Autofiktionale Romane sind ja im Trend. Wobei sich immer die Frage stellt, ob nicht in jedem Roman etwas von der Autorin, dem Autor enthalten ist, selbst wenn er im 13. Jahrhundert spielen mag. Wenn dann biografische Details von Protagonist:in und Autor:in übereinstimmen, gehen die Spekulationen los. Wieviel vom im Text Erzählten beruht auf eigenem Erleben? Da geht dann leicht die Trennung von Autor:in und Text bzw. Protagonist:in vergessen. Was vielen Romanen gar nicht gut tut. Und die meisten Autor:innen nervt. Franziska Hauser geht mit diesem Umstand in Bezug auf ihr neues Buch Am Ende der Kleinigkeiten recht entspannt um. Es ist klar, dass viel von ihrer Kindheit und einiges von ihrer Mutter in der Geschichte steckt. Und doch hofft man als Leserin, dass möglichst viel davon erfunden oder zumindest sehr zugespitzt ist. Denn was die Ich-Erzählerin Irma da so erlebt und wie besonders die Mutter mit ihr umgeht, ist schon harter Tobak.
Diese Mutter ist eine unfassbare Narzisstin. In den 1970er ist sie auf den Hof einer Wohnkommune in der DDR gezogen. Freies Leben, freie Liebe, ein alternatives Lebenskonzept sollte es sein. Irma wird dort geboren, aber wer ihr Vater ist, wird nie ganz klar. Bert könnte es sein, oder aber auch Robert. Oder auch ein ganz anderer, vielleicht sogar jemand, der gar nicht hier auf „Zeugland“ wohnt. In Ermangelung eines „richtigen“ Vaters schauen alle mal nach der kleinen Irma. Und die hat das auch sehr nötig, denn ihre Mutter kümmert sich nur unregelmäßig, macht aus ihrer Abneigung Kindern gegenüber kein großes Geheimnis. Sie gibt Irma die Schuld an fast allem, was bei ihr schief läuft, beschimpft sie, macht sie runter. Und doch ist da auch so etwas wie Liebe zu spüren. Und ein hohes Maß an Loyalität und Resilienz auf Seiten von Irma.
Die Mutter ist aggressiv und ziemlich durchgeknallt. Aber sie trägt auch ihre eigenen Kindheitstraumata mit sich herum. Ihre Mutter ist eines Tages abgehauen aus der DDR gen Westen und hat ihre Kinder – es gibt noch eine Schwester – einfach zurückgelassen. Die Kinder landeten im Heim, niemand kümmerte sich. Auf Zeugland schneidert sie Kleidung, die sie auf Märkten verkauft. So verdient sie den Lebensunterhalt für sich und Irma. Oft reicht es hinten und vorne nicht. Die Lebensumstände auf dem Hof sind äußerst einfach und Irma schon früh für sich selbst verantwortlich.
Die Bretter, die die Welt bedeuten
Kein Wunder, dass sie sich so früh wie möglich aus dem Staub macht. Sie geht in die Großstadt, die nicht genannt, aber offensichtlich Berlin ist. Mehr aus Zufall landet sie vor einem Theater, das wiederum sehr an die Berliner Volksbühne erinnert. Zunächst erhält sie Unterschlupf, dann kleinere Arbeiten, schließlich wird sie Darstellerin und erweist sich als ziemlich begabt (Franziska Hauser wiederum kennt das Theaterleben gut, allerdings nicht als Schauspielerin, sondern als Ausstattungsassistentin am Berliner Ensemble). Irma lebt sich schnell ein und beginnt eine langjährige Affäre mit dem Theaterregisseur, die recht bald zu einer Abhängigkeitsbeziehung führt. Taron Capla ist der klassische Exzentriker, dem Geniewahn bestimmter Theater verschrieben. Straffe Hierarchien, Ausbeutung, Missbrauch, Misogynie – wie man sich das dort so vorstellt, und wie es die Autorin wohl auch erlebt hat.
Während Blanda, der ehemalige Star des Theaters und Ex-Freundin von Taron, an Krebs erkrankt, wird Irma mit zwanzig schwanger. Die Beziehung zu Taron endet und sie muss sich und das Kind nun alleine durchbringen.
Vielschichtiger Roman
Einfühlsam und mit viel Humor erzählt Franziska Hauser in Am Ende der Kleinigkeiten von einer äußerst schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, vom Leben in einer alternativen Kommune, von der DDR, von Klassismus und natürlich vom Theater, dessen Bretter für viele die Welt bedeuten, das aber ein äußerst hartes Geschäft ist. Sie erzählt von Vernachlässigung, Ausbeutung und Missbrauch, aber auch von Verantwortung, Solidarität und Liebe. Die Resilienz von Irma ist erstaunlich. Und die Lässigkeit, mit der Franziska Hauser von ihr erzählt, verblüffend. Denn auch wenn es müßig ist, zu überlegen wieviel selbst Erlebtes in Am Ende der Kleinigkeiten steckt, ist es doch überraschend, wie wenig Anklage und Bitterkeit zu spüren ist. Eher ein Erstaunen. Und ja, etwas Liebevolles.
Ein schönes Buch, das ich sehr gern empfehle.
Beitragsbild: Motterwitz by Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Franziska Hauser – Am Ende der Kleinigkeiten
Frankfurter Verlagsanstalt Fbruar 2026, Hardcover, 352 Seiten, € 26,00







