigkeit und ist identitätsstiftend. Ein Arbeitsverhältnis, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Besonders die erfolgreiche, mütterlich auftretende Unternehmerin Grete Schickedanz, die das Versandhaus mit ihrem Mann Gustav zusammen leitet, ist für Anni und viele ihrer Kolleginnen eine Lichtgestalt.

Erst mal seh’n, was Quelle hat

Quelle stand wie wenige andere Unternehmen für das Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg. Verstrickungen des NSDAP-Mitglieds Gustav Schickedanz wurden zu der Zeit gern übersehen. Der zweimal jährlich erscheinende Katalog, der nahezu alles anbot, was man sich nur vorstellen kann – ich erinnere mich, dass man sogar Haustiere bestellen konnte – war fester Bestandteil vieler Haushalte. Das Blättern darin, das auch Anni mit ihrer Enkelin Christina, der Ich-Erzählerin des Romans, gern und oft zelebrierte, war auch für mich als Kind ein Erlebnis. Und zum Geburtstag und zu Weihnachten durfte man sich etwas aussuchen. Es ist eine längst vergangene Zeit, die Nadine Schneider hier in Das gute Leben beschwört. Erstaunlich, dass das bisher meines Wissens nach noch kein Autor, keine Autorin zuvor in einem Roman thematisiert hat.

Christina ist die Tochter von Helene. Anni und Helene haben eine eher schwierige Mutter-Tochter-Beziehung. Die alleinerziehende Anni ist oft überfordert, nicht nur finanziell. Ihre ruppige, pragmatische Art verletzt. Auch Helene wird schwanger ohne eine feste Beziehung. Und auch sie will wie ihre Mutter fort, weit fort. Als sie Deutschland verlässt, um in den USA ein neues Leben zu beginnen, lässt sie Christina bei Anni zurück.

Vier Frauengenerationen

Nadine Schneider erzählt in  Das gute Leben von vier Frauengenerationen, die es nicht leicht miteinander und mit dem Leben haben. Die Männer glänzen durch Abwesenheit.

Die Autorin verwebt die Geschichten kunstvoll, wechselt die Zeitebenen und Perspektiven federleicht. In der Rahmenhandlung, die in der Gegenwart verortet ist, kehrt die erwachsene Christina nach dem Tod ihrer Großmutter in deren Haus zurück. Sie hat es geerbt, es ist nun ihr Haus. Aber was tun damit? Erinnerungen kommen hoch. Sie ist die Ich-Erzählerin, aber besonders Annis Perspektive erhält auch viel Raum. Auf die Urgroßmutter und die Mutter Helene fällt der Blick mehr von außen.

Die Rückkehr nach dem Tod eines Familienmitglieds ist ein häufig verwendeter Erzählanlass, der aber in Das gute Leben ganz großartig funktioniert. Nadine Schneiders Sprache und die Konstruktion der Geschichte sind äußerst gelungen. Unter den zahlreichen Neuerscheinungen, die auch dieses Frühjahr um Familie, Herkunft und Mutter-Tochter-Beziehungen kreisen, ist Das gute Leben von Nadine Schneider eine herausragend gute.

 

Beitragsbild: by Alexander Hauk CC-0 1.0 via Wikimedia Commons

 

Nadine Schneider - DAs gute Leben.

x

Nadine Schneider – Das gute Leben
S. Fscher Februar 2026, gebunden, 304 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

5 Gedanken zu „Nadine Schneider – Das gute Leben

    1. Liebe Vera, die Beiträge waren schon vorbereitet und geplant.
      Im Augenblick bin ich in Italien und sehr unproduktiv 😆
      Liebe Grüße, Petra

  1. Hallo Petra,
    von der Bedeutung, die der Quelle-Katalog hatte, wird z. B. auch in dem Buch „Aufbruch“ von Ulla Hahn erzählt. Wie man fasziniert durch die Seiten blätterte und all die Dinge bestaunte, die Unterwäschen-Werbung vor der gestrengen Großmutter verstecken musste. 🙂 LG Anna

    1. Hallo Anna, Danke für den Tipp. Das kannte ich bisher nicht. Ich selbst bin auch mit dem Quelle-Katalog aufgewachsen. Die Unterwäsche war da teilweise noch das Harmloseste 😉 Liebe Grüße, Petra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert