Die 90er Jahre sind gerade schwer „in“. Vielleicht weil die frühen Millenials jetzt in das Alter kommen, in dem man beginnt, zurückzuschauen auf die eigenen „Wilden Jahre“. Vielleicht aber auch, weil die 1990er als eine (vielleicht zu Unrecht) besonders sorglose, optimistische Zeit gelten und das in den heutigen chaotischen, als bedrohlich empfundenen Tagen nostalgische Gefühle hervorruft. Natürlich gab es damals die Jugoslawienkriege, die tief erschütterten ob der Grausamkeiten, die quasi vor unserer Haustür in Europa geschahen. Etwas weiter weg war der Völkermord in Ruanda mit dem uns eigenen Menschenverstand gar nicht mehr zu begreifen.
Aber: ganz ehrlich – für wen von uns standen nicht der Fall des Eisernen Vorhangs, die deutsche Wiedervereinigung und das vermeintliche Ende des kalten Krieges, der bedrohlichen atomaren Konfrontation von Russland und Nato, also „das Ende der Geschichte“ (nach Francis Fukuyama) im Vordergrund? Für die meisten war es eine Zeit der Aufbruchsstimmung, des Neubeginns, der rundum positiven Grundstimmung in der Politik wie in der Bevölkerung – zumindest in Westdeutschland.
Wie verfrüht und naiv diese Sorglosigkeit, der Glaube an einen nun sicheren Weltfrieden, an sich ausbreitende Demokratie, „Wandel durch Handel“, erfolgreiche Bekämpfung des Hungers und weltweite Wahrung von Menschenrechten waren, wurde zwar immer wieder deutlich gemacht, aber so richtig erst mit dem Angriff von Putin-Russland auf die Ukraine zerstört. Und zwar nicht erst 2022, auch wenn es da auch beim letzten Optimisten ankam, sondern bereits 2014 mit der Annexion der Krim. Neben den Rüstungskonzernen dürften auch Autoren von Spionageromanen von den Entwicklungen profitieren. Und Geheimdienstleute. Mussten diese sich doch nach 1990 gewissen „Umstrukturierungen“ unterwerfen. So wie einer der Protagonisten im neuen Roman von Kristof Magnusson, der wunderbaren Spionagekomödie Die Reise ans Ende der Geschichte.
Ein letzter Coup
Dieter Germeshausen ist ein „alter Hase“ beim BND und steht eigentlich kurz vor der Pensionierung. Ärgerlicherweise ist er seit Jahren als Doppelagent auch für den KGB tätig gewesen und fürchtet, dass das nun nach Beendigung des Ost-West-Konflikts auffliegen könnte. Dabei ist er auf seine alten Tage nochmal richtig verliebt, und zwar in die Ehefrau des ehemaligen US-Botschafters in Rom Dominique Fishbowl. Um sich mit ihr einen schönen Lebensabend machen und rechtzeitig untertauchen zu können, benötigt er noch die entsprechenden Mittel, die er sich bei einem letzten Coup zu verschaffen hofft. Dafür braucht er aber noch ein Mittelsmann, der etwas besitzt, dass Germeshausen trotz vieler Dienstjahre nicht aufweisen kann: die Gabe der Kommunikation und die Verbindlichkeit, die Menschen für ihn einnimmt.
Der Mann, den er sich dafür auserkoren hat, ist der junge Dichter Jakob Dreiser. Schon als Teenager hat er durch Gedichte, die er mit der gleichaltrigen Russin Dwina nach einem Schüleraustausch im damaligen Leningrad verfasst hat, auf sich aufmerksam gemacht. Nun, Mitte 20, ist er äußerst erfolgreich und von großem politischen Einfluss (kleiner Scherz von Kristof Magnusson: ein einflussreicher Lyriker!). Auf einem Empfang der Russischen Botschaft in Rom nähert sich Dieter Germeshausen seinem „Opfer“ erfolgreich. Die Schilderung dieses Tages der offenen Tür ist von traurig-brüllender Komik: russische Botschaftsangehörige mit Papp-Bärenfellmützen und Matrjoschka-Hütchen, die fröhlich Europafähnchen schwingen und selbstgekochtes Essen servieren.
Einsatz in Almaty
Für Jakob Dreiser, den erfolgsverwöhnten, etwas naiven, der westdeutschen Ängste vor Atomapokalypse, Mittelstreckenraketen und Nato-Doppelbeschluss nun beraubten Sunnyboy, liegt die Welt wie ein Zukunftsversprechen vor ihm. Leicht gelangweilt von diesem Dolce vita, stimmt er zu, Germeshausen bei einem nicht ganz sauberen Deal in Kasachstan zu unterstützen. Mit der (vermeintlichen) Russischlehrerin an der Botschaft Francesca Aquatone – inoffiziell arbeitet sie für den KGB bzw. dessen Nachfolgeorganisation FSB – fliegen sie nach Almaty. Dort werden die Bestände der Sowjetarmee verhökert. Vom Orden über Uniformen bis zu Kampfhubschraubern, wenn nur die Bezahlung stimmt. Leider entwickelt Jakob Dreiser dabei mehr Ehrgeiz als Germeshausen lieb ist. Und auch die russische Mafia mischt mit.
Herrlich überdreht und rasant wie ein Abenteuerroman, unterhaltsam und sehr komisch schreibt Kristof Magnusson eine Spionagekomödie, wie sie nur in dieser etwas wilden Aufbruchs- und Auflösungszeit der 1990er beheimatet sein kann. Sie führt von Rom nach Almaty, das Siebengebirge, Kolumbien und Sankt Petersburg. Sie beinhaltet auch ernstere Themen, wie etwa den Ausverkauf der Sowjetunion, und lässt uns immer wieder verblüfft den Unterschied zur heutigen Stimmung und Weltlage fühlen. In erster Linie ist Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson aber eine wunderbar verrückte, sehr unterhaltsame Story, die einfach gute Laune macht. Etwas, das man gerade unbedingt gebrauchen kann.
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Kristof Magnusson – Die Reise ans Ende der Geschichte
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 25,00







