Die US-Literaturkritik sparte nicht mit Lob: Es sei „Der große amerikanische, reformjüdische Familienroman“, Vergleiche mit Philip Roth und Jonathan Franzen wurden angestellt. Und tatsächlich ist Die Fletchers von Long Island, der zweite Roman der 1975 geborenen Journalistin Taffy Brodesser-Akner, ein hochvergnügliches Leseerlebnis – mit kleinen Abstrichen.
40 Jahre sind bereits vergangen seit jenem die Familie Fletcher zutiefst prägenden und bis in die Gegenwart bestimmenden Ereignis: Der aus geradezu unverschämt reicher jüdischer Familie stammende Unternehmer Carl Fletcher wird vor der Tür seiner hoch über der Bucht von Middle Rock, einem fiktiven Nobelort auf Long Island, gelegenen imposanten Villa entführt, eine Woche festgehalten, gefoltert und gedemütigt und schließlich gegen die Zahlung von 250.000 Dollar Lösegeld freigelassen. Diese Entführung findet im Roman 1980 statt, ist aber vom realen Fall Jack Teich, einem Freund der Familie Akner, aus dem Jahr 1974 inspiriert worden.
Ein Trauma
Nicht nur Carl ist von dem Verbrechen verständlicherweise zutiefst traumatisiert – eine psychologische Begleitung lehnt die Familie ab, war damals aber wohl auch nicht unbedingt üblich, seine herrische Mutter Phyllis gibt ihm stets den Rat, zu denken: „Das ist deinem Körper passiert. Das ist nicht dir passiert“. Auch seine Frau Ruth und vor allem die beiden Söhne Nathan und Bernard (Beamer), damals erst sechs bzw. vier Jahre alt, leiden bis heute an posttraumatisch bedingten psychischen Problemen. Tochter Jenny wurde kurz nach der Entführung geboren.
Nach dem Prolog, der die Tage der Entführung schildert, beginnt der erste und weitaus umfangreichste von drei Teilen des Romans mit dem Tod und der Beerdigung von Phyllis Fletcher. In ihm kommen alle Familienmitglieder zusammen, wird an den früh verstorbenen Gründer des Familienimperiums, den in den 1930er Jahren aus Polen geflüchteten Zelig Fletcher, und den Aufbau der Fabrik für Verpackungsmaterialien aus Styropor, die den Reichtum der Fletcher begründete, erinnert. Es erfolgen viele Rückblicke und die Perspektiven werden auf die Familienmitglieder verteilt. Da ist Carl, der eigentlich studieren wollte, dann aber die Geschäfte seines verstorbenen Vaters übernehmen musste und der auf das Trauma seiner Entführung mit Antidepressiva, Angstattacken und Selbstvorwürfen reagiert. Ruth, die aus bescheidenen Verhältnissen stammt und für die der Reichtum der Fletchers lebenslange Sicherheit versprach, was sich natürlich nicht erfüllte.
„Aber Carl ließ nichts an sich heran. Was immer man ihm vor all der Zeit angetan hatte, und die Art, wie sie danach damit umgegangen waren, hatte einen Ehemann aus ihm gemacht, der genauso gut ein Sofakissen sein könnte.“
Die Familie Fletcher
Marjorie, die stets vernachlässigte Schwester von Carl. Nathan, der ängstlich-neurotische Anwalt für Bodenrecht und seine spießige Frau Alyssa. Bernard, genannt Beamer, der scheiternde Drehbuchautor, der das Leben nur mit Drogen, Schmerz und Demütigung, die er sich durch regelmäßige BDSM-Sitzungen verschafft, ertragen kann. Sie alle sind keine Sympathieträger, aber man leidet doch ein wenig mit ihnen mit. Die Fletcher-Söhne sind einigermaßen unerträglich, aber sie hatten auch eine einigermaßen unerträgliche Kindheit.
„Und dann wurde es Nacht, und alles wurde dunkel bis auf die weiße Linie unter der Tür, und er wusste,(…)wenn er sie öffnete würde sie in die Küche führen, wo ihn seine Mutter anschrie, aber er war noch so klein, dass er ihr nur bis ans Knie reichte, „Womit habe ich das verdient?“, und sie meinte ihn und seine Wutanfälle, die in Wirklichkeit nur der Versuch waren, ihr etwas zu erklären, das er seit Jahren zu erklären versuchte, bis er begriff, dass sie seine Erklärungen Wutanfall nannte, weil sie überhaupt nichts von ihm hören wollte.“
Bei der Beerdigung von Phyllis sind die Fletcher Kinder bereits Ende 30/Anfang 40, haben bis auf die unruhige, beziehungsunfähige Jenny Ehepartnerinnen und Kinder. Und sind doch ihrer Kinderrolle und ihres frühen Traumas nie ganz entwachsen. Taffy Brodesser Akner erzählt von ihnen so empathisch wie gnadenlos. Stets schwingt die Satire mit, wird aber nie vernichtend, wenn auch manchmal ziemlich böse und auch etwas zynisch. Generationenkonflikte gibt es auch bei den Fletchers.
„Versuchte man, nur eine winzige Schwachstelle in ihrem Lebensstil zu finden, nur eine Facette ihrer felsenfesten Identität als Verfolgte anzukratzen, selbst wenn man mit in der Festung saß, kam: „Sie haben versucht, uns auszurotten!“ zischte ihre Großmutter. „Das Geld, dass du so hasst, ist das Einzige, was zwischen dir und der Gaskammer steht!“ „Ah“, sagte Jenny (…) „Der Holocaust. Wie originell, den Holocaust ins Spiel zu bringen.“
Tempo, Witz und Tiefgang
Das hat Tempo und Witz und macht sehr viel Spaß, zu lesen. Ich musste sehr häufig lachen. Trotz des Dramas und der tragischen Wendungen.
Nur das Ende geht für mich nicht so wirklich auf, soll hier aber nicht verraten werden. Die letzten knapp 100 Seiten trüben den hervorragenden Eindruck, den der Roman bis dahin hinterlassen hat, ein wenig – zumindest bei mir. Der ziemlich kurze zweite Teil endet mit dem Resümee:
„Aber was willst du machen? So sind die Reichen.“
Der letzte und noch deutlich kürzere Teil fasst das Leben der Fletchers von Long Island so zusammen:
„Es hatte funktioniert, bis es nicht mehr funktionierte.“
Denn auch bei den Fletchers war schließlich „ein Dibbuk im Getriebe“, nach jüdischem Volksglaube ein böser Totengeist, der sich einschleicht. Uns Leser:innen beschert dieser Dibbuk in einer äußerst dysfunktionalen Familie über 570 Seiten Lesevergnügen mit Tiefgang.
„Was sie hier sahen, war wie eine Offenbarung, die ihnen zu erkennen gab, was in ihrem Leben wirklich schiefgelaufen war, nämlich, dass wir den Gezeitentümpel, in den wir hineingeboren werden, nur bewältigen können, wenn uns jemand das Schwimmen beibringt.“
Beitragsbild: Americasroof, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Taffy Brodesser Akner – Die Fletchers von Long Island
Übersetzt von Sophie Zeitz
Eichborn Verlag Februar 2025, gebundeb, 576 Seiten, 25,00 €







