Das Phänomen der „Tradwives“ ist hier in Deutschland ein relativ neues, das leider allzu gut in den neuen rechten Zeitgeist passt, der sich weltweit auszubreiten scheint. Das Revival des überholt geglaubten erzkonservativen bis rechtsextremistischen Ideals der treu Mann, Kind und Heim umsorgenden Hausfrau, aufgepeppt mit durchgestylten Interieurs, selbstbewusst auftretenden Schönheiten und knuffig ausgestatteten Kids, ist so überraschend wie erschreckend. Gleichberechtigung und Gleichstellung, in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten so mühsam erkämpft – was bewegt junge Frauen, ihnen den Rücken zu kehren? Warum haben Influencerinnen, die ein völlig veraltetes Frauenbild wiederbeleben, einen derart großen Zulauf? Was fasziniert an diesem Rollenmodell anscheinend auch heute noch? Hannah Lühmann hat sich mit ihrem Roman Heimat auf die Suche begeben.
Jana, Ende 30, Mutter zweier Kita-Kinder und zum dritten Mal schwanger ist dabei ihre Protagonistin. Sie und ihr Mann Noah sind eines dieser modernen Paare, die (mehr oder weniger erfolgreich) versuchen, Vollzeitjobs und Familie unter einen Hut zu bekommen und Gleichberechtigung in der Beziehung und der Kinderbetreuung zu leben. Vor kurzem sind sie von der nahegelegenen Großstadt in die ländliche Umgebung gezogen und haben sich den „Traum vom eigenen Heim“ verwirklicht. Wegen Unstimmigkeiten mit ihrer ach so liberalen Chefin, die aber so gar nichts von Janas erneuten Schwangerschaft hält, hat Jana kurzerhand gekündigt. Nicht unbedingt klug, liegt auf dem neuen Haus doch eine stattliche Hypothek. Noah ist wenig begeistert.
Rückzug ins Hausfrauenleben
Auch Janas Ex-Hippie-Mutter findet den Rückzug aus dem Erwerbsleben nicht besonders klug, macht sich Jana damit doch finanziell abhängig. Und Jana selbst ist mit ihrem neuen Hausfrauenleben wenig glücklich. Eine Mischung aus Langeweile und Überforderung bestimmt ihre Tage. Noah ist durch die Pendelei in die Stadt immer häufiger abwesend. Jana steckt in einer Sinnkrise. Viele junge Familien kennen wahrscheinlich diese Situation. Herausgerissen aus Freundes-, Bekannten- und Kolleg:innenkreis hängt Jana ziemlich durch. Dass eine gleichberechtigte Partnerschaft unter diesen Voraussetzungen schwierig ist, spürt sie immer mehr.

Da lernt sie Karolin kennen. Schön, elegant, klug und wahnsinnig selbstbewusst, lädt sie Jana zu sich ein. Sie lebt mit ihrem Mann Clemens und fünf Kindern in einem abgelegenen Haus auf einem riesigen Grundstück. Mit einem bestens gepflegten Garten, gemütlich-trendy eingerichtet und stets mit leckeren Rezepten jonglierend ist sie eine dieser neuerdings kultigen Tradwives. Über 7000 Follower auf Instagram und die Aura von absoluter Perfektion verbreitend, beeindruckt sie Jana sehr. Im von ihr geleiteten Mütterkreis liest man Kita-kritische Bücher, verbreitet man sich über die Unterordnung der Frau unter den Mann und allerlei Religiöses. Hannah Lühmann bedient sich da so mancher Klischees, aber lässt auch Brüche zu. So hat beispielsweise Karolin aus einer früheren Beziehung einen älteren Sohn.
Tradwives als viraler Trend
Wie schnell sich die urbane, liberale Jana diesen reaktionären Gedanken unterwirft, ist erstaunlich und vielleicht auch nicht unbedingt glaubhaft. Zwar sind die klaren Rollen, die hier Mann und Frau einnehmen, für manche verlockend, sind die Sehnsucht nach Sicherheit und die Faszination, die die Makellosigkeit von Karolins Leben ausübt, und ihre Lässigkeit im Alltag vielleicht sich anbietende Erklärungen. Die Strahlkraft, die solche Lebenskonzepte auf Social Media haben, lässt sich leider nicht leugnen. Dennoch überrascht , wie schnell Jana zur Verurteilung von Kinderbetreuung, Impfen, Berufstätigkeit von Frauen wechselt, doch etwas.
Ist es das wachsende Sicherheitsbedürfnis in einer chaotischer werdenden Welt? Ist es die Rebellion gegen die Müttergeneration, die die Emanzipation erstritten hat? Oder ist es eine allgemeine Müdigkeit an der modernen Welt, der Demokratie, der von allen Seiten heranstürmenden Anforderungen des Alltags? Hannah Lühmann gibt keine Antworten in Heimat. Sie beschreibt in kurzen, einfachen Sätzen, vermeidet weitgehend die Innenschau ihrer Protagonist:innen. Auch die seltsame Faszination, die der dominante, wahrscheinlich sogar zu häuslicher Gewalt neigende Ehemann von Karolin auf Jana hat, bleibt ein Rätsel. Ihre Ehe mit Noah zumindest zerbricht. Und wir Leser:innen stehen ein wenig ratlos vor der Geschichte, die viel emotionale Nähe zu Jana aufbaut. Unheimlich ist diese Entwicklung. Eigentlich unerklärlich. Irritierend. Und so gruselig wie das Romanende.
Beitragsbild by Marco Verch (CC-BY 2.0) via CCnull
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Hannah Lühmann – Heimat
hanserblau August 2025, Hardcover, 176 Seiten, 22,00 €







